091 / 108 · Wie wir wissen
Iris Murdoch: Sehen ist Moral
Moral ist nicht nur richtige Wahl im Schlüsselmoment, sondern vorheriges Lernen, den Anderen wahrer zu sehen. Aufmerksamkeit lockert die Fantasie des Ichs.
I. Der Turmfalke
Murdoch lädt uns ein, uns einen Augenblick am Fenster vorzustellen.
Jemand grübelt über eine Kränkung. Die Szene läuft im Kopf immer wieder ab, der Ärger wächst. Draußen war die Welt die ganze Zeit vorhanden; nur dringt kaum etwas von ihr durch.
Dann erscheint ein Turmfalke.
Er steht in der Luft und hält sich im Wind. Er ist nicht gekommen, um jemanden zu trösten. Von den Sorgen hinter der Scheibe weiß er nichts.
Die Aufmerksamkeit wandert hinaus. Das Problem ist nicht gelöst, erscheint bei der Rückkehr aber kleiner. Der Schmerz wurde nicht unwirklich. Er füllt nur kurz nicht mehr die ganze Welt.
Für Murdoch liegt darin ein Zugang zum moralischen Leben.
Wir verorten Moral oft im letzten Schritt: welchen Weg wählen, welcher Regel folgen? Sie blickt weiter zurück. Wie hast du den anderen schon vor der Entscheidung gesehen? Welche Einzelheiten durften ankommen, welche hat deine Geschichte abgehalten?
II. Die Schwiegermutter
Ein anderes Beispiel führt an den Familientisch.
M mag ihre Schwiegertochter D nicht. Sie findet sie unkultiviert, zu vertraulich, würdelos. Sogar Aussprache und Kleidung stören. Ihr Sohn hat, meint sie, unter seinem Stand geheiratet.
Doch M benimmt sich tadellos. Höflich und beherrscht lässt sie ihre Feindseligkeit nicht erkennen. Wer allein das Verhalten betrachtet, findet kaum einen Fehler.
Um die Frage freizulegen, lässt Murdoch uns sogar annehmen, D sei fortgezogen oder gestorben. Ms Veränderung lässt sich dann nicht auf einen neuen Umgang zurückführen. Das sind Varianten des Gedankenexperiments, keine notwendigen Handlungsschritte.
M beginnt dem eigenen Blick zu misstrauen. Ist sie vielleicht snobistisch, gegenüber dem Sohn zu besitzergreifend? Könnte das vermeintlich Vulgäre ungezwungen, das Würdelose lebhaft sein? Es geht nicht um freundlichere Etiketten, sondern um die Mühe, noch einmal hinzusehen.
Ihr äußeres Verhalten bleibt gleich. Aber D ist nicht länger auf die bereits ausgemalte D beschränkt.
Hat sich moralisch etwas verändert?
Ein Bild, das Moral nur in sichtbaren Handlungen und Entscheidungen sucht, kann Ms Arbeit schwer beschreiben. Murdoch kritisiert dieses enge Bild, ohne allen analytischen Philosophen und Existenzialisten dieselbe Antwort zu unterstellen.
Jemanden gerechter und liebevoller sehen zu wollen ist selbst moralische Arbeit. Handeln bleibt wichtig. Doch bevor es geschieht, hat ein Blick seinen Weg vorbereitet.
III. Das Ich zurücktreten lassen
Murdoch nennt manche solcher Erfahrungen unselfing.
Sie misstraut dem Ego, das sich ausdehnt und ständig Rücksicht verlangt. Es muss nicht laut befehlen. Häufig liefert es bloß unbemerkt die Erklärung für alles.
Ein Mann erscheint langweilig, weil er dich nicht bewundert; eine Frau unhöflich, weil sie nicht nach deinen Umgangsformen lebt. Vorurteil, Angst und Selbstschutz werden zum Filter. Du glaubst den anderen zu sehen und triffst immer wieder die eigenen Bedürfnisse.
Unselfing lockert diesen Filter. Es beseitigt nicht den Menschen, der schaut.
Der Falke unterbricht den Monolog der gekränkten Eitelkeit. Der Betrachter bleibt, verlangt vom Vogel aber nicht mehr die Bestätigung seiner Wichtigkeit. Sobald die Welt nicht um mich kreisen muss, lässt sich endlich anderes wahrnehmen.
Wir können an Woolfs Augenblicke denken, in denen die Watte des Alltags aufreißt und unbekannte Strukturen sichtbar werden. Die Bilder beleuchten einander, ohne dasselbe seelische Ereignis zu beschreiben. Auch macht ein intensiver Augenblick niemanden automatisch gut.
Weils Einfluss hat Murdoch selbst anerkannt. Sie übernimmt die Frage der Aufmerksamkeit, verleiht aber nicht erst einem bisher unmoralischen Begriff moralischen Sinn. Auch Weil ging es darum, leidenden Menschen zuzuhören.
