Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Essays. Die chinesische Originalseite bietet vereinfachte und traditionelle Schriftzeichen. Wiedergegebene Film- und Mangaäußerungen sind sinngemäße Übertragungen, keine offiziellen deutschen Untertitel.
Am 22. Juni 1945 wird Kure aus der Luft angegriffen.
Luftangriffe sind in diesem Jahr längst nichts Neues mehr. Alarm, in den Schutzraum, in die Hocke, warten, herauskommen, weiterarbeiten. Die Familie hat diesen Ablauf so oft durchgemacht, dass er ihr vertraut geworden ist.
Nach dem Angriff verlassen die Menschen ihre Schutzräume. Das Leben geht weiter.
Manche Bomben aber haben Zeitzünder. Beim Aufschlag explodieren sie noch nicht. Sie liegen in der Erde und warten.
Entwarnung und Sicherheit sind also zwei verschiedene Dinge. Nur lässt sich das in dem Augenblick, in dem die Entwarnung ertönt, nicht wissen.
Suzu ist draußen mit Harumi unterwegs und hält sie an der Hand.
Die Bombe explodiert unmittelbar neben ihnen.
Harumi stirbt. Suzu verliert ihre rechte Hand.
Was diese rechte Hand getan hat
Hier setzt der Film eine Stimme aus dem Off ein. Es ist die schärfste Stelle des ganzen Films. Sinngemäß sagt sie: Die rechte Hand, die im Juni Harumi gehalten hat. Die rechte Hand, die vor sieben Jahren im Februar so viele Kaninchen gezeichnet hat.
Sie zählt keine Funktionen auf. Sie sagt nicht: Suzu kann nun nicht mehr schreiben. Oder: Suzu kann nicht mehr nähen. Sie nennt einzelne Dinge, die diese Hand tatsächlich getan hat. Eins nach dem anderen, jedes mit seinem Datum. Dieses eine Mal im Juni. Dieses andere Mal im Februar vor sieben Jahren.
Wenn etwas verloren geht, zählt man nicht seine Funktionen auf. Man zählt die konkreten Dinge, die es getan hat.
Was sie verliert, ist nicht einfach eine Hand.
Das muss genau gesagt werden. „Eine Hand verlieren“ bezeichnet einen Verlust, der sich einordnen lässt: Behinderung, Funktionseinschränkung, Erschwernisse im Alltag. Das alles trifft zu. Doch für diesen Menschen geht noch etwas anderes verloren.
Suzu hat immer gezeichnet. So ist sie mit den Dingen umgegangen. Wenn sie etwas nicht verstand, zeichnete sie. Wenn es ihr schlecht ging, zeichnete sie. Wenn sie jemandem etwas erklären wollte, zeichnete sie. Im ersten Essay war davon die Rede: Ein Teil von ihr war immer abwesend, und dieser Teil zeichnete.
Sie verliert ihre Art, mit der Welt umzugehen.
Später versucht sie, mit der linken Hand zu zeichnen. Es gelingt nicht.
Hinzu kommt: Ihre Bilder haben in all diesen Jahren etwas bewirkt. Sie hat für die Familie gezeichnet, für die Nachbarn, für Menschen im Krankenbett. Das war einer ihrer Zugänge zur Welt.
Dieser Zugang ist jetzt verschlossen.
Wen diese Hand gehalten hat
In dem Augenblick, in dem ihr diese Hand weggerissen wird, hält sie damit ein fünfjähriges Kind.
Harumi ist Keikos Tochter. Und Suzu ist mit ihr hinausgegangen.
Der Film weicht dieser Tatsache nicht aus. Er lässt Suzu immer wieder zu denselben Fragen zurückkehren. Wenn sie einen anderen Weg genommen hätte. Wenn sie nicht stehen geblieben wäre. Wenn sie das Kind nicht mitgenommen hätte.
Darauf gibt es keine Antwort. Niemand wusste, wo die Bombe lag; welchen Weg sie nahmen, hatten sie beiläufig entschieden.
Dass es keine Antwort gibt, macht nichts leichter.
Der Film bleibt hier von einer fast kalten Nüchternheit. Niemand wird geschickt, um Suzu zu sagen: Du bist nicht schuld. Er lässt sie auch nicht selbst zu dieser Einsicht gelangen. Sie liegt im hinteren Zimmer, der rechte Arm schmerzt noch, und in ihrem Kopf geht sie denselben Weg immer wieder ab.
Was Keiko sagt
Keiko hat ihre Tochter verloren. Der Mensch, der mit ihrer Tochter hinausgegangen ist, hat überlebt. Er liegt in demselben Haus, im hinteren Zimmer.
Keiko sagt grausame Dinge.
Der Film beschönigt ihre Worte nicht und lässt sie auch nicht sofort zurücknehmen. So kann ein Mensch reden, der gerade sein Kind verloren hat. Und jedes dieser Worte trifft Suzu genau dort, wo es am meisten wehtut.
Später entschuldigt sich Keiko.
