Das Zhuangzi neu aufschlagen · 25 · Nüyu und Buliang Yi
Die Begabung hat er, sagt die Lehrerin. Ich habe sie nicht.
Ein Schüler ist keine jüngere Ausgabe seines Lehrers. Auch die ungewöhnlichen Stufen seiner Entwicklung ergeben keinen Trainingsplan für alle.
Sie sagt: Der Schüler hat die Begabung
Als Nanbo Zikui Nüyu begegnet, fällt ihm zunächst ihr Gesicht auf. Sie ist schon sehr alt; warum sieht sie noch aus wie ein Kind? Der große und verehrte Meister lässt sie antworten: Ich habe vom Dao gehört. Sofort fragt Zikui, ob auch er es lernen könne. Sie weist ihn zurück: Nein, du bist nicht der Mensch dafür. Das ist kein Erstgespräch von kantenloser Sanftheit. Mit dem ungewöhnlichen Gesicht und der jähen Absage führt uns die alte Fabel zu einer Frage: Wie geschehen bestimmte Veränderungen eigentlich? Wir müssen das kindliche Gesicht nicht als nachprüfbare Wirkung einer verjüngenden Behandlung lesen. Ebenso wenig muss Nüyus Urteil über den Besucher zum endgültigen Schicksalsspruch werden.
Anschließend erzählt sie von Buliang Yi, den sie unterrichtet hat. Besonders lohnt es sich, bei einem Satz zu verweilen:
Buliang Yi hat die Begabung eines Weisen, aber nicht dessen Dao. Ich habe das Dao eines Weisen, aber nicht dessen Begabung.
Er besitzt die Voraussetzungen, ein Weiser zu werden, ohne schon den entsprechenden Weg zu haben. Sie hat etwas verstanden, besitzt aber seine Begabung nicht. Damit erklärt sich die Lehrerin nicht für völlig unfähig. Sie erkennt vielmehr an, dass der Schüler etwas mitbringt, das keine Wiederholung ihrer selbst ist.
Lehren muss nicht heißen, sich selbst zu vergrößern
Lehrverhältnisse werden leicht zu einer Treppe. Oben steht der Lehrer, der Schüler folgt seinen Fußspuren. Jeder Fortschritt bestätigt nur, dass der Lehrer schon immer dort war. Nüyus Satz lockert diese Treppe. Dass sie Buliang Yi helfen kann, heißt nicht, dass seine gesamte Zukunft schon in ihr enthalten wäre. Sie kennt manche Wege; er bringt etwas mit, das ihr fehlt. Fachwissen wird damit selbstverständlich nicht überflüssig. Wer Operationen, Autofahren oder Lesen und Schreiben lehrt, muss die Sache verstehen und sie erklären und vormachen können. Ein bloßes ‚Ich glaube an dein Potenzial‘ ersetzt keinen gründlichen Unterricht.
Neben der Wissensvermittlung gibt es aber eine vertraute Schwierigkeit: Der Lehrer beginnt zu erwarten, dass der Schüler mit seinem ganzen Leben die Richtigkeit seiner Methode beweist. Eine andere Richtung wirkt wie Verrat; eine abweichende Einsicht gilt als Zeichen, noch nicht genug gelernt zu haben. Nüyus Satz kann uns hier anhalten: Hilfst du diesem Menschen, eigene Fähigkeiten auszubilden, oder möchtest du eine jüngere Ausgabe deiner selbst in der Welt haben?
Drei Tage, sieben Tage, neun Tage
Sie habe Buliang Yi begleitet und unterwiesen, erzählt Nüyu. Nach drei Tagen konnte er ‚die Welt draußen lassen‘, nach weiteren sieben ‚die Dinge draußen lassen‘, nach weiteren neun ‚das Leben draußen lassen‘. Dann folgen Morgenklarheit, das Sehen des Einen, kein Früher und Heute mehr und schließlich der Eintritt ins ‚Nicht-Sterben und Nicht-Leben‘. Diese dichten Wörter könnten einen Essay unvermittelt in eine Tabelle spiritueller Stufen verwandeln. Wir brauchen sie nicht zuerst auswendig zu lernen oder aus den Tageszahlen einen Lehrplan zu errechnen. Der Text erzählt durchaus von einer Folge und von Wartezeiten. Drei, sieben und neun sind jedoch keine geprüften Trainingszyklen, die auf jeden Menschen passen. Sie beweisen auch nicht, dass jede schwierigere Stufe genau zwei Tage zusätzlich verlangt.
