Das Zhuangzi neu aufschlagen · 24 · Aitaituo
Warum möchte man bei ihm bleiben?
Aitaituo bietet weder Rang noch Reichtum. Wer sich in seiner Nähe wohlfühlt, muss ihm deshalb noch lange kein Amt geben.
Er hat keinen glänzenden Lebenslauf
Herzog Ai von Lu begegnet einem Menschen namens Aitaituo und versteht nicht, weshalb dieser ihn so anzieht. Sein Aussehen könne einem Schrecken einjagen, heißt es in der Geschichte. Dennoch wollen Männer, die mit ihm zusammen sind, nicht mehr fort; auch Frauen suchen seine Nähe. Das Zeichen erfüllter Tugend steigert diese Anziehung noch mit der Behauptung, Frauen wären lieber seine Nebenfrau als die Hauptfrau eines anderen. Das ist eine Übertreibung innerhalb einer alten ehelichen Rangordnung, kein Liebesideal, das wir heute übernehmen sollten. Bewahren wir zunächst das Erstaunen: Die üblichen Voraussetzungen, die angeblich die Nähe eines Menschen anziehend machen, scheinen bei ihm keineswegs vollständig vorhanden.
Er hat keine hohe Stellung, aus der er Menschen aus Bedrängnis retten könnte, und keine Rücklagen, mit denen er ihre Mägen füllen könnte. Auch auf den verschiedenen Wissensgebieten ist er kein weithin berühmter Gelehrter, zu dem alle ratsuchend kommen. Warum bleiben die Menschen also? Herzog Ai wundert sich nicht bloß stellvertretend für andere. Nach weniger als einem Monat beginnt er selbst, auf diesen Menschen zu achten. Noch vor Ablauf eines Jahres vertraut er ihm tief und möchte ihm die Regierungsgeschäfte übergeben.
Er ist nicht einfach stumm
Im Original heißt es, Aitaituo stimme gewöhnlich mit anderen zusammen und ‚stimme ein, ohne den Ton anzugeben‘. Er antwortet eher, als dass er immer vorangeht und alles lenkt. Dass er nicht den Ton angibt, bedeutet weder, dass er nicht sprechen könnte, noch, dass er keine Meinung hätte. Nur muss nicht jede Begegnung damit beginnen, dass er die Richtung bestimmt und alle anderen folgen. Die ermüdende Gegenform kennen wir vermutlich. Kaum erwähnst du ein Buch, zählt dein Gegenüber schon zehn auf, die es längst gelesen hat. Du sprichst eine kleine Schwierigkeit an, und bald geht es darum, wie es seinerzeit eine viel größere glänzend gelöst hat.
Böse Absicht muss nicht dahinterstecken. Vielleicht ist der andere wirklich hilfsbereit und weiß viel. Beim Hinausgehen stellst du dennoch fest, dass du wieder nur Zuhörer gewesen bist. Die Sache, die du mitbringen wolltest, kam noch gar nicht auf den Tisch. Aitaituo lässt eine andere Möglichkeit sichtbar werden. Bei ihm müsstest du nicht erst eine Lücke in seinem Vortrag finden. Du dürftest mit deinen noch ungeordneten Worten kommen, ohne dass er daraus sofort seine Antwort machen müsste. Das ist unsere Überlegung im Anschluss an das ‚Einstimmen, ohne den Ton anzugeben‘. Das alte Buch hat nicht den Ablauf all seiner Besuche protokolliert.
Dem Herzog fällt als Erstes ein Amt ein
Schließlich führt Ais Vertrauen zu einem sehr vertrauten Schritt: Er will ein Amt vergeben. Im Land fehlt jemand, der die Regierungsgeschäfte führt; Aitaituo soll sie übernehmen. Eine feierliche Übergabe des Landes hat hier noch nicht stattgefunden, und wir sollten auch nicht sagen, der Herzog schenke ihm den Thron. Im Original geht es um die Übertragung der Staatsgeschäfte. Der Empfänger nimmt sie keineswegs freudig an. Er bleibt ungerührt und scheint abzulehnen. Ai schämt sich und überträgt ihm am Ende trotzdem die Geschäfte. Bald darauf geht Aitaituo fort. Der Herzog ist traurig und verloren, als fände er plötzlich den Menschen nicht mehr, bei dem er unbefangen und ruhig sein konnte.
