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Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · 12 · Peng und die kleinen Vögel

Warum muss man so hoch fliegen?

Der kleine Vogel darf zu seinem Baum zurückkehren. Nur muss seine Flugstrecke nicht zum Maß aller anderen werden.

Han Qin ·

Zu Beginn von Freies Wandern erscheint ein unvorstellbar großer Fisch. Dann verwandelt er sich in einen Vogel.

Im nördlichen Dunkelmeer lebt ein Fisch namens Kun. Wie viele tausend Li er misst, weiß niemand. Er verwandelt sich in einen Vogel namens Peng. Wie viele tausend Li dessen Rücken misst, weiß ebenfalls niemand. Wenn er sich zum Flug aufschwingt, sind seine Flügel wie Wolken, die vom Himmel herabhängen.

Flügel wie Wolken am Himmelsrand. Bei seinem Zug nach Süden trägt ihn ein Wirbelwind bis in neunzigtausend Li Höhe. Die Zikade und ein kleiner Vogel am Boden lachen:

Wir fliegen mit einem Satz auf und erreichen Ulme oder Fang-Baum; manchmal schaffen wir es nicht und fallen eben wieder zu Boden. Wozu neunzigtausend Li hoch steigen und nach Süden fliegen?

Wir fliegen mit aller Kraft hoch und ruhen auf einem Baum. Reicht es nicht, kommen wir eben wieder auf dem Boden an. Was soll dieser Flug so weit hinauf und dann nach Süden? Vielleicht kennst du die Frage. Häufig heißt sie nicht ‚Ich verstehe es nicht‘, sondern ‚Ist das denn nötig?‘

1. Es werden nicht alle zum Peng angeworben

Leicht wird die Stelle zu einer Motivationsgeschichte: Peng hat große Ziele, der kleine Vogel sieht nicht weit, also sollten wir alle höher und weiter streben. Der alte Text kritisiert tatsächlich die beschränkte Einsicht. Der Satz ‚Was wissen diese beiden kleinen Geschöpfe schon?‘ darf nicht völlig stumpf gelesen werden. Doch ihr Urteil zu kritisieren ist etwas anderes, als ihnen ein neues Leben vorzuschreiben. Zhuangzi verlangt von keiner Zikade, große Flügel auszubilden, und der kleine Vogel soll sich nicht seiner kurzen Flugstrecke schämen. Das beschriebene Leben kann wirklich sein und ihm entsprechen. Das Problem verrät sich im Lachen: Für mich reicht meine Art zu fliegen, also ist deine überflüssig.

Erst dieser Schritt macht aus der Vertrautheit mit dem eigenen Alltag das Recht, über einen anderen zu richten. Wir müssen nicht zuerst beweisen, dass der kleine Vogel schlecht lebt, um seiner Schlussfolgerung widersprechen zu dürfen.

2. In einer Frage kann die Antwort schon stecken

‚Warum so hoch fliegen?‘ ist für sich eine gute, berechtigte Frage. Man darf klären wollen, was ein Ziel verlangt und weshalb der Weg dorthin sich lohnt. In der Geschichte begleitet sie jedoch ein Lachen. Noch bevor eine Antwort kommen kann, sitzt die eigene Erfahrung auf dem Richterstuhl. Ich springe von hier nach dort, das genügt. Du willst so weit hinaus, also kann mit der Sache etwas nicht stimmen. Solche Fragen kennen wir aus dem Alltag. ‚Warum willst du ein Jahr dafür aufwenden?‘ kann ehrliches Interesse sein, aber auch die höfliche Form von ‚Du solltest dieses Jahr nicht dafür aufwenden‘. Den Unterschied macht nicht nur der Ton. Entscheidend ist auch, ob eine Antwort das Denken des Fragenden verändern darf.

Endet jede Erklärung bei ‚Ich finde es eben unnötig‘, sieht das Fragezeichen einem Schlusspunkt schon sehr ähnlich.

3. Andere Wege verlangen andere Vorräte

Zhuangzi stellt anschließend keine Rangliste der Ambitionen auf. Er erzählt von Reiseproviant:

Wer ins nahe Grünland geht, kehrt nach drei Mahlzeiten noch mit sattem Bauch zurück. Wer hundert Li weit reist, stampft am Vorabend Getreide. Wer tausend Li reist, sammelt drei Monate lang Vorräte.

