Das Zhuangzi neu aufschlagen · Herbstfluten · die ersten beiden Fragen
Wenn wir merken, wie klein wir sind: Brauchen wir einen neuen Maßstab für alles?
Ein guter Maßstab hilft beim Vergleichen. Er muss nicht die ganze Welt ersetzen oder uns jedes weitere Urteil abnehmen.
Vielleicht beunruhigt uns nicht am meisten die Entdeckung, falsch geurteilt zu haben. Vielleicht ist es die Frage danach: Worauf stütze ich das nächste Urteil? Das Alte funktioniert nicht mehr, also brauchen wir doch etwas Neues. Einen erfahreneren Menschen, ein besseres Buch, ein Gerüst, in das noch jede Ausnahme hineinpasst. Ist das Neue nur groß genug, wird es diesmal vielleicht Sicherheit geben. Hebo, der Flussherr, stellt eine ähnliche Frage. Am Meer sieht er, wie wenig seine eben noch so stolze Wassermenge dort zählt. Ruo vom Nordmeer erklärt ihm dann, auch er selbst sei zwischen Himmel und Erde nur wie ein kleiner Stein oder ein Stück Holz in einem großen Berg. Darauf fragt Hebo:
Darf ich dann Himmel und Erde für groß und die Spitze eines Haares für klein halten?
Also Himmel und Erde als groß, die äußerste Haarspitze als klein ansehen: Geht das?
Zuerst die beiden Enden festlegen
Die Frage kann aufrichtig sein. Hebo hat gerade eine Ansicht korrigiert und versucht eine neue. Wir sollten ihn nicht gleich für denkfaul erklären, sobald er den Mund öffnet. Er zeigt aber auch einen vertrauten Impuls. Wenn der Fluss nicht länger das Äußerste ist, suchen wir eben weiter draußen nach dem Äußersten. Himmel und Erde sind wohl groß genug, die Haarspitze klein genug? Stehen die Endpunkte fest, lässt sich alles dazwischen einordnen. Es geht nicht nur darum, welcher Maßstab den alten ersetzt, sondern auch darum, wie viele Aufgaben wir ihm übertragen wollen.
Ein Maßstab kann helfen, Längen zu vergleichen. Soll er zugleich Wichtiges von Unwichtigem, Wertvolles von Wertlosem scheiden und sogar garantieren, dass wir künftig nie wieder falsch sehen, verlangen wir zu viel von ihm. Ruo vom Nordmeer sagt Nein. Danach folgt aber weder Schweigen noch eine absichtlich undurchsichtige Reihe von Bildern. Er spricht über Maß, Zeit, Zunahme und Abnahme, Ende und Anfang. Von der Menge des menschlichen Wissens und der Dauer eines Lebens führt er zu den Grenzen des Erkennens. Das Gespräch entwickelt Gedanken. Es ist nicht die Weigerung eines Lehrers, überhaupt etwas verständlich zu machen.
Das Meer hat sich zuerst selbst klein gemacht
Erst der Rückblick auf den vorangehenden Abschnitt erklärt Hebos Frage. Noch bevor es um Himmel, Erde und Haarspitze geht, hat Ruo die eigene Kleinheit beschrieben. Die vier Meere sind zwischen Himmel und Erde wie eine kleine Öffnung in einem großen Sumpf. Das Land der Mitte liegt innerhalb der Meere wie ein Reiskorn in einem großen Speicher. Der Mensch steht zwischen den zehntausend Dingen wie ein einzelnes Haar auf einem Pferdekörper. Diese Bilder sind keine nach dem Nein einzeln nachgelieferten Antworten. Sie haben zuerst auch das Meer, über das Hebo eben staunte, in weitere Beziehungen gestellt. Erst nachdem er sie hört, versucht er Himmel und Erde einerseits und die Haarspitze andererseits als Endpunkte zu setzen.
Besonders berührt mich: „Zwischen Himmel und Erde bin ich wie ein kleiner Stein und ein kleines Stück Holz in einem großen Berg.“ Der Bewunderte übernimmt nicht einfach den Platz des Größten. Er unterrichtet selbstverständlich weiter und spricht später keineswegs immer sanft. Es wäre falsch, daraus den Verzicht auf jede Autorität abzuleiten. Aber in dieser Größenordnung ersetzt er Hebos alten Mittelpunkt zumindest nicht durch sich selbst. Er stellt sich mit hinein in die Welt, die betrachtet und verglichen werden muss.
