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Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · 11 · Die sieben inneren Kapitel

Koch Ding wieder zwischen die sieben Kapitel stellen

Ein vertrauter Koch steht plötzlich in einem Gespräch, das wir noch nicht zu Ende gelesen haben.

Han Qin ·

Koch Ding kennst du vermutlich schon lange. Seine Klinge gleitet zwischen Knochen und Sehnen hindurch und ist nach neunzehn Jahren noch wie neu. Wir merken uns die mühelose Geschicklichkeit und den Gedanken, Übung mache den Meister. Später loben wir mit der Geschichte Menschen, die etwas besonders gut können. Eine Frage begleitet sie dagegen selten: Woher weiß Ding, wo er weitergehen kann und wo er nicht mit Gewalt hindurchsollte? Könnte der scheinbar natürliche Weg vor ihm nicht einfach sein vertrautester sein? Schlagen wir vom Nähren des Lebens, Yang sheng zhu, ein Kapitel zurück, kommen wir zu Qi wu lun, der Erörterung über die Gleichheit der Dinge. Dort wird immer wieder auch gefragt, weshalb wir unserem eigenen Urteil vertrauen.

Ein längst vertrauter Koch steht auf einmal mitten in einem Gespräch, das wir noch nicht zu Ende gelesen haben.

1. Herausgelöste Geschichten zurücklegen

Die sieben inneren Kapitel heißen in ihrer Reihenfolge: Freies Wandern, Erörterung über die Gleichheit der Dinge, Nähren des Lebens, In der Menschenwelt, Das Zeichen erfüllter Tugend, Der große und verehrte Meister und Den Herrschern begegnen. Man darf bei jeder einzelnen ihrer Geschichten einsteigen. Genau so sind auch wir in den ersten zehn Essays vorgegangen. Nun möchte ich einen anderen Weg versuchen: die Kapitel vorübergehend als sieben aufeinander antwortende Lektionen lesen und schauen, wie eine Frage des einen im nächsten in anderer Gestalt wiederkehrt. Dies ist mein vorgeschlagener Leseweg, kein nachgewiesener Lehrplan der Antike. Auch die heute überlieferte Reihenfolge lässt sich nicht allein dadurch als einheitlicher Entwurf eines bestimmten Autors beweisen, dass sie gedanklich zusammenpasst.

Wir müssen aber nicht sämtliche Fragen der Zusammenstellung lösen, bevor wir nebeneinanderliegende Texte zusammen lesen dürfen. Eine Geschichte kann für sich bestehen und in ihrer Nachbarschaft doch eine weitere Bedeutung bekommen. Darin liegt der Gewinn des fortlaufenden Lesens, nicht in der Erklärung, jede andere Lesart sei ungültig. Ding bietet einen Einstieg. Allein gelesen zeigt er uns Kunstfertigkeit. Neben Qi wu lun lässt er uns zusätzlich fragen: Wie vermeiden wir es, unsere eigene Geübtheit für die Gestalt zu halten, die eine Sache notwendig haben müsste?

2. Zuerst den Himmel vor uns etwas größer werden lassen

Der ersten Lektion, Freies Wandern, gebe ich das Stichwort ‚Aufblicken‘. Der aus Kun hervorgegangene Peng fliegt so hoch, dass kleine Lebewesen am Boden es unnötig finden. Mingling und Dachun leben über unvorstellbare Zeiträume; plötzlich füllt selbst das menschliche Vorbild der Langlebigkeit nicht mehr den ganzen Blick. Am Kapitelende kehrt die Frage zu etwas Handlichem zurück: Muss ein großer Kürbis, der kein Wasser halten kann, deshalb zerschlagen werden? In diesen Szenen höre ich dieselbe Erinnerung: Dein vertrauter Bereich ist nicht das Ganze. Niemand muss dafür zum Peng werden oder ein kleines, konkretes Alltagsleben aufgeben. Ein Urteil soll nur etwas langsamer werden: Für wessen Leben halte ich es eigentlich für ‚unnötig‘?

3. Dann auf den Urteilenden zurückschauen

Die zweite Lektion, Qi wu lun, möchte ich ‚Den eigenen Maßstab ansehen‘ nennen. Zuvor haben wir eine Welt jenseits unserer Gewohnheiten bemerkt. Nun beginnt die Frage, wie diese Gewohnheiten selbst in unsere Sicht der Welt eingehen. Der andere und ich halten beide etwas für offensichtlich – warum urteilen wir trotzdem verschieden? Damit endet weder die Unterscheidung von wahr und falsch, noch wird jeder Irrtum als ‚bloß ein anderer Blickwinkel‘ freigesprochen. Wenn alle einen Standort haben, brauchen wir vielmehr umso dringender Gründe, überprüfte Tatsachen und die Möglichkeit, unser Urteil zu ändern.

