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Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · Ji Shengzi zieht einen Kampfhahn auf

Am Ende der Übung sieht der Hahn aus wie Holz

Nicht jede schnelle Reaktion ist Stärke, nicht jede Ruhe Einsicht. Für das Zusammenleben wäre mehr gewonnen, wenn andere neben uns nicht verstummen müssten.

Han Qin ·

Der König möchte einen Kampfhahn. Ji Shengzi übernimmt die Aufzucht für den König. Nach zehn Tagen fragt der König: Ist es so weit? Noch nicht, antwortet Ji Shengzi. Der Hahn sei aufgeblasen und überheblich, verlasse sich auf seine Erregung. Wieder zehn Tage später fragt der König erneut. Noch nicht: Bei einem Laut oder einem Schatten reagiere er sofort. Beim dritten Mal ist es weiterhin nicht so weit; sein Blick sei noch scharf, sein Auftreten noch voller überschäumender Kraft. Erst bei der vierten Nachfrage ändert sich die Antwort: „Beinahe.“

Auch wenn ein anderer Hahn kräht, verändert er sich nicht mehr. Von außen sieht er aus wie ein Hahn aus Holz; sein Wesen ist ganz geworden. Andere Hähne wagen nicht, ihm zu antworten. Sie wenden sich vielmehr um und laufen fort.

Ein anderer Hahn kräht, er verändert sich nicht mit; er sieht aus wie Holz. Die anderen wagen den Kampf nicht und laufen davon. Das Ergebnis widerspricht der Erwartung. Nach so langer Übung hätten wir vielleicht ein noch wilderes, schnelleres, bedrängenderes Tier erwartet. Die Geschichte zeigt uns stattdessen etwas, das wie ein Stück Holz aussieht.

Was noch nicht reicht, sieht verdächtig nach Bereitschaft aus

Dreimal „noch nicht“ weist drei Zustände zurück, die man leicht für ausreichende Vorbereitung halten könnte. Erstens: sich selbst aufblähen. Die Sache hat noch nicht begonnen, aber alle sollen schon glauben, man sei stark. Zweitens: sich allzu leicht in Bewegung setzen lassen. Draußen regt sich etwas, sofort verändert sich innen alles mit. Am interessantesten ist der dritte Zustand: ein scharfer Blick, ein kraftvolles Auftreten. Die Zuschauer könnten längst denken, jetzt müsse es endlich reichen. Ji Shengzi sagt weiterhin Nein.

Denken wir an eine Diskussion. Jemand antwortet auf jeden Satz sofort. Hält die andere Person einen Augenblick inne, besetzt er die Lücke. Jeder Vorbehalt bekommt unverzüglich eine noch entschiedenere Antwort. Vielleicht hat er die Sache tatsächlich gut durchdacht. Vielleicht erträgt er es aber auch nicht, einen Satz vorläufig ohne eigene Reaktion stehenzulassen. Beides verwechselt man in der Situation leicht. Schnell antworten zu können ist eine Fähigkeit; nicht anders zu können, als zu antworten, kann eine Last sein. Du glaubst, das Gespräch zu leiten, während jeder kleine Reiz darüber entscheiden kann, was du in den nächsten zehn Minuten tust.

Die Geschichte lenkt den Blick auf dieses Getriebenwerden. Sie erklärt nicht alle Menschen mit schnellen Reaktionen für oberflächlich. Bei Gefahr ist rasches Reagieren selbstverständlich wichtig. Wird jemand unterbrochen oder gedemütigt, beweist ein Einwand gegen diese Behandlung keine unzureichende innere Ruhe. Zu fragen ist, wozu die Antwort in diesem Fall dient. Oder soll sie nur möglichst schnell beweisen, dass ich nicht verloren habe?

Die Kraft muss nicht mehr dauernd vorgeführt werden

Dass er wie ein hölzerner Hahn aussieht, betrifft zunächst sein Aussehen. Er wird nicht wirklich zu Holz, und es heißt auch nicht, alle Empfindungen seien aufgehoben. Das Üben endet in dieser Fabel nicht mit der ständigen Vorführung von Kampfbereitschaft. Ruft ein anderer, überlässt er sich nicht eilig diesem Laut. Diese fehlende Eile ist mir mehr Aufmerksamkeit wert als eine wilde Miene.

Die Geschichte sagt allerdings nicht, was in ihm vorgeht, und auch nicht, dass er künftig auf jede Gegenwehr verzichtet. Erst recht können wir aus dem Fortlaufen der anderen nicht schließen, sie hätten eine niemals vortäuschbare innere Kraft richtig erkannt. Ihr Rückzug ist das erzählte Ergebnis. Dafür, wie es zustande kommt, liegt kein überprüfbarer verhaltenswissenschaftlicher Nachweis vor.

