Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Essays. Die chinesische Originalseite bietet vereinfachte und traditionelle Schriftzeichen. Wiedergegebene Film- und Mangaäußerungen sind sinngemäße Übertragungen, keine offiziellen deutschen Untertitel.
Am 15. August 1945, mittags, läuft das Radio. Übertragen wird die kaiserliche Erklärung zur Kapitulation.
Suzu hört zu. Dann stürzt sie aus dem Haus.
Es ist das einzige Mal im ganzen Film, dass sie laut schreit.
Was sie ruft
Ihre Worte lauten sinngemäß:
Warum?
Hieß es nicht, wir kämpfen bis zum letzten Menschen?
Ich habe doch noch meine linke Hand und beide Beine.
Das kann ich nicht hinnehmen.
Diese Frau träumt sonst vor sich hin, spricht leise, gilt als „verträumt“. Im ganzen Film ist sie gegen niemanden zornig geworden. Nicht, wenn die Familie ihres Mannes sie kritisiert. Nicht, als Keiko grausam zu ihr ist. Nicht einmal, als sie ihre rechte Hand verliert.
Jetzt schreit sie. Und weint.
Man muss diese Sätze einzeln betrachten. Ihre Reihenfolge zeigt, womit sie in diesem Augenblick ringt. Sie betrauert nicht die Niederlage. Sie verlangt eine Erklärung dafür, dass etwas abgebrochen wird.
Für alles, was sie bisher ertragen hat, gab es auf ihrer Seite eine Erklärung: die immer kleineren Rationen, die immer häufigeren Alarme, die verbrannten Häuser, die tote Nichte, die verlorene rechte Hand. Man wollte bis zum letzten Menschen kämpfen. Deshalb musste man das alles jetzt aushalten.
Und nun sagt jemand: Wir kämpfen nicht weiter.
„Ich habe doch noch meine linke Hand und beide Beine“ heißt: Ich habe noch etwas übrig. Ich kann noch mehr ertragen. Ich habe noch nicht alles hergegeben. Und jetzt sagt ihr mir, ich müsse gar nicht mehr durchhalten.
Der innere Monolog
Dann folgt ein innerer Monolog. Hier liegt der Schwerpunkt des ganzen Films. Sinngemäß lautet er:
Fortgeflogen.
Alles, was wir bis hierher durchgemacht haben.
Alles, von dem wir glaubten, so sei es richtig.
Und der Grund, aus dem wir meinten, das alles ertragen zu müssen.
Der entscheidende Satz ist der letzte.
Die ersten beiden Gedanken benennen einen Verlust. Unsere vergangenen Tage, das, woran wir geglaubt haben: weg. So könnte in diesem Augenblick jeder reagieren.
Der dritte Gedanke tut etwas anderes. Er sagt: Ich habe die ganze Zeit ausgehalten. Dafür gab es einen Grund. Jetzt ist dieser Grund fortgeflogen.
Wer das ausspricht, sagt damit zugleich etwas Weiteres: Bis dahin hat sie nicht bloß ausgehalten. Sie hat zugestimmt.
Aushalten heißt, etwas zu ertragen, das einem auferlegt wird. Zustimmen heißt, dessen Begründung anzunehmen.
Suzu hat sich bisher nie gesagt: Ich habe zugestimmt. Sie hat gedacht: So ist das Leben eben. Erst als die Begründung sich verflüchtigt, sieht sie, dass diese Begründung immer da gewesen ist. Dass sie jede ihrer Handlungen getragen hat.
Für diesen Umschlag braucht der Film weniger als eine Minute.
Dass diese Minute trägt, verdankt sie allem, was davor liegt: in der Kinofassung von 2016 rund hundertzwanzig Minuten. Wir haben Suzu zugesehen, wie sie Reis zweimal einweicht und zweimal kocht, Wildpflanzen bestimmen lernt, Kleidung umarbeitet und Schlange steht. Damals sahen diese Bilder nach nichts weiter als Alltag aus.
In dieser einen Minute bekommen jene hundertzwanzig Minuten einen anderen Preis.
Film und Manga setzen anders an
Was nun folgt, behandeln der ursprüngliche Manga und der Film unterschiedlich. Der Unterschied ist entscheidend. In Kapitel 39 des Manga handelt Suzus innerer Monolog von Gewalt: Die Gerechtigkeit, an die wir geglaubt haben, ist dahin. Dieses Land hat andere immer mit Gewalt zur Unterwerfung gebracht. Jetzt muss es sich seinerseits der Gewalt beugen.
Der Film verändert das. Hier denkt Suzu an sich selbst als einen Menschen, der aus Reis und Sojabohnen besteht, die von jenseits des Meeres herangeschafft wurden. Muss also auch sie sich der Gewalt beugen?
Regisseur Sunao Katabuchi (片渕須直) begründet die Änderung handwerklich: Japan konnte seinen Getreidebedarf damals nicht ausreichend selbst decken und war auf Einfuhren angewiesen. Suzu wiederum ist ein Mensch des Alltags, der unablässig kocht. Dass ihr diese Erkenntnis über das Essen kommt, passt eher zu ihr.
Durch diese Änderung führt der Zusammenhang unmittelbar zu ihren Händen.
Die beiden ersten Essays haben es beschrieben: Die eigentliche Handlung des Films ist das Kochen. Was Suzu in diesen Jahren tut, kreist ums Essen. Reis zweimal einweichen und zweimal kochen. Essbare Pflanzen erkennen. Kleidung umarbeiten. Aus den Rationen etwas machen.
Jetzt weiß sie, woher der Reis stammt, den sie die ganze Zeit in den Händen hatte. Die Grundlage ihres täglichen Lebens gehört zu demselben Zusammenhang wie das, was sie gerade noch nicht hinnehmen wollte.
Die Änderung bewirkt noch etwas. Aus einem Urteil über den Staat wird ein Urteil über ihren eigenen Körper. Ihre Frage lautet nicht: Was hat dieses Land getan? Sie lautet: Woraus bin ich gemacht?
Beide Formulierungen zielen auf dasselbe. Nur steckt in der zweiten diejenige, die spricht, selbst mit drin.
Außerdem fügt der Film der Szene im Stadtzentrum einen Satz hinzu, den es im Manga nicht gibt: Ein Passant erwähnt Reis aus Taiwan. Niemand führt den Gedanken aus. Niemand antwortet. Der Satz fällt einfach, mitten im Stimmengewirr.
Die Flagge
Suzu läuft aus dem Haus hinauf zu den Feldern am Hang dahinter. Als sie von dort hinuntersieht, erkennt sie eine Taegukgi, die koreanische Flagge. Sie wird gerade gehisst.
Über diese Szene ist viel gestritten worden. Eine Lesart lautet: In Kure leben koreanische und japanische Menschen nebeneinander, und beide sind denselben Bomben ausgesetzt. Dass nun die koreanische Flagge aufsteigt, bedeutet, dass die Kolonialherrschaft endlich vorüber ist.
Einige Kommentatoren haben auf ein konkreteres Detail hingewiesen. Das Haus, vor dem die Flagge gehisst wird, war bereits früher zu sehen. Damals verabschiedete diese Familie jemanden, der als Soldat in den Krieg zog.
Dieselbe Familie. Zuerst schickt sie einen Menschen an die Front. Jetzt hisst sie diese Flagge.
Der Film liefert dazu keine Erklärung. Er stellt keine Figur daneben, die uns darauf aufmerksam macht, es kommentiert oder erläutert. Suzu sieht es vom Hügel aus. Dann folgt ein Schnitt.
Auch Suzu bekommt keine erklärende Reaktion. Sie sagt nichts, geht nicht hin, wir hören keinen Gedanken von ihr über die Flagge. Sie sieht sie lediglich.
Damit kommen wir zum letzten Satz ihres inneren Monologs, den sie nach dem Anblick der Flagge spricht.
Ihr letzter Satz
Nachdem sie die Flagge gesehen hat, endet ihr innerer Monolog sinngemäß mit dem Satz:
Ich wäre gern gestorben, ohne all das zu wissen.
