Null Komma vierundzwanzig Sekunden
Eine Naht von 0,24 Sekunden verbindet Handzeitnahme und vollautomatische Zeitmessung in einer einzigen Tabelle. Sie ist keine natürliche Umrechnung, sondern ein historischer Flicken, der zurückblieb, als ein neues System den maßgeblichen Platz einnahm.
In diesem Essay
- 1 Ein Lauf und zwei Zahlen
- 2 Ein Mittelwert für einen bestimmten Standort
- 3 Wie weit die Werte auseinanderliegen
- 4 Warum Handzeiten immer aufgerundet werden
- 5 Tausendstelsekunden bleiben im Inneren
- 6 Zum Maßstab erhoben statt umgerechnet
- 7 Ein Faden näht zwei Stoffstücke zusammen
- 8 Handzeitnahme bleibt zulässig und zählt doch nicht mehr
1 Ein Lauf und zwei Zahlen
Der Hundertmeterlauf von Hines 1968 in Mexiko-Stadt taucht in der späteren Rekordentwicklung mit zwei Zahlen auf.
Die eine lautet 9,9 Sekunden, von Hand gestoppt. Die andere 9,95 Sekunden, vollautomatisch gemessen.
Es ist ein und derselbe Lauf. Keine zwei Wettkämpfe, keine zwei Menschen, sondern dieselben hundert Meter, die Hines an jenem Tag auf jener Bahn zurücklegte. Zwei Systeme maßen ihn gleichzeitig. Bei einem drückte ein Mensch auf die Uhr, beim anderen löste eine Maschine die Messung aus. Heraus kamen zwei Zahlen.
Bei Smiths Zweihundertmeterlauf ist es genauso: 19,8 und 19,83 Sekunden. Ebenso bei Evans über vierhundert Meter: 43,8 und 43,86 Sekunden. Jeweils ein Lauf, zwei Zahlen.
Das sieht nach einer Kleinigkeit aus. Die eine Zeit reicht bis zur Zehntel-, die andere bis zur Hundertstelsekunde. Anscheinend unterscheiden sie sich nur in ihrer Genauigkeit. Aber darum geht es nicht. 9,9 und 9,95 sind keine zwei Schreibweisen derselben Zahl, eine gröbere und eine feinere. Es sind zwei verschiedene Ergebnisse, die zwei verschiedene Messsysteme bei der Messung desselben Vorgangs liefern.
Dieser Punkt muss zuerst feststehen, denn alles Weitere wächst aus ihm heraus. Damit eine Zahl etwas bedeutet, muss man wissen, womit sie gemessen wurde. 9,9 und 9,95 unterscheiden sich nicht deshalb, weil eine der Zahlen falsch wäre. Die eine entstand durch einen Fingerdruck, die andere durch das Auslösen eines elektrischen Schaltkreises. Finger und Schaltkreis erfassen denselben Augenblick von vornherein unterschiedlich. Auf die Frage, wie schnell Hines nun wirklich lief, gibt es deshalb keine Antwort, die von der Messweise unabhängig wäre. Er lief 9,9. Er lief auch 9,95. Es kommt darauf an, wem man zuhört.
Der vorige Essay endete bei zwei Büchern. Die offizielle Rekordliste unterscheidet nicht nach Höhenlage. Statistiker führen daneben inoffiziell eine Liste für Leistungen in niedriger Höhe. Beide Bücher bestehen nebeneinander, doch das offizielle erkennt das andere nicht an. Dort ging es um zwei Bücher der Höhenlage. Hier geht es um zwei Bücher der Zeitmessung, und diese Trennung reicht noch tiefer: Sie steckt bereits in der Zahl, aus der die Leistung selbst besteht. Hines' Lauf gehört gleichzeitig beiden Büchern an. In jedem steht eine andere Zahl.
Das Problem ist: In der Rekordliste kann nur eine Zahl stehen.
Also braucht es etwas, das die beiden Bücher miteinander verbindet. Dieses Etwas ist eine Konstante: 0,24 Sekunden.
2 Ein Mittelwert für einen bestimmten Standort
Woher kommt die Zahl 0,24?
Die spätere Leichtathletikliteratur führt sie übereinstimmend auf eine Untersuchung mit hochqualifizierten Handzeitnehmern zurück, die mit den Olympischen Spielen 1972 in München und der Universität Gießen in Verbindung steht. Der beste zugängliche Überblick berichtet als Ergebnis: Befand sich der Zeitnehmer oder Starter nahe der Startpistole, betrug die mittlere Differenz zwischen Hand- und automatischer Zeitmessung etwa 0,18 Sekunden; auf der Hundertmetergeraden waren es rund 0,24, in der Zweihundertmeterkurve rund 0,26 Sekunden.
Das Entscheidende verbirgt sich bereits in diesen drei Zahlen.
0,24 ist keine überall gültige Konstante. Es ist ein Mittelwert für eine bestimmte räumliche Anordnung. Steht der Zeitnehmer am Ziel der Hundertmetergeraden, ergibt sich eine mittlere Differenz von 0,24 Sekunden. Steht er am anderen Ende der Zweihundertmeterkurve, sind es 0,26. Nahe der Startpistole sind es 0,18. Mit dem Standort ändert sich die Zahl.
Die Konstante war also schon bei ihrer Geburt keine Konstante. Sie war ein einzelner Wert einer Größe, die sich mit dem Standort verändert. Später nahm man einen dieser Werte heraus, die 0,24, und behandelte ihn als die Konstante.
