Essay lesen
Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · 10 · Zhuangzi vor dem Tod

Am Ende macht er einen Witz

Die Schüler sorgen sich um seinen Körper. Er spricht von Vögeln und Insekten – und eröffnet dem Abschied noch eine andere Sprache.

Han Qin ·

Im Kapitel Lie Yukou gibt es eine Szene, in der Zhuangzi dem Tod nahe ist und seine Schüler ihm ein aufwendiges Begräbnis bereiten möchten.

Zhuangzi lag im Sterben, und seine Schüler wollten ihn prächtig bestatten. Er sagte: ‚Himmel und Erde dienen mir als innerer und äußerer Sarg, Sonne und Mond als ein Paar Jadescheiben, die Sterne als Perlen und Edelsteine; die zehntausend Dinge begleiten mich mit ihren Gaben. Ist meine Grabausstattung nicht schon vollständig? Was wollt ihr dem noch hinzufügen!‘

Himmel und Erde als Sarg, Sonne und Mond als zusammengehörige Jadescheiben, die Sterne als Schmuck, alle Dinge zum Geleit: Fehlt bei einer solchen Ausstattung noch etwas? Die Schüler bleiben besorgt: Sie fürchten, Krähen und Milane könnten den Lehrer fressen. Zhuangzi antwortet:

Oben werde ich Krähen und Milanen zur Nahrung, unten Maulwurfsgrillen und Ameisen. Ihr nehmt es den einen weg und gebt es den anderen – wie parteiisch ihr doch seid.

Über der Erde fressen mich die Vögel, unter ihr die Insekten. Warum nehmt ihr der einen Seite etwas fort und gebt es der anderen? Das ist eine Geschichte über das Sterben, kein überprüftes Protokoll vom Krankenbett. Trotzdem hört man am Ende einen erstaunlich lebendigen Ton. Die Schüler denken feierlich, während er sich um Gerechtigkeit für Vögel und Insekten kümmert.

1. Mehr als ein ‚Ich habe mich damit abgefunden‘

Über Zhuangzis Verhältnis zu Leben und Tod spricht man gern zuerst als gelassenes Annehmen: Er sehe den Tod nicht als Leid. Diese Richtung ist auch bei unserer Szene möglich. Bleibt aber nur ‚Man muss Leben und Tod leichtnehmen‘ übrig, verschwindet das Gespräch vor unseren Augen. Die Schüler prüfen nicht seine Haltung. Sie möchten etwas tun und mit einem würdigen Begräbnis ihre Verehrung und Zuneigung ausdrücken. Auch Zhuangzi gibt nicht bloß eine Einstellung zu Protokoll. Er antwortet auf ihre Pläne. Wie er das tut, macht den eigentlichen Geschmack dieser Zeilen aus.

Er sagt nicht: ‚Niemand darf weinen.‘ Er verlangt nicht, alle müssten dieselbe Gelassenheit beweisen. Der Text beschreibt weder seine Angst noch seine Ruhe. Aus einem Witz sollten wir deshalb nicht folgern, im Inneren eines Sterbenden gebe es keinerlei Bewegung mehr. Erzählt wird, dass ein Mensch auch in diesem Augenblick die Sache aus einem anderen Blickwinkel besprechen kann. Der Tod ist groß, aber er hat noch nicht jede Art des Sprechens verdrängt.

2. Nicht zu wenig – längst schon überreichlich

Die unmittelbarste Antwort auf ein prächtiges Begräbnis wäre: ‚Gebt nicht so viel Geld aus.‘ Zhuangzi beginnt aber kein Feilschen zwischen teuer und billig. Er holt Himmel, Erde, Sonne, Mond und Sterne ins Gespräch. Ihr befürchtet, mir zu wenig zu geben, und ich befinde mich doch schon in einer so großen Welt. Wie gut eure Särge und Jadescheiben auch sind: Sie bilden nicht alles ab, was mich mit der Welt verbindet. So wird die Zuneigung der Schüler nicht einfach als Verschwendung beschimpft. Zugleich ist das prächtige Begräbnis nicht mehr ihre einzige mögliche Ausdrucksform. Bevor er ihren Wunsch abwehrt, macht er das Bild größer.

Selbstverständlich darf ein Mensch auch unmittelbar Nein sagen. Eine Ablehnung gilt nicht erst, wenn sie so schön formuliert ist. Wir würdigen eine andere Möglichkeit, die diese Geschichte zeigt; wir sollten daraus keine zusätzliche Rhetorikprüfung für Menschen machen, die etwas ablehnen. Ich denke an Situationen, in denen andere sich ernsthaft um eine Planung für uns bemühen. Je sorgfältiger alles vorbereitet ist, desto schwerer wird es mitunter zu sagen, dass man es eigentlich nicht möchte. Die Mühe ist echt. Ob die Sache passt, muss dennoch der Mensch beantworten dürfen, der darin leben soll. Zhuangzi zieht sich nicht allein deshalb aus dem Gespräch über seinen Tod zurück, weil die Schüler es gut meinen.