Wir übernehmen literarische Gelassenheit gern ins Leben. Dabei sollte etwas Spielraum bleiben. Ein stiller Mensch kann sich seiner Sache sicher sein; er kann aber auch nicht richtig gehört haben, Angst haben oder gar nicht teilnehmen wollen. Widerspricht im Raum niemand, kann das an Vertrauen liegen, ebenso aber an der Macht des Sprechenden. Eine stille Szene allein verleiht niemandem ein Zeugnis vollkommener Einsicht. Wer den Holzhahn nachahmt und dabei erwartet, dass alle anderen seine unergründliche Tiefe von selbst erkennen, hat vielleicht nur die alte Kraftmeierei in eine unauffälligere Kleidung gesteckt.

Erschöpfung muss keine Verstellung sein

Am ehesten erkennen wir uns womöglich in der noch überschäumenden Kraft wieder. In manchen Situationen bleiben wir von Anfang bis Ende angespannt. Wir bearbeiten nicht nur die Sache, sondern müssen dabei fortwährend so aussehen, als könnten wir sie bearbeiten. Kein Zögern, kein Eingeständnis, etwas nicht verstanden zu haben; niemand darf merken, dass der vorige Satz wehgetan hat. Nach dem Ende dauert es lange, bis sich die Anspannung löst. Diese zusätzliche Anstrengung verdient Beachtung. Erschöpfung beweist aber keine Angeberei. Genau zuzuhören macht müde, schwierige Probleme zu lösen ebenfalls, und auch eine unsichere Beziehung erschöpft. Wer einem schon schwer Belasteten noch erklärt, er sei müde, weil er nicht echt genug sei, macht ihm einen weiteren ungerechtfertigten Vorwurf.

Wir können kleiner fragen: Welcher Teil der Kraft ging eben in die Aufgabe, welcher in die Aufrechterhaltung eines Bildes, das nie einen Riss zeigen darf? Welche Zweifel ließen sich aussprechen, welche Antworten aufschieben, und welcher Druck verschwindet nicht dadurch, dass ich meine Haltung ändere? Etwa wenn jemand in einer Besprechung eine Zahl anzweifelt. Ich kann sofort den ganzen Plan erneut verteidigen. Oder erst nachsehen, welche Angabe er eigentlich meint. Ist sie falsch, wird durch ihre Korrektur nicht die ganze Person widerlegt. Benutzt er sie dagegen zur Demütigung, lässt sich auch diese Art zu reden benennen. Nicht jede Gegenwehr muss deshalb heißen, von außen fortgezogen zu werden.

Entscheiden zu können, wie man antwortet, ist wichtiger als der äußere Anschein, man antworte überhaupt nicht.

Vierzig Tage sind kein Lehrplan

Vier Abschnitte von zehn Tagen geben der Veränderung Stufen. Im Original steht dreimal „noch nicht“ und zuletzt „beinahe“, nicht viermal Nein. Ji Shengzi schweigt auch nicht zu den Gründen. Jedes Mal erklärt er dem König, was der Einsatzbereitschaft noch im Weg steht: die Überheblichkeit, die Reaktion auf Laute und Schatten, die noch nach außen drängende Kraft. Das sind Beobachtungen und Gründe, nur kein Handbuch zur Fütterung oder zum Training. Der König wartet weitere zehn Tage und fragt wieder. In diesem kurzen Erzählen steht weder eine Strafe nach einer ungeduldigen Nachfrage noch eine vorzeitige Fertigmeldung, mit der Ji Shengzi die Aufgabe loswerden möchte. Die Anordnung gibt dem Noch-nicht-fertig einen Platz.

Nicht jede heutige Aufgabe lässt sich unbegrenzt verschieben und nicht jeder Vorgesetzte wird so warten. Erlaubt eine Umgebung aber ausschließlich „fertig“ und nie ein begründetes „hier fehlt noch etwas“, wird Vorbereitung leicht zur Vorführung. Man sorgt dafür, dass ein Ergebnis reif aussieht, und hat gerade deshalb keine Zeit, es wirklich gut zu machen. Geduld besteht nicht nur aus ein paar zusätzlichen Tagen. Klare Fragen, die Vergewisserung über notwendige Bedingungen sowie Raum für Prüfung und Korrektur geben dem Warten einen Inhalt. Die vierzig Tage lassen sich nicht kopieren. Eine Beziehung, in der man erklären kann, wo man gerade steht, bleibt erstrebenswert.

