Das Zhuangzi neu aufschlagen · 13 · Kleine und große Lebenszeiten
Pengzu lebt schon so lange. Warum heißt es trotzdem: bedauerlich?
Ein weiter gefasster Kalender kann uns mehr sehen lassen. Er macht den Menschen mit wenig Zeit nicht kleiner.
Nach Pengs Flug zieht Freies Wandern auch unseren Kalender auseinander.
Kleines Wissen reicht nicht an großes Wissen heran, eine kurze Lebenszeit nicht an eine lange. Woher wissen wir das? Der Morgenpilz kennt weder das Ende noch den Anfang des Mondmonats, die Zikade weder Frühling noch Herbst: Das ist eine kurze Lebenszeit.
Das kurze Leben hat Mondwechsel und den Wandel der Jahreszeiten nicht durchlaufen. Dann entwirft der Text fast unvorstellbare Zeiträume: Für Mingling im Süden dauern Frühling und Herbst je fünfhundert Jahre; beim uralten Dachun sind es jeweils achttausend. Unvermittelt kehrt er zu einem vertrauten Menschen zurück:
Und doch ist heute Pengzu wegen seiner langen Lebenszeit einzigartig berühmt. Alle messen sich an ihm – ist das nicht bedauerlich!
Pengzu gilt als außergewöhnlich langlebig, und jeder vergleicht sich mit ihm: Ist das nicht traurig? Gerade hat man einen Frühling von achttausend Jahren gesehen, und schon steht wieder das menschliche Vorbild der Langlebigkeit da. Eine zuvor riesige Zahl wirkt plötzlich nicht mehr groß genug.
1. Hier werden keine Altersrekorde beglaubigt
Wir hören oft die Sage von Pengzus achthundert Jahren. In diesem Abschnitt steht die Zahl achthundert aber nicht, und er liefert keinen überprüfbaren Altersnachweis. Auch die Lebenszeiten von Mingling und Dachun gehören zur erdachten Landschaft, nicht in eine Datensammlung über das Alter von Pflanzen. Was genau mit Morgenpilz und Zikade gemeint ist, wird ebenfalls in Kommentaren erörtert. Wir müssen sie hier nicht als moderne biologische Arten festschreiben, die zwingend morgens entstehen und abends sterben oder nur im Sommer leben. Sichtbar werden soll, dass die Länge der Erfahrung begrenzt, was ein Lebewesen unmittelbar antreffen kann. Manche Veränderungen dauern länger als sein ganzes Leben.
Dieser Gedanke ist stark genug. Er braucht keine von uns ergänzte präzise biologische Zeittafel, um zu gelten.
2. Einen Monat nicht erlebt zu haben lässt ihn nicht verschwinden
Aus ‚kennt den Mondwechsel nicht‘ wird leicht: In der Welt des Morgenpilzes gibt es überhaupt keinen Monat. Als Bild kann das den Abstand spürbar machen. Genauer betrachtet hört der Mond jedoch nicht auf, sich zu verändern, weil ein Lebewesen den Verlauf nicht bis zum Ende erlebt hat. Begrenzt ist der Bereich seiner Erfahrung und Erkenntnis. Die Welt wird nicht mit seiner Lebenszeit abgeschnitten. Ebenso wenig sollten wir behaupten, sein Leben sei von innen gesehen notwendig vollkommen und ohne jeden Mangel. Der Text legt keinen Selbstbericht des Morgenpilzes vor. Wir müssen ihm nicht Zufriedenheit nachweisen und sollten sein kurzes Leben erst recht nicht für gescheitert erklären.
‚Kurz‘ ist ein Vergleich. ‚Gescheitert‘ bringt bereits einen weiteren Maßstab mit. Das gilt auch für menschliches Leben. Eine kurze Begegnung, eine Arbeit, die man nur wenige Jahre gemacht hat, oder ein früh beendetes Leben wiegen nicht automatisch weniger, weil sie kurz waren. Die Dauer sagt uns etwas. Sie kann uns nicht alles sagen.