Wir wissen nicht, weshalb Aitaituo geht. Wir können ihm weder den Satz unterschieben, seine Bildungsaufgabe sei jetzt abgeschlossen, noch sicher behaupten, er protestiere gegen die Ernennung. Die Geschichte enthält keine solche Kündigungsbegründung. Ihre Abfolge reicht aber für eine Frage an uns selbst: Wenn wir einen Menschen mögen, sind wir dann nicht schnell dabei, ihm eine für uns nützliche Rolle zurechtzulegen?
Auch gute Absichten müssen nachfragen
Ein Kollege kann gut zuhören. Also suchen ihn alle auf, sobald es im Team Streit gibt. Was als Vertrauen beginnt, wird mit der Zeit selbstverständlich. Eines Tages möchte er nicht zuhören, und alle staunen: Du warst doch immer der Einfühlsamste! Eine Freundin schreibt gut; wir bitten sie um Hilfe beim Überarbeiten. Einmal, zweimal, bis ihre eigene Schreibzeit verdrängt ist. Lehnt sie dann ab, muss sie erklären, warum sie plötzlich keine gute Freundin mehr sei. Nicht die Bitte um Hilfe ist der Fehler. Ebenso wenig verderben schon ein Amt oder eine Bezahlung die Beziehung. Entscheidend ist, ob wir wirklich gefragt haben: Will dieser Mensch das tun? Wie viel davon ist angemessen? Darf er seine Meinung ändern?
Eine Fähigkeit wahrzunehmen ist das eine. Sie als jederzeit abrufbare öffentliche Ressource zu behandeln ist etwas anderes. Der Herzog mag aus aufrichtiger Wertschätzung handeln; wir müssen nicht jeden seiner Gedanken als Kalkül deuten. Gerade wenn die Wertschätzung echt ist, wird aber der nächste Impuls leicht unsichtbar: selbst festzulegen, in welche Richtung der andere gehen soll.
Warum gehen die Ferkel fort?
Konfuzius antwortet dem Herzog zunächst mit einem unangenehmen Bild. Ferkel trinken bei einer Sau, die schon tot ist. Nach einer Weile schrecken sie auf und gehen eines nach dem anderen fort. Die Gestalt der Mutter ist noch da, doch das Leben, das sie zu ihr zog, ist verschwunden. Mit dieser Szene lenkt Konfuzius den Blick vom Aussehen auf das, ‚was ihre Gestalt sein lässt‘: was diesen Körper lebendig macht. Das heißt nicht, dass der Körper keine Fürsorge verdiente. Ebenso wenig soll der Mensch in eine beliebig beschädigbare Hülle und ein anderes, höheres Selbst zerlegt werden. Schmerz, Krankheit und Hunger sind wirklich. Ein Hinweis auf das Innere darf sie nicht überspringen.
In diesem Gespräch leistet das Bild etwas Bestimmteres. Fragen wir nur, wie jemand aussieht, welches Amt er hat und welche Güter er anbieten kann, haben wir noch nicht erklärt, was Menschen tatsächlich in seiner Nähe erleben. Was eine Beziehung anziehend macht, ist mitunter unscheinbar. Vielleicht wird nicht sofort jedes Wort für falsch erklärt. Vielleicht findet ein Widerspruch Platz. Vielleicht darf man sich setzen, ohne vorher so tun zu müssen, als hätte man alles bestens im Griff.
Das eigene Gutsein nicht vor sich hertragen müssen
Konfuzius nennt Aitaituo einen Menschen, dessen Anlagen ganz seien und dessen Tugend sich nicht zur Schau stelle. Mit den ‚Anlagen‘ ist mehr als eine berufliche Spezialfertigkeit gemeint. Dass sich die Tugend nicht zeigt, bedeutet auch nicht, er hätte keinerlei erkennbaren Charakter. Wir können darin ein Gutsein sehen, das nicht sogleich ein Schild vor sich aufstellt: Wie tolerant ich doch bin, wie weit ich es gebracht habe, wie frei du dich hier gefälligst fühlen sollst! Der Text vergleicht ihn mit stillem Wasser und sagt außerdem:
Es lässt einen in Eintracht, Freude und Offenheit sein, ohne die Freude einzubüßen; Tag und Nacht bleibt kein Spalt, und mit den Dingen wird es Frühling. So entsteht im Herzen die rechte Zeit, wenn es ihnen begegnet.
‚Mit den Dingen Frühling werden‘ ist ein schönes Bild. Der Frühling schneidet nicht jede Pflanze in dieselbe Form. Er schafft Bedingungen, unter denen sie wachsen kann. Zwischen Menschen könnte das heißen: In deiner Nähe muss ich nicht möglichst schnell so werden wie du, um als gut gewachsen zu gelten. Das verlangt von einem liebenswerten Menschen allerdings nicht, stets sanft und selbst bedürfnislos zu sein. Auch er darf müde werden, widersprechen und um einen anderen Zeitpunkt bitten. Fordern wir bedingungslose Aufnahme und genießen dann, wie wohl sie uns tut, haben wir eine neue Last nur als Lob verkleidet.