Ein Leseweg, keine Rangliste der Meister

Vom Zikadenfänger bis hierher sind wir durch fünf Geschichten aus dem Kapitel »Das Leben verstehen« gegangen. Diese Abfolge ist unser Lesevorschlag. Das ursprüngliche Buch macht daraus nicht fünf Unterrichtsstunden mit stufenweisem Aufstieg. Der alte Mann nennt konkrete Übungen; der Schwimmer erzählt seine Erfahrungen und beschreibt das Wasser. Qing spricht von Sammlung, aber auch von der Materialwahl. Beim Bootführen hören wir, dass Lernen möglich ist, und sehen zugleich, welches Gewicht Erfolg und Misserfolg bekommen können. All diese Geschichten interessieren sich dafür, weniger fortgezogen zu werden. Daraus folgt aber nicht, dass sie gar nichts über das Wie sagen und nur verlangen, alles zu lassen.

Auch der Holzhahn muss nicht die Endgestalt jeder Fertigkeit werden. Ein Musiker kann leidenschaftlich, eine Lehrerin gesprächig sein; wer ganz bei einer Sache ist, darf deutliche Gefühle zeigen. Ruhe ist kein einheitliches Gesicht, das allen anderen Ausdrucksweisen überlegen wäre. Ich nehme aus diesem Leseweg mit, dass Können und Selbstbeweis sich allmählich trennen lassen. Geübt werden muss weiterhin, das Material will betrachtet, das Risiko erkannt sein. Weniger Druck, fortwährend die eigene Kompetenz vorführen zu müssen, kann mehr Raum schaffen, sie für die Sache einzusetzen.

Vergessen wir auch den Hintergrund des alten Textes nicht: Hahnenkämpfe. Um daraus Gelassenheit zu lesen, müssen wir Hahnenkämpfe nicht gutheißen. Noch weniger brauchen wir menschliche Beziehungen in eine Arena zu verwandeln, aus der die anderen weichen sollen.

Wenn die anderen nicht fliehen müssen

Dass kein anderer Hahn zu antworten wagt und alle fortlaufen, schließt die Geschichte erfolgreich ab. Für menschliche Beziehungen möchte ich noch eine Frage hinzufügen: Ist es unbedingt das beste Ergebnis, wenn die anderen gehen? Ein Kollege, der etwas nicht verstanden hat, sollte kein Hahn sein, der dich herausfordert. Ein Freund, der auf dein Missverständnis hinweist, muss nicht durch dein Auftreten zurückgedrängt werden. Lässt eine Übung am Ende die Menschen um uns noch weniger zu Wort kommen, sollten wir vielleicht nachsehen, was wir da eigentlich herangezogen haben.

Wünschenswerter wäre unter Menschen vielleicht eine Gelassenheit, bei der jemand sich zu irren oder zu widersprechen wagt und wir ihn trotzdem hören können. Wo nötig erklären wir Grenzen, wo angebracht korrigieren wir uns. Nicht jede Abweichung wird zu einem Wettkampf, der augenblicklich entschieden sein muss. Spürst du beim nächsten Mal wieder diese Spannung, musst du nicht zuerst die Miene des Holzhahns nachahmen. Hör den Satz und unterscheide, welche Antwort er braucht. Du musst nicht notwendig schneller und auch nicht notwendig langsamer werden. Nur muss diesmal nicht schon eine einzige Regung der anderen Person bestimmen, wie du als Ganzes reagierst.

Wie Holz auszusehen lernt sich leicht. Dafür zu sorgen, dass die Menschen neben uns nicht ängstlich jeden Schritt ertasten müssen, kommt der Arbeit, die wir wirklich brauchen, vielleicht näher.

Text und Lesart

Diese deutsche Fassung ist eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Leseessays, keine vollständige Übersetzung des klassischen Zhuangzi. Die alten Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben; auf der chinesischen Seite steht ihr ursprünglicher Wortlaut. Auch die bestehende englische Fassung ist eigenständig geschrieben; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Gegenwärtige Alltagsvergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Begebenheiten im alten Text. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die Quellen auf Englisch und Chinesisch erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Alter Text und Lesart: Das Leben verstehen ↗

Die chinesische Seite bewahrt den Wortlaut der klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe eigenständig geschrieben. Diese deutsche Fassung ist wiederum eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Essays. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu weiteren Ereignissen, die der alte Text erzählen würde.