Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Einer, der nicht zugreifen will

Han Qin (秦汉) · Deutsche Neufassung · 2026-10-09

Über diese Ausgabe

Zur Vorlage: Der chinesische Originaltext lässt sich auf derselben Seite in vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen lesen.

Ein Sitzungssaal. Oben sitzen ein paar Politiker. Unten sitzt ein Offizier.

Die da oben verhören den da unten. Es geht um seine Loyalität. Sinngemäß fragen sie: Haben Sie politische Ambitionen? Gehorchen Ihre Untergebenen nur Ihnen? Werden Sie einen Aufstand anzetteln?

Dieser Offizier kommt gerade aus einer Schlacht. Mit ihr hat er diesem Staat das Leben gerettet.

Er beantwortet jede Frage sehr höflich.

Vor der Tür sind seine Untergebenen kaum noch zu halten. Und diese Untergebenen verfügen über Flotten.

Der Offizier heißt Yang Wen-li.

Der Staat, in dem er lebt

Zuerst muss klar werden, was die Allianz Freier Planeten für ein Staat ist. Sonst sieht Yangs Entscheidung wie eine Selbstverständlichkeit aus.

Es ist kein schönes, schützenswertes Gebilde.

Die Allianz ist korrupt. Politiker kommen durch Hetze an die Macht und lassen sich durch Hetze wiederwählen.

Sie unternimmt einen gewaltigen Feldzug. Der Grund ist kein strategischer, sondern ein wahltaktischer: Die Regierung braucht einen Sieg, um die nächste Wahl zu gewinnen. Den Operationsplan entwirft ein Stabsoffizier, der Krieg nur auf dem Papier führen kann. Der Plan wird im regulären Entscheidungsverfahren angenommen.

Bei diesem Feldzug sterben zwanzig Millionen eigene Soldaten.

Zwanzig Millionen: Das ist keine unerwartete Verlustzahl. Es ist ein Ergebnis, das sich von Anfang bis Ende vorhersehen lässt und das den Verantwortlichen auch ins Gesicht vorausgesagt wird. Yang erklärt in der Besprechung, dass dieses Unternehmen nicht funktionieren wird. Man ignoriert ihn.

Dieser Staat macht Soldaten zu politischen Requisiten und unterzieht Yang einer Untersuchung ohne Rechtsgrundlage. Er erlebt auch einen Militärputsch. Zu dessen Begründungen gehört, dass die bestehende Ordnung selbst unerträglich verrottet sei.

Zu seiner obersten Führung zählt Job Trunicht. Er hat sich durch das Anheizen patriotischer Gefühle nach oben gearbeitet. Alles, was er sagt, klingt richtig. Alles, was er tut, nützt ihm selbst. Später wird er diesen Staat gründlicher verraten als jeder der vermeintlichen Schurken dieser Geschichte.

Nicht jedes Unrecht dieses Staates ist legal; gerade die Untersuchung gegen Yang hat keine gesetzliche Grundlage. Umso unbequemer bleibt, dass manches Verheerende sehr wohl die normalen Verfahren durchläuft: Trunicht wird gewählt, und der Feldzug, der zwanzig Millionen Menschen das Leben kostet, wird auf den üblichen Entscheidungswegen beschlossen.

Diese Ordnung verhindert nichts von all dem Schlimmen.

Yang weiß das ganz genau. Und niemand spricht es schneidender aus als er. Seine Urteile über die Regierung der Allianz, über Trunicht und darüber, warum die Menschen solche Leute wählen, sind so bissig, dass viele beim ersten Lesen glauben, sein Spott gelte der Demokratie selbst.

Er hätte die Gelegenheit gehabt

Nun zur entscheidenden Tatsache dieses Essays.

Yang Wen-li hat mehr als einmal die Gelegenheit, die Macht an sich zu reißen. Jedes Mal stehen die Voraussetzungen ausgesprochen günstig.

Die Truppen stehen zu ihm, nicht zu dieser Regierung. Das ist keine Vermutung. Mehrfach zeigt das Werk, wie seine Untergebenen darüber denken, mal halb im Scherz, mal mit beträchtlichem Ernst. Leute wie Schönkopf sprechen es wiederholt ganz offen an.

Die Regierung der Allianz hätte ihm nichts entgegenzusetzen. Sie besitzt weder eine Streitmacht, die gegen ihn bestehen könnte, noch eine Person, die ihn im Zaum hielte. Sie hat auch nichts, womit sie die Bevölkerung auf ihre Seite ziehen könnte.

Die Menschen würden es wahrscheinlich akzeptieren. Er ist ihr Held. Wieder und wieder zieht er sie aus dem drohenden Untergang heraus, während die Regierung sie wieder und wieder hineintreibt.

Alle Voraussetzungen sind gegeben. Nicht nur einmal.

Er greift kein einziges Mal zu.

Warum nicht, lässt das Werk ihn selbst erklären. Sinngemäß lautet seine Begründung:

In einer Demokratie tragen die Bürger die Verantwortung für schlechte Politik.

In einer Autokratie trägt der Herrscher die Verantwortung für schlechte Politik.

Seine Begründung lautet nicht: Demokratie ist besser. Sie lautet: Wer ist für das Schlechte verantwortlich?

Es lohnt sich, diesen Gedanken genauer anzusehen. Er unterscheidet sich von den Gründen, die man gewöhnlich hört.

Er behauptet nicht, Demokratie sei effizienter. Yang weiß, dass sie es nicht ist. Er behauptet auch nicht, sie mache weniger Fehler. Er sieht diese Ordnung sehenden Auges den größten Fehler begehen. Und er behauptet nicht, das Volk sei klüger. Von dessen Urteil hält er wenig.

Er fragt, wessen Fehler es ist.

Wer selbst entscheidet und sich irrt, befindet sich in einer anderen Lage als jemand, für den andere entscheiden und der anschließend darunter leidet. Im ersten Fall gehört der Fehler zur eigenen Rechnung. Man hält sie selbst in der Hand und kann sie vielleicht eines Tages klären. Im zweiten Fall gehört sie jemand anderem. Man selbst ist darin bloß eine Zahl.

Aus dieser Begründung folgt etwas sehr Unbequemes, dem das Werk nicht ausweicht: Nach dieser Logik müssen die zwanzig Millionen Toten jenen zugerechnet werden, die diese Regierung gewählt haben. Dazu gehören auch die Toten selbst.

Die Ordnung geht unablässig gegen ihn vor

Yang greift nicht zu. Was tut die Ordnung ihrerseits mit ihm?

Sie zitiert ihn wieder und wieder zu Befragungen und bezweifelt seine Loyalität.

Sie macht ihn zu politischem Kapital. Seine Siege sollen der Regierung Wählerstimmen bringen.

Nach jedem neuen Verdienst lässt sie ein Verfahren anlaufen, das sicherstellen soll, dass er keine Bedrohung darstellt.

Am Ende erlässt sie einen Haftbefehl gegen ihn.

Er hält eine Ordnung aufrecht, die er verachtet. Diese Ordnung geht unablässig gegen ihn vor.

Beides geschieht gleichzeitig, über lange Zeit, im gewöhnlichen Alltag. Er wird nicht erst enttäuscht und bleibt dann trotzdem standhaft. Jeden Tag wird er enttäuscht. Jeden Tag hält er daran fest.

Das Werk macht aus ihm deshalb keinen tragischen Helden.

Er beschwert sich. Er faulenzt. Er trinkt Brandy mit schwarzem Tee. Er will in Pension gehen, und zwar ernsthaft und immer wieder. Er hat ausgerechnet, ob die Pension reichen würde. Bei jeder Gelegenheit sagt er, dass er keine Lust mehr hat.

Sein Festhalten an diesem Grundsatz hat nichts von einer Pose. Es ist eher, als schiebe jemand wiederholt etwas beiseite, das er sich nehmen dürfte. Ganz beiläufig. Danach hält er seinen Mittagsschlaf.

Das Werk behandelt all das ohne jede Feierlichkeit. Gerade darin liegt Gewicht. Würde einer mit erhabenem Gesichtsausdruck auf die Macht verzichten, während die Musik anschwillt, wäre das ein Auftritt. Yang dagegen gähnt und schiebt sie von sich.

Eigentlich wollte er etwas anderes

Noch etwas muss gesagt werden, denn es gibt diesem Menschen seine Kontur.

Yang Wen-li wollte Historiker werden.