3. Auch das Längere bleibt im Vergleich
‚Eine kurze Lebenszeit reicht nicht an eine lange heran‘ setzt tatsächlich einen Unterschied. Mehr Veränderungen zu erleben kann andere Sichtweisen ermöglichen. Diese Unterschiede müssen wir nicht allesamt bestreiten, um eine Rangordnung abzulehnen. Doch Pengzu macht es danach schwer, ‚lang‘ als letzte Antwort festzuhalten. Eine Lebensspanne, die in einem Vergleich gewaltig ist, steht im nächsten an anderer Stelle. Deshalb lese ich hier nicht: ‚Achthundert sind noch zu wenig, man sollte länger leben.‘ Suchen wir nur die nächste noch größere Lebensdauer, verlängern wir denselben Wettbewerb, statt ihn zu verlassen.
Bei ‚Alle messen sich an ihm‘ fällt mir auf, dass man das lohnendste Vergleichsobjekt schon gewählt hat und es den äußersten Rand der Vorstellung besetzen lässt. Ein Vorbild kann anregen. Es kann aber auch suggerieren, man müsse sein Leben nur bis zu dieser Marke bringen. Das Leben zu schätzen und einige zusätzliche Jahre zu erhoffen ist nicht an sich bedauerlich. Wichtiger ist die Frage: Wie kann ich meine gegenwärtigen Tage noch verstehen, ohne nur zu vergleichen, wer länger lebt?
4. Wir können Zeiträume verstehen, die wir nicht erlebt haben
Menschen haben eine besondere Möglichkeit. Durch Aufzeichnungen, Schlussfolgerungen und Vorstellung können sie Veränderungen verstehen, die über die eigene Erfahrung hinausreichen, ohne all diese Jahre selbst gelebt zu haben. Wir lesen Briefe der vorigen Generation, betrachten alte Bilder einer Stadt und begegnen Dingen von lange vor unserer Geburt. Wir können auch Arbeiten vorbereiten, deren Ergebnis wir womöglich nicht mehr sehen. Wissen ist nicht unmittelbares Erleben. Von einem Frühling von achttausend Jahren zu hören verleiht erst recht keine Allwissenheit. Trotzdem kann der Maßstab sich öffnen. Du hast keine Minute länger gelebt, und doch passt mehr Zeit in dein Denken als eben noch.
Schon die Lektüre bewegt etwas in dieser Art. Der Text rückt Tage und Monate in die Ferne und bringt dann das vertraute Vorbild eines langen Lebens zurück. Während dieses Hin und Hers ändert sich unser Blick. Unser Körper hat nicht wirklich das Alter des Baumes erreicht. Allerdings folgt aus der Fähigkeit, weit vorauszudenken, nicht, dass sich die praktischen Verhältnisse ebenso mühelos ändern. Etwas zu wissen ist das eine. Den Preis des Wartens aufbringen zu können ist etwas anderes.
5. Was ein Kalender nicht erfasst
Auch heute schneiden manche Kalender eine Sache zu kurz ab. Eine Grundlagenarbeit braucht Jahre, soll aber jedes halbe Jahr ihren Ertrag vorweisen. Erkennt die Bewertung nur das am Ende gelieferte Produkt an, lässt sich der Fortschritt zuvor kaum benennen. Material ordnen, einen Fehlertyp ausschließen oder zeigen, dass ein Weg nicht weiterführt: All das landet vielleicht unter ‚noch kein Ergebnis‘. Die Sache existiert durchaus; nur die Art, sie zu erfassen, sieht einen Teil ihres Verlaufs nicht. Beim Abschluss sammelt sich das Verdienst leicht um die letzte Etappe. Die früheren Vorarbeiten wirken dagegen, als wären sie nie verbucht worden. Bei der nächsten Verteilung von Mitteln wollen dann noch weniger Menschen die Jahre übernehmen, in denen Ergebnisse unsichtbar bleiben.
Die Lösung muss nicht sein, halbjährliche Prüfungen abzuschaffen. Man kann anders fragen: Was sollten wir in dieser Phase wissen oder überprüft haben? Welche Risiken sind geringer geworden? Welche Belege sprechen dafür, den Weg zu ändern? Kurze Prüfintervalle können einer langfristigen Aufgabe dienen oder sie in voneinander abgetrennte Stücke zerschneiden. Entscheidend ist nicht allein die Länge des Intervalls, sondern auch, was geprüft wird.
