Xi yan heißt nicht: wenig reden
Eine Weise, nicht eine Menge des Sprechens
Wenn xi yan nur „wenig Worte“ hieße, hätte Laozi mit seinen fünftausend Zeichen bereits dagegen verstoßen. Xi bezeichnet neben Seltenheit auch etwas akustisch Leichtes, nicht Lautes und nicht Drängendes. Gemeint ist eine Weise des Sprechens: Worte setzen, ohne den Hörer mit ihrer Form zu überrollen. Eine solche Rede urteilt nicht vorschnell über die ganze Person und lässt Raum für eine Antwort, die der Sprecher nicht schon kontrolliert.
Das ist eine hervorbringende, nicht kolonialisierende Sprache. Sie kann deutlich und sogar lang sein, aber sie zwingt den anderen nicht in die Identität, die ihr Urteil konstruiert. Ein Satz wie „In dieser Situation hast du mich verletzt“ lässt eine konkrete Beziehung bearbeiten. „Du bist eben ein verletzender Mensch“ schließt die Person in ein Etikett ein. Xi ist deshalb eine Frage von Gewicht, Tempo und Position, nicht des Wortzählens.
Sturm und gegenwärtige Position
Wirbelwind dauert keinen Morgen, Wolkenbruch keinen ganzen Tag. Selbst Himmel und Erde können diese heftige Form nicht lange aufrechterhalten – wie viel weniger der Mensch. Die Naturbilder beweisen nicht, dass Kraft schlecht sei. Sie zeigen, dass eine auf maximale Intensität gestellte Form sich selbst verbraucht. Drängende Rede kann sofortige Wirkung erzielen, aber selten einen selbstständigen Prozess tragen.
Wer an Dao arbeitet, stimmt mit Dao überein; wer an De arbeitet, mit De; wer am Verlust arbeitet, mit Verlust. „Position bestimmt den Menschen“ ist dabei kein endgültiges Urteil. Es beschreibt den gegenwärtigen Vollzug: In dem Augenblick, in dem ich kolonialisierend spreche, stehe ich auf dieser Seite; im nächsten Satz kann ich die Position wechseln. Niemand ist auf ewig „ein verlorener Mensch“. Gerade diese jederzeit mögliche Wendung macht xi yan praktisch und bewahrt die Lehre vor einem neuen moralischen Klassensystem.