Später. Und selbst die Entschuldigung bekommt keinen würdigen Auftritt. Kein Gespräch von Herz zu Herz. Ein paar undeutliche Sätze, dann geht sie weg.
Noch wichtiger ist etwas anderes, das sie später sagt. Sinngemäß: Wenn du zu deiner Familie zurückwillst, kannst du gehen.
An dieser Stelle hat der Satz ein widersprüchliches Gewicht. Er kann eine Entlassung aus der Verpflichtung sein: Du schuldest uns nichts. Du darfst gehen.
Er kann zugleich etwas bestätigen: Dir fehlt jetzt tatsächlich etwas. Dieses Haus muss dich nicht behalten.
Welche dieser Bedeutungen Keiko im Sinn hat, sagt der Film uns nicht. Er lässt sie auch später nichts erklären. Sie spricht den Satz aus. Dann wartet der Film auf Suzus Reaktion.
Sie denkt ans Fortgehen. Was heißt das?
Suzu erwägt, nach Hiroshima zurückzukehren. In ihrer Lage bedeutet das nicht: Ich möchte ein paar Tage bei meinen Eltern verbringen. Wenn eine Schwiegertochter im Krieg den Haushalt des Mannes verlässt und in ihre Herkunftsfamilie zurückgeht, heißt das innerhalb dieser Ordnung: Sie macht nicht mehr mit.
Sie gehört dann nicht mehr zu diesem Haus. Sie gibt ihren Platz auf. Sie zieht sich aus der gesamten Anordnung zurück.
Dass sie überhaupt daran denken kann, setzt voraus, dass sie nicht mehr die „nützliche“ Schwiegertochter ist.
Der Film betrachtet das sehr ruhig. Ihren Platz in diesem Haus hatten bis dahin ihre Tätigkeiten gesichert: kochen, flicken, Wildpflanzen sammeln, aus den Rationen etwas zaubern. Sie konnte das gut. Deshalb gehörte sie dazu.
Jetzt fehlt ihr eine Hand. Vieles kann sie nicht mehr tun oder nur noch sehr viel langsamer. Deshalb lässt sich nun offen fragen, ob sie überhaupt bleiben wird. Zuvor war das keine Frage gewesen.
Sie bleibt
Sie geht nicht. Der Film erklärt diese Entscheidung nicht.
Er lässt sie nicht sagen: Weil ich Shūsaku liebe. Auch nicht: Weil dies mein Zuhause ist. Es gibt keine Szene, in der ihr plötzlich alles klar wird. Der Film lässt einfach den 6. August kommen. Er lässt in Hiroshima geschehen, was dort geschieht. Er lässt die Wege unpassierbar werden. Und Suzu bleibt in diesem Haus.
Eines zeigt er sehr genau: Sie beginnt, mit der linken Hand zu arbeiten. Langsam, unbeholfen, ohne dass es gelingen will. Sie versucht es wieder und wieder.
Wenn jemand nicht mehr tun kann, was er zuvor konnte, kommt meist nicht zuerst die Einsicht. Zuerst muss er wieder lernen, die Essstäbchen zu halten.
Drüben in Hiroshima
- August. Hiroshima.
Ihre Familie lebt in Eba. Ihr Vater stirbt. Ihre Mutter bleibt verschwunden. Ihre jüngere Schwester Sumi (浦野すみ) überlebt, doch an ihrem Körper zeigen sich erste Symptome jener Krankheit.
Ihr älterer Bruder Yōichi (浦野要一) ist schon vorher im Süden gefallen. Die Familie bekommt einen Kasten. Als sie ihn öffnet, liegt darin ein Stein.
Die Szene dauert nur einen Augenblick. Der Kasten geht auf, ein Stein, Schnitt.
Niemand erklärt, was dieser Stein bedeutet. Es muss auch niemand erklären. Alle im Raum wissen es. Keiner spricht es aus.
Eine Nachricht nach der anderen gelangt zu ihnen. Dazwischen liegen Tage, unterbrochene Verkehrswege, Gerüchte, aus denen niemand recht klug wird.
Und in Kure geht das Leben weiter. Man muss essen. Man muss anstehen. Man muss Schutz vor den Luftangriffen suchen.
So verfährt der Film mit diesen Nachrichten. Er reserviert ihnen keinen abgeschlossenen Trauerabschnitt. Die Nachricht trifft ein. Ein Mensch erstarrt für einen Moment. Dann macht er weiter mit dem, was er gerade in den Händen hielt.
Nicht, weil diese Menschen abgestumpft wären. Sondern weil es heute nichts zu essen gibt, wenn diese Arbeit liegen bleibt.
Das ist die Methode des Films, und am Tod wird sie besonders deutlich. Jemand stirbt. Die Nachricht kommt an. Im Zimmer wird es kurz still. Dann sieht jemand nach dem Topf auf dem Feuer.
Nicht, weil der Mensch unwichtig wäre. Sondern weil ein Topf auf dem Feuer steht.
Am 15. August mittags läuft eine Sendung im Radio.
Es ist das einzige Mal im ganzen Film, dass Suzu laut schreit.
Davon handelt der letzte Essay.