Erst die dritte Lektion, Nähren des Lebens, bringt die Frage in die Bewegung der Hände. Ding lässt sein Messer nicht für immer in der Luft hängen, weil er die Begrenztheit seines Blicks einräumt. Er muss weiterhin handeln. Seine Geübtheit lässt sich nur von einer Schwierigkeit vor ihm unterbrechen. So gelesen sind der Zweifel am eigenen Urteil und die ernsthafte Arbeit an einer Sache keine Gegensätze. Der erste kann dazu beitragen, dass die zweite weniger blindes Durchhalten verlangt.

4. Nicht jeden Raum richtest du ein

Mit In der Menschenwelt, der vierten Lektion, wechselt der Schauplatz. Bisher konnten wir fragen, wie ich sehe und wie ich handle. Nun kommt hinzu: Was tue ich, wenn der Mensch vor mir die Macht hat und die Sache sich nicht nach meinen Plänen richtet? Yan Hui möchte nach Wei gehen, entschlossen, die Lage zu verändern, und begegnet zuerst der Warnung vor Gefahr. Mein Stichwort hierfür ist ‚Sich in einer Lage zurechtfinden‘. Es lehrt nicht, Verletzungen gelassen hinzunehmen, und fordert nicht jeden Unterdrückten zum weiteren Ausharren auf. Es erkennt an, dass Handeln in Umständen stattfindet: Was man sagen kann, wie man es sagen kann und wer die Folgen trägt, entscheidet sich nicht immer allein an der Richtigkeit des Gedankens.

Die fünfte Lektion, Das Zeichen erfüllter Tugend, richtet den Blick wiederum auf den Menschen, der angesehen und beurteilt wird. Entscheiden Körper, Aussehen und gesellschaftlich verliehene Stellung zu schnell, welches Gewicht jemand hat? Das Stichwort lautet hier ‚Anerkennen‘. Ein verletzter Körper macht seinen Träger nicht überlegen; körperliche Schwierigkeiten werden auch nicht unwichtig. Wir versuchen nur, das eine sichtbare Merkmal nicht für den ganzen Menschen sprechen zu lassen. Man kann ihn mit dem Urteil ‚nicht brauchbar‘ betrachten. Man kann auch zuerst fragen, wie er eigentlich lebt. Der in den ersten vier Lektionen immer wieder gelockerte Maßstab trifft hier auf jemanden, für den wir nicht beliebig die Antwort geben dürfen.

5. Das Leben über einen längeren Weg betrachten

Für die sechste Lektion, Der große und verehrte Meister, wähle ich ‚Den ganzen Weg‘. Niemand hält damit schon sein Abschlusszeugnis in der Hand und wird nie wieder ratlos. Hier stehen Beschreibungen des wahren Menschen neben Krankheit, Wandlung, Leben und Tod und dem Umgang unter Freunden. Das Leben geschieht nicht nur dann, wenn etwas erfolgreich gelingt. Vielleicht bleiben wir in Sitzungen souverän und merken bei der Erkrankung eines nahen Menschen, dass unsere bisherige Sicherheit nicht reicht. Die Gestalten des Buches führen uns bis zu dieser Frage: Wie können uns unsere Urteile und Vorkehrungen noch durchs Leben begleiten, wenn die Veränderung nicht von uns abhängt?

Die siebte Lektion, Den Herrschern begegnen, nenne ich ‚Zurückblicken‘. Sie denkt über Regieren, Antworten auf Situationen und das Unterlassen erzwungener Anordnungen nach; sie endet mit Hunduns Tod. Nun geht es nicht mehr bloß darum, wie andere mich nicht festlegen. Es geht auch darum, ob ich meine eigene Vorstellung zu vollständig verwirkliche, wenn ich für andere entscheiden kann. Dazu müssen die Leser keine Herrscher sein. Wer neue Mitarbeiter begleitet, Kinder unterrichtet, jemanden versorgt oder über Beurteilungen entscheidet, kann der Frage in kleinerem Maßstab begegnen.

6. Anfang und Ende beleuchten sich gegenseitig

Freies Wandern zeigt uns andere Lebensmöglichkeiten jenseits unseres Himmels. Das Ende von Den Herrschern begegnen fragt, ob wir dieses Anderssein weiterbestehen lassen können. Hundun ist keine niedere Vorstufe zu einem erst noch vollständigen Leben. Bevor die Freunde kamen, konnte er sie schon bewirten und lebte schon in Beziehungen. Die sieben Öffnungen sind nicht sein eigener Wunsch, sondern ein von den dankbaren Besuchern für ihn festgestellter Bedarf. Unser Weg verläuft deshalb nicht vom Aufblicken zu ‚Menschen über mir‘ zum Herabblicken auf ‚Menschen unter mir‘. Er führt vom Eingeständnis eines begrenzten Blicks dahin, diesen Blick anderen nicht aufzuzwingen.

Am Anfang bin ich vielleicht der kleine Vogel, der lacht. Am Ende bin ich vielleicht der eifrige Helfer. Dazwischen muss kein ganzes Leben liegen, vielleicht liegt nur ein Tag: morgens eine unverstandene Entscheidung belächeln, nachmittags jemandem gewissenhaft ein Leben einrichten, um das er nicht gebeten hat. Die sieben Kapitel zusammenzulesen soll helfen, dass diese beiden Bewegungen einander erkennen. Es garantiert nicht, dass die Leser sie niemals wiederholen werden.

