092 / 108 · Wie wir wissen
Ibn Chaldūn: Wie erkennt eine Gruppe sich selbst?
Wie wird ein gemeinsam gegangener Weg zum Wir? Vom Rückzug in der Festung bis vor Damaskus fragt er nach Zusammenhalt und danach, wie Macht ihn aufzehrt.
I. Das Buch in der Festung
Nordafrika, 1377. Qalʿat Ibn Salama, im heutigen Algerien.
Ibn Chaldūn hat die Hofpolitik für eine Weile verlassen. Er diente in Tunis und Fès und übernahm eine diplomatische Mission für Granadas Herrscher. Amt, Haft, Abschied, neue Bündnisse: Er kennt unzuverlässig werdende Treue und Siege, die den nächsten Streit vorbereiten.
Er ist fünfundvierzig. Die Politik gab ihm keine fertige Antwort, sondern ineinander verstrickte Fragen.
Während des Rückzugs um 1375–1379 entsteht die Muqaddima. Nach eigener Angabe schreibt er den ersten Entwurf 1377 in ungefähr fünf Monaten und überarbeitet ihn später weiter. Die Einleitung zum Kitab al-Ibar wird eigene Leser finden.
Das Buch fragt nicht nur, was geschah. Warum soll man einem Bericht glauben? War dieses Ereignis unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen überhaupt möglich?
Neben Siegern und Besiegten: Wie gewinnen Gruppen die Fähigkeit zu herrschen? Warum können Menschen, die gemeinsam Macht errangen, später nicht mehr gemeinsam leben?
Hier erfindet niemand sämtliche Sozialwissenschaften aus dem Nichts. Politische Erfahrung und überlieferte Gelehrsamkeit werden zu einem Versuch, historische Berichte zu prüfen und zu erklären.
II. Asabiyya
Ein wichtiges Wort lautet Asabiyya.
Oft heißt die Übersetzung Gemeinschaftsgefühl oder Zusammenhalt. Gemeint ist mehr als eine Vorstellung davon, wer wir sind: Schutz, gegenseitige Hilfe und gemeinsames Handeln gehören dazu. Verwandtschaft zählt, doch Bündnisse und Bindungen können Vergleichbares erzeugen.
In dieser Reihe bewegt das Wort unseren Blick vom Ich zum Wir. Das ist unser Leseweg, keine Behauptung, Chaldūn habe als Erster kollektives Erkennen entdeckt.
Comtes Gesellschaft, Poppers kritische Gemeinschaft und Weils Aufmerksamkeit gingen bereits über den Einzelnen hinaus. Jetzt treten die Beziehungen in den Vordergrund.
Woher weiß eine Ansammlung, dass sie mehr ist als zufällig nebeneinanderstehende Menschen?
Wer kommt bei Gefahr? Wer wird beim Teilen nicht vergessen? Wer bleibt, wenn es etwas kostet? Wir lebt nicht nur in einer Beschreibung, sondern in Beziehungen, die solche Situationen erproben.
Eine verbundene Gruppe hat spürbare Wärme. Aber auch Grenzen: Innerer Zusammenhalt kann äußere Grausamkeit begleiten. Er erklärt Macht, bescheinigt ihr jedoch keine Güte.
III. Drei Generationen als Modell
Chaldūn beschreibt einen Wandel zwischen Generationen.
Gründer kennen Entbehrung, wechselseitige Abhängigkeit und den Kampf um Macht. Geteiltes Risiko und Ansehen ermöglichen gemeinsames Handeln. Neben ihrer Genügsamkeit stehen auch Eroberung und Gewalt.
Die nächste Generation lebt sicherer und wohlhabender. Sie kennt die Gründer unmittelbar und bewahrt ältere Gewohnheiten. Doch Ansehen konzentriert sich, Beteiligung weicht zunehmend dem Gehorsam.
In seinem Modell wird die dritte Generation stärker von Luxus und bestehender Herrschaft abhängig. Alte Fähigkeiten gemeinsamer Verteidigung schwinden. Der Herrscher sucht neue Gefolgsleute und Stützen.
Dann kann eine andere, gemeinsam handlungsfähigere Macht auftreten. Die Gefahr kommt nicht bloß vom moralischen Verfall, sondern auch davon, wie erfolgreiche Herrschaft Beziehungen umordnet.
Er rechnet etwa vierzig Jahre je Generation, rund 120 für drei. Eine alternde Dynastie kann ohne Herausforderer weiterbestehen. Das ist eine bedingte Verallgemeinerung, keine Uhr, die pünktlich schlägt.
