Langes Leben ohne Selbstbehauptung
Die Erschöpfung des Selbstunterhalts
„Himmel und Erde dauern lange, weil sie nicht für sich selbst leben.“ Daraus entstand später manche Lehre vom körperlichen langen Leben, doch Laozi spricht zunächst von einer strukturellen Last. Menschen ermüden nicht nur an der Menge ihrer Aufgaben. Sie ermüden daran, fortwährend ein Bild ihrer selbst aufrechterhalten zu müssen: kompetent, verlässlich, begehrenswert, überlegen oder besonders gelassen. Jede Situation wird zur Prüfung, ob dieses Bild noch steht.
Nicht „sich selbst gebären“ heißt daher nicht, das eigene Leben zu verachten. Es heißt, nicht in jeder Handlung zugleich das Konstrukt „Ich“ reproduzieren zu müssen. Himmel und Erde dauern, weil sie ihre Vorgänge nicht als Beweise einer Identität verwalten. Was nicht dauernd um seine Selbstdarstellung kreist, verliert weniger Kraft an die Verteidigung einer Grenze.
Zurücktreten und gerade darum bestehen
Der Weise stellt seine Person nach hinten und findet sich dennoch vorn; er behandelt sie als etwas Äußerliches und sie bleibt dennoch erhalten. Diese Sätze sind keine geheime Erfolgsstrategie des demütigen Karrieristen. Wer zurücktritt, um umso sicherer Erster zu werden, hat das Zentrum seines Kalküls nicht verlassen. Laozi beschreibt, was geschieht, wenn die Selbstposition tatsächlich an Gewicht verliert: Handlungen können der Sache folgen, statt der Pflege des persönlichen Rangs.
Die paradoxe Schlusswendung – weil er keinen privaten Anspruch setzt, kann sein Eigenes gelingen – unterscheidet zwei Arten des „Eigenen“. Das starre, ständig zu bestätigende Selbst wird gelockert; das konkrete Leben mit seinen Beziehungen und Aufgaben gewinnt dadurch Raum. Solche Augenblicke sind keineswegs Heiligen vorbehalten. Jeder Mensch kennt Tätigkeiten, in denen er völlig gegenwärtig ist und gerade deshalb nicht dauernd an sich denkt. Dort beginnt Laozis langes Leben.