Religion, Liebe und andere Menschen durchziehen Weils Aufmerksamkeit. Murdoch ordnet diese Fragen in ihrem eigenen Platonismus neu.
Von Gebet zu alltäglichem Hinsehen führt ein Weg. Gott der einen und den Nachbarn der anderen zuzuweisen würde beide künstlich einsperren.
Zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter wird daraus eine kleine, schwierige Frage: Darf dieser Mensch anders sein als die Geschichte, die ich über ihn schon zu Ende erzählt habe?
IV. Die Souveränität des Guten
Ihr Buch heißt The Sovereignty of Good, Die Souveränität des Guten.
Souveränität ermächtigt hier keine Stimme, Menschen herumzukommandieren. Zunächst stört sie eine Selbstzufriedenheit: Meine Wahl allein macht etwas nicht gut. Mein Wunsch ist nicht das letzte Maß aller Dinge.
Murdoch widerspricht einem Bild der Moral, in dessen Mitte der isolierte Wille steht. Wählen bleibt nötig, geschieht aber nicht aus dem Nichts. Was wir gewöhnlich wahrnehmen oder übersehen, prägt die Alternativen, die wir im entscheidenden Augenblick überhaupt erkennen.
Platons Höhle gibt ein Bild: sich umwenden, zum Licht gehen, unterscheiden lernen. Die Sonne ist kein Preis in der Hand. Bei Murdoch kann eine solche Wendung darin beginnen, dass M D neu betrachtet.
Früher fragte diese Reihe, ob Platons Ideen die Welt verschließen. Murdoch eröffnet einen anderen Rückweg. Sie hält an der Transzendenz des Guten fest und verlegt die Annäherung zugleich ans Fenster, in die Kunst, zwischen Menschen. Gutsein heißt nicht, andere in meinen vollkommenen Entwurf einzupassen.
V. Die Romanautorin
Murdoch schrieb auch sechsundzwanzig Romane.
Philosophin und Romanautorin schließen sich nicht aus. Zusammen zeigen sie hier eine besondere Geduld: Eine Vorstellung vom Menschen entwickeln und dann zulassen, dass einzelne Menschen sie durcheinanderbringen.
Ein guter Roman kann ein Übungsort der Aufmerksamkeit sein.
Eine Figur tut etwas Ärgerliches. Beim Weiterlesen erkennst du Scham, Missverständnis, einen unausgesprochenen Wunsch. Verstehen erlässt keine Verantwortung. Es verhindert, dass ein Urteil zu leicht ein ganzes Leben ersetzt.
Romane können auch unsere Fantasien füttern. Viel zu lesen garantiert keinen gerechten Blick. Die Übung geschieht erst, wenn die Figur die vorab zugedachte Rolle überschreiten darf.
Comte und Popper regen Fragen nach den Grenzen des Wissens an. Ihre Ansätze beweisen aber nicht schlicht, dass Romane keine Erkenntnis ermöglichen. Wissenschaft abzugrenzen heißt nicht über jeden Sinn zu urteilen; eine Figur ist keine experimentelle Hypothese, die widerlegt werden soll.
Murdoch gibt uns eine schwierige Übung: Der andere ist kein Beispiel meiner Theorie. Nach dem Zuklappen des Buchs geht die Arbeit im Leben weiter.
VI. Neben Arendt
Arendt fragte zuletzt, ob Befehle und Redensarten für uns urteilen. Murdoch führt die Frage in alltägliche Begegnungen: Selbst wenn ich unablässig denke, nehme ich jemanden außer mir wahr?
Eichmanns Verantwortung lässt sich nicht durch ein leeres Inneres erklären. Seine Handlungen, Überzeugungen und Rechtfertigungen sind zu prüfen. Arendts Frage teilt Menschen nicht in Denkende und verlassene Hüllen.
Ms Fall ist selbstverständlich kein gleichwertiges Verbrechen. Sie hat eine ausgearbeitete Sicht auf D und hält sich für sehr beherrscht. Gerade weil diese Sicht so vollständig ist, bleibt für D selbst kaum Platz.
Stellen wir uns zwei Zimmer vor: Das eine schickt das Urteilen nach draußen; das andere ist voller Projektionen. Das Bild hilft beim Fragen. Es definiert weder zwei Philosophien vollständig noch setzt es die Schwere der Fälle gleich.
Urteilen nicht abgeben; das eigene Urteil nicht mit dem beurteilten Menschen verwechseln. Zusammen geben diese Forderungen dem inneren Zimmer ein Fenster nach draußen.
VII. Vergessen
1997 erhielt Murdoch die Diagnose Alzheimer.
