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Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · 22 · Der heilige Eichenbaum und Zhili Shu

‚Unbrauchbar‘ lässt einen halben Satz aus

Unbrauchbar für wen und für was? Ein Maßstab für eine Aufgabe spricht noch nicht für ein ganzes Leben.

Han Qin ·

Der Zimmermann bleibt nicht stehen

Menschen sammeln sich um einen mächtigen Baum. Die Krone ist weit, die Äste sind groß; die Schaulustigen drängen wie auf einem Markt. Zimmermann Shi geht vorbei, ohne den Schritt zu verlangsamen. Sein Lehrling kann sich nicht sattsehen, holt ihn ein und fragt: Seit ich mit der Axt bei Euch lerne, habe ich kein so schönes Holz gesehen. Warum schaut Ihr nicht hin? Der Meister weiß sofort Bescheid. Ein Boot daraus sinkt, ein Sarg fault, Geräte gehen kaputt, Türen sondern Baumsaft ab, Säulen werden von Insekten befallen. Alles in allem untaugliches Holz. Gerade seine Nutzlosigkeit habe ihn so lange leben lassen.

Das ist kein unbestimmtes Urteil. Jedes ‚taugt nicht‘ entspricht einer konkreten Verwendung. Suchst du Holz für eine Tür, lohnt sich vielleicht das Zuhören. Aber In der Menschenwelt beendet die Geschichte nicht mit einem fachlichen Gutachten. Nachdem der Zimmermann heimgekehrt ist, erscheint der heilige Eichenbaum in seinem Traum. Jetzt spricht er.

Für wen ist er unbrauchbar?

Womit willst du mich vergleichen, fragt der Baum. Mit Birn-, Orangen- und Pampelmusenbäumen? Kaum ist die Frucht reif, wird sie gepflückt, Äste werden gebrochen. Gerade das Brauchbare bringt ihrem Leben Leid. Der Zimmermann sieht einen Baum und denkt, was sich daraus machen ließe. Der Baum beginnt bei sich und fragt, wie er nicht zu etwas anderem gemacht wird. Hier wird nicht bloß dasselbe Holz anders bewertet. Schon die Frage wechselt. ‚Unbrauchbar‘ lässt gewöhnlich den zweiten Satzteil aus: für das, was ich gerade tun möchte. Lassen wir ihn lange genug aus, wirkt das Misslingen eines Zwecks wie das Misslingen einer ganzen Existenz.

Dass jemand nicht verkaufen kann, bedeutet nicht, dass er kein anderes Leben hat. In einen Raum passen keine weiteren Schreibtische; vielleicht lässt er sich gerade deshalb zum ruhigen Sitzen nutzen. Stehen auf dem Formular nur Umsatz und Zahl der Arbeitsplätze, wirkt ein leeres Feld leicht wie gar nichts. Der Baum bringt dem Zimmermann keine neuen Materialeigenschaften bei. Ob das Boot sinken würde, bleibt prüfbar. Er fragt vielmehr: Weshalb soll mein Leben erst auf deiner Liste bestehen dürfen?

Auch er sucht einen Weg zum Weiterleben

Im Traum sagt der Baum:

Schon lange suche ich, zu nichts gebraucht werden zu können. Beinahe wäre ich gestorben; erst jetzt habe ich es erreicht. Darin liegt mein großer Nutzen.

Nicht verwendet zu werden habe er lange gesucht, sei beinahe gestorben und habe es erst jetzt erreicht: Das nütze ihm selbst sehr. Mit diesem Suchen wird der Baum mehr als ein zufällig übriges Reststück. Die Fabel gibt ihm eine eigene Richtung: Ich möchte mein Leben zu Ende leben. Wir brauchen daraus keine bewusst strategisch planende wirkliche Pflanze zu machen. Doch der Leser hört neben der Rechnung des Zimmermanns eine andere, die er dem Baum nicht einfach abnehmen darf. Sicher durch Untauglichkeit allein ist er allerdings nicht. Der Lehrling stellt nach dem Traum eine scharfe Frage: Wenn er nicht gebraucht werden will, weshalb dient er dann als heiliger Baum für Opfer?