7. Was fehlt, wenn wir einen Satz herausnehmen?

Bleibt vom freien Wandern nur ‚Nimm es nicht so genau‘, kann es zur Ausrede werden, einer Sache nicht ins Auge sehen zu müssen. Bleibt von der Gleichheit der Dinge nur ‚Alles ist dasselbe‘, können Urteile ihre Unterscheidungskraft verlieren, obwohl sie überprüft werden sollten. Bleibt von Ding nur Effizienz, lässt er sich sogar benutzen, um von bereits erschöpften Menschen noch bessere Anpassung zu verlangen. Nicht all das entsteht, weil Leser ‚Lektionen überspringen‘. Noch weniger lässt sich eine zweitausendjährige Geschichte der Auslegung mit einem Stundenplan erklären. Einzelne Geschichten kann man ebenfalls sehr gut lesen.

Nachbarkapitel können aber einer allzu bequemen Deutung tatsächlich Widerstand leisten. Qi wu lun macht es schwerer zu sagen: ‚Ich weiß bereits, was natürlich ist.‘ In der Menschenwelt lässt ‚Ich muss nur tun, was ich für richtig halte‘ auf wirkliche Umstände treffen. Hundun hält den Satz auf: ‚Ich meine es gut, also darf ich dich vollenden.‘ Manchmal haben wir den einzelnen Satz nicht missverstanden. Wir haben ihn nur zu früh zu dem einzigen gemacht, der genügen soll. Wenn sich weitere Geschichten daneben setzen, kann unsere bisherige Schlussfolgerung noch einmal befragt werden.

8. Eine Landkarte ist keine Rangliste

Auch der Name ‚sieben Lektionen‘ birgt eine Gefahr. Schnell entsteht eine neue Rangordnung: Ich bin bei Lektion fünf, du hängst noch in Lektion zwei. So wird der Leseweg zum Werkzeug, Menschen zu bewerten. Was uns im Buch zurückschauen lässt, dient plötzlich der Versicherung, selbst weiter vorn zu sein. Mir ist eine Landkarte lieber, auf der man immer wieder umkehren kann. Derselbe Mensch kann eine Sache umsichtig beurteilen und bei einer anderen nach wie vor vorschnell entscheiden. Du kannst heute einen Satz verstehen und morgen in einem wirklichen Konflikt entdecken, dass du noch nicht weißt, wie du handeln sollst.

Bücher dürfen lehren, und Pläne können dem Lernen helfen. Eine Karte zu verstehen heißt nur noch nicht, ein Stück des Weges tatsächlich gegangen zu sein. Umgekehrt ist ein wirklich verstandener Gedanke auch nicht gar kein Fortschritt. Lesen muss nicht erst durch einen schmerzlichen Zusammenstoß mit dem Leben wirksam werden.

9. Bei der dritten Lektion neu anfangen

Die folgenden Essays gehen durch die sieben Kapitel und halten jeweils bei einer Geschichte oder einem Gespräch an. Wir erklären nicht eilig, das ganze Buch sage nur einen einzigen Satz. Auch muss niemand diesen Leseweg vorab annehmen, um in die Essays hineinzukommen. Du kannst es mit deiner vertrautesten Stelle versuchen. Wie tritt sie in ihrem Kapitel auf? Was steht davor und danach? Wie weit ist das, wofür ich sie gewöhnlich benutze, von ihrer ursprünglichen Szene entfernt? Gibt dieser Weg der Geschichte mehr Schichten, ist er vorerst hilfreich. Drängt er den alten Text zu sehr zusammen, muss auch er verändert werden.

Ding bleibt Ding, und seine Klinge geht noch immer zwischen Knochen und Sehnen hindurch. Nur müssen wir bei einem neuen Blick nicht allein fragen, wie man so geschickt wird. Wir können auch fragen: Wie kann ein Mensch, der schon sehr gut arbeitet, weiterhin wahrnehmen, was vor ihm liegt, statt nur noch seine eigene Methode zu sehen?

Text und Lesart

Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Die ‚sieben Lektionen‘ sind ein Leseweg des Autors, kein nachgewiesener antiker Lehrplan. Die Kapitel und Essays können weiterhin einzeln gelesen werden. Zeitgenössische Vergleiche gehören zu dieser Lesart, nicht zu zusätzlich überlieferten Ereignissen. Diese Leserreihe übersetzt nicht das gesamte klassische Zhuangzi; die vier theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Leseweg: Die sieben inneren Kapitel des Zhuangzi.

Die ‚sieben Lektionen der inneren Kapitel‘ sind ein Vorschlag des Autors für die zusammenhängende Lektüre, kein nachgewiesener antiker Lehrplan. Die einzelnen Kapitel bleiben unabhängig lesbar.