Gedächtnis und Sprache wurden weniger verlässlich. Der vertraute Alltag brauchte mehr Unterstützung. Wer so lange Worte für Menschen gesucht hatte, erlebte Schwierigkeiten, die sich mit Worten kaum mitteilen ließen.
John Bayley beschrieb ihre letzten Jahre in Iris und weiteren Erinnerungen. Das ist das Zeugnis eines Nahestehenden, keine Kamera, die ihr Erleben von außen erschöpfend erfasst.
Wir dürfen daraus nicht schließen, sie habe niemanden mehr gesehen oder ihr Ich sei verdampft. Das Erleben eines anderen bleibt uns teilweise verborgen. Es nicht erklären zu können heißt nicht, nicht mehr da zu sein.
Auch Woolfs Ende darf daneben kein elegantes Schaubild kognitiven Zusammenbruchs ergeben. Krankheit und Leiden gehören zu einzelnen Leben, nicht zum Bedürfnis eines Essays nach einem schönen Schluss.
Die Frage richtet sich jetzt an Pflegende und Lesende: Siehst du einen Menschen noch, wenn er nicht mehr vertraut antwortet? Sie muss keine Bücher mehr schreiben, um geduldige Zuwendung zu verdienen.
Die sechsundzwanzig Romane bleiben, ebenso das philosophische Buch, M und D und der Turmfalke. Doch auch ohne sie brauchte ihr Wert kein Werk, das ihn verlängert.
VIII. An der Brücke
Auf dieser erdachten Brücke kommt Murdoch mit einem Roman an. Nicht mit ihrem eigenen. Sie liest noch.
Sie blickt auf und sieht die Brücke und ihre Menschen.
Bevor sie einen Platz sucht, schaut sie die Menschen an.
Comte ist da. Sie steckt ihn nicht sofort ins Fach Positivist. Ernsthaftigkeit sieht manchmal wie Starrsinn aus. Sie möchte länger schauen, ohne schon die vermeintlich dahinterliegende Angst festzulegen.
Sie sieht Weil. Vielleicht fragt sie zuerst, ob ihr kalt ist und ob sie sitzen möchte, statt ihren Körper zur Allegorie des Unselfing zu machen. Zuhören verlangt nicht, alles zu feiern, was jemanden verletzt hat.
Arendt schreibt noch. Murdoch bleibt neben ihr stehen. Die eine fragt, wie Urteilen nachgibt, die andere, wie ein Blick eng wird. Keine gehört nur dem Licht oder Schatten. Die Brücke lässt das Gespräch weitergehen.
Etwas fliegt vorbei. Ein Vogel, nicht notwendig ein Turmfalke.
Murdoch hält einen Augenblick inne und schaut ihm nach.
Philosophen, Streit und eigene Lesegedanken treten zurück. Sie bleiben wichtig; doch hier fliegt auch ein Vogel, der keinen ihrer Gründe braucht.
Er fliegt davon. Sie klemmt den Roman unter den Arm und nimmt ihren Platz ein.
Sie weiß nicht, ob dieser Vogel zurückkehrt. Auch kann sie nicht garantieren, beim nächsten Mal aus ihren Sorgen aufzublicken.
Aber sie kann weiter hinsehen. Und sich weiter von Menschen und Welt unterbrechen lassen.
Lesehinweise und Quellen
Turmfalke und Entselbstung: The Sovereignty of Good over Other Concepts; M und D: The Idea of Perfection. Ds Abwesenheit oder Tod ist eine Versuchsanordnung zur inneren Veränderung, kein biografischer Fall. Der Text paraphrasiert; moralische Aufmerksamkeit garantiert nicht automatisch richtiges Handeln.
Biografische Prüfung: Somerville College, Oxford, und der öffentliche Verlagsauszug aus Iris Murdoch and the Transcendent. John Bayleys Iris (1998) ist die Erinnerung eines Nahestehenden, kein vollständiger Zugang zu ihrem Erleben. Demenz hebt Person und Wert nicht auf; ein Werk begründet nicht erst den Anspruch auf Fürsorge.
Begegnungen, Gesten und Gespräche auf der Brücke sind erfunden. Vergleiche mit Weil, Woolf, Platon, Comte, Popper und Arendt setzen ihre Gedanken nicht gleich. Ms Vorurteil ist mit nationalsozialistischen Verbrechen nicht moralisch gleichzusetzen.
Iris Murdoch — The Idea of Perfection (The Yale Review) · Iris Murdoch — The Sovereignty of Good over Other Concepts · Somerville College, Oxford — Iris Murdoch · Iris Murdoch and the Transcendent — publisher excerpt
Eigenständige deutsche Neufassung. Quellen, Zitate und ausführliche Anmerkungen in der chinesisch-englischen Originalausgabe。