Er geht auf die Militärakademie, weil dort das Studium kostenlos ist. Nachdem das Geschäft seines Vaters bankrottgegangen ist, fehlt ihm das Geld für das Fach, das er eigentlich studieren möchte. Militärgeschichte kann er an der Akademie ohne Gebühren studieren. Er studiert Geschichte, nicht Taktik. Sein ursprünglicher Plan ist, beim Militär irgendwie einen Abschluss zu bekommen und danach etwas anderes zu machen.

Der Studiengang Militärgeschichte wird abgeschafft. Man versetzt ihn ins Fach Strategie.

Dann wird er zum besten Flottenkommandanten der Galaxis.

Zum Helden von El Facil wird er, weil er die Evakuierung von Zivilisten organisiert, nicht weil er irgendeine Schlacht gewonnen hätte. Keine der Positionen, in die man ihn hineinschiebt, hat er haben wollen.

Das ganze Werk hindurch führt er Krieg. Dabei hasst er den Krieg. Er sagt es immer wieder. Er hasst ihn so sehr, dass er nach jedem Sieg zuerst zählt, wie viele Menschen gestorben sind.

Alle Fähigkeiten dieses Menschen fließen in eine Tätigkeit, die er nicht ausüben will. Was er immer tun wollte, kommt nie zustande.

Noch einmal zu seinem Studium der Militärgeschichte: Verstehen wollte er die Geschichte. Militärgeschichte war die Geschichte, die er kostenlos studieren konnte. Um etwas Bestimmtes lesen zu dürfen, geht ein Mensch an einen Ort, der aus ihm einen Experten im Töten machen wird.

Auch später beurteilt er militärische Lagen noch so, wie man Geschichte liest. Er fragt nicht, was der Gegner tun möchte. Er fragt, welche Positionen es in dieser Konstellation überhaupt gibt und in welche davon die Beteiligten hineingezwungen werden.

Er ist tatsächlich einmal herausgekommen

Dieser Abschnitt ist derjenige, der in diesem Essay am leichtesten übersehen werden könnte.

Nach dem Waffenstillstand von Vermilion trifft Yang Reinhard zum Gespräch. Reinhard bietet ihm den Rang eines imperialen Marschalls an.

Yang lehnt dankend ab.

Am 25. Mai des Jahres 799 der Raumfahrtära wird der Vertrag von Ba’lat geschlossen. Yang scheidet aus dem Dienst aus.

Niemand jagt ihn fort. Niemand schiebt ihn auf ein Abstellgleis. Er geht auch nicht unter tragischen Umständen. Er erledigt die Formalitäten und wird ein gewöhnlicher Bürger.

Im Juni heiratet er Frederica Greenhill.

Er ist tatsächlich einmal herausgekommen.

Ein Mensch, der sein ganzes bisheriges Leben etwas getan hat, was er nicht tun wollte, erledigt mit zweiunddreißig seine Entlassungspapiere. Er heiratet die Frau, die er heiraten möchte, und bereitet sich auf das Leben vor, das er immer führen wollte.

Das Werk zeigt diese Zeit ganz unspektakulär. Die Musik hebt nichts hervor, es gibt kein nachdrückliches „Endlich!“. Die beiden heiraten einfach. Dann leben sie zusammen.

Diese Zeit ist kurz.

Die Leute von Iserlohn werden aktiv. Jemand muss sich um die Trümmer der Allianz kümmern. Als all das an seine Tür klopft, weist er es nicht ab. Er ist bereits draußen gewesen. Nun kommt er von sich aus zurück.

Diesmal ist es anders als bei allen Gelegenheiten zuvor. Damals wurde er in seine Positionen hineingeschoben. Diesmal kehrt er selbst zurück.

Am Ende stirbt er bei etwas, das mit dem Krieg überhaupt nichts zu tun hat.

Er wird nicht von Reinhard besiegt. Er fällt nicht auf dem Schlachtfeld. Er stirbt auch nicht durch die Hand irgendeines Gegners, mit dem er je die Kräfte gemessen hat.

Davon handelt der nächste Essay.

Textgrundlage der Reihe: Yoshiki Tanakas Romane und die vollständige ursprüngliche OVA-Hauptserie von Legend of the Galactic Heroes mit 110 Folgen. Sinngemäß wiedergegebene Aussagen sind keine offiziellen deutschen Dialogfassungen.