Das chinesische Sprichwort vom Reichtum für höchstens drei Generationen klingt vertraut, beweist aber nichts. Rom und die Osmanen passen nicht in denselben Kalender. Behalten wir die Frage: Kann Erfolg die Fähigkeiten aufzehren, die gemeinsames Leben ermöglichten?
IV. Was gemeinsame Erfahrung hinterlässt
Ein heutiges Bild wäre verlustbehaftete Verdichtung kollektiver Erinnerung.
Viele Ereignisse werden nicht einzeln erzählt, sondern bleiben als Gefühl: Wir sind gemeinsam hindurchgegangen. Das ist unser Vergleich, nicht Asabiyyas ursprüngliche Definition.
Auch Einzelne bringen lange Erfahrung in kurze Urteile ein. McClintocks Vertrautheit ist keine Formel, Weils Aufmerksamkeit kein Informationsprozentsatz. Erfahrung hinterlässt mehr als ihre Zusammenfassung.
Wanderung, Hunger, Feste und Hilfe werden zu Gruppengewohnheiten. Wartet man auf den Verspäteten? Kehrt jemand um, wenn einer fällt? Solche Handlungen geben dem Wir Gewicht.
Nachkommende können durch Geschichten und Einrichtungen lernen; sie müssen nicht jedes Leiden wiederholen. Doch Gedenkworte ohne vertrauenswürdiges Handeln werden hohles Erbe. Gemeinsames Leben braucht heutige Erfahrung.
Die politische Kontinuität nach Thatcher bietet einen anderen Vergleich: Wie wird ein geschaffener Rahmen zur selbstverständlichen Umgebung? Blair ist kein experimenteller Beleg für Asabiyyas zweite Generation. Institutionen und Geschichte trennen britische Politik von mittelalterlichen Dynastien.
V. Neben Comte
Die Muqaddima liegt mehrere Jahrhunderte vor Comtes soziologischem Vorhaben.
Comte gab der Soziologie Namen und Platz in seinem System. Chaldūn sprach von ilm al-umran, der Untersuchung menschlichen Zusammenlebens. Ihn einen bedeutenden Vorläufer zu nennen heißt nicht, beide hätten dieselbe moderne Disziplin betrieben.
Beide suchen Ordnung in verstreuten Ereignissen. Nicht der eine hat nur Theorie und der andere nur Augen.
Comtes Stufen können Geschichte zu ordentlich sortieren. Er wusste aber auch, dass Beobachtung theoretische Orientierung braucht. Er habe niemals Tatsachen angesehen, wäre kein ausreichendes Urteil.
Chaldūn schöpft aus Politik, älteren Büchern und widersprüchlichen Berichten. Er prüft sie an gesellschaftlichen Möglichkeiten. Eine so große Armee: Wovon lebte sie, wie marschierte sie? Eine alte Zahl bleibt befragbar.
Das ist bewusste Methode, kein theorieloses Schauen mit anschließender Abschrift. Auch er verallgemeinert und trägt Grenzen seiner Zeit. Auch ihn müssen spätere Leser prüfen.
Zusammen ergibt sich eine bessere Frage: Was macht Theorie sichtbar, und wann verdeckt sie Tatsachen, die nicht passen?
VI. Vom Ich zum Wir
Beziehungen anzusehen entfernt die Einzelnen nicht aus dem Bild.
Ein Wir besteht aus Menschen, aber ihre Zahl erklärt es nicht. Verpflichtungen, Gewohnheiten und gegenseitiges Vertrauen schaffen Handlungsfähigkeit, die keiner allein besitzt.
Fichte regt die Frage an, wie eine Gruppe Wir sagt. Asabiyya ist jedoch keine vergrößerte Selbstsetzung. Eine Gruppe ist auch kein Riese mit vielen Körpern, der die Sätze aller Mitglieder beenden dürfte.
Zeit macht das Problem greifbar. Gründen, erben, vergessen brauchen keinen Drei-Generationen-Takt. Ein früher vorhandener Zusammenhang bleibt nicht garantiert bestehen.
Woolfs Vergangenheit im gegenwärtigen Erleben kann kollektive Erinnerung beleuchten. Literarisches Bewusstsein und historische Mechanismen bleiben verschieden. Beide zeigen unsichtbare Wege im sichtbaren Augenblick.
