Warum nur fünftausend Zeichen?
Strohhunde sind keine verachteten Dinge
„Himmel und Erde sind nicht ren; sie behandeln die zehntausend Dinge wie Strohhunde.“ Häufig klingt das wie eine grausame Weltsicht. Doch ren ist hier keine bloße Freundlichkeit, sondern ein ausdrücklich gesetztes moralisches Verhältnis. Strohhunde waren rituelle Gegenstände: Vor dem Ritual wurden sie sorgfältig bereitet, währenddessen erfüllten sie ihre Funktion, danach wurden sie ohne sentimentalen Besitzanspruch losgelassen. Sie waren weder wertlos noch ewig festzuhalten.
Himmel, Erde und der Weise bevorzugen daher nicht einzelne Dinge nach einem vorab festgelegten Tugendschild. Sie lassen jedes in seiner Zeit auftreten und wieder gehen. Dieses Nicht-ren ist keine Kälte, sondern die Weigerung, lebendige Wesen mit einer moralischen Kategorie zu vereinnahmen. Wer alles unter dem Namen der Güte festhält, verfehlt gerade die je eigene Bewegung dessen, dem er angeblich Gutes tun will.
Der Blasebalg und die knappe Rede
Der Raum zwischen Himmel und Erde gleicht einem Blasebalg: leer, aber nicht erschöpft; je mehr er sich bewegt, desto mehr bringt er hervor. Wieder ist die Leere eine operative Kapazität. Wird das Innere dagegen mit immer neuen Lehren, Erklärungen und Urteilen vollgestopft, ist es bald „zählend am Ende“: Das Wissen vermehrt sich, doch kein freier Ort bleibt, an dem Erfahrung selbst sprechen kann.
Darin liegt eine Antwort auf die Kürze des Daodejing. Laozi hätte in der streitbaren Welt der Hundert Schulen eine umfangreiche Doktrin errichten können. Er schrieb nur etwa fünftausend Zeichen, weil eine Lehre über den unaufhebbaren Rest sich selbst widerspräche, sobald sie jeden Raum besetzt. Seine Sprache arbeitet wie der Blasebalg: Sie gibt einen Impuls und lässt Leere zurück. Vieles zu sagen ist nicht immer Aufklärung; manchmal ist die sparsame Rede die Bedingung dafür, dass der Leser noch selbst denken kann.