Dass die Wahl ausgerechnet auf den mittleren der drei Werte fiel, verdient einen zweiten Blick. 0,18 gehört zum Standort nahe der Pistole, 0,26 zur Kurve, 0,24 liegt dazwischen. Den mittleren Wert zur allgemeinen Konstante zu erklären, sieht nach einem Kompromiss aus. Nur hat ein Kompromiss hier keinen Sinn. Ein konkreter Lauf ist kein Kompromiss: Er führt entweder über die Gerade oder durch die Kurve; der Zeitnehmer steht entweder nahe der Pistole oder nicht. Legt man einen Zwischenwert an einen Lauf an, der auf einer Geraden oder in einer Kurve stattfindet, passt er auf keinen der beiden Fälle ganz. Schon die Art, wie diese Konstante ausgewählt wurde, löst sie von jedem konkreten Rennen.
Dass sie ein Mittelwert ist, hat noch eine zweite, wichtigere Bedeutung.
Ein Mittelwert entsteht aus einer Gruppe von Zahlen. Einige davon liegen über 0,24, andere darunter. Der Mittelwert beschreibt keine dieser einzelnen Zahlen. Er beschreibt die Mitte der Gruppe. Einen Mittelwert als Konstante zu verwenden heißt, jedes einzelne Mitglied dieser Gruppe durch ihre Mitte zu ersetzen. Dabei lagen die ursprünglichen Werte verstreut.
Wie weit sie auseinanderlagen, ist die Schlüsselfrage dieses Essays. Sie lässt sich bei dieser Recherche nicht unmittelbar beantworten. In den direkt eingesehenen Originalarbeiten aus den 1970er-Jahren waren weder der Stichprobenumfang noch die vollständige Verteilung oder die Standardabweichung jener Untersuchung aus dem Umfeld von München und Gießen zu finden. Spätere Darstellungen sprechen von Durchschnittswerten, liefern aber weder die ursprünglichen Tabellen noch die Zahl der Beobachtungen, Standardabweichungen oder Konfidenzintervalle. Auch bleibt unklar, ob die veröffentlichte Kennzahl ein Mittelwert aller Beobachtungen oder ein nach Versuchsbedingungen zusammengefasster Durchschnitt war.
Fest steht damit: 0,24 ist ein Mittelwert für einen bestimmten Standort. Nicht fest steht, wie weit die Zahlen streuten, aus denen dieser Mittelwert entstand.
Diese Lücke ist keineswegs nebensächlich. Ob ein Mittelwert brauchbar ist, hängt davon ab, wie stark die Werte hinter ihm streuen. Drängen sie sich dicht um 0,24, entsteht nur ein kleiner Fehler, wenn man jeden durch 0,24 ersetzt. Liegen sie weit auseinander, trifft 0,24 viele von ihnen schlecht. Und ausgerechnet das, wovon die Genauigkeit dieser Ersetzung abhängt, ist heute nicht greifbar.
3 Wie weit die Werte auseinanderliegen
Die ursprüngliche Untersuchung liegt nicht vor. Spätere Studien haben jedoch Ähnliches gemessen und dabei sichtbar gemacht, wie stark solche Werte streuen.
Eine Untersuchung ließ 81 männliche Studenten einen Sprint über vierzig Yards laufen. Bei erfahrenen Zeitnehmern betrug die mittlere Differenz zwischen Hand- und elektronischer Zeitmessung 0,22 Sekunden, mit einer Streuung von plus/minus 0,07 Sekunden. Bei unerfahrenen Zeitnehmern waren es 0,26 Sekunden, mit plus/minus 0,08 Sekunden.
Betrachten wir zuerst die beiden Mittelwerte, 0,22 und 0,26. Beide liegen nahe an 0,24. Das scheint dafür zu sprechen, dass 0,24 eine ganz brauchbare Zahl ist.
Nun die beiden Streuungswerte, 0,07 und 0,08. Auf sie kommt es an.
Eine Streuung von 0,07 bedeutet: Auch wenn der Mittelwert bei 0,22 liegt, kann die Differenz bei einer einzelnen Messung 0,15 oder ebenso gut 0,29 betragen. Die Breite dieses Bereichs liegt nahe bei 0,15 Sekunden. Im Hundertmeterlauf sind 0,15 Sekunden enorm. Sie können zwischen einer Goldmedaille und einem Ergebnis ohne vordere Platzierung liegen.
An der Geschichte wird die Größenordnung noch deutlicher. Im gesamten Zeitalter der Hundertstelsekunde lagen unzählige Gold- und Silbermedaillen weniger als eine Zehntelsekunde auseinander. Hier dagegen geht es darum, dass allein die Unsicherheit dieser Umrechnungskonstante für eine konkrete Messung 0,15 Sekunden erreichen kann. Vergleicht man zwei handgestoppte Leistungen, nachdem man sie mit dieser Konstante umgerechnet hat, ist ein Abstand unter 0,15 Sekunden somit bedeutungslos: Schon die Umrechnung selbst schwankt in dieser Größenordnung. Die Konstante kann zwei Stoffstücke zusammennähen. Platzierungen unterhalb dieser Genauigkeit kann sie nicht zusammennähen.
Was die Untersuchung zeigt, lässt sich daher so fassen: Als Durchschnitt ist diese Konstante verlässlich, im Einzelfall ist sie es nicht. Beschreibt sie die allgemeine Tendenz einer großen Zahl von Zeitmessungen, trifft sie zu. Korrigiert sie eine einzelne Messung, kann sie weit danebenliegen. Und wie weit sie gerade diesmal danebenliegt, lässt sich nicht feststellen.