3. Vögel und Insekten drehen die Auswahl um

Die Sorge, Vögel könnten kommen und ihn fressen, ist nicht unsinnig. Stirbt ein naher Mensch, lässt sich sein Körper nicht ohne Weiteres wie ein gewöhnlicher Gegenstand behandeln. Ihn schützen zu wollen ist eine verständliche Form der Liebe. Zhuangzi beleuchtet jedoch auch das Unterirdische. Ein Begräbnis nimmt den Körper nicht aus den Veränderungen der Natur heraus. Es verbirgt nur eine andere Veränderung vor dem Auge. Aus der ursprünglichen Wahl – der Lehrer wird geschützt oder der Lehrer wird gefressen – wird dadurch eine andere: oben oder unten, Nahrung für diese oder für jene.

Das ist keine praktische Empfehlung für heutige Bestattungen. Ebenso wenig besagt es, alle Rituale seien in ihren Gefühlen, ihrer Bedeutung für die öffentliche Gesundheit und für das Zusammenleben unterschiedslos. Über und unter der Erde ist nicht alles gleich. Die Geschichte trifft eine bestimmte Täuschung: Mit einer ausreichend sorgfältigen Anordnung lasse sich ein Körper für immer der Veränderung entziehen. Das kleine ‚Wie parteiisch ihr seid‘ nimmt dieses unmögliche Versprechen zurück. Was bleibt, darf man weiterhin ernsthaft tun. Man muss nur nicht behaupten, damit alles leisten zu können.

4. Ein Witz als Möglichkeit, noch miteinander zu sein

Ich mag diesen letzten Witz nicht allein wegen seiner Kühnheit. Zhuangzi lässt die Schüler nicht auf dem Platz derer sitzen, deren geistige Reife eben noch nicht genügt. Er bittet Vögel und Insekten herein, als seien sie Nachbarn, die auf ihren Anteil warten. In der Anspannung, den Lehrer unbedingt lückenlos schützen zu müssen, öffnet sich plötzlich eine kleine Stelle zum Nachgeben. Damit ist nicht gesagt, dass die Schüler tatsächlich lachen. Der Text sagt es nicht, und wir ergänzen es nicht für sie. Man kann sich sogar vorstellen, dass jemandem nach diesen Worten immer noch sehr weh ist. Einen Menschen zu verstehen beseitigt nicht sofort den Schmerz des Loslassens.

Gerade deshalb braucht die Geschichte kein Streitgespräch mit einem Sieger zu werden. Zhuangzi kann sagen, was er meint, während die Sorge seiner Schüler bestehen bleibt. Vor einer Trennung müssen Menschen nicht erst ihre Gefühle vereinheitlichen, um einander zu verstehen. Der Ton bewegt mich; er beweist aber nicht, dass die ganze Passage von Zhuangzi persönlich stammen muss. Ihre Qualität ist ein Grund, sie zu lesen. Wer sie historisch verfasst hat, bedarf anderer Belege. Unsere Rührung ist kein Echtheitssiegel.

5. Für wen ist das Hinterlassene da?

Von einer Sterbeszene zu einer Übergabe am Arbeitsplatz ist es natürlich ein weiter Weg. Ein Team zu verlassen ist nicht zu sterben. In kleineren Abschieden kann sich jedoch eine ähnliche Sorge melden: Werden die anderen nach meinem Weggang alles verderben? Also hinterlassen wir Abläufe, Notizen und Hinweise. Das ist sehr notwendig. Risiken, Sicherheitsgrenzen und noch offene Zusagen dürfen wir nicht mit einem ‚Sollen sie doch sehen‘ auf die Nachfolgenden abwälzen. Etwas anderes kann sich aber unbemerkt in die Übergabe mischen: Am liebsten soll jede Methode, die ich verwendet habe, unverändert bleiben.

Beides sieht nach verantwortlichem Hinterlassen aus, führt aber nicht unbedingt in dieselbe Richtung. Im einen Fall verstehen die Nachfolgenden die Gründe und können in neuen Situationen selbst weiterurteilen. Im anderen müssen sie fortwährend nachweisen, dass sie den Weggegangenen noch treu kopieren. ‚So haben wir es immer gemacht‘ kann Erfahrung vermitteln. Es kann aber auch, wenn Gründe fehlen, Fragen von einer längst unpassenden Anordnung fernhalten. Zhuangzis Witz lehrt uns nicht, keine Erklärungen zu hinterlassen. Er lässt uns vielmehr fragen: Will ich bewahren, dass die Sache künftig gut weitergehen kann, oder dass die Form, die ich ihr persönlich gegeben habe, sich niemals ändert?

