Nicht zugreifen
Sechs Haltungen und ihre Folgen
Gebogen sein führt zur Ganzheit, krumm sein zur Geradheit; die Vertiefung füllt sich, das Abgetragene erneuert sich; wer wenig hält, gewinnt, wer vieles festhält, gerät in Verwirrung. Das sind keine Tricks des indirekten Erfolgs. Jeder erste Teil verzichtet darauf, die erwünschte Form sofort zu besetzen. Das Gebogene beansprucht nicht vorab Geradheit, die Mulde nicht Fülle, das Abgenutzte nicht Neuheit. Gerade dadurch bleibt die Bewegung möglich, aus der die zweite Seite entsteht.
Der Weise hält das Eine und wird zur Orientierung für die Welt. Er stellt sich nicht aus und wird sichtbar; er setzt die eigene Ansicht nicht als endgültig und wird klar; er rühmt sich nicht und hat Verdienst; er erhebt sich nicht und kann dauern. Die feinen Unterschiede dieser Verben zeigen, dass Laozi nicht nur öffentliches Prahlen kritisiert. Schon die innere Bewertung „Ich besitze Klarheit, Recht und Größe“ kann die weitere Bewegung stoppen.
Nicht-Streiten ist kein ewiges Streitverbot
Weil der Weise nicht streitet, könne niemand unter dem Himmel mit ihm streiten. Auch das ist keine Technik, durch scheinbaren Verzicht unbesiegbar zu werden. Bu zheng nimmt Streiten als automatische Grundhaltung zurück; wu zheng würde jedes Streiten ausschließen. Laozi verwendet das erste. Wenn Schutz, Wahrheit oder Verantwortung konkreten Widerstand verlangen, kann auch Wasser gegen Stein arbeiten. Nicht beansprucht wird nur der Rang des ewigen Siegers.
Für den Alltag entsteht daraus eine Liste des Nicht-Zugreifens: nicht sofort die kürzeste Route, Vollständigkeit, Höhe, Menge, Sichtbarkeit, Recht und Verdienst an sich ziehen. Das bedeutet nicht, diese Dinge abzulehnen. Es bedeutet, ihnen Zeit zu lassen, als Folge sachgerechten Handelns zu entstehen. „Gebogen wird ganz“ ist wahr, weil ein lebendiger Prozess seinen Rest braucht – nicht weil Demut vom Universum mit einem Preis belohnt würde.