Hier zeigt sich eine Struktur, die an den vorigen Essay anschließt. Ein kurzer Hinweis lohnt sich.
Bei Beamons Sprung bestand das Problem darin, dass vier Variablen in einer Zahl zusammenliefen und sich daraus nicht wiederherstellen ließen. Hier ist es umgekehrt: Man legt einen Mittelwert an jeden Einzelfall an und kann nicht wissen, ob er diesen einen Fall trifft. Dort verschmolzen mehrere Ursachen zu einem Ergebnis, das sich nicht mehr zerlegen ließ. Hier ersetzt ein Mittelwert mehrere individuelle Werte, ohne dass sich die Ersetzung prüfen ließe. Beides zeigt, wie dieser Aufbau mit Unsicherheit umgeht. In beiden Fällen nimmt er etwas hin, das er nicht überprüfen kann, damit sich das Buch weiterführen lässt.
Man kann das allgemeiner formulieren, denn es kehrt in dieser Reihe immer wieder. Ein Aufbau, der dauerhaft Buch führen will, stößt früher oder später auf Unsicherheit, die er nicht beseitigen kann. Er hat zwei Möglichkeiten. Er kann anhalten und alles Ungewisse unverbucht lassen. Dann wird wenig im Buch stehen. Oder er akzeptiert ein nicht überprüfbares Verfahren, presst die Unsicherheit in eine Zahl oder eine Konstante und schreibt weiter. Fast alle Aufbauten, die über lange Zeit funktionieren, wählen den zweiten Weg. Sein Preis: In jeder Zahl ihres Buches bleibt etwas eingeschlossen, das sie selbst nicht überprüfen können.
Über diese Konstante kursiert noch eine andere Behauptung: Handzeitnahme sei immer um 0,24 Sekunden schneller als elektronische Zeitmessung. Das stimmt nicht. Eine Handzeit kann schneller oder langsamer ausfallen, je nach Verhalten, Ausbildung und Antizipation des Zeitnehmers sowie der Geometrie der Laufbahn. Die historische Konstante ist eine Korrektur im Durchschnitt, keine mechanisch geltende Wahrheit über jedes Rennen. Ein Statistiker mit langjähriger Erfahrung auf diesem Gebiet bezeichnet die Geschichte vom überall gültigen Vorsprung von 0,24 Sekunden ausdrücklich als Missverständnis. Zugleich räumt er ein, dass 0,24 für gut ausgebildete Zeitnehmer als durchschnittliche Konvention ungefähr brauchbar ist.
Beides muss zusammen gesagt werden. Als Konvention ist die Konstante brauchbar, als Beschreibung des Einzelfalls unzuverlässig. Sie ist beides zugleich. Deshalb wird sie unentwegt benutzt und ebenso unentwegt angezweifelt.
4 Warum Handzeiten immer aufgerundet werden
Ein häufig übersehener Umstand vergrößert den Unterschied zwischen Hand- und elektronischer Zeitmessung noch.
Für Handzeiten gilt: aufrunden, nicht zur nächstgelegenen Einheit runden.
In den zugänglichen Regeltexten des internationalen Leichtathletikverbands werden handgestoppte Zeiten auf der Bahn auf die nächstlängere Zehntelsekunde gebracht. Wird eine Hundertstelsekunden-Stoppuhr oder ein von Hand bedientes digitales Zeitmessgerät verwendet, muss jede Zeit, deren zweite Nachkommastelle nicht null ist, auf die nächstlängere Zehntelsekunde aufgerundet werden. Aus 10,11 Sekunden werden beispielsweise 10,2.
Die Regel verschiebt eine Handzeit also stets in die langsamere Richtung. 10,11 liegt eindeutig näher an 10,1 und wird trotzdem als 10,2 notiert. Es wird nicht kaufmännisch gerundet. Es geht nur nach oben, nie nach unten.
Das hat eine leicht zu übersehende Folge. Sobald eine Handzeit niedergeschrieben wird, hat sie bereits eine Korrektur in die langsamere Richtung erfahren, noch bevor irgendeine Umrechnung stattfindet. Wer sagt, Handzeitnahme sei um 0,24 Sekunden schneller als elektronische Messung, vergleicht also mit einer Handzeit, die schon langsamer gerundet wurde. Zwischen dem tatsächlichen Wert, den der Fingerdruck auf der Uhr erzeugt hat, und der Zahl auf der Ergebnisliste liegt noch ein Aufrundungsschritt. Diese oft übersehene Zwischenschicht macht die wirkliche Differenz zwischen den beiden Messweisen komplizierter, als sie von außen aussieht.
Warum verfährt man so? Weil Handzeitnahme bereits eine systematische Verzerrung mitbringt: Menschen starten die Uhr häufig mit Verzögerung und können sie am Ziel in Vorwegnahme des Zieleinlaufs zu früh stoppen. Insgesamt fallen Handzeiten dadurch eher zu schnell aus. Das Aufrunden gleicht diese Tendenz auf grobe Weise aus. Wenn die Messung zur schnellen Seite neigt, wird der abgelesene Wert nur zur langsamen Seite gerundet, niemals zur schnellen.
