Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
EN / 中文|繁體|日本語|Français|Deutsch|Español|한국어
← Große Lebenswege

093 / 108 · Wie wir wissen

Wygotski: Erkenntnis wird von anderen hochgezogen

Noch nicht ist nicht immer ein Urteil. Manche Fähigkeiten wachsen im gemeinsamen Tun. Wie kann Hilfe den nächsten Schritt dem Kind überlassen?

I. Siebenunddreißig

Moskau, Juni 1934. Lew Wygotski stirbt an Tuberkulose. Er ist siebenunddreißig Jahre alt.

In seinen späten Notizbüchern erscheint Mose: einer, der das verheißene Land erblickt, es aber nicht betreten kann. Das ist keine für den späteren Ruhm zurechtgelegte Prophezeiung. Vor einem kranken Menschen liegt noch sehr viel unfertige Arbeit.

Was kann ein Leben von siebenunddreißig Jahren hinterlassen?

Auf unserem Weg haben schon viele gefragt, wie Erkenntnis möglich ist. Nicht alle sperrten den Menschen in einen einsamen Kopf. Wygotski lenkt den Blick jedoch auf eine oft übersehene Szene: Wer steht daneben, solange ein Kind etwas noch nicht kann?

Manche Fähigkeiten entstehen nicht zuerst allein und wenden sich dann anderen zu. Sie nehmen zwischen Menschen Gestalt an. Erst später werden sie zu etwas, das jemand selbstständig tun kann.

II. Eine helfende Hand fehlt noch

Ein Kind sitzt vor einer Aufgabe und kommt nicht weiter. Jemand zeigt auf eine entscheidende Stelle oder geht die ersten beiden Schritte mit ihm durch. Jetzt kann es fortfahren.

Was es bereits allein schafft, zeigt eine vergleichsweise gefestigte Fähigkeit.

Was allein noch nicht gelingt, mit passender Unterstützung aber schon, lässt etwas im Entstehen erkennen. Von diesem Abstand handelt Wygotskis Zone der nächsten Entwicklung.

Andere Aufgaben bleiben auch mit der gegenwärtig verfügbaren Hilfe zu schwierig. Vielleicht braucht es andere Voraussetzungen, einen anderen Zugang oder mehr Zeit. Einen Hinweis immer lauter zu wiederholen, ersetzt das nicht.

Diese drei Situationen sind eine hilfreiche Skizze, keine feste Landkarte für alle Kinder. Auch Bekanntes lohnt die Übung: Können wird sicherer und beweglicher. Lernen hört nicht auf, sobald etwas ohne Hilfe gelingt.

Trotzdem übersieht ein Test selbstständiger Leistung leicht etwas. Zwei Kinder mit demselben Ergebnis können in der Zusammenarbeit unterschiedliche nächste Möglichkeiten zeigen.

Helfen können Lehrkräfte, Eltern oder Gleichaltrige. Sie müssen dem Kind nicht in jeder Hinsicht überlegen sein. Sie müssen wissen, wie es bei dieser bestimmten Tätigkeit gemeinsam weitergehen kann.

Dabei werden keine Antworten in einen Kopf gegossen. Erledigt der Erwachsene alles und schreibt das Kind nur ab, sehen wir womöglich bloß das Können des Erwachsenen. Entscheidend ist, wie das Kind mitwirkt und Schritte übernimmt.

„Noch nicht“ klingt dann anders. Es muss kein Urteil sein. Vielleicht fehlt eine passende Art von Unterstützung.

III. Zuerst zwischen zwei Menschen

Wygotski wurde in eine jüdische Familie in Orscha geboren, wuchs in Gomel auf und studierte in Moskau Rechtswissenschaft, neben weitreichenden literarischen und philosophischen Interessen. Seine psychologische Arbeit eröffnete ihm 1924 einen neuen Forschungsweg und führte ihn nach Moskau. Für diese Laufbahn blieben etwa zehn Jahre.

