Das Zhuangzi neu aufschlagen · 23 · Shentu Jia und Zichan
Wir lernen zusammen. Warum suchst du mich dann in meiner äußeren Gestalt?
Zwei Mitschüler gehen zur selben Tür hinaus. Muss einer zurückbleiben, damit der Rang des anderen gewahrt bleibt?
Nach dem Unterricht: Wer geht zuerst?
Sie lernen bei demselben Lehrer und sitzen in demselben Raum. Doch als es ans Hinausgehen geht, stellt einer eine Regel auf: Gehe ich zuerst, bleibst du zurück. Gehst du zuerst, bleibe ich hier. Der Sprecher ist Zichan, der leitende Staatsmann von Zheng. Ihm gegenüber sitzt Shentu Jia, dem als Strafe ein Fuß abgetrennt worden ist. Am nächsten Tag sitzen beide wieder beim Unterricht, und Zichan wiederholt die Forderung. Diesmal fügt er eine Frage hinzu: Du weichst dem Regierenden nicht aus, wenn du ihn siehst. Willst du dich mit ihm auf eine Stufe stellen? Das Zeichen erfüllter Tugend macht Ungleichheit an einer winzigen Bewegung sichtbar. Du darfst durchaus zum Unterricht kommen und dem Lehrer zuhören. Nur gemeinsam hinausgehen sollen wir danach nicht.
Manche Abstände entstehen genau so. Äußerlich geht es um wenige Schritte. Tatsächlich ist den beiden schon eine Stellung zueinander zugewiesen: Mein Rang muss gewahrt werden; du musst mit deinem Dasein ein wenig zurücktreten.
Er hat sein Amt in den Unterricht mitgebracht
Shentu Jia fragt zunächst: Gibt es unter den Schülern unseres Lehrers denn auch so einen Regierenden? Hängst du so sehr an deinem Amt, dass du andere hinter dich stellst? Er weiß durchaus, was Zichan außerhalb des Raumes tut. Er bestreitet aber, dass dessen Macht von selbst in jede Beziehung mitwandern darf. Hier sind sie Mitschüler, nicht in einer Amtsstube, in der einer befiehlt und der andere ausweicht. Ein heller Spiegel halte keinen Staub fest, fährt Shentu Jia fort; wer lange mit einem weisen Menschen Umgang habe, sollte weniger Fehler machen. Wenn dir der Lehrer so wichtig ist, warum redest du dann noch so?
Er bittet nicht um eine besondere Vergünstigung. Er sagt auch nicht: Ich bin zwar körperlich beeinträchtigt, aber innerlich so weit entwickelt, dass du ausnahmsweise mit mir gehen könntest. Stattdessen fragt er Zichan direkt: Hat das, was du hier lernst, überhaupt berührt, wie du den Menschen neben dir behandelst? Leicht stellen wir diese Frage nur anderen. Beim Reden über Gleichheit sind alle einverstanden. Sobald Sitzplätze verteilt werden, Aufmerksamkeit zugeteilt wird oder zu entscheiden ist, auf wessen Wort wir noch einen Moment warten, kehren die vertrauten Rangunterschiede unbemerkt zurück.
Zichan schlägt zurück
Die Erzählung lässt Zichan nach diesen Worten nicht sofort beschämt einknicken. Er macht Shentu Jia einen Vorwurf: In deinem Zustand willst du mit Yao um das Gute wetteifern? Warum prüfst du nicht erst deinen eigenen Charakter? Damit schiebt er den fehlenden Fuß wieder zwischen sie. Was berechtigt dich, mich zu belehren? Schau erst auf dich selbst. Alte Körperstrafen hinterließen ein sichtbares Zeichen der Bestrafung. Ein solches Zeichen verrät einem späteren Betrachter jedoch nicht von selbst die ganze Geschichte. Wir bekommen keine Unterlagen, anhand deren wir Shentu Jias Fall prüfen könnten. Deshalb können wir weder die damalige Strafe für gerecht erklären noch nachträglich einen Justizirrtum erfinden.