Auch hilfreiche Auskunft kann solche Grenzen enthalten: Hier kenne ich mich aus, dort nicht. Dies hat das Verfahren gelöst, jenes kann es noch nicht erklären. Das ist keine nutzlose Selbstabwertung. Klare Grenzen geben dem Vertrauen oft eher einen Boden als unbegrenzte Zusicherungen.
Was verneint dieses Nein?
Die Maße der Dinge sind unerschöpflich, die Zeit hält nicht an, ihre Grenzen und Anteile sind nicht beständig, Ende und Anfang folgen keinem festen Muster.
Die Maße der Dinge lassen sich nicht ausschöpfen, die Zeit bleibt nicht stehen. Grenzen, Fülle und Mangel sind nicht unveränderlich; auch Ende und Anfang lassen sich nicht für immer nach dem alten Muster verstehen. Mit diesen Sätzen lockert Ruo die beiden Endpunkte, die Hebo gerade so fest erschienen. Wir brauchen daran keine moderne Kosmologie anzuschließen, die bewiesen hätte, was jenseits von Himmel und Erde liegt oder dass das Haarinnere sicher unendlich weiter teilbar sei. Der alte Text spricht über Größen, Wandel und die Begrenztheit des Erkennens, nicht über eine physikalische Messung.
Dann fragt er scharf: Was Menschen wissen, reicht nicht an das heran, was sie nicht wissen. Ihre Lebenszeit reicht nicht an die Zeit heran, in der sie nicht leben. Wie könnten wir mit diesem begrenzten Stück das ungemein Weite ausschöpfen und leichthin meinen, die Grenzen des Feinsten und des Größten schon gefunden zu haben? Dadurch wird nicht alles Bekannte falsch. Der Fluss ist tatsächlich groß, und das Meer lässt Hebo wirklich etwas sehen, das er vorher nicht gesehen hat. Zurückgenommen wird die Sicherheit: Das Größte, das ich je sah, schließt alle weiteren Möglichkeiten ab. Dass etwas wahr ist und dass es alles erklärt, sind verschiedene Behauptungen.
Wir müssen den Maßstab nicht wegwerfen
Die Folgerung, sämtliche Maßstäbe seien unzuverlässig und deshalb solle man nicht mehr urteilen, wäre selbst wieder eine allzu bequeme Gesamtantwort. Beim Reparieren eines Tisches braucht es weiterhin Längenmaße; bei einer Wochenplanung muss man wissen, wie viel Zeit vorhanden ist. Ein Vergleich in einem begrenzten Bereich wird dadurch nicht unmöglich. Die Frage ist, ob wir seine Ablesung heimlich zu einer Rangordnung erheben, die immer und überall gilt.
Du willst etwa den Arbeitsplatz wechseln, und das Einkommen ist wichtig. Vergütungen ernsthaft zu vergleichen ist nicht oberflächlich. „Hier ist das Gehalt höher“ beantwortet aber noch nicht, wie viele Abende die Stelle beansprucht, was du lernen möchtest oder welche Bedingungen die Fürsorge für Angehörige braucht. Umgekehrt lassen diese Fragen die tatsächlichen Lebenshaltungskosten nicht verschwinden. Wir suchen keinen magischen neuen Maßstab, der sämtliche Überlegungen in dieselbe Zahl umrechnet. Vielleicht legen wir unterschiedliche Bedürfnisse nebeneinander und prüfen, was verhandelbar ist, was vorerst nicht zugleich erreichbar ist und wo noch Informationen fehlen.
Eine Entscheidung bleibt notwendig. Nur können wir wissen, dass sie zu den jetzigen Bedingungen passt und nicht bedeutet, jeder andere, der anders wählt, stehe von nun an unter uns. Das macht das Urteilen nicht unbedingt leichter. Es verliert etwas, das auf Dauer für uns bürgen sollte, und gewinnt dafür etwas Raum zum Nachprüfen und Neuordnen.
Eine Methode darf helfen, ohne alles zu übernehmen
Nach einem Scheitern eine neue Methode zu lernen kann durchaus gut sein. Wege, die andere schon gegangen sind, müssen wir nicht zurückweisen, nur um unabhängig zu wirken. Auch Hebos weiteres Fragen ist mehr wert, als in seiner anfänglichen Selbstzufriedenheit zu verharren. Achten sollten wir auf eine bestimmte Erwartung: Habe ich dieses Verfahren erst gelernt, brauche ich konkrete Menschen nicht mehr genau zu hören und konkrete Vorgänge nicht mehr genau zu betrachten. Man besitzt bereits eine Erklärung. Passt jemand nicht hinein, ist er die Ausnahme. Werden die Ausnahmen zahlreich, verstehen sie eben ihre eigene Lage noch nicht. Widersprechen die Tatsachen der Erklärung, müssen immer die Tatsachen anders formuliert werden. Dann hilft die Methode nicht mehr beim Hinsehen, sondern hält etwas vom Blick fern.
Ein schlichter Test wäre: Was würde mich dazu bringen, sie zu ändern? Worüber fällt sie überhaupt kein Urteil? Lautet die Antwort stets „nichts“, liegt die Gefahr vielleicht weniger in der Größe des Rahmens als darin, dass du ihn nicht mehr mit etwas in Berührung kommen lässt, das ihn verändern könnte. Umgekehrt macht eine benannte Grenze die Methode nicht wertlos. Ein begrenzter Nutzen bleibt ein Nutzen. Auch ein Zollstock, der das Leben nicht erklärt, kann helfen, einen Tisch standfest zu bauen.
Ruo vom Nordmeer gibt durchaus eine Richtung vor
Der Abschnitt beschreibt außerdem, wie großes Erkennen Fernes und Nahes sehen kann. Es hält etwas nicht allein wegen seiner Kleinheit für ungenügend, nicht allein wegen seiner Größe für überreich. Es erkennt den Wandel von Fülle und Leere und macht Gewinn oder Verlust nicht zu einem unveränderlichen letzten Urteil. Auch das Verhältnis zu Leben und Tod gehört dazu. Der alte Text formuliert ein Ideal; wir müssen nicht jeden trauernden Menschen heute auffordern, es sofort zu verwirklichen. Man kann diesem Lehrer also nicht unterstellen, er vermeide jede Schlussfolgerung. Er sagt viel, fällt Urteile, bietet eine Richtung und gibt zugleich Anlass zu weiteren Fragen.
Wertvoll ist für mich nicht das angebliche Fehlen jedes Sollens, sondern dass Hebo nach seinen Worten weiterfragen kann. Eine Erklärung darf helfen, ohne damit jede nächste Frage zu verschließen. In der folgenden Runde greift Hebo eine verbreitete Behauptung auf: Das Feinste habe keine Gestalt, das Größte lasse sich nicht umgrenzen – stimmt das wirklich? Von Himmel, Erde und Haarspitze gelangen sie an Grenzen von Sprache und Erkennen. Ein Nein beendet ihr Gespräch nicht. Auch wir müssen aus diesem Essay nicht mit leeren Händen gehen. Wir können unsere Werkzeuge behalten und nur aufhören, sie mit der ganzen Welt zu verwechseln.
Wenn dir das nächste Mal jemand eine gute Erklärung gibt, lass sie zunächst eine bestimmte Stelle erhellen. Dann frag noch: Wohin reicht ihr Licht vorerst nicht? Das muss kein Versuch sein, sie zu Fall zu bringen. Vielleicht beginnt sie gerade dadurch, wirklich nützlich zu sein.
Text und Lesart
Diese deutsche Fassung ist eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Leseessays, keine vollständige Übersetzung des klassischen Zhuangzi. Die alten Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben; auf der chinesischen Seite steht ihr ursprünglicher Wortlaut. Auch die bestehende englische Fassung ist eigenständig geschrieben; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Gegenwärtige Alltagsvergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Begebenheiten im alten Text. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die Quellen auf Englisch und Chinesisch erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Alter Text und Lesart: Herbstfluten ↗
Die chinesische Seite bewahrt den Wortlaut der klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe eigenständig geschrieben. Diese deutsche Fassung ist wiederum eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Essays. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu weiteren Ereignissen, die der alte Text erzählen würde.
Zum Vergleich: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi, Kapitel Herbstfluten ↗.