In der nachrevolutionären Sowjetunion wurde um eine neue Psychologie gerungen. Sein Marxismus ist wichtig. „Das Kollektiv zählt, der Einzelne nicht“ trifft sein Vorhaben jedoch schlecht. Er untersuchte gerade, wie ein konkreter Mensch eigene Fähigkeiten entwickelt.

Sprache, Zeichen und Zählweisen sind schon da, wenn ein Kind geboren wird. Es erfindet diese Werkzeuge nicht von Grund auf neu. Es lernt ihren Gebrauch im gemeinsamen Tun.

Zunächst sagt jemand: Leg das hierhin, dann such das andere. Später spricht das Kind beim Handeln mit sich selbst. Schließlich können manche dieser Hinweise den nächsten Schritt ordnen, ohne laut ausgesprochen zu werden.

Die äußere Stimme wird nicht unverändert nach innen kopiert. Sätze verkürzen sich, Bedeutungen und Funktionen verändern sich. Was zwei Menschen aufeinander abstimmte, wird zu einer Weise, das eigene Handeln zu lenken.

Darauf zielt der Weg vom Zwischenmenschlichen zum Innerpsychischen. Gemeint sind kulturell entwickelte, durch Sprache und Zeichen vermittelte psychische Funktionen. Körper, biologische Reifung und das bereits eigene Leben eines Säuglings verschwinden dadurch nicht.

Hören Sie auf den Satz, mit dem Sie sich durch eine schwierige Aufgabe helfen. Manchmal klingt eine frühere Stimme darin: langsam, schau erst, wo es schiefging. Heute benutzen Sie diesen Satz selbst. Ganz allein geschaffen haben Sie ihn nicht.

Eine Sprache zu übernehmen heißt nicht, ein Echo bleiben zu müssen. Man kann sie verändern, mit ihr nachfragen und etwas sagen, das der Mensch, der sie vermittelte, nie gedacht hat.

IV. Jemand neben Fichte

Bei Fichte setzt das Ich sich selbst. Wygotski fragt nach dem Heranwachsen eines Menschen, der denken, planen und „ich“ sagen kann. Das sind verschiedene Fragen; Entwicklungsgeschichte widerlegt nicht unmittelbar Transzendentalphilosophie. Auch Fichte wusste um Andere und Anerkennung.

Zusammen gelesen geben sie dennoch einen hilfreichen Anstoß. Sie können Ihr Haus selbst bewohnen und einrichten, ohne Ziegel, Werkzeuge und Bauverfahren erfunden zu haben. Was andere Ihnen reichten, gehört vielleicht längst zu dem, was sich am stärksten nach Ihnen selbst anfühlt.

Doch das Hausbild hat Grenzen. Ein Kind ist kein Gegenstand, den die Gesellschaft zusammenbaut. Es wählt aus, widerspricht, missversteht und erfindet. Gemeinsame Tätigkeit kann eigenes Können werden, weil darin von Anfang an seine Tätigkeit steckt.

Wer jemandem hilft, er selbst zu werden, erwirbt kein Eigentumsrecht an ihm. Die soziale Herkunft einer Person ist kein Grund, die Person aufzuheben.

V. Ibn Chaldūn blickt zurück

Im vorigen Essay fragte Ibn Chaldūn, wie Menschen zusammenhalten und gemeinsam handeln. Wygotski verschiebt den Blick: Wie lernt ein Kind im gemeinsamen Tun, Aufmerksamkeit, Erinnern und Denken selbst zu organisieren?

Die eine Frage lautet: Was trägt ein „Wir“? Die andere: Wie entsteht ein „Ich kann das“?

Das macht aus Asabiyya keine kollektive Kognition und aus der Zone der nächsten Entwicklung keine Solidarität im Kleinformat. Politischer Zusammenhalt und psychische Entwicklung haben unterschiedliche Gegenstände.

Auf unserem Leseweg lassen sie uns dennoch in beide Richtungen schauen: von Personen zu Beziehungen und aus Beziehungen wieder auf einzelne Personen. Was gibt eine Generation weiter? Und was macht das Kind mit dem Angebotenen?

Erben bedeutet nicht, fehlerfrei zu kopieren. Kann die nächste Generation nur frühere Stimmen wiederholen, wurde vielleicht nicht die Fähigkeit weitergegeben, weiterzuwachsen.