Erkennbar ist dagegen, was Zichan jetzt tut: Mit dem körperlichen Mal entzieht er dem anderen die Stellung eines Menschen, der etwas zur Sprache bringen darf. Er beantwortet nicht die Frage nach seiner Überheblichkeit. Er fragt, ob ein Bestrafter überhaupt berechtigt sei, auf ein Problem hinzuweisen. Dieses Ausweichen ist keineswegs vergangen. Jemand kritisiert eine unvernünftige Arbeitsverteilung und hört: ‚Bring erst einmal deine eigenen Leistungen in Ordnung.‘ Jemand spricht eine ungerechte Behandlung an, und die Antwort lautet: ‚Du bist ja auch nicht ganz ohne Fehler.‘ Ein Mensch muss für sein Handeln einstehen. Daraus folgt nicht, dass andere auf seine Frage nicht mehr zu antworten brauchen.
Nicht getroffen worden zu sein ist nicht nur eigenes Können
Shentu Jia macht aus seiner Vergangenheit keine Lobesrede auf sich selbst. Er spricht über unterschiedliche Haltungen zu Verfehlung und Strafe und davon, das Unabänderliche zu erkennen und anzunehmen, als wäre es das eigene Los. Dann stellt er die beiden unvermittelt in die Schussweite des Meisterschützen Yi. Dort befinden sie sich genau in dem Bereich, in dem ein Pfeil treffen kann. Dass einer ungetroffen bleibt, hat auch mit seinem Los zu tun. Das Bild ist kühl. Für einen Augenblick nimmt es dem Mann mit den unversehrten Füßen eine bequeme Überlegenheit: Dass ich nicht in deine Lage geraten bin, beweist also nicht, dass ich auf jedem Schritt besser gehandelt habe als du.
Das bedeutet weder, dass Handlungen gleichgültig wären, noch, dass ihre Verantwortung verschwindet. Zum Leben gehört aber auch, welchen Gefahren einer ausgesetzt ist, wer Strafen verhängt und wann einer gerade noch davonkommt. Unverletzt zu bleiben erteilt nicht automatisch die Befugnis, über Verletzte zu Gericht zu sitzen. Beim bereits verlorenen Fuß sind ebenfalls zwei Dinge zu unterscheiden. Anzuerkennen, dass er nicht wiederhergestellt werden kann, heißt nicht, die Ordnung für gerecht zu erklären, durch die er verloren ging. Ein Mensch kann einen Umgang mit unwiderruflichem Schaden finden und zugleich weiter nach dessen Gründen fragen. Wir müssen diese beiden Dinge beim Lesen nicht zugunsten der Macht zusammenziehen.
Auch er wird zornig
Shentu Jia erzählt weiter: Viele Menschen mit unversehrten Füßen hätten ihn verspottet, und darüber werde er zornig. Gehe er jedoch zum Lehrer, sei dieser Zorn auf dem Rückweg gelöst. Habe der Lehrer ihn vielleicht mit dem Guten gewaschen, fragt er sogar. Diese Selbstbeschreibung ist kostbar. Sie verlangt von einem verachteten Menschen nicht, nie verletzt gewesen zu sein. Auch das offene Widersprechen wird nicht zum Beweis mangelnder Einsicht. Mitunter legen wir gerade Menschen, die diskriminiert werden, noch eine zusätzliche Höflichkeitspflicht auf: Sei ruhiger, sonst hört dir niemand zu. Wenn du dich schon angenommen hast, warum trifft dich das noch? Die ursprüngliche Verletzung ist dann noch gar nicht bearbeitet, und der Verletzte soll bereits seine Reaktion so zurechtrichten, dass andere sich damit wohlfühlen.
Shentu Jia ist kein solches Heiligenbild. Er sagt ausdrücklich, dass er zornig war. Neunzehn Jahre mit dem Lehrer haben ihm auch kein Zeugnis darüber eingebracht, fortan nie wieder wütend zu werden. Sie haben ihm vielmehr ein Leben eröffnet, in dem er nicht den ganzen Tag um den verlorenen Fuß kreisen und sich beweisen muss. Heute brauchen wir eine solche Veränderung nicht ausschließlich von einem einzigen Lehrer zu erhoffen. Freunde, Familie, verlässliche Hilfe und eine Umgebung, in der Demütigungen seltener werden, können ebenfalls dazu beitragen, dass jemand seine Belastungen nicht allein tragen muss. Ernst genommen zu werden ist von vornherein nicht nur eine Frage innerer Bildung.