6. Liebe braucht nicht nur einen einzigen Beweis

Kehren wir mit der Frage zu den Schülern zurück, wird sie etwas sanfter. Sie wollen ein prächtiges Begräbnis; damit müssen sie nicht ihre eigene Frömmigkeit verewigen oder den Lehrer durch Riten einsperren wollen. Solche Absichten nennt die Geschichte nicht. Lassen wir zunächst ihre Trauer und Anhänglichkeit stehen, ohne eilends Anklage zu erheben. Auch aus Liebe heraus ist jedoch die Frage möglich: Ist die Form, auf der ich gerade bestehe, wirklich diejenige, die der andere möchte? Wie kann ich meine Liebe sonst ausdrücken, wenn er diese Form nicht will? Diese Frage hat schon die Geschichte vom Vogel des Fürsten von Lu hinterlassen. Das feierlichste Arrangement und das Leben, das dem Empfänger entspricht, fallen nicht automatisch zusammen. Der Unterschied ist diesmal: Der Mensch, für den alles eingerichtet wird, kann selbst sprechen.

Er nennt seinen Wunsch und entwirft ein anderes Bild. Die Schüler müssen nicht einfach untätig bleiben. Sie können aber aufhören, dieselbe eine Form als einzigen gültigen Beweis gelten zu lassen. Natürlich dürfen wir auch nicht daraus, dass der Text die späteren Vorgänge nicht erzählt, schließen, Zhuangzi habe tatsächlich niemals irgendwelche Vorkehrungen getroffen. Wir lesen die Auswahl eines Gesprächs, kein vollständiges Nachlass- und Testamentsarchiv.

7. Welche Frage verlangt wirklich ein Entweder-oder?

Ein kleiner Schritt aus dieser Szene lässt sich mit in den Alltag nehmen. Wenn eine Wahl vor uns liegt, können wir nachsehen, ob sich schon eine Annahme in ihr versteckt. Prächtiges oder schlichtes Begräbnis, annehmen oder ablehnen, alles nach meiner Methode machen oder alles zerstören. Manchmal unterscheiden sich die beiden Seiten wirklich. Manchmal teilen sie jedoch eine Voraussetzung, über die noch gar nicht gesprochen wurde. Koch Ding schaut an schwierigen Stellen zuerst, wohin die Klinge gehen soll. Der Herr von Fan trennt beim Verlust zunächst das Ereignis vom Urteil über den Menschen. In diesem letzten Gespräch fragt Zhuangzi: Lässt sich das, was ihr gerade zu bewahren glaubt, mit einer solchen Methode wirklich auf Dauer bewahren?

Das Gemeinsame zu entdecken beseitigt die Unterschiede nicht. Wir müssen weiterhin wählen, die Lebenden versorgen, Zusagen einhalten und Folgen tragen. Unsere Wahl braucht nur etwas weniger von einer Aufgabe zu übernehmen, die sie ohnehin nicht erfüllen kann. Ein Begräbnis kann beim Abschied helfen, ohne dafür bürgen zu müssen, dass Tod nicht mehr geschieht. Eine Übergabe kann Erfahrungen weitergeben, ohne eine für immer unveränderte Zukunft zu versprechen. Eine Zuwendung kann sehr ernst gemeint sein, ohne dadurch sinnlos zu werden, dass ihr Empfänger eine bestimmte Form ablehnt.

8. Hier machen wir zunächst Halt

Diese Geschichte ist nicht der letzte Satz des gesamten Zhuangzi. Sie muss auch nicht als das letzte historisch nachweisbare Wort aus seinem Leben gelten. Ich habe sie als vorläufigen Haltepunkt dieser ersten zehn Geschichten gewählt. Von Hundun bis hierher haben wir viele Bemühungen gesehen, Dinge gut zu machen, und auch, wie solche Bemühungen anderen mitunter zu viel abnehmen. Manche Menschen sind gestorben, andere gegangen, andere bleiben und reden weiter. Nicht alle Geschichten geben dieselbe Antwort. Ich möchte sie auch nicht zuletzt in zehn Regeln der Lebensklugheit zusammenfalten. Was Erklärung braucht, darf erklärt werden. Danach darfst du trotzdem widersprechen, zum Original zurückkehren und finden, dass ich etwas übersehen habe.

Zhuangzi macht Himmel und Erde zu seinem Sarg. Die Schüler sorgen sich um die Vögel, also spricht er von den Insekten. Die Feierlichkeit ist damit nicht verschwunden. Sie füllt nur nicht mehr den ganzen Raum. Ein wenig Platz zum Scherzen bleibt – und Platz, damit andere weiterdenken können.

Text und Lesart

Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die bereits veröffentlichte englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben: Das ist keine vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Heutige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Vorgängen im alten Text. Die theoretischen Begleittexte sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Text und Lesart: Lie Yukou.

Die chinesische Seite bewahrt das klassische Zitat; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Zeitgenössische Vergleiche und weiterführende Überlegungen sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Vorgänge, die das Original berichtet.