Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Originals. Der Originaltext lässt sich auf der Website in vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen lesen.
Vor zwei Mädchen im Mittelschulalter taucht ein kleines weißes Tier auf. Es sieht ein bisschen wie eine Katze aus, ein bisschen wie ein Kaninchen, ein bisschen wie etwas, das eigens auf genau das richtige Maß an Niedlichkeit hin entworfen wurde. Zum Sprechen braucht es den Mund nicht. Seine Stimme ist einfach in deinem Kopf.
Sein Angebot lässt sich so wiedergeben: Schließ einen Vertrag mit mir und werde ein Magical Girl. Dafür darfst du dir etwas wünschen. Alles, was du willst.
Der Vertrag
Sehen wir uns zuerst die Bedingungen an. In ihnen steckt bereits alles, worum es hier gehen wird.
Die Wünschende: ein Mädchen.
Die Leistung: Ein Wunsch wird erfüllt, ganz gleich welcher und wie groß er ist.
Die Gegenleistung: Sie wird ein Magical Girl und kämpft gegen Hexen.
Am Wortlaut dieses Vertrags ist nichts auszusetzen. Was er verspricht, liefert er auch: Die Wünsche werden tatsächlich erfüllt, ohne jeden Abzug. Auch die Forderung liegt offen auf dem Tisch. Du musst kämpfen. Kämpfen ist gefährlich. Du kannst dabei sterben.
Ein fairer, verständlicher Tausch also, bei dem beide Seiten wissen, was sie geben und was sie bekommen. Jedenfalls sieht es so aus.
Täuschung braucht nicht immer eine Lüge
Damit sind wir beim Kern dieses Essays, und der weicht ein wenig von dem ab, was gewöhnlich über diese Figur gesagt wird. Kyubey muss die Mädchen nur selten mit einer unmittelbaren Lüge ködern. Das lässt sich Aussage für Aussage nachprüfen: Gerade seine wichtigsten Erklärungen sind oft wörtlich wahr. Die entscheidenden Tatsachen kommen allerdings erst dann ans Licht, wenn jemand weiß, wonach er fragen muss.
Was muss ein Magical Girl tun? Gegen Hexen kämpfen, sagt Kyubey. Stimmt. Kann es dabei sterben? Ja. Stimmt ebenfalls.
Was ist ein Seelenstein? Auch das erklärt es ohne Umschweife: die aus dem Körper herausgelöste und in einem Stein eingeschlossene Seele. Der Körper ist bloß eine Hülle. Keine Beschönigung, keine Unklarheit.
Woher kommen die Hexen? Es sagt es ihnen. Was ist Kyubey selbst? Auch darauf antwortet es. Seine Spezies habe keine Gefühle, seine Aufgabe sei die Gewinnung von Energie, und die menschliche Zivilisation beruhe überhaupt erst auf ihrer Technologie.
Für Kyubey gilt: Wer auf Nachfrage antwortet, hat ausreichend aufgeklärt. Welche Fragen überhaupt gestellt werden müssten, weiß aber die ganze Zeit nur Kyubey. Das ist erheblich schwieriger zu fassen als eine Lüge.
Wie es vorgeht
Sein Verfahren ist dieses: Es lässt dich unterschreiben, solange du noch gar nicht weißt, wonach du fragen müsstest. Das ist die These dieses Essays. Man muss sie sich im Einzelnen ansehen.
Die wichtigsten Informationen zu einem Vertrag stehen nicht unbedingt in seinen Bedingungen. Manche erhältst du erst, wenn du nach ihnen fragst. Und dazu musst du zunächst wissen, dass es da überhaupt etwas zu fragen gibt.
Da sitzt eine vierzehnjährige Schülerin vor einem sprechenden kleinen Tier. Es sagt ihr, jeder ihrer Wünsche könne wahr werden. Was soll sie fragen?
„Wird meine Seele aus meinem Körper genommen?“ Sie weiß nicht einmal, dass so etwas möglich ist. „Was wird am Ende aus einem Magical Girl?“ Sie ahnt nicht, dass dieses „am Ende“ eine Frage wert wäre.
Sie wurde nicht belogen. Sie weiß nicht, welche Fragen sie stellen müsste. Und Kyubey wartet auf ihre Unterschrift.
