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Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · 26 · Die Freunde des Zisang Hu

Noch vor der Beerdigung spielen zwei Freunde Musik und singen

Zigong kommt, um bei einer Beisetzung zu helfen, und hört Gesang. Muss er zuerst entscheiden, ob das angemessen ist?

Han Qin ·

Wer helfen kommt, hört zuerst ein Lied

Zisang Hu ist gestorben, aber noch nicht beerdigt. Konfuzius hört davon und schickt Zigong, damit er bei der Vorbereitung der Bestattung hilft. Als der näher kommt, sieht er eine unvertraute Szene. Zwei Freunde des Verstorbenen sitzen dort: Der eine setzt ein Lied zusammen, der andere spielt die Zither, und gemeinsam singen sie.

Ach, Sanghu! Ach, Sanghu! Du bist schon zu deinem Wahren zurückgekehrt, und wir sind immer noch hier als Menschen!

Sanghu, du bist schon zu deinem Wahren zurückgekehrt; wir leben noch hier als Menschen. Zigong geht rasch hinzu und fragt: ‚Darf ich fragen: Vor dem Leichnam zu singen, entspricht das dem Ritual?‘ Die beiden schauen einander an, lachen und sagen, was er denn vom Sinn des Rituals verstehe. Wer zum Helfen gekommen ist, steht plötzlich als der Ausgelachte da. Beim Lesen schlagen wir uns vielleicht sofort auf die Seite der Sänger: Wie steif und verständnislos Zigong doch sei. Aber wenn wir selbst die Tür öffneten und zuerst den Klang der Zither hörten – würden wir nicht ebenfalls einen Moment stocken?

Zuerst waren sie Freunde

Der große und verehrte Meister setzt nicht unmittelbar bei der Bestattung ein. Zuvor erzählt er, wie Zisang Hu, Meng Zifan und Ziqin Zhang Freunde wurden. Sie fragen, wer miteinander sein könne, ohne ein bestimmtes Miteinander festzuhalten, und füreinander handeln, ohne sich auf ein bestimmtes Füreinander festzulegen; wer gemeinsam im Grenzenlosen wandern und einander vergessend leben könne. Die drei unterzeichnen hier keinen Freundschaftsvertrag. Die Worte führen weit hinaus und sind verschlungen. Doch sie geben dem späteren Lied einen Hintergrund: Diese Menschen hatten schon miteinander darüber gesprochen, wie das Leben nicht in den vertrauten Trennungen eingeschlossen bleiben muss. Sie sehen einander an und lachen, ohne inneren Widerspruch gegeneinander. Daraus folgt nicht, dass es zwischen ihnen nie Absprachen, Rituale oder Verantwortung gab. Was das Original nicht aufzählt, ist deshalb nicht ausnahmslos abwesend.

Zumindest begegnet Zigong also nicht zwei Menschen ohne Beziehung zum Verstorbenen, die sich bei einer Beisetzung vergnügen. Was er sieht, geschieht innerhalb einer Freundschaft, die er noch nicht kennt. So kann sich die Frage ein wenig verschieben. Bevor wir prüfen, ob sie sich auf die richtige Weise verabschieden: Sollten wir nicht erst hören, zu wem sie sprechen und was sie sagen?

Ein Lied ist kein Prüfbericht über Gefühle

In ‚Wir sind immer noch hier als Menschen‘ können ein Seufzen, ein vertrauter Scherz oder die Annahme von Veränderung liegen. Wir brauchen den beiden nicht vorzuschreiben, wie viel Trauer und wie viel Neid genau in ihrem Inneren steckt. Das Original sagt nicht: Eigentlich seien sie sehr traurig, nur ersetze das Singen ihr Weinen. Diese Deutung ist uns vielleicht nahe. Sie kann aber auch die fremde Szene wieder in unsere vertraute Erfahrung zurückdrängen: Wenn es sich am Ende doch als Ausdruck von Trauer erklären lässt, können wir beruhigt sein.

Konfuzius erklärt danach jedoch, die beiden wandelten mit der schöpferischen Verwandlung. Sie sähen das Leben sogar als angewachsene Geschwulst und den Tod als Lösung einer Fessel. Diese Sprache über Leben und Tod ist radikaler als ein ‚Jeder trauert auf seine Weise‘. Wir sollten sie nicht stillschweigend abschleifen. Wir können diese Sicht unvollständig oder gar nicht teilen und dennoch anerkennen, dass sie hinter dem Lied steht. Beim Lesen bleiben nicht nur zwei Möglichkeiten: genau wie die Figuren zu leben oder sie des Verstehens für unwürdig zu erklären. Uns zunächst einzugestehen, dass wir noch nicht verstanden haben, lässt schon etwas mehr Raum, als den Gesang sofort für gefühllos oder für die allerhöchste Form inniger Anteilnahme zu erklären.