Außerdem enthält das ‚Begleiten und Unterweisen‘ ausdrücklich das Mitteilen. Wir können uns die Lehrerin also nicht als jemanden vorstellen, der stets schweigend danebensteht und nur auf die selbständige Erleuchtung des Schülers wartet. Was an den einzelnen Tagen unterrichtet wurde, erfahren wir nicht. Lassen wir manche Lücke offen. Sonst haben wir aus einer Erzählung über Einsicht schnell ein bis auf den Tagesablauf festgelegtes Coaching-Handbuch gemacht.
Draußen lassen heißt nicht, das Leben wegzuwerfen
Wie könnten wir das Draußenlassen von Welt, Dingen und Leben verstehen? Im Rahmen dieses Essays lässt sich zunächst fragen: Gibt es etwas, das einmal den ganzen inneren Raum besetzt hat und einen allmählich nicht mehr vollständig im Griff hält? Etwa das Urteil anderer. Früher genügte ein unzufriedener Blick, um den gesamten Tag umzuplanen. Später nimmt man ihn noch wahr und hört auch Einwände, behandelt aber nicht jede Bewertung als letztes Urteil. Nicht die Welt ist verschwunden. Ihre Stimme spricht nur nicht mehr ausschließlich in Befehlen.
Oder denke an das, was du besitzt. Arbeit, Bücher und Wohnung dürfen dir lieb sein. Ihr Verlust kann schmerzen; vielleicht musst du dich ernsthaft darum bemühen, sie zu behalten. Dennoch liegt ein Unterschied zwischen Wertschätzen und dem Zwang, die eigene Existenz ausschließlich durch diesen Besitz zu beweisen. Solche Alltagsbeispiele sind nicht die einzig richtigen Definitionen der alten Wörter. Sie geben dem Draußenlassen lediglich einen weniger entrückten Zugang. Gefordert wird weder, Eigentum wegzuwerfen und Beziehungen abzubrechen, noch, jede Sorge für etwas als minderwertig abzutun.
Noch weniger darf das ‚Leben draußen lassen‘ heißen, den Körper nicht mehr versorgen zu müssen. Nicht mehr zu essen, notwendige Pflege aufzugeben oder sich in Gefahr zu begeben beweist keinen hohen Entwicklungsstand. Am Anfang desselben Kapitels steht auch, die natürliche Lebenszeit auszuschöpfen, ohne mitten auf dem Weg vorzeitig zu sterben. Das Leben selbst wird dort nicht zu einem Fehler erklärt, den man möglichst bald abschütteln sollte.
Der wahre Mensch ist keine Einladung zum Versuch im Feuer
Das Kapitel beschreibt den wahren Menschen auf außergewöhnliche Weise: In der Höhe fürchtet er sich nicht, im Wasser wird er nicht nass, im Feuer nicht heiß. Damit steht uns eine Gestalt vor Augen, die den gewöhnlichen Bindungen entzogen scheint. Eine Garantie, dass der wirkliche Körper vor Verletzungen sicher sei, entsteht daraus nicht. Es gibt aber auch lebensnähere Sätze: ‚Bei einem Fehltritt bereute er nicht; traf er das Rechte, war er nicht selbstzufrieden.‘ Nicht von der Reue verschlungen werden, wenn etwas misslingt, und sich beim Gelingen nicht gleich selbst bewundern: So gelesen erinnert das an eine Gelassenheit, die nicht unablässig am Urteil über sich selbst hängt.
Das Ausbleiben der Reue hebt jedoch keine Verantwortung für eine Verletzung anderer auf. Notwendige Entschuldigungen, Wiedergutmachung und Änderungen lassen sich nicht mit der Behauptung umgehen, man habe losgelassen. Eine gewichtige Lösung innerer Enge setzt Kraft frei, diese Dinge zu tun. Sie lässt nicht den Verletzten für die eigene geistige Weite bezahlen. Der wahre Mensch ist auch nicht ohne Freude und Zorn. Das Kapitel lässt beide wie die vier Jahreszeiten durch ihn hindurchgehen. Wer damit einen lange Trauernden tadelt, er verstehe Leben und Tod noch nicht, befestigt dem Leben wieder einen Jahreszeitenplan, von dem es nicht abweichen darf. Menschen dürfen länger brauchen und Hilfe benötigen. Die ideale Gestalt des alten Textes muss nicht unser Maßstab dafür werden, ob ein heutiger Schmerz zulässig ist.