VI. Das Gerüst

Später nannten Bildungsforscher bestimmte Formen der Hilfe „Scaffolding“, nach dem Bild eines Gerüsts. Wood, Bruner und Ross formulierten die Metapher 1976 in einer bekannten Untersuchung des Anleitens. Es ist nicht Wygotskis eigener Begriff. Häufig wird er mit der Zone der nächsten Entwicklung verbunden, doch beide sind nicht dasselbe.

Ein Gerüst macht erreichbar, was vorher außer Reichweite lag. Eine große Aufgabe wird in Schritte zerlegt; ein rechtzeitiger Hinweis ermöglicht einen weiteren Versuch. Unterstützung verändert sich mit Mensch und Aufgabe.

Wer weiter alles übernimmt, obwohl der andere übernehmen könnte, kann zum Hindernis werden. Aber Hilfen abzubauen ist kein absolutes Erfolgsmaß. Manche Menschen brauchen dauerhaft Werkzeuge oder Fürsorge. Selbstständigkeit verbietet nicht, sich auf jemanden zu stützen.

Vielleicht kennen Sie eine Lehrerin, die eine Frage stellte und wartete, statt sofort die Lösung zu liefern. Vielleicht kennen Sie auch das Gegenteil: Erklärungen überschwemmen Sie, bevor Sie Ihre Schwierigkeit überhaupt gefunden haben.

Manchmal muss Hilfe erklären, manchmal vormachen, manchmal rechtzeitig innehalten. Weniger Worte sind nicht automatisch klüger, mehr Unterricht nicht automatisch verantwortlicher. Wo kommt dieser Mensch gerade nicht weiter?

Radfahren liefert ein Alltagsbild. Jemand hält das Rad, während das Kind sein Gleichgewicht sucht; dann lockert sich der Griff. Das ist kein Bericht über ein Experiment Wygotskis und keine Vorschrift, wie jedes Kind Radfahren lernen muss.

Dabei fällt Polanyis implizites Wissen ein: Der Körper lernt mitunter mehr, als ein erklärender Satz fassen kann. Die Theorien sind verschieden. Beide können aber das Bild stören, Lernen befördere nur Sätze in einen Kopf.

VII. Ein unvollendeter Weg

Noch einmal Mose. Das Bild aus den Notizbüchern erinnert an unerreichte Arbeit, nicht an ein Recht, Wygotski zum Propheten zu krönen. Auch müssen wir einen verbreiteten Textabschnitt nicht zu seinen nachweislich letzten Worten erklären.

Nach seinem Tod blieb vieles zu ordnen und weiterzuentwickeln. Die sowjetische Verurteilung der Pädologie 1936 beschränkte die Verbreitung einschlägiger Arbeiten. Doch Kollegen, Schüler und Leser verschwanden nicht zugleich. Die folgenden Jahrzehnte waren kein völlig stummer Zwischenraum.

1956 erschien eine sowjetische Auswahl seiner psychologischen Untersuchungen. 1962 folgte eine gekürzte englische Ausgabe von Denken und Sprechen. Mind in Society von 1978 ist eine spätere editorische Zusammenstellung, kein in jenem Jahr von ihm geschriebenes Buch.

Diese Geschichte ist verwickelter als das Muster vom vergessenen, endlich entdeckten Genie. Jemand bewahrte Manuskripte auf, jemand forschte weiter, jemand übersetzte. In neuen Unterrichtsräumen wurden alte Fragen wieder dringlich.

Dadurch wird sein unvollendeter Weg nicht von selbst fertig. Aber andere gehen inzwischen darauf.

VIII. An der Brücke

Auf unserer gedachten Brücke kommt Wygotski mit einem Kind an der Hand.

Das Kind geht unsicher. Er zieht es nicht vorwärts, sondern passt seinen Griff den kleinen, schwankenden Schritten an.

Die Hand erinnert an die Zone der nächsten Entwicklung, ohne sie zu definieren. Begleitetes Gehen bleibt ein Bild. Bemerkenswert ist, wie Hilfe auf die Anstrengung eines anderen antwortet.