Schweigen hat nicht von selbst recht
Mitunter wird das Nicht-Anführen als besonders hohe Lehrkunst ausgemalt: Sagt der Schüler etwas Richtiges, nickt der Lehrer; sagt er etwas Falsches, schweigt er, damit der Schüler selbst darauf kommt. Einen solchen Ablauf hat das Original nicht aufgezeichnet. Auch im wirklichen Leben wird ein Lehrer nicht umso weiser, je weniger er erklärt. Vielleicht brauchst du gerade einen klaren Grund, eine konkrete Vorführung oder einen ausdrücklichen Widerspruch. Jemanden lange rätseln zu lassen, worin er nicht genügt, ist nicht schon von Natur aus respektvoller als eine Erklärung.
Aitaituo ist kein fertiges Schulungskonzept zum Nachmachen. Eher bringt er die vertraute Menschenkenntnis des Herzogs für einen Moment ins Stocken: Alle üblichen Voraussetzungen sind aufgezählt, und noch immer ist nicht erklärt, warum ich bei ihm sein möchte. Nun brauchen wir nicht hastig eine weitere unsichtbare Kennzahl zu erfinden und danach jeden Freund zu prüfen. Menschen können anziehend sein oder im Umgang unbeholfen. Fehlt ihnen diese Anziehungskraft, ist ihr Leben deshalb nicht weniger wert.
Hinter der ersten Geschichte steht noch ein Satz
Die Passage endet nicht mit der Trauer des Herzogs über Aitaituos Fortgang. Später erzählt Ai dem Minzi, er habe früher geglaubt, als Fürst zu herrschen und die Regierungsgeschäfte zu führen sei bereits das Höchste. Erst Konfuzius habe ihn die Beschränktheit dieser Sicht erkennen lassen. Dann sagt er:
Ich und Kong Qiu sind nicht Fürst und Untertan. Wir sind nichts als Freunde in der Tugend!
Er ist bereit, seine Beziehung zu Konfuzius als Freundschaft in der Tugend zu beschreiben, nicht allein nach Herrschaft und Unterordnung. Mindestens eines wird dadurch sichtbar: Die Geschichte behauptet nicht einfach, ein Amt mache jede Begegnung zwischen Menschen unmöglich. Die Rollen bestehen weiter, und ein Satz lässt auch nicht sämtliche Verantwortung verschwinden. Menschen werden von den Rollen aber nicht ausgeschöpft; innerhalb dieser Verhältnisse können sie den anderen neu sehen. Was Ais Worte diesmal bedeuten und ob er ihnen gerecht werden kann, muss sein weiteres Leben erst zeigen.
Ein Platz, für den er kein Amt übernehmen muss
Vielleicht fällt dir nach der Lektüre ein Mensch ein, in dessen Nähe du dich wohlfühlst. Suche nicht sofort nach seinem Geheimnis und beschließe nicht gleich, ihm mehr Aufgaben zu geben. Frage ihn beim nächsten Treffen, wie es ihm geht. Warte darauf, dass auch seine eigenen Dinge Platz bekommen. Lass zu, dass er heute weniger geduldig ist als sonst und manches nicht hören möchte. Helfen zu können ist ein schöner Teil einer Beziehung. Bleiben zu dürfen, auch wenn man nicht hilft, ist es ebenfalls.
Aitaituo ist gegangen; der Grund bleibt offen. Wir können ihn dem Herzog wohl nicht zurückbringen. In unserem eigenen Leben können wir jedoch etwas unterlassen: Kaum haben wir den Wert eines Menschen gespürt, müssen wir ihm nicht schon eine Arbeit zuweisen, mit der er diesen Wert fortwährend zu beweisen hat.
Text und Lesart
Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Heutige Beispiele und weiterführende Überlegungen sind Lesarten des Autors, keine zusätzlich überlieferten Ereignisse. Weshalb Aitaituo geht, bleibt offen; die Erzählung wird weder zum Beleg eines wirklichen Thronverzichts noch zu einem verlässlichen Verfahren der Menschenbeurteilung gemacht. Die theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Text und Lesart: Das Zeichen erfüllter Tugend · De chong fu.
Die chinesische Seite bewahrt die klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Ereignissen, die das Original berichtet.