Ruhe gibt es nicht nur dort, wo niemand dich berührt
Nach den weit entrückten Zuständen verwendet Nüyu noch einen Ausdruck: yingning, Ruhe inmitten von Berührung und Störung. Etwas trifft einen, etwas bringt Bewegung hinein, und darin entsteht Ruhe. Blieben nur die vielen vorangegangenen Wörter des Draußenlassens stehen, könnte das beste Leben wie vollständige Abschirmung wirken: keine Beziehungen mehr, nur ein Selbst, auf das nichts Einfluss hat. Dieser Ausdruck bringt die Begegnung zurück. Vielleicht können wir es so verstehen: Du hörst einen Einwand, bist unangenehm berührt und musst vielleicht etwas ändern. Etwas nimmt plötzlich einen anderen Verlauf; du ordnest neu, ohne zuerst beweisen zu müssen, dass es dich überhaupt nicht getroffen hat.
Die Festigkeit besteht hier nicht darin, dass das Leben einen nicht erreicht. Sie besteht darin, nach einer Berührung weiterhin antworten zu können. Auch das bleibt eine Lesart, mit der wir den alten Text auf unser Leben beziehen. Die gesamten philosophischen Fragen des Nicht-Sterbens und Nicht-Lebens sind damit nicht geklärt. Ein stiller Raum kann sehr helfen, und vorübergehender Rückzug kann notwendig sein. Besteht die einzige Bedingung des Friedens aber darin, dass niemand mehr kommen darf, verbringt das Leben leicht seine ganze Zeit an der Türwache.
Auch der Lehrer kann deine Ankunft nicht für dich verkünden
Nüyu urteilt, und sie wartet. Übertragen wir das auf die Gegenwart, darf daraus kein Deutungsmonopol des Lehrers über das Innere des Schülers werden: Du findest etwas falsch, weil du noch nicht weit genug bist. Ich weiß, was du brauchst; dein Nein zählt daher nicht. Eine vertrauenswürdige Begleitung muss Fragen zulassen, Gründe erläutern und auch akzeptieren, dass diese Beziehung enden kann. Schüler dürfen einen anderen Lehrer und eine andere Methode suchen.
Wir können die Schärfe der Zurückweisung am Anfang wahrnehmen, ohne sie zum Ideal jedes Unterrichts zu erheben. Von einem Lehrer abgewiesen zu werden bedeutet nicht, dass die Möglichkeiten eines Menschen schon vollständig erkannt wären. Erst recht darf Entwicklung nicht als selbstverständliche Eintrittsgebühr verlangen, sein Vertrauen in sich zerstören zu lassen. Jemand, der mitgeht, kann helfen. Jemand, der die Verfügung über den ganzen Weg übernimmt, ist etwas anderes.
Am Ende des Nachfragens steht ein Name
Zikui fragt Nüyu, von wem sie gehört habe. Nun führt die Erzählung durch eine lange Reihe seltsamer Namen: vom Sohn der Beischrift über den Enkel der Rezitation bis zu Yishi, dem fraglichen oder bezweifelten Anfang. Mit den Namen verbinden sich Schrift, mündlicher Vortrag, Dunkelheit und Ursprung. Ihre genaue Auslegung unterscheidet sich wiederum von Kommentar zu Kommentar. Der Text legt nicht wie ein wirkliches Verzeichnis von Lehrern und Schülern jede Herkunft fest. Wer der Quelle nachgeht, landet vielmehr an einem Ort, der ‚Zweifelnder Anfang‘ heißt. Zu wissen, woher etwas gelernt ist, bleibt wichtig. Die Frage nach dem Anfang muss damit aber noch nicht geschlossen sein.
Deshalb braucht auch dieser Essay der Entwicklung kein letztes Zeugnis auszustellen. Buliang Yi ist keine Kopie Nüyus. Wir müssen uns nicht hinter ihnen einreihen und hastig ausrechnen, wie viele Stufen uns noch fehlen. Eine kleinere Frage genügt zunächst: Welche Last musst du inzwischen nicht mehr so verkrampft tragen? Welche Fähigkeit lohnt es sich weiterhin gründlich zu lernen? Weniger Last und mehr Lernen widersprechen sich nicht. Du musst nicht erst unberührbar werden, um in einem Leben, das dich weiterhin berührt, langsam festen Boden zu gewinnen.
Text und Lesart
Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Die heutigen Beispiele erschließen eine Lesart, ohne die alten Begriffe abschließend zu erklären oder zusätzliche Ereignisse zu behaupten. Tageszahlen und außergewöhnliche Beschreibungen sind weder geprüfte Trainingsfristen noch gesundheitliche Sicherheitsversprechen. Die theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Text und Lesart: Der große und verehrte Meister · Da zong shi.
Die chinesische Seite bewahrt die klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Ereignissen, die das Original berichtet.