Das Werk vollenden und zurücktreten
Vollmachen, schärfen, horten, sich erhöhen
Kapitel 9 reiht vier Warnungen aneinander: Ein Gefäß festhalten und bis zum Rand füllen; eine Klinge so lange bearbeiten, bis sie äußerste Schärfe erreicht; Gold und Jade in einem Raum anhäufen; reich und geehrt hochmütig werden. Gemeinsam ist ihnen nicht einfach das Zuviel. In jedem Fall versucht jemand, einen lebendigen Prozess in einem endgültigen Zustand festzuhalten – volle Reife, maximale Fähigkeit, gesicherter Erfolg, bestätigter Rang.
Gerade eine fürsorgliche oder bildende Beziehung gerät leicht in diese Fallen. Der Lehrer will den Schüler „fertig“ machen, seine Schärfe erzeugen und das Ergebnis als eigenen Schatz bewahren. Doch eine von außen gehämmerte Schärfe hält nicht; ein bis oben gefüllter Raum lässt kein weiteres Wachstum zu; gehortete Resultate verlangen Bewachung. Was als Förderung begann, wird zur Kolonisierung des anderen durch die Vorstellung seines Förderers.
Sui: vollzogen, nicht versteinert
Die Seidenhandschrift sagt: „Ist das Werk vollzogen, tritt die Person zurück.“ Sui meint den gelungenen Vollzug eines Vorgangs, nicht einen endgültig errichteten Zustand. Der Unterschied zur späteren Lesart „das Werk ist fertig“ ist fein, aber folgenreich. Ein Werk kann sein Ziel erreichen und dennoch offen bleiben für die Menschen, die es nun weitertragen. Zurücktreten ist dann kein Wegwerfen der Verantwortung, sondern die letzte verantwortliche Handlung.
Die Legende von Laozi, der den Text am Hangu-Pass hinterlässt und auf dem Büffel weiterzieht, verdichtet diese Haltung. Er erklärt nicht jede künftige Lektüre, gründet keine Schule zur Kontrolle seines Namens und verlangt keine Loyalität. Viele Beziehungen zwischen Meistern und Schülern zerbrechen dort, wo der Meister das Gelingen als Eigentum behandelt. Kapitel 9 setzt dagegen eine klare Grenze: Helfe, bis etwas selbst stehen kann; erkenne den Vollzug; und besetze danach nicht den Platz, den das Gewachsene für sich braucht.