In einer Handzeit liegen damit zwei Korrekturen übereinander. Zuerst das Aufrunden, das die Zeit langsamer macht. Dann die Konstante von 0,24 Sekunden, die sie noch ein Stück verlängert. Beide wirken in dieselbe Richtung. Beide rücken die Handzeit an die elektronisch gemessene Zeit heran.
Auch elektronische Zeiten werden aufgerundet, allerdings auf feinere Einheiten. Nach den geltenden Regeln sind bei Bahnwettbewerben bis einschließlich 10.000 Meter die Zeiten auf die nächstlängere Hundertstelsekunde abzulesen, umzurechnen und zu protokollieren, sofern sie nicht bereits genau auf einer solchen liegen. Bei Bahnwettbewerben über 10.000 Meter gilt die nächstlängere Zehntelsekunde, bei Straßenläufen die nächstlängere volle Sekunde.
Zusammen zeigen diese Regeln eine durchgängige Praxis dieses Aufbaus: Lieber soll eine Leistung ein wenig langsamer erscheinen als ein wenig schneller. Jede Aufrundung führt nach oben, jede zur langsameren Zeit.
Dahinter liegt ein Gedanke, der mit der Natur des Rekordaufbaus zusammenhängt. Sobald ein Rekord anerkannt ist, wird er zur Messlatte für alle, die danach kommen. Erscheint er durch Rundung schneller, als er tatsächlich war, müssen die Nachfolgenden ein künstlich erhöhtes Ziel übertreffen. Das ist ihnen gegenüber unfair. Erscheint er dagegen durch Rundung ein wenig langsamer, erleidet allenfalls der heutige Athlet einen kleinen Nachteil. Alle Späteren trifft es nicht.
Vor der unvermeidlichen Entscheidung, wie gerundet werden soll, legt dieser Aufbau den Fehler also dem gegenwärtigen Einzelnen zur Last und nicht allen, die später kommen. Das ist eine bewusste Parteinahme. Sie gilt der Kontinuität des Buches, nicht der Genauigkeit der gerade erbrachten Leistung.
In dieser Entscheidung steckt ein Urteil über Gerechtigkeit, und dieses Urteil ist asymmetrisch. Benachteiligt man den heutigen Athleten, trifft es einen Menschen ein einziges Mal. Stellt man allen späteren Athleten eine künstlich erhöhte Messlatte hin, trifft es viele Menschen viele Male. Zwischen diesen beiden Übeln entscheidet sich der Aufbau dafür, den Nachteil auf den gegenwärtigen Einzelnen zu konzentrieren und damit die vielen Späteren zu schützen. Diese Entscheidung lässt sich verteidigen. Neutral ist sie nicht. Zwischen dem heutigen Athleten und den künftigen steht der Aufbau systematisch auf der Seite der Zukunft. Und auf der Seite der Zukunft zu stehen heißt, auf der Seite des Buches zu stehen. Denn das Buch wird für die Zukunft geführt.
5 Tausendstelsekunden bleiben im Inneren
Moderne Zeitmesssysteme arbeiten intern mit Tausendstelsekunden. Für Rekorde bilden diese jedoch nicht die offizielle Genauigkeitsstufe.
Die zugänglichen Regeln des internationalen Leichtathletikverbands verlangen, dass eine vollautomatische Zeitmessanlage durch die Startpistole selbsttätig ausgelöst wird. Die Verzögerung muss konstant bleiben und unter einer Millisekunde liegen. Im Inneren erfasst das System die Zeit also bis in den Millisekundenbereich. Die veröffentlichten Ergebnisse werden trotzdem, je nach Streckenlänge, auf Hundertstel- oder Zehntelsekunden angegeben.
Daran ist etwas merkwürdig. Dieser Aufbau kann bis zur Tausendstelsekunde messen, entscheidet sich aber dafür, nur Hundertstelsekunden zu veröffentlichen. Einen Teil seiner Genauigkeit behält er im System zurück. Er gibt ihn nicht heraus.
Warum verwendet er Tausendstelsekunden nicht als Rekordgenauigkeit? In den zugänglichen Regeltexten findet sich keine ursprüngliche Bestimmung, die das erklärt. Die Regeln schreiben nur vor, dass man sie nicht verwendet. Warum, sagen sie nicht. Die praktischen Gründe liegen mit nahezu völliger Sicherheit in der Standardisierung und der historischen Kontinuität. In den überprüfbaren Originaltexten werden diese Gründe jedoch nicht ausdrücklich genannt.
Die Gestalt dieses Vorgangs lässt sich dennoch erkennen. Und sie schließt an die vorigen Essays an.
Ein Aufbau veröffentlicht nicht die höchste Genauigkeit, die er erreichen kann, sondern die Genauigkeit, für die er einzustehen beschließt. Er misst auf Tausendstel und veröffentlicht auf Hundertstel. Die zusätzliche Stelle gibt er bewusst auf. Das hat einen offensichtlichen Vorteil: Die Hundertstelsekunde ist mit den Ergebnissen der vergangenen Jahrzehnte vereinbar.