Keine bloße Spitzfindigkeit
„Ist das nicht trotzdem Betrug?“, könnte man einwenden. Nein. Und dieser Unterschied ist für die Serie entscheidend. Wer unmittelbar lügt, weiß immerhin, dass sein Gegenüber sich womöglich anders entscheiden würde, wenn es das ganze Bild sähe. Kyubey geht anders vor: Es weiß, dass die Tatsachen die Mädchen zusammenbrechen lassen, und beruft sich trotzdem auf ihr Nichtfragen, um jede Verantwortung von sich zu weisen. Das soll Kyubey nicht entschuldigen. Es soll möglichst genau benennen, was es tut.
Es hält diese Informationen tatsächlich für unwichtig. Es hält den Vertrag tatsächlich für gut, und zwar für beide Seiten. Es versteht tatsächlich nicht, weshalb die Mädchen zusammenbrechen, sobald sie erfahren, worauf sie sich eingelassen haben.
Die Szene mit Kyoko
An einer Szene wird das besonders deutlich. Kyoko Sakura erfährt die Wahrheit über die Seelensteine. Außer sich vor Wut stürzt sie auf Kyubey zu und stellt es zur Rede. Kyubey wirkt verwirrt. Sinngemäß antwortet es: Daran ist doch nichts verkehrt. Warum könnt ihr das einfach nicht verstehen?
Sein Unverständnis ist nicht gespielt. Bei diesem Satz sollten wir einen Augenblick bleiben. Er gibt den Ton für die ganze Essayreihe vor.
Wäre es gespielt, hätten wir eine Geschichte über Täuschung vor uns. Die Lösung bestünde darin, den Täuscher zu entlarven.
Aber Kyubey spielt nicht. Seine Spezies hat keine Gefühle; das ist keine Ausrede, sondern ihre Beschaffenheit. In seiner Welt gehören „die Seele eines Menschen in einen Stein einschließen“ und „ein Bauteil an eine andere Stelle setzen“ zur selben Art von Vorgang.
Deshalb hilft Entlarven nicht. Man kann Kyubey sein eigenes Vorgehen ins Gesicht sagen. Es wird zustimmend nicken und anschließend fragen: Und?
Seine Verteidigung
Außerdem hat es Argumente für sein Handeln. Und die lassen sich nicht leicht widerlegen.
Es hält uns vor, dass auch wir Menschen Nutztiere halten. Wir töten sie, essen sie, verwenden ihre Haut. Nach ihrem Einverständnis haben wir nie gefragt.
Es erinnert daran, dass unsere ganze Zivilisation auf der Technologie seiner Spezies beruhe.
Und es erklärt, dass im Universum nur sehr wenige Wesen Gefühlen einen solchen Stellenwert einräumen. Es geht sogar noch weiter: Ein Zustand, in dem man sich wie die Menschen von Gefühlen beherrschen lässt, ähnelt in seinen Augen eher einer Krankheit.
Diese Aussagen greifen auf erkennbare Tatsachen zurück. Das macht Kyubeys Schlussfolgerungen noch nicht legitim. Die Serie lässt auch keine Figur auftreten, die Kyubey mit einem unwiderlegbaren Gedankengang zum Schweigen bringt. Es bleibt da, beantwortet weiterhin jede Frage und versteht weiterhin nichts.
Die Mädchen auf der anderen Seite
Auf der anderen Seite dieses Vertrags stehen ein paar vierzehn-, fünfzehnjährige Mädchen. Sie haben keinen Anwalt. Keine früheren Fälle, die sie nachschlagen könnten. Es fehlt ihnen ein verlässlicher, zugänglicher Bericht über das Ende dieses Weges. Diejenigen, die dieses Ende bereits erreicht haben, sind tot oder zu dem geworden, was sie jetzt bekämpfen. Die noch lebenden Mädchen kennen den ganzen Preis nicht; Homuras Warnungen finden kein Gehör.
Ihre einzige Informationsquelle ist das kleine Wesen ihnen gegenüber. Und dieses Wesen beantwortet jede Frage.
Diese Anordnung hat eine sehr konkrete Folge. Ob die andere Seite gelogen hat, ist gar nicht die entscheidende Frage. Entscheidend ist, wer weiß, was man fragen müsste. Diese Liste liegt allein bei Kyubey. Nicht, weil es sie zurückhielte, sondern weil nur Kyubey weiß, welche Fragen es überhaupt gibt.
Eines dieser Mädchen verwendet seine einzige Chance für einen anderen Menschen. Davon handelt der nächste Essay.