Fichte schaut herüber. Das Kind ist nicht erst eine Person, wenn es allein gehen kann. Beim Loslassen entsteht nicht plötzlich ein Ich aus dem Nichts.

Auch Weil ist da. Auf jemanden zu achten und ihm beim Lernen zu helfen kann zusammengehören. Daraus muss kein Wettstreit werden, wer das Ich zuerst umgangen habe.

Ibn Chaldūn fragt, was weitergegeben wird. Wygotski schaut zum Kind, als gäbe er die Frage an den nächsten Schritt zurück: Was wird es mit unserer Hilfe tun?

Sie erreichen eine ebenere Stelle. Das Kind hält an. Der Zug an der Hand lässt nach.

Wygotski lässt los.

Das Kind schwankt und findet Halt. Die Hand war nicht die einzige Ursache: Der Körper ist gewachsen, das Kind hat selbst geübt und zuvor oft Unterstützung erfahren.

Für den Augenblick ist die Hand leer.

Wygotski setzt sich an den Brückenrand. Auch er braucht Ruhe. Ein kranker Mensch gewinnt seinen Wert nicht erst dadurch, dass er sich für andere aufzehrt.

Das Kind geht einige Schritte. Es wird wieder fallen und vielleicht Hilfe suchen. Dieses Stück allein zu gehen ist kein Versprechen, niemals mehr jemanden zu brauchen.

Und ein helfender Mensch ist kein wegwerfbares Baugerüst. Eine bestimmte Stütze kann entbehrlich werden, während Erinnerung und Sorge um den Menschen bleiben.

Wygotski sieht zu, wie das Kind auf die anderen zugeht. Jemand macht Platz, jemand streckt die Hand aus. Auch das Kind wird eine Richtung wählen.

Das verheißene Land bleibt ein fernes Bild. Hier gibt es keine Prophezeiung, nur ein paar wirkliche, noch unsichere Schritte.

Seine Hand ruht neben ihm. Sie hält nicht mehr fest. Wenn sie gebraucht wird, kann sie sich noch immer ausstrecken.

Lesehinweise und Quellen

Zone der nächsten Entwicklung und Internalisierung: Mind in Society, Kapitel 4 und 6. Die Herausgeber der bearbeiteten Übersetzung von 1978 erklären Kürzungen und Neuordnung; es handelt sich nicht um einen unbearbeiteten Originaltext. Die drei Situationen sind eine Einführungsskizze, keine festen Klassen. Allein etwas zu schaffen heißt nicht, nie wieder Hilfe zu brauchen.

Scaffolding: Wood, Bruner und Ross (1976), The Role of Tutoring in Problem Solving, nicht Wygotskis eigener Begriff. Internalisierung verändert statt bloß zu kopieren. Gerüst und Entwicklungszone hängen zusammen, sind aber nicht identisch. Das Fahrrad ist eine Alltagsanalogie, kein Bericht über eines seiner Experimente.

Das Mose-Bild folgt Archivforschung zu den späten Notizbüchern und Angaben der Notebooks-Herausgeber; keine verbreitete Passage wird als letzte Worte oder Prophezeiung bestätigt. Auswahl 1956, gekürzte englische Übersetzung 1962 und Zusammenstellung 1978 bleiben verschieden; dreißig Jahre ohne Leser werden nicht behauptet. Die Brücke ist erfunden, die Vergleiche mit Fichte, Chaldūn, Weil und Polanyi verschmelzen ihre Theorien nicht.

Vygotsky — Mind in Society (1978 edited translation), chapters 4, 6 and editorial materials · Wood, Bruner & Ross — The Role of Tutoring in Problem Solving (1976) · Vygotsky’s Notebooks: A Selection — editors and contents · Zavershneva — Recent Archival Discoveries and New Perspectives · MIT Press — Thought and Language, 1962 edition · MIT Press — Thought and Language, expanded edition history

Eigenständige deutsche Neufassung. Quellen, Zitate und ausführliche Anmerkungen in der chinesisch-englischen Originalausgabe。