Hier zeigt sich etwas Allgemeineres. Für ein bereits laufendes Messsystem ist höhere Genauigkeit nicht einfach immer besser. Sie muss sich mit der eigenen Geschichte vertragen. Bei einer einzelnen, isolierten Messung ist möglichst hohe Genauigkeit natürlich wünschenswert. Soll sie aber mit Jahrzehnten alter Daten verglichen werden, schafft eine plötzlich zusätzliche Genauigkeitsstufe zwischen ihr und sämtlichen älteren Daten eine unüberbrückbare Kluft. Die Genauigkeit dieses Aufbaus wird also von seiner eigenen Vergangenheit festgehalten. Er kann die veröffentlichte Präzision nicht bei jedem technischen Fortschritt erhöhen. Mit jeder zusätzlichen Stelle setzt er seine Vergleichbarkeit mit der Geschichte erneut außer Kraft. Hines' 9,95 Sekunden von 1968 sind eine Hundertstelsekundenangabe. Würde man heute auf Tausendstel umstellen, stünden sämtliche zuvor auf Hundertstel notierten Rekorde vor derselben Verlegenheit: Ihre nächste Stelle ist unbekannt, die neuen Leistungen dagegen besitzen sie. Wieder wären beide nicht vergleichbar.
Lieber verzichtet der Aufbau daher auf diese zusätzliche Stelle, als den Vergleich mit der Vergangenheit aufzugeben. Er entscheidet hier genauso wie bei den Höhenleistungen im fünften Essay: Um die zeitliche Kontinuität einer einzigen Tabelle zu erhalten, gibt er bewusst einen Teil der möglichen Genauigkeit preis. Präzision und Kontinuität lassen sich nicht zugleich maximieren. Er entscheidet sich für die Kontinuität.
Die Tausendstelsekunde ist deshalb nicht verschwunden. Sie bleibt im System und wird herangezogen, wenn Platzierungen bestimmt werden müssen. Für die Reihenfolge verwendet dieser Aufbau also die höchste erreichbare Präzision; für Rekorde eine gröbere, die an die Geschichte anschließt. Eine Genauigkeit entscheidet darüber, wer gewinnt. Eine andere darüber, was ins Buch kommt. Beide bestehen nebeneinander. Wieder zwei Bücher.
6 Zum Maßstab erhoben statt umgerechnet
1976 beschloss der internationale Leichtathletikverband, für Sprintweltrekorde nur noch automatisch gemessene Zeiten anzuerkennen. Die Entscheidung trat am 1. Januar 1977 in Kraft.
Das naheliegendste Missverständnis lautet: Der Aufbau habe die alten handgestoppten Rekorde genommen, 0,24 Sekunden hinzugezählt und sie damit in gleichwertige elektronische Zeiten umgerechnet.
Das hat er nicht getan.
Nach dem Wechsel ließen sich die alten Leistungen drei Kategorien zuordnen. Erstens: Gab es für denselben Lauf bereits eine vollautomatisch gemessene Zeit, wurde dieser elektronische Messwert als elektronische Referenz übernommen. Zweitens: War in einer Disziplin die Handzeitnahme für Rekorde weiterhin zulässig, blieb die Leistung als handgestoppter oder elektronisch gemessener Rekord bestehen. Drittens: War die Disziplin selbst gestrichen worden, verlor die Leistung ihre Rekordberechtigung.
Sehen wir uns die erste Kategorie an. An ihr wird am deutlichsten, was hier geschah.
Für Hines' Hundertmeterlauf führte die alte Handzeitliste weiterhin die schon vor 1977 geltenden 9,9 Sekunden. Sobald es eine gesonderte Liste elektronischer Zeiten gab, verzeichnete diese dagegen die 9,95 Sekunden, die Hines am 14. Oktober 1968 in Mexiko-Stadt gelaufen war, als elektronisch gemessenen Rekord. Dazu stand der Hinweis, dass seit dem 1. Januar 1977 elektronische Hundertstelsekundenmessung vorgeschrieben war.
Der Aufbau hat also nicht zu 9,9 die 0,24 hinzugezählt und daraus 9,95 gemacht. Er hat die 9,95, die für denselben Lauf schon damals vorlagen, zum maßgeblichen Wert erhoben.
Der Unterschied ist entscheidend. 9,95 wurde nicht aus 9,9 errechnet. Die Zahl war bereits da. Bei Hines' Lauf hatten zwei Systeme gleichzeitig gemessen. Die Handzeitnahme lieferte 9,9, die elektronische Anlage 9,95. Was der Aufbau 1977 tat, war eine Erklärung: Von nun an gilt die elektronische Messung. So wurde die längst vorhandene, zuvor aber nicht offizielle Zahl 9,95 zur offiziellen.
Bei Smith über zweihundert und Evans über vierhundert Meter ging man genau so vor. 19,83 lag bereits vor. 43,86 lag bereits vor. Der Aufbau rechnete das alte Buch nicht um. Er erhob die längst daneben bestehende Zahl zum maßgeblichen Eintrag und ließ anschließend die Spalte ungültig werden, zu der die alte Zahl gehörte.
Das hat dieselbe Struktur wie jener Satz im zweiten Essay: Das Erste, was dieser Aufbau lernte, war das Hinzufügen. Das Abziehen hatte ihm niemand beigebracht. Auch hier ersetzt er nicht eine alte Zahl durch eine neue. Das wäre einmal Abziehen und einmal Hinzufügen. Stattdessen hebt er den Rang einer längst vorhandenen Zahl an und setzt zugleich die ganze Spalte außer Kraft, in der die alte stand. Wieder erkennt er etwas bereits Vorhandenes an, statt etwas auszulöschen und durch etwas anderes zu ersetzen.