Die Antwort des Zimmermanns nennt den Schutz: Dort habe er nur Zuflucht genommen. Ohne diese Stellung wäre ihm wohl schon Beschneiden oder Fällen gedroht. Es ist also kein Mythos einer Freiheit jenseits jeder menschlichen Anordnung. Der Baum bewahrt sich durch seine heilige Stellung und geht doch nicht in deren Verwendung auf. Sein Lebensweg hat Bedingungen und Kompromisse, aber auch einen nicht abgegebenen Teil.

Nicht noch eine gute Stelle für ihn finden müssen

Schnell verteidigen wir den Baum: Er spendet Schatten, erhält die Umwelt, gibt Menschen seelischen Halt. Wie könnte er wertlos sein? All das können heutige Erwägungen sein. Wir müssen ihm damit aber nicht eilig ein neues Brauchbarkeitszeugnis zurückgewinnen. Sonst legt der Zimmermann seine Liste eben weg, und wir reichen schon die nächste hin. Noch immer soll der Baum erst Beiträge nachweisen, bevor er bleiben darf. Schärfer trifft der Satz:

Du und ich sind beide Wesen unter den Dingen. Wie kommt es, dass wir einander so zum Gegenstand machen?

Du und ich leben unter Himmel und Erde. Warum muss der andere als verfügbarer Gegenstand gemessen werden? Das verbietet nicht jede weitere Bewertung von Holz. Es stellt den Bewertenden zurück in dieselbe Welt wie den Bewerteten. Sein Blick ist brauchbar und steht deshalb doch nicht von Natur aus über allem Leben. Zwischen Menschen ist der Hinweis noch unmittelbarer. Ein Mensch muss nicht erst eine andere Spitzenleistung erbringen, um von dem Urteil verschont zu bleiben, er sei überflüssig. Wir warten nicht auf den Beweis verborgenen Talents, bevor wir anerkennen, dass er ein eigenes Leben haben darf.

Zhili Shu steht unter den Menschen

Im selben Kapitel tritt Zhili Shu auf. Die überzeichnete Körperbeschreibung stellt ihn weit außerhalb dessen, was damals als normale Gestalt gilt: Kinn, Schultern, Rücken und Beine liegen in erstaunlichen Stellungen. Das ist keine Krankengeschichte, aus der sich eine moderne Diagnose ableiten ließe. Leser brauchen den Körper auch nicht als Schaustück zum Staunen zu betrachten. Als Nächstes erzählt der Text, wie er lebt.

Näh- und Wascharbeiten genügen ihm für den Unterhalt. Eine weitere Tätigkeit, guce bojing, wird als ausreichend beschrieben, zehn Menschen zu ernähren. Alte Kommentare verstehen darunter unter anderem Reissieben oder Wahrsagen; hier wird daraus kein eindeutig bestimmter Beruf gemacht. ‚Ausreichend‘ beschreibt Erwerbsmöglichkeiten, keine bereits vorgestellte Familie von zehn tatsächlich ernährten Angehörigen. Bei der Rekrutierung kann er sich frei unter den Leuten bewegen. Bei der Zwangsarbeit befreit ihn seine körperliche Verfassung vom Dienst, und bei der Ausgabe an Kranke bekommt er Getreide und Brennholz. Was dieser Körper für das System der Einziehung nicht leisten kann, schützt ihn vor manchen Gefahren und erhält ihm sein Leben.

Die Fabel richtet diese Lage ein. Sie liefert keine vollständige Darstellung der Dienstpflichten aller Epochen und erst recht kein Verfahren, sich durch Körperverletzung Freiheit zu verschaffen.