Zigong bleibt nicht bei seiner ersten Frage stehen

Zurück bei Konfuzius fragt Zigong: ‚Was sind das für Menschen?‘ Sie hielten sich nicht an die üblichen Anstandsformen, achteten die leibliche Gestalt nicht, sängen vor dem Toten, ohne dass ihre Miene sich verändere; er wisse nicht einmal, wie er sie nennen solle. Darin stecken weiterhin Verwirrung und sogar Vorwurf. Aber es ist immerhin eine weitere Frage. Er vermerkt nicht bloß einen Verstoß gegen die Sitte und schließt die Akte. Später fragt er noch, welcher Seite der Lehrer selbst folge, dann nach dem Weg dorthin und nach der Bedeutung des ‚ungewöhnlichen Menschen‘. Das Gespräch geht weiter. Der Mensch, der den Sinn des Rituals nicht verstand, muss nicht für immer auf die Rolle des Unverständigen festgelegt bleiben.

Wir müssen Zigong also nicht zur lernunfähigen Pappfigur machen, nur um die beiden Freunde zu loben. Manchmal beginnt späteres Verstehen gerade mit jener ersten, noch unzulänglichen Frage. Auch wir brauchen im Augenblick der ersten Überraschung nicht sofort die vollkommen passenden Worte zu finden. Wichtiger ist, ob wir nach einer anderen Erklärung weiterfragen wollen.

Auch Konfuzius hinterfragt seine eigene Entscheidung

Der Konfuzius dieser Geschichte sagt:

Sie wandern außerhalb der Grenzen; ich, Qiu, wandere innerhalb. Außen und Innen erreichen einander nicht. Dass ich dich trotzdem zum Beileidsbesuch geschickt habe, zeigt meine Beschränktheit.

Sie leben außerhalb, ich innerhalb der gewöhnlichen Grenzen, und dennoch habe ich dich zur Beileidsbekundung geschickt: Das war meine Beschränktheit. Konfuzius sagt nicht bloß, der Schüler hätte geschickter handeln sollen. Er hinterfragt auch seine eigene Entscheidung, den Schüler hinzuschicken. Er hat jemanden mit einer bestimmten Vorstellung des Rituals zum Helfen geschickt, ohne vorher zu bedenken, ob die anderen vielleicht nach einem anderen Verständnis leben. Allerdings lässt sich die Passage auch nicht einfach in ‚Beide Regelwerke sind gleichermaßen richtig, also sollen sie nichts miteinander zu tun haben‘ umschreiben. Konfuzius lobt das Leben außerhalb im Anschluss sehr entschieden, nennt sich selbst einen vom Himmel gestraften Menschen und spricht mit Zigong weiter über die Gründe. Die Grenze ist nicht so fest, dass jedes Gespräch unmöglich wäre.

Von einem Außen sprechen zu können beweist noch nicht, selbst dort angekommen zu sein. Die eigenen Grenzen einzugestehen muss umgekehrt auch keine bloß gespielte Bescheidenheit sein. Dieser Konfuzius erklärt etwas und zeigt dabei zugleich seine eigene Stellung. Wir können diese Komplexität stehen lassen.

Worum sollte sich das Ritual eigentlich kümmern?

Die beiden Freunde fragen nach dem Sinn des Rituals. Schon deshalb können wir die Erzählung nicht nur als Sieg über jede Zeremonie lesen. Wirkliche Rituale helfen oft. Wer trauert und nicht weiß, was er sagen oder tun soll, muss dank einiger gemeinsamer Handlungen zumindest vorübergehend nicht alles allein erfinden. Einer bereitet Essen, einer zeigt den Weg, einer bleibt still dabei: Auch darin kann das Gewicht eines Rituals liegen. Die Frage ist, ob die Handlungen begonnen haben, die Menschen zu überlagern, denen sie dienen sollten. Erst eine bestimmte Menge an Tränen gilt als Nähe; nur wer nie lacht, nimmt den Anlass ernst. Schließlich müssen Menschen neben ihrem Verlust auch noch die Prüfung ihres Auftretens durch andere bewältigen.

Die umgekehrte Richtung kann ebenfalls in die Irre führen. Vom Überlieferten abzuweichen ist kein automatischer Beweis von Aufrichtigkeit. Eine ungewöhnliche Verabschiedung kann inszeniert sein, ein vertrautes Ritual kann tiefe Gefühle tragen. Die Form verdient Beachtung. Allein an ihr lässt sich ein Herz aber nicht überprüfen.

Manchmal sollte man nicht gleich alles für andere einrichten

Stell dir eine Gedenkfeier vor. Die Familie hat entschieden, einen Ausschnitt aus der Lieblingskomödie des Verstorbenen zu zeigen. Jemand lacht, ein anderer runzelt die Stirn: Wie kann man jetzt noch lachen? Vielleicht hat dieses Lachen innerhalb der Familie einen sehr konkreten Hintergrund. Vielleicht fühlt sich auch jemand wirklich verletzt, und man muss darüber sprechen. Mit einem bloßen ‚Das ist eben ihre Art‘ dürfen wir die Gefühle anderer Anwesender nicht streichen. Doch ‚Warum habt ihr diesen Ausschnitt gewählt?‘ führt in ein anderes Gespräch als die sofortige Erklärung ‚Das gehört sich nicht‘. Mit der ersten Frage erfahren wir womöglich noch etwas aus einem Leben, das wir nicht kannten.

Darin liegt eine kleine Möglichkeit, den alten Text in die Gegenwart mitzunehmen – keine Aufforderung, bei jeder Beisetzung zu singen. Wer helfen kommt, kann zuerst fragen, was gebraucht wird. Wer unsicher ist, darf vorläufig darauf verzichten, Richter zu sein. Eine Meinung darf weiterhin ausgesprochen werden. Sie muss nur nicht, noch bevor das Verstehen beginnt, schon allen ihren festen Platz zuweisen.

Das Außen ist kein Freibrief für dich selbst

‚Deine Maßstäbe gelten für mich nicht‘ kann auch eine Flucht vor Verantwortung werden. Einer verletzt Menschen und erklärt sich nicht: Sie verstünden eben seinen Entwicklungsstand nicht. Einer entscheidet, andere tragen die Kosten, und er verlangt, nicht mit gewöhnlichem Verstand gemessen zu werden. Dafür erteilt die Geschichte keinen Freibrief. Sobald unser Tun andere betrifft, bleiben Fragen nach Auswirkungen, Willen und Verantwortung zu beantworten. Dass gegenseitiges Verstehen Grenzen hat, macht nicht jede Nachfrage unzulässig. Umgekehrt darf natürlich auch ein missverstandener Mensch sagen: Dein Maßstab hat meine Lage nicht erfasst. Dürfte allein derjenige, der den Maßstab anlegt, erklären, dass dieser zu kurz ist, läge das ganze Recht auf Korrektur wieder beim Bewertenden.

Wertvoller ist, wenn beide ihre Worte ändern können. Wer fragt, kann zuhören; wer beurteilt wird, kann antworten. Danach lässt sich weiter prüfen, was konkret geschieht. Es muss kein Wettstreit darum werden, wer mehr Anrecht darauf hat, außerhalb der Grenzen zu stehen.

Ein Name bleibt im Ohr

Die Szene kann die Geschichte von Qin Shis Besuch beim verstorbenen Lao Dan ergänzen. Drei Klagerufe und ein Lied brauchen daraus aber nicht die nächste richtige Quote zu bilden. Was uns innehalten lässt, ist nicht die Zahl, sondern unser Verständnis eines wirklichen Abschieds. Das Lied für Zisang Hu beginnt damit, den Namen des Freundes zweimal zu rufen. Noch vor dem Urteil über die Sitte und vor der Philosophie, die wir daraus zusammenfassen, ist da ein angerufener Mensch. Wenn du das nächste Mal sagen möchtest: ‚Wie kann man in einem solchen Augenblick nur so handeln?‘, höre vielleicht erst ein wenig zu. Du wirst womöglich nicht zustimmen, vielleicht weiterhin widersprechen. Aber zumindest weißt du dann vor deinem Widerspruch etwas darüber, was für eine Beziehung und was für ein Mensch das ist.

Wer zum Helfen kommt, muss nicht als Erstes Richter werden.

Text und Lesart

Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Die gegenwärtigen Vergleiche sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Vorgänge der alten Erzählung. Weder die Gefühle der singenden Freunde noch ein allgemeines Verbot von Ritualen werden aus der Szene abgeleitet; die Rede von einem Leben außerhalb der gewöhnlichen Grenzen entbindet nicht von Fragen nach Verantwortung. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Text und Lesart: Der große und verehrte Meister · Da zong shi.

Die chinesische Seite bewahrt die klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Ereignissen, die das Original berichtet.