Dieser Satz braucht keine Auslegung. Er muss aber an der richtigen Stelle stehen. Suzu sagt damit weder, dass sie es bereut, die Wahrheit erfahren zu haben, noch, dass sie sich einen Sieg ihres Landes wünscht.
Sie sagt: Mit diesem Wissen müsste sie ihr ganzes bisheriges Leben noch einmal ansehen. Und das will sie nicht.
Ein Mensch hat jahrelang gekocht, jahrelang ausgehalten, seine Nichte und seine rechte Hand verloren. Eben erst hat er begriffen, worauf dieses Aushalten beruhte.
Mit diesem Wissen muss Suzu nun weiterleben.
Diesen Schritt nimmt der Film ihr nicht ab.
Er lässt sie keinen neuen Grund formulieren. Er schickt niemanden zu ihr, der ihr die Dinge erklärt. Er lässt sie nicht innerhalb weniger Tage mit allem ins Reine kommen. Sie weint zu Ende. Der Film geht weiter.
Das Kind
Am Ende fahren Suzu und Shūsaku nach Hiroshima.
Hiroshima ist nicht mehr Hiroshima.
In den Trümmern sehen sie ein kleines Mädchen. Neben ihm liegt seine tote Mutter. Sie ist noch nicht lange tot. Das Kind ist die ganze Zeit bei ihr geblieben.
Das Mädchen kommt auf Suzu zu. Es hält sich an der Seite an ihr fest, an der die rechte Hand fehlt.
Der Film erklärt nicht, warum das Kind gerade zu ihr geht. Niemand sagt etwa: Es hat wohl gesehen, dass dir auch eine Hand fehlt.
Sie nehmen das Mädchen mit nach Hause. Auf dem Heimweg trägt Suzu es auf dem Rücken.
Was der Film unterlässt
Hier endet diese Reihe. Zum Schluss müssen wir uns noch einmal klarmachen, was der Film alles nicht tut. Denn darin besteht seine Methode.
Er fällt kein Urteil über Suzu. Was sie dort auf dem Hügel begreift, spricht sie selbst aus. Der Film fügt kein Urteil hinzu: weder, dass sie nun endlich erwacht sei, noch, dass sie getäuscht worden sei.
Er lässt sie weder büßen noch nimmt er sie in Schutz. Er erfindet keine Handlung, mit der sie etwas wiedergutmachen könnte. Er stellt ihr auch niemanden zur Seite, der sagt, sie trage dafür keine Verantwortung.
Er macht das Kriegsende nicht zur Erlösung. Am Tag der kaiserlichen Rundfunkansprache ist seine Hauptfigur der einzige Mensch in diesem Film, der weinend aufschreit.
Und er macht das kleine Mädchen nicht zur Entschädigung. Es ist nicht Harumi, nicht das Kind, das Suzu nie geboren hat, kein Ersatz für irgendetwas. Es ist ein Kind, um das sich in den Trümmern niemand kümmert. In diesem Haushalt braucht man nun ein Paar Essstäbchen mehr.
Der Film tut etwas anderes: Er lässt diese Menschen weiteressen.
Am Ende ist die Familie zusammen. Jemand kocht. Der Topf steht auf dem Herd.
All diese Jahre hat dieser Topf dort gestanden. Als die Rationen kleiner wurden. Als die Alarme heulten. Nach Harumis Tod. Nach dem Verlust der rechten Hand. Nachdem die Rundfunkansprache verklungen war.
Und jetzt ist da, neben diesem Topf, ein Mensch mehr.
Was soll uns das sagen? Ein Mensch weiß nun all das und lebt weiter. Was ist das? Abstumpfung? Widerstandskraft? Etwas anderes? Oder etwas, das man überhaupt nicht in eine solche Schublade stecken sollte?
Der Film antwortet nicht.
Er verwendet dafür, in seiner Kinofassung von 2016, gerade einmal hundertneunundzwanzig Minuten: Er zeigt die konkreten Dinge, die ein Mensch über mehrere Jahre getan hat, und lässt Suzu in einem kurzen, späten Augenblick erkennen, was diese Dinge die ganze Zeit getragen hat.
Den Schritt, der dann noch zu gehen ist, nimmt er niemandem ab.