Er muss nicht durch das Ernähren von zehn Menschen aufsteigen

Leicht wird Zhili Shu zum Vorbild des Durchhaltens: Andere halten ihn für unfähig, dabei leiste er mehr als viele körperlich Unversehrte. So lässt sich manche Geringschätzung widerlegen. Doch eine harte Bedingung bleibt unbemerkt bestehen. Was, wenn er keine zehn Menschen ernähren könnte? Wenn er nur sich selbst versorgen könnte oder auf dauerhafte Hilfe angewiesen wäre? Landet er dann wieder im Feld ‚unbrauchbar‘? Die Erwerbsdetails unterbrechen das vorschnelle Urteil nach dem Aussehen. Übertragen wir die Geschichte heute auf menschlichen Respekt, dürfen wir diesen aber nicht erneut von Arbeitsfähigkeit abhängig machen. Leistung verdient Sichtbarkeit. Nicht leisten zu können entzieht niemandem seine Berechtigung als Mensch.

Er ist nicht nur ein Körper für Militär und Arbeitsdienst. Auch nicht bloß das Bild, das wir für unsere Bewunderung des unbeugsamen Willens bei körperlicher Beeinträchtigung brauchen. Nicht einmal Optimismus und besondere Stärke müssen wir ihm vorschreiben, damit er seiner Geschichte gerecht werde. Weniger Inanspruchnahme bedeutet auch, andere weniger als Beweis für unsere eigenen Gedanken zu verwenden.

Eine Tabelle darf eine Aufgabe regeln

Wirkliches Leben braucht Urteile. Bei Fahrern prüfen wir das Fahren, bei Operationen die fachliche Befähigung, bei Türen weiterhin das Holz. Wer alle Maßstäbe abschafft, respektiert die Menschen dadurch nicht stärker und verlagert mitunter Risiken auf andere. Das Problem entsteht oft im nächsten Schritt: Diese Arbeit passt nicht, also ist deine ganze Person nichts wert. Diese Phase gelang nicht, also wirst du auch künftig kein Leben haben. Je praktischer das Formular, desto leichter geschieht dieser Schritt unbemerkt. Ein Werkzeug für eine Sache übernimmt dann das Urteil über die gesamte Zukunft eines Menschen.

Der Baumtraum setzt das Formular kurz außer Kraft. Nicht weil alle Felder falsch wären, sondern weil neben ihnen ein Wesen auftaucht, das sagen kann: Warte, du hast noch nicht gefragt, was ich selbst bewahren möchte.

Den fehlenden Satzteil zurückbringen

Beim nächsten ‚Das ist unbrauchbar‘ können wir einen Moment innehalten. Für wen, für welche Sache und über welche Zeit? Manche Antwort bleibt eindeutig. Eine Fähigkeit wird gerade nicht gebraucht, ein Holzstück trägt tatsächlich nicht. Den Bereich zu nennen schwächt das Urteil nicht, sondern macht es genauer. Bei einem lebenden Menschen muss danach allerdings ein weiterer Satz Platz behalten: Das ist noch nicht sein Ganzes. Er darf eine andere Arbeit suchen, eine Weile ruhen, Hilfe brauchen und erst langsam herausfinden, wohin er will. Tage, die sich noch nicht in Leistungen umrechnen lassen, sind deshalb nicht bloß Leere, die auf Verwendung wartet.

Der Zimmermann kann weiter Zimmermann sein. Beim nächsten Vorübergehen sieht er vielleicht nur, dass dort mehr steht als ein Vorrat an Holz, aus dem keine Möbel geworden sind.

Text und Lesart

Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Gegenwärtige Beispiele sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Ereignisse der Überlieferung. Die alte Kommentardifferenz zu Zhili Shus Erwerbstätigkeit bleibt offen; die Fabel ist weder eine moderne Krankengeschichte noch eine vollständige Geschichte der Dienstpflichten. Die theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Text und Lesart: In der Menschenwelt · Ren jian shi.

Die chinesische Seite bewahrt das klassische Zitat; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Zeitgenössische Vergleiche und weiterführende Überlegungen sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Vorgänge, die das Original berichtet.

Zu Zhili Shus Erwerbstätigkeit und dem heiligen Baum: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi · In der Menschenwelt.