Das Dao der Gegenwart ergreifen
Drei Sinne, eine nicht greifbare Stelle
Man schaut danach und sieht es nicht, hört danach und vernimmt es nicht, greift danach und bekommt es nicht. Laozi nennt diese drei Erfahrungen wei, xi und yi. Sie weisen nicht auf drei geheimnisvolle Gegenstände. Weil man sie nicht getrennt bis zu einem letzten Grund befragen kann, „vermischen sie sich zu einem“. Gemeint ist die Schwelle, an der ein Gegenstand überhaupt als sichtbarer, hörbarer oder greifbarer Gegenstand bestimmt wird.
Dieses Eine ist „Gestalt des Gestaltlosen“ und „Bild des Nicht-Dings“. Solche Formeln erklären kein übernatürliches Wesen. Sie benennen die im Wahrnehmen wirksame, aber nicht selbst wie ein Wahrnehmungsobjekt greifbare Bedingung. Folgt man ihr, sieht man kein Ende; geht man ihr entgegen, findet man keinen Anfang. Jeder festgestellte Anfang wäre bereits eine neue Form innerhalb der Bewegung.
Jin statt gu
Die wichtigste Textvariante steht am Schluss. Die verbreitete Fassung fordert, das Dao des Altertums zu ergreifen, um die Dinge der Gegenwart zu führen. Die Seidenhandschrift sagt: Ergreife das Dao des Jetzt, um das gegenwärtige Sein zu lenken und dadurch den alten Anfang zu erkennen. Laozi legitimiert Handeln also nicht durch ehrwürdige Vergangenheit, sondern durch gegenwärtige strukturelle Einsicht.
Das ist eine scharfe Warnung vor Traditionalismus im Namen Laozis. Wer alte Formen kopiert, besitzt noch nicht ihren Dao-Rhythmus. Erst wenn man heute beobachtet, wie Benennung, Konstrukt und Rest entstehen, kann man rückwärts verstehen, was auch am Ursprung geschah. „Dao ji“, die Spur oder Regelmäßigkeit des Dao, ist keine Sammlung antiker Vorschriften. Es ist die wiedererkennbare Bewegung, die nur im jeweils gegenwärtigen Vollzug sichtbar wird.