Neunzehn Jahre, ohne einander über diesen Fuß zu begegnen
So lange sei er schon mit dem Lehrer zusammen, sagt Shentu Jia, und habe dabei ‚nie um mein Verstümmeltsein gewusst‘. Der genaue Sinn dieses Satzes lässt Spielraum. Im Zusammenhang ist vor allem wichtig: In dieser Beziehung stand der fehlende Fuß nicht unablässig im Mittelpunkt jeder Begegnung. Das heißt nicht, den Körper zu verleugnen, und schon gar nicht, notwendige Unterstützung abzuschaffen. Ist eine Schwelle schwer zu überwinden, muss sie leichter zugänglich werden. Braucht jemand Hilfe bei der Bewegung, kann man fragen, wie sie aussehen soll. Einen wirklichen Bedarf zu sehen ist etwas anderes, als einen Menschen für immer als einen bestimmten Mangel anzusehen. Erst danach fällt die eigentliche Gegenfrage:
Du und ich verkehren miteinander im Inneren der leiblichen Gestalt; du aber suchst mich an ihrem Äußeren. Ist das nicht verfehlt?
Wir lernen an einem Ort miteinander, an dem das äußere Erscheinungsbild uns nicht zu Ende beschreiben kann. Warum suchst und beurteilst du mich nun doch wieder dort? Aus dem ‚Innen‘ und ‚Außen‘ brauchen wir keine Theorie zweier voneinander unabhängiger Bereiche von Geist und Körper zu bauen. Körper beeinflussen das Leben. Niemand ist durch ein ‚Schau auf das Innere‘ davon entbunden, die Lebensumgebung zu verbessern. Die Erzählung fragt vielmehr: Hast du den Menschen gesehen, der neben dir sitzt, oder nur eine Stellung, deren Rang schon vorher feststeht?
Am Ende erhält er kein Abschlusszeugnis
Schließlich verändert sich Zichans Gesicht, und er sagt: ‚Genug, sprich doch nicht weiter so!‘ So ungefähr lässt sich sein ‚Zi wu nai cheng!‘ wiedergeben. Den Ton können wir erspüren. Eine vollständige Entschuldigung oder Reueerklärung liefert das Original jedoch nicht. Gerade das gibt dem Ende etwas wirklichkeitsnahes Gewicht. Er ist getroffen worden; wir wissen aber noch nicht, wie er beim nächsten Hinausgehen handeln wird. Auch wir hören manchmal eine Kritik, sind zunächst verlegen und erklären dann eilig, wir hätten verstanden. Eine solche Erklärung ist schnell abgegeben. Die Gewohnheit kann dennoch am alten Platz stehen bleiben. Ob sich wirklich etwas geändert hat, zeigt sich vielleicht erst, wenn wieder jemand mit uns an derselben Tür steht.
Zichan ist hier eine Figur in einem philosophischen Gespräch. Aus dieser Szene darf auch kein Urteil über das gesamte Leben des historischen Staatsmannes werden. Umgekehrt kann sein Ansehen in anderen Zusammenhängen die Frage nach der gerade gezeigten Überheblichkeit nicht abwehren.
Du musst nicht erst beweisen, dass du besser bist als ich
Shentu Jias Antwort ist eindringlich. Respekt darf aber nicht nur denen gelten, die eine so glänzende Erwiderung zustande bringen. Wäre ein anderer an seiner Stelle verstummt oder bloß zornig hinausgegangen, hätte er damit nicht bewiesen, dass er hinter den anderen zurückgehört. Das ist vielleicht der wichtigste Punkt, wenn wir die Geschichte ins heutige Leben mitnehmen. Wir sollten nicht von ‚Ein höheres Amt macht einen Menschen würdiger‘ zu ‚Nur größere innere Bildung macht ihn würdig‘ springen. Auch eine ausgetauschte Rangliste kann viele vor der Tür stehen lassen. Selbstverständlich dürfen wir Handlungen beurteilen, Meinungen widersprechen und nach der Verantwortung für Verletzungen fragen. Nur müssen wir dabei nicht jedes Mal beiläufig auch die Stellung des anderen als Mensch aufheben.
Der Unterricht ist vorbei, beide wollen hinaus. Hier könnte einfach eine Tür sein. Keine weitere Rangordnung müsste sich darin verstecken.
Text und Lesart
Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen sind Lesarten des Autors, keine zusätzlich überlieferten Ereignisse. Die Geschichte liefert weder die Akten von Shentu Jias Bestrafung noch ein abschließendes Urteil über den historischen Zichan. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Text und Lesart: Das Zeichen erfüllter Tugend · De chong fu.
Die chinesische Seite bewahrt die klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Ereignissen, die das Original berichtet.