Was in der Mutter liegt
Nur dem Dao folgen
„Die Gestalt des tiefen De folgt allein dem Dao.“ De ist der individuelle Rest, der nicht vollständig in Rollen und Selbstbildern aufgeht; in seiner tiefsten Gestalt folgt er nicht dem herrschenden Namen, sondern jener offenen Bewegung, die Laozi Dao nennt. Um diese Quelle zu beschreiben, reiht der Text vier Zustände: verschwommen und unbestimmt; darin ein Bild; dunkel und ungreifbar; darin ein Ding; tief verborgen und finster; darin Essenz.
Die Reihe ist keine Liste von Bestandteilen eines kosmischen Behälters. Sie verfolgt, wie aus noch nicht unterscheidbarer Bewegung zunächst eine mögliche Gestalt, dann Bestimmtheit und schließlich konzentrierte Wirksamkeit hervortritt. „In der Mutter“ liegt nicht schon das fertige Kind. Es liegt eine gerichtete Möglichkeit, die sich schrittweise verdichtet, ohne dass der Ursprung selbst zu einem klar umrissenen Objekt gemacht werden könnte.
Essenz, Wirklichkeit, Vertrauen
Die Essenz sei äußerst wirklich, und in ihr liege xin. Xin bedeutet hier nicht Glauben an ein Dogma. Es ist die Verlässlichkeit, die aus direkter Berührung mit einer wirklichen Struktur entsteht: Man vertraut nicht einer Autorität, sondern dem, was sich im Vollzug wiederholt bewährt. Daher kann Laozi sagen, der Name des Dao sei von alters bis heute nicht vergangen.
Durch diesen unverbrauchten Namen lassen sich die „Väter der Menge“ verfolgen – die konkreten Ausgangspunkte bestimmter Ordnungen. Dao kommt bildlich aus der Mutter und geht auf diese Väter zu: offene Möglichkeit verdichtet sich zu Konstrukten. Laozi weiß dies nicht durch ein von außen geliefertes System, sondern „durch dieses“ – durch die Spur von Essenz, Wirklichkeit und Vertrauen. Kapitel 20 und 21 bilden damit ein Gelenk: Die gewählte Nahrungsquelle des Menschen und die Struktur des Hervorgehens werden als dieselbe Bewegung sichtbar.