Wygotski rückt anschließend näher heran: Wie gelangen gemeinsame Sprachen und Praktiken durch ein Gespräch oder eine Hilfe in die wachsenden Fähigkeiten eines Kindes?
VII. Timur vor der Mauer
Damaskus, 1401. Der achtundsechzigjährige Chaldūn wird an Seilen von der Mauer hinabgelassen, um Timur zu treffen.
Die Stadt ist belagert, der Sultan fort. Das ist kein ungefährlicher Gelehrtenbesuch. Seine Sicherheit und die der Kollegen stehen auf dem Spiel gegenüber einem Mann, der regionale Machtverhältnisse umgestaltet.
Timur fragt bei den Begegnungen nach Nordafrika; Chaldūn liefert geographisches und politisches Wissen. Seine Autobiographie hält das fest. Lob vor einem Eroberer ist in dieser Lage zu lesen, nicht automatisch als rückhaltlose Zustimmung.
Der Autor über Zivilisationen begegnet einem Eroberer. Macht lässt sich beobachten, Gefahr nicht beherrschen. Damaskus wird geplündert werden. Daraus folgt nicht, die zu wenig geeinten Bewohner hätten die Niederlage verdient.
Während das Seil sinkt, sichert ihm seine Theorie keinen Platz außerhalb der Geschichte. Er ist darin und sucht einen Weg, lebend zurückzukehren.
VIII. An der Brücke
Auf unserer erdachten Brücke bringt Chaldūn etwas von der Wüste mit.
Sie ist nicht seine ganze Herkunft: städtische Gelehrtenfamilie, Bildung in Tunis, Wege zwischen Höfen. Auch ist sie keine von Natur aus tugendhafte Heimat, sondern eine wichtige Blickrichtung seines Werks.
Er betritt die Brücke und sieht zuerst die Abstände zwischen Menschen.
Comte ordnet, Popper fragt, Fichte spricht vom Ich. Weil hört zu; Murdoch wendet sich vom Vogel zurück. Jeder ist mit etwas beschäftigt.
Er möchte mehr wissen: Wenn die Brücke schwankt, wer reicht eine Hand? Wer bemerkt einen Zurückbleibenden?
Ein Blick genügt nicht.
Streit widerlegt kein Wir; Zustimmung beweist keine Solidarität. Manche Bindung zeigt sich erst im Handeln.
Er kennt kluge Menschen, die einen Hof teilten, ohne einander zu vertrauen. Er kennt auch gemeinsames Handeln, das Herrschaft wurde. Macht verdient Erklärung, nicht notwendig Bewunderung.
Am Rand schaut er in die Ferne, die wir für diese Szene zeichnen. Dort geht eine Gruppe.
Sie kamen weit und sind durstig. Einer verlangsamt den Schritt und wartet. Sie kennen ihre Namen und wissen, dass Wir nicht bloß ein Wort bleiben kann.
Asabiyya wird weniger fremd.
Ein Teil liegt in den gemeinsamen Fußspuren. Ein anderer hängt am nächsten Schritt: Werden sie noch aufeinander warten?
Lesehinweise und Quellen
Die Muqaddima in Franz Rosenthals Übersetzung: Einleitung zur Glaubwürdigkeit von Geschichte, Kapitel III zu Asabiyya und Dynastiegenerationen, Schluss zur etwa fünfmonatigen Erstfassung. Rund vier Jahre Rückzug sind von der ersten Niederschrift zu unterscheiden. Drei Generationen beziehungsweise etwa 120 Jahre bilden ein bedingtes Modell, keine universelle Uhr.
Die Begegnung mit Timur in Damaskus 1401 folgt den autobiografischen Materialien der Übersetzereinleitung: Abstieg am Seil, Sicherheitsbitten, Informationen über Nordafrika. Belagerungszwang, Selbstzeugnis und Geschichtsurteil bleiben verschieden. Die Plünderung beweist keine durch mangelnden Zusammenhalt verdiente Strafe der Opfer.
Verdichtung, der Weg vom Ich zum Wir und Vergleiche mit Comte, Popper, Fichte und Woolf sind Deutungen dieses Essays, nicht Chaldūns eigene Begriffe oder Beweise identischer Lehren. Brücke und Fußspuren sind erfunden. Gruppenstärke bedeutet nicht schon Legitimität.
Ibn Khaldun — The Muqaddimah, translated by Franz Rosenthal · The Muqaddimah — online contents
Eigenständige deutsche Neufassung. Quellen, Zitate und ausführliche Anmerkungen in der chinesisch-englischen Originalausgabe。