6. Auch die Menschen nach der Amtszeit gehören in den Kalender
Ein weiterer Zeitabstand entsteht, wenn die Folgen erst eintreffen, nachdem der Entscheider gegangen ist. Die Wartung von Anlagen wird verschoben und die heutigen Ausgaben sinken; die Nachfolgenden stehen Jahre später vor mehr Störungen. Eine neue Regelung erscheint zunächst bequem, ihre langfristigen Kosten treffen womöglich eine andere Gruppe. Das lässt sich nicht einfach damit erklären, die Entscheider kennten wie die Zikade ‚den Herbst nicht‘. Sie können davon wissen, während Bewertung, Anreize oder die Übergabe der Macht dafür sorgen, dass dieses Stück Zukunft kaum in ihren Verantwortungsbereich gelangt. Ebenso kann jemand die Folgen kennen und sie dennoch auf andere abwälzen.
Häufig genügt deshalb der Appell, weiter vorauszusehen, nicht. Ferne Folgen müssen festgehalten werden. Betroffene brauchen Gelegenheit zu sprechen. Verantwortung darf nicht mit einem bestimmten Datum automatisch auf null zurückfallen. Genau darin unterscheiden Menschen sich vom Bild des kurzlebigen Wesens: Wir können besprechen, weshalb unser Kalender so eingeteilt ist, und manche Einteilungen ändern.
7. Nicht jeder kann drei Jahre warten
Beim Lob des Langfristigen werden wir leicht unbemerkt hart. Der eine muss diese Woche Miete zahlen, die andere hat Rücklagen, die mehrere Jahre ohne Sorge um Einkommen ermöglichen. Beide benutzen dasselbe Wort, wenn sie von einem langfristigen Plan sprechen, und halten doch andere Bedingungen in den Händen. Kinderbetreuung, ungewisse Gesundheit und Arbeitsverhältnisse können verlangen, zuerst das Unmittelbare abzusichern. Das ist keine beschränkte Einsicht, und erst recht dürfen wir den Menschen nicht den Spitznamen ‚Morgenpilz‘ geben. Weitblick besteht auch nicht nur darin, das Endjahr eines Plans weiter hinauszuschieben.
Zeit wirklich weiter zu denken kann gerade verlangen, sich um die Bedingungen von heute zu kümmern. Ohne einen tragfähigen Alltag lässt sich ein fernes Ziel kaum verfolgen. Menschen das Warten zu ermöglichen ist selbst ein Teil langfristiger Arbeit. Deshalb möchte ich hier nicht fragen, wer den längsten Plan und daher die größte Achtung verdient. Mich interessiert mehr: Bekommt eine Sache, die tatsächlich Zeit braucht, die ihr entsprechende Organisation? Und wer stützt den Menschen, von dem das Warten verlangt wird?
8. Den Maßstab öffnen heißt nicht, sein Urteil abzugeben
Ein langer Plan kann falsch sein, ein kurzes Ziel klar und sinnvoll. Vom längeren Zeitraum zu wissen entscheidet nicht automatisch, was heute getan werden sollte. Es öffnet eher eine bereits geschlossene Tür. Mein bisher ausreichend lang erscheinendes Intervall hat vielleicht eine Folge übersehen. Was ich gewöhnlich ‚kein Fortschritt‘ nenne, ist vielleicht nur noch nicht von meiner Art der Erfassung erkannt worden. Die neue Prüfung kann auch ergeben, dass wir aufhören sollten. Das ist ebenfalls ein Urteil. Nur weil die Geschichte das Langfristige anspricht, muss Durchhalten nicht die einzige richtige Haltung werden.
Die nächste Lektion, Qi wu lun, wird die Herkunft solcher Urteile weiter befragen. Hier darf zunächst der Kalender seine Ränder zeigen. Peng hob im vorigen Essay unseren Blick. Dieser verlängert die Zeit. Beides soll uns keinen neuen Ort zum Herabblicken auf andere geben. Es lässt uns nur vor ‚Das dauert nun wirklich lange genug‘ noch fragen: Für welche Sache? Wessen Zeit ist bisher noch gar nicht mitgerechnet?
Text und Lesart
Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Ereignisse des alten Textes. Die theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Text und Lesart: Freies Wandern · Xiao yao you.
Die chinesische Seite bewahrt das klassische Zitat; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Zeitgenössische Vergleiche und weiterführende Überlegungen sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Vorgänge, die das Original berichtet.