Für einen Ausflug vor die Stadt, eine Reise von hundert Li und eine von tausend Li braucht man nicht dieselbe Vorbereitung. Die Erfahrung des kurzen Weges wird dadurch nicht wertlos. Als Maß dafür, ob eine weite Reise genügend vorbereitet ist, kann sie aber unpassend sein. Auch Peng fliegt nicht allein kraft seines Wunsches.

Sammelt sich nicht genügend Wind, hat er auch keine Kraft, die großen Flügel zu tragen.

Die großen Flügel brauchen tragenden Wind. Größe ist hier nicht bloß ein Vorrecht, sondern auch eine Abhängigkeit von Bedingungen. Für die Worte über Pengs Fortziehen mit dem Atem von sechs Monaten gibt es unterschiedliche Auslegungen. Wir sollten daraus nicht die sichere Behauptung machen, er müsse sechs Monate an Ort und Stelle auf den Wind warten, und die ganze Deutung auf diese Wartezeit bauen. Sicherer lässt sich lesen, dass sein Flug von etwas getragen wird. Neunzigtausend Li Höhe sind deshalb kein bloßes ‚Träume nur groß genug‘. Wer diesen Weg wirklich gehen will, darf nicht überspringen, was ihn trägt.

4. Auch während der Vorbereitung geschieht etwas

‚Drei Monate Vorräte sammeln‘ ist ein anschauliches Bild. Der Reisende ist noch nicht aufgebrochen, doch das Getreide wächst Tag für Tag zum Vorrat an. Die weite Reise hat noch nicht begonnen; daraus folgt nicht, dass vorher nichts getan wurde. Ähnlich ist es heute bei Arbeiten, die ihre Ergebnisse nicht sofort vorzeigen können. Infrastruktur reparieren, eine Sprache kennenlernen, Material für eine langfristige Untersuchung ordnen: All das kann eine unscheinbare Zeit brauchen. Trotzdem sind Vorbereitung und Nichtstun von außen nicht grundsätzlich ununterscheidbar. Vorräte lassen sich zählen, Versuche aufzeichnen, und oft kann man besprechen, ob eine Frage klarer geworden ist.

Geduld verlangt nicht, einem anderen mit geschlossenen Augen zu glauben. Sie verwechselt nur ‚noch nicht am Ziel‘ nicht unmittelbar mit ‚nie einen Schritt gegangen‘. Eine vernünftige Prüfung will verstehen, was diese Arbeit gerade ansammelt, statt ausschließlich nach dem fehlenden Endergebnis zu fragen. Umgekehrt darf sich der Arbeitende nicht bei jeder Nachfrage zum Peng ernennen und alle anderen zu kleinen Vögeln. Bedingungen und Fortschritte zu erklären nimmt einer weiten Reise nicht ihre Würde.

5. Was nicht in ein Quartal passt

Wo quartalsweise geliefert werden muss, liegt die Schwierigkeit langfristiger Arbeit oft nicht darin, dass niemand sie wichtig findet. Sie muss nur bei jeder Prüfung wie ein kurzfristiges Ergebnis aussehen. Alle stimmen zu, dass das System überarbeitet werden muss. Im Bericht lässt sich eine neue Funktion dann leichter vorführen als eine beseitigte Gefahrenquelle. Jahrelanges Datenchaos aufzulösen ergibt schwerer einen schönen Screenshot als eine neue Oberfläche. Wer daran arbeitet, kann die Frage nach dem Nutzen durchaus beantworten, womöglich sehr klar. Nur lässt die Art der Bewertung dieser Antwort keinen Platz.

Zählt allein der Moment der Freischaltung als Leistung, erscheinen Aufräumen, Irrwege und Aufbau davor leicht als lange Leere. Also zerlegt man die langfristige Aufgabe in hübsche kurzfristige Aktionen; das Ziel verschiebt sich mit. Dann ist nicht nur die Ausdauer Einzelner zu prüfen. Wir müssen fragen, wie Fortschritt festgehalten wird und ob unterschiedliche Wege unterschiedliche Kontrollpunkte bekommen dürfen. Ein langer Plan verdient allerdings nicht allein wegen seiner Dauer Mittel. Ein Jahr für die Erneuerung des Fundaments kann nötig sein oder auf einer Fehleinschätzung des Problems beruhen. Raum für eine weite Reise entbindet nicht von Erklärung, Belegen und der Verantwortung, unterwegs den Kurs zu ändern.

