Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Dazhis Daodejing-Kommentar
Kapitel 4

Die quellende Leere

Gebraucht und doch nie gefüllt

Mit Kapitel 4 wechselt der Text die Tonlage. Dao sei chong: leer und zugleich hervorquellend, wie die Öffnung eines Brunnens. Es wird gebraucht und wird dennoch niemals voll. Leere bedeutet also nicht Wirkungslosigkeit. Gerade weil die Stelle nicht durch eine feste Form besetzt ist, können aus ihr immer neue Formen hervorgehen. Das Bild korrigiert sowohl die Vorstellung eines substanzhaften Urgrunds als auch die eines bloßen Nichts.

Dao scheint der Ahn der zehntausend Dinge zu sein – scheint, nicht ist. Diese Vorsicht ist entscheidend. Laozi errichtet kein höchstes Wesen, das alle anderen Gegenstände produziert. Er bezeichnet eine Position, in der Schärfe abgestumpft, Verwicklungen gelöst, Licht gemildert und Staub geteilt werden können. Solche Verben beschreiben, was geschieht, wenn kein einzelnes Konstrukt absolute Vorherrschaft beansprucht; sie schreiben Dao keine handelnde Absicht zu.

Vor dem höchsten Herrscher

„Tief und klar – als wäre es vorhanden.“ Dao ist weder ein sichtbar vorhandenes Ding noch die Negation von Vorhandensein. Man erfährt es dort, wo die Form sich öffnet und ihr Rest erneut wirksam wird. Deshalb kann Laozi auf die Frage nach seinem Ursprung nur sagen: „Ich weiß nicht, wessen Kind es ist.“ Das Eingeständnis ist keine Schwäche der Theorie, sondern ihre Konsequenz. Wer dem Dao einen eindeutigen Vater gäbe, hätte es bereits in eine Genealogie eingeschlossen.

Es erscheint „vor dem Bild des Di“, vor dem höchsten Herrscher und damit vor dem höchsten denkbaren Konstrukt. Das bedeutet nicht zeitlich „vor einem Gott“. Es bedeutet strukturell: Jede Instanz, die als letzte Ordnung eingesetzt wird, setzt schon Unterscheidungen voraus und erzeugt wiederum einen Rest. Dao ist der Name für das, was selbst der obersten Ordnung vorausliegt und von ihr nicht geschlossen werden kann.