Der gesellschaftliche Körper
Shen ist mehr als der Leib
Ehre und Schande seien beide erschreckend, ein großes Unglück werde wie shen geschätzt. Shen meint hier nicht nur den biologischen Körper. Es ist der gesellschaftlich erkennbare Körper: Position, Ruf und die Geschichte, die ich als „meine Person“ verteidige. Darum kann auch Gunst erschrecken. Wer erhöht wird, muss die neue Höhe sichern; jede Anerkennung bringt die Angst mit, sie wieder zu verlieren.
Laozi spricht aus eigener Erfahrung: Mein großes Unglück entsteht, weil ich diesen shen habe; hätte ich ihn nicht, welches Unglück bliebe? Das ist kein Wunsch nach Selbstvernichtung. „Keinen shen haben“ bedeutet, die soziale Gestalt nicht mehr für das ganze Selbst zu halten. Die Rolle bleibt vorhanden und kann verantwortungsvoll ausgeübt werden, aber Aufstieg und Fall der Rolle entscheiden nicht mehr vollständig über den Wert des Menschen.
Die Welt anvertrauen
Erst danach kehrt der Text in die Politik zurück. Wer die Welt so ernst nimmt wie den eigenen gesellschaftlichen Körper, dem kann sie anvertraut werden; wer sie mit derselben Sorgfalt liebt, dem kann sie übergeben werden. Die Seidenfassung spricht den Leser direkt mit ru, „du“, an. Sie öffnet damit eine Übergangsstufe: Auch wer seine Identifikation noch nicht völlig gelöst hat, kann Verantwortung tragen, wenn er das Gemeinsame nicht leichter nimmt als sich selbst.
Laozi stellt also nicht Weltflucht gegen Engagement. Er selbst war als Archivar Teil einer Institution. Der Gegensatz verläuft zwischen einem Handeln, das die Welt als Material zur Stabilisierung des eigenen Bildes benutzt, und einem Handeln, in dem dieses Bild durchsichtig genug wird, um die Sache zu sehen. Self-as-an-End heißt hier zugleich: Der andere und die Welt sind nicht Mittel für meinen shen, und auch ich bin mehr als das Konstrukt, das andere von mir erkennen.