6. Auch oben ist man noch nicht außerhalb aller Grenzen

Halten wir hier an, wird Peng leicht zum letzten Maßstab: Wer nur hoch genug steigt, sieht die Wahrheit. Doch schon der Anfang fragt, ob das Blau des Himmels dessen eigentliche Farbe ist oder von der unergründlichen Ferne kommt. Sieht Peng von oben nach unten womöglich etwas Ähnliches? Auch die Höhe bleibt durch diese Frage begrenzt. Peng kann sehen, was dem kleinen Vogel entgeht. Damit steht er noch nicht außerhalb aller Bedingungen.

Später bleibt selbst Liezi, der mit dem Wind fährt, ‚auf etwas angewiesen‘. So gelesen ersetzt das erste Kapitel nicht einfach einen kleinen durch einen großen Maßstab und erklärt den größeren bedingungslos zum Sieger. Es fragt weiter, worauf die bewunderte Freiheit beruht. Ich kann anerkennen, dass die Arbeit eines anderen weiter reicht als mein kleiner Erfahrungskreis. Deshalb muss ich mein Urteil nicht abgeben und große Projekte, lange Pläne und gewaltige Ziele von Natur aus für richtig halten.

7. Menschen neben uns nicht vorschnell in Vogelarten einteilen

Beim Lachen des kleinen Vogels fällt uns rasch jemand ein, der uns nicht versteht. Dieser Schatten fliegt vielleicht noch schneller aus dem Text hervor als Peng. Damit ist nicht sofort bewiesen, dass wir ‚umsonst gelesen‘ hätten. Wir verstehen Geschichten nun einmal durch unsere Erfahrung. Wir können aber noch einmal zu uns zurückkehren: Habe ich anderswo dasselbe getan? Ich verstehe nicht, warum jemand so lange eine Beziehung pflegt, einen Text immer wieder überarbeitet oder lieber weniger verdient, um einen Teil seiner Zeit nicht mit Arbeit verplanen zu müssen.

Natürlich darf ich fragen und widersprechen. Vor ‚Muss man es wirklich so weit treiben?‘ könnte ich jedoch erst klären, ob sein Ziel überhaupt dasselbe ist wie dasjenige, an dem ich ihn messe. Nicht jede Entscheidung wird dadurch der Diskussion entzogen. Vielmehr soll das Gespräch von ‚Ich würde es nicht so machen, also solltest du es auch nicht‘ zu dem gelangen, was der andere tatsächlich tut.

8. Zunächst etwas weniger Gewissheit

Auf unserem Leseweg öffnet dieser Essay das erste Fenster. Draußen weht Wind in neunzigtausend Li Höhe, und dort sind Gründe und Bedingungen, die wir nicht kennen. Niemand erhält damit den Titel ‚Peng‘. Auch nicht jeder Stillstand vor einem möglichen Erfolg bekommt eine Rechtfertigung. Ob ein Weg stimmt, hängt weiterhin davon ab, was ein Mensch konkret tut. Vielleicht bleibt nur eine kleine Lücke vor der nächsten Frage. Möchte ich wirklich etwas wissen oder meine Erfahrung noch einmal gewinnen lassen? Verlange ich eine vernünftige Erklärung oder von allen dieselbe vertraute Flugstrecke? Der kleine Vogel darf zu seinem Baum zurückkehren. Für die Kleinheit seines Alltags braucht er sich nicht zu entschuldigen.

Wenn der Flügel wie eine Wolke über ihm vorbeizieht, kann er das Lachen zunächst zurückhalten.

Text und Lesart

Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben, nicht als vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Ereignisse des alten Textes. Die theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Text und Lesart: Freies Wandern · Xiao yao you.

Die chinesische Seite bewahrt das klassische Zitat; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Zeitgenössische Vergleiche und weiterführende Überlegungen sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Vorgänge, die das Original berichtet.