Diese Vorliebe ist kein Zufall. Sie hängt mit einer grundlegenden Lage dieses Aufbaus zusammen. Eine bereits verbuchte Zahl zu streichen verlangt eine bestimmte Befugnis: die Befugnis, die frühere Eintragung für falsch zu erklären. Seit jenem Ermächtigungssatz aus dem zweiten Essay hatte der Aufbau aber immer die Befugnis zum Eintragen erhalten, nicht zum Löschen. Will er sein Buch verändern, versucht er deshalb jedes Mal, aus der Änderung eine Eintragung zu machen und keine Löschung. Eine vorhandene Zahl aufzuwerten ist eine Eintragung. Sie zur offiziellen Zahl zu erheben ist eine Eintragung. Der alten Spalte ihre Berechtigung zu nehmen lässt eine ganze Kategorie von selbst auslaufen und sieht ebenfalls kaum wie eine aktive Löschung aus. Er umgeht die Befugnis, die ihm fehlt.
Hier muss allerdings benannt werden, was bis heute nicht greifbar ist. Für ein lückenloses Verwaltungsverzeichnis, das jeden vor 1977 geltenden Sprint-, Hürden- und Staffelrekord samt seiner genauen regelrechtlichen Behandlung einzeln aufführt, müsste man unmittelbar die Rekordbücher oder Kongressprotokolle des internationalen Verbands aus jenen Jahren einsehen. Die zugänglichen Materialien belegen dieses Muster klar und liefern konkrete prominente Beispiele. Eine offizielle zusammengeführte Übersicht über die Behandlung aller alten Rekorde enthalten sie jedoch nicht. Das Muster steht fest. Die vollständige Behandlung jedes einzelnen Eintrags lässt sich in dieser Recherche nicht erfassen.
Bei den Sprint- und Hürdenstrecken in nichtmetrischen Einheiten verlief es anders. Sie wurden aus den Rekordlisten gestrichen, nicht umgerechnet. Nach der Geschichtsdarstellung von World Athletics beseitigte der Beschluss von 1976 alle Disziplinen in imperialen Einheiten mit Ausnahme der Meile aus diesen Listen. Man überführte sie nicht in metrische Entsprechungen. Sie verschwanden unmittelbar aus dem Buch.
7 Ein Faden näht zwei Stoffstücke zusammen
Jetzt lässt sich die Konstante 0,24 an ihren Platz zurücklegen und genauer betrachten.
Sie ist ein Nahtfaden.
Handzeitnahme ist ein Stück Stoff, elektronische Zeitmessung ein anderes. Sie wurden auf verschiedenen Maschinen gewebt und haben unterschiedliche Kett- und Schussfäden. Das kleinste Kästchen des einen misst eine Zehntelsekunde, das des anderen eine Hundertstelsekunde. Der Aufbau braucht aber eine vollständige Tabelle und muss die beiden Stoffstücke aneinanderfügen. 0,24 ist der Faden, der sie zusammennäht.
Diese Naht hat eine besondere Eigenschaft: Als Ganzes hält sie, an jedem einzelnen Stich sitzt sie locker. Eine Naht, die im Durchschnitt 0,24 Sekunden überbrückt, kann die beiden Stoffstücke ungefähr ausrichten. Zusammen ergeben sie eine halbwegs ansehnliche Tabelle. Beim einzelnen Stich aber, bei der Frage, welchem elektronischen Messpunkt eine bestimmte Handzeit entspricht, trifft sie nicht genau. Sie kann um 0,05 Sekunden nach dieser oder um 0,05 nach jener Seite verrutschen. Im Ganzen stimmt die Ausrichtung. Im Einzelnen bleibt Versatz.
So verhält es sich im Grunde immer, wenn Mittelwerte auf Einzelne angewendet werden. Ein Tisch, der für durchschnittliche Körpermaße gebaut wurde, passt zur Bevölkerung insgesamt, aber nicht zu einem besonders großen oder besonders kleinen Menschen. Eine Umrechnungskonstante aus mittleren Differenzen richtet eine ganze Gruppe von Zeitmessungen aus, lässt die einzelne Messung jedoch verrutschen. Der Unterschied: Am Tisch ist der Versatz auf einen Blick zu sehen. Bei der Zeitmessung bleibt er unsichtbar, weil die tatsächliche elektronische Zeit dieses Läufers als Vergleich fehlt. Unsichtbarer Versatz ist gefährlicher als sichtbarer. Er wird leicht mit fehlendem Versatz verwechselt.
Deshalb wird diese Konstante weiterhin verwendet und weiterhin kritisiert.
Ihre Kritiker sagen: Für die Zeitnehmer, die in der wirklichen Welt am Werk sind, ist eine feste Konstante häufig zu grob. Ein Beobachter verglich bei Highschool-Endläufen an einem Ort elektronische Zeiten mit den nominell als Rückversicherung gestoppten Handzeiten. Die mittlere Differenz lag bei 0,40 bis 0,45 Sekunden, weit oberhalb von 0,24. Daraus folgerte er, dass die Anwendung von 0,24 unter solchen Bedingungen die Erfüllung von Qualifikationsnormen und die Laufeinteilung erheblich verzerren würde. Das ist keine begutachtete Studie aus einer Fachzeitschrift für Leichtathletik, sondern die empirisch begründete Kritik eines unmittelbaren Beobachters, der seit Langem als Statistiker und Kommentator arbeitet.
Ihre Verteidiger sagen: Für gut ausgebildete Zeitnehmer und für die administrative Vergleichbarkeit in Systemen, die Hand- und elektronische Zeiten weiterhin nebeneinanderstellen müssen, sind solche festen Konstanten nach wie vor vertretbar. Diese Logik steckt in Ranglistensystemen, in den Umrechnungen für Mehrkämpfe und in seit Langem verwendeten wissenschaftlichen Leitfäden.
Beide Seiten haben recht. Nur haben sie in unterschiedlichen Dingen recht.
Sichtbar zu machen, worin jeweils ihr Recht besteht, ist das Ziel dieses Essays. Das bringt uns der Wahrheit näher, als Partei zu ergreifen. Viele Auseinandersetzungen über Messung sehen aus, als behaupte die eine Seite Genauigkeit und die andere Ungenauigkeit. Tatsächlich spricht die eine über das Ganze, die andere über den Einzelfall. Beides kann gleichzeitig zutreffen. 0,24 ist insgesamt brauchbar und im Einzelfall unzuverlässig. Das ist kein Widerspruch, der noch aufgelöst werden müsste. So sieht der Normalfall aus, wenn man einen Mittelwert auf einzelne Fälle anwendet. Ihn anzuerkennen ist ehrlicher, als darauf zu bestehen, dass die Konstante entweder zuverlässig oder unzuverlässig sein müsse.
Die Verteidiger haben darin recht, dass 0,24 im Ganzen brauchbar ist, um zwei Stoffstücke zusammenzunähen. Und der Aufbau braucht tatsächlich ein solches Verfahren, weil aus zwei Stoffstücken sonst keine einzige Tabelle wird. Die Kritiker haben darin recht, dass die Naht beim einzelnen Stich nicht genau sitzt. Weicht das Können der Zeitnehmer von der Expertengruppe ab, aus der der ursprüngliche Mittelwert entstand, kann sie sogar erheblich verrutschen.
Ein faires Fazit lautet daher: Die Konstante hat weiterhin einen institutionellen Nutzen, ihre Genauigkeit im Einzelfall ist jedoch gering. Sie ist eine Naht, die als Ganzes hält und im Einzelnen locker sitzt. Beide Eigenschaften sind wirklich vorhanden.
Bemerkenswert ist, wie dieser Aufbau später tatsächlich reagierte. Er veröffentlichte kein eigenes offizielles Dokument, um die Konstante zu verteidigen oder zu revidieren. Seine Antwort bestand in etwas anderem: Er verlangte für Rekorde häufiger vollautomatische Zeitmessung, schrieb zertifizierte Startinformationssysteme vor und überließ die Umrechnungsformeln weitgehend den nationalen, wissenschaftlichen, Ranglisten- und Mehrkampfzusammenhängen. Aus dem Kern der Weltrekordanerkennung hielt er sie heraus.
Er verbesserte also nicht den Nahtfaden. Er sorgte dafür, dass die zentrale Tabelle möglichst ohne Naht auskam. Für die Rekorde im Kern zählt nur noch elektronische Messung. Ein Stück Stoff, nichts zu nähen. Die Naht bleibt am Rand bestehen, überall dort, wo weiterhin zwei Stoffstücke verbunden werden müssen. Wieder das Muster aus dem vorigen Essay: Trifft der Aufbau auf ein Problem, das sich nicht restlos lösen lässt, löst er es nicht. Er verschiebt es an seinen Rand, damit sein Kern damit nicht länger in Berührung kommt.
8 Handzeitnahme bleibt zulässig und zählt doch nicht mehr
Auch heute ist Handzeitnahme nach den Regeln von World Athletics zulässig. Sie gehört zu den anerkannten offiziellen Zeitmessverfahren.
Die geltenden Regeln erkennen drei offizielle Verfahren an: Handzeitnahme, vollautomatische Zeitmessung mit einer Zielfotoanlage und Transponder-Zeitmessung. Als Verfahren, das offizielle Ergebnisse hervorbringen kann, hat Handzeitnahme ihre Zulässigkeit also nicht verloren. Sie bleibt gültig für Wettbewerbe, bei denen keine vollautomatische Zeitmessung verlangt wird, ebenso als Rückversicherung, wenn eine vollautomatische Anlage vorhanden ist.
Verloren hat sie nicht ihre Zulässigkeit, sondern ihre Gleichberechtigung bei der Rekordanerkennung auf den kürzeren Strecken. Die geltenden Regeln verlangen für Rekorde in Disziplinen bis einschließlich achthundert Meter vollautomatische Zeitmessung.
Bei diesem Zustand lohnt es sich innezuhalten. Er zeigt auf typische Weise, wie dieser Aufbau mit etwas Altem verfährt.
Er hat die Handzeitnahme nicht abgeschafft. Eine Abschaffung wäre eine Entscheidung, die in die Regeln geschrieben werden müsste und sich gegenüber allen Wettkämpfen auf unteren Ebenen zu verantworten hätte, die noch von Hand stoppen. Stattdessen ließ er das Verfahren zu und entzog ihm zugleich die Berechtigung bei der wichtigsten Sache. Handzeitnahme besteht weiter. Sie kann ein offizielles Ergebnis erzeugen. Nur kommt dieses Ergebnis auf den kurzen Strecken nicht in die Rekordliste.
Das ist derselbe Kunstgriff wie beim Schicksal des Wortes „Amateur“ im dritten Essay. Das Amateurprinzip wurde nicht an einem bestimmten Tag für abgeschafft erklärt. Eine neue Definition höhlte es aus: Amateur war, wer sich an die Regeln hielt. Fortan verwies das Wort auf nichts mehr außerhalb der Regeln. Auch die Handzeitnahme wurde nicht abgeschafft. Man entzog ihr die Rekordberechtigung. Seitdem zählt das Verfahren nur noch dort, wo es nicht entscheidend ist. Will ein Aufbau etwas hinter sich lassen, schlägt er es selten einfach ab. Häufiger entzieht er ihm die Wirkung. Es bleibt da, hat aber nichts mehr zu bestimmen.
Diese Entmachtung ist der offenen Abschaffung darin überlegen, dass sie kaum Widerstand hervorruft. Würde Handzeitnahme unmittelbar abgeschafft, wären sämtliche von ihr abhängigen Wettbewerbe auf unteren Ebenen sofort betroffen. Sie hätten einen Grund zu widersprechen. Entzieht man ihr lediglich die Rekordberechtigung, stoppen diese Wettbewerbe wie bisher von Hand weiter. Sie sind nicht betroffen und haben folglich nichts einzuwenden. Die Spitzenwettbewerbe, denen Rekorde wirklich wichtig sind, können sich elektronische Zeitmessung ohnehin leisten und widersprechen ebenfalls nicht. So verändert der Aufbau den Status der Handzeitnahme unauffällig, ohne eine der Seiten zu heftigem Widerstand zu bewegen. Etwas seiner Wirkung zu berauben stößt oft auf weit weniger Widerstand, als es abzuschaffen. Jeder Einzelne kann dabei das Gefühl behalten, selbst gar nicht betroffen zu sein.
Und der Nahtfaden, die 0,24, ist bis heute im institutionellen Gebrauch.
USA Track & Field weist für Mehrkämpfe weiterhin an, handgestoppten Zeiten auf Strecken unter vierhundert Metern 0,24 Sekunden hinzuzufügen, bei vierhundert Metern 0,14. Die Meldehinweise des Verbands für Jugendwettkämpfe erläutern nach wie vor, wie Handzeiten zur Qualifikation mit vollautomatischen Normen abgeglichen werden: je nach Strecke mit einem Zuschlag von 0,24, von 0,14 oder ganz ohne Zuschlag. Auch die National Federation of State High School Associations veröffentlicht weiterhin eine Regel zur Umrechnung von Handzeiten in vollautomatische Zeiten mit 0,24 Sekunden.
Die beiden Zahlen, 0,24 und 0,14, nähen also noch immer. Sie nähen nicht mehr an der zentralen Weltrekordtabelle, sondern an den Tabellen am Rand, in denen Hand- und elektronische Zeiten weiterhin nebeneinanderstehen müssen: Qualifikationsnormen, Laufeinteilungen, Ranglisten, Mehrkämpfe. Die zentrale Tabelle besteht inzwischen aus einem Stück Stoff. Die Tabellen am Rand setzen sich noch immer aus zwei Stücken zusammen. Sie brauchen den Faden weiterhin.
Zurück zu Hines' Lauf.
9,9 und 9,95: zwei Zahlen für denselben Lauf. Der Aufbau entschied sich schließlich für 9,95 und ließ die handgestoppten 9,9 in die alte Liste zurücktreten. Zusammen mit dieser Liste verloren sie dann, während sich die Disziplinregeln änderten, nach und nach ihre Berechtigung. Er wählte 9,95 nicht, weil die Zahl näher daran läge, wie schnell Hines wirklich gelaufen war. Diese wirkliche Zahl kennt niemand. Auch eine Maschine, die bis zur Tausendstelsekunde misst, liefert nur einen Messwert innerhalb ihres eigenen Systems. Er wählte 9,95, weil er von einem bestimmten Zeitpunkt an beschloss, den Stoff der Maschine zum Maßstab zu machen.
Hier wurde keine Wahrheit entdeckt. Hier wurde ein Standard festgelegt.
Im vorigen Essay ließen sich die Ursachen einer Leistung nicht voneinander trennen. In diesem hängt der Zahlenwert einer Leistung davon ab, welches Stück Stoff man zum Messen verwendet. Zusammen sagen beide dasselbe: Jede Zahl, die dieser Aufbau festhält, ist nicht der Vorgang selbst. Sie ist der Abdruck, den dieser Vorgang im Buch hinterlässt, nachdem er einen bestimmten Apparat, eine bestimmte Konstante, einen Rundungsschritt und einen gewählten Standard durchlaufen hat. Der Abdruck ist genau. Man kann ihn überprüfen und vergleichen. Aber nichts von dem, was zwischen ihm und dem Vorgang liegt, gelangt mit ins Buch.
An diesem Punkt lassen sich die ersten sechs Essays zusammenführen. Dieser Aufbau begann mit jener antiken Liste, die nur Namen enthielt. Schritt für Schritt schuf er immer genauere Mittel des Erfassens: Zeitungen, Stoppuhren, elektronische Zeitmessung, Zielfotografie. Mit jedem Schritt wurde das Festgehaltene ein wenig präziser. Und doch blieb es, wie genau es auch wurde, ein Abdruck und nicht der Vorgang selbst. Der Name ist nicht der Mensch. Die Zahl 9,95 ist nicht Hines' tatsächliche Laufzeit. 8,90 Meter enthalten nicht sämtliche Ursachen von Beamons Sprung. Je präziser der Aufbau, desto deutlicher der Abdruck. Die Naht zwischen Abdruck und Geschehen bleibt jedoch bestehen. Sie wird nur immer feiner, bis man sie kaum noch sieht und deshalb meint, sie sei nicht mehr da. Sie ist noch immer da.
Der Maßstab misst noch nicht richtig. Er misst weiter.