090 / 108 · Wie wir wissen
Arendt: Wer urteilt an deiner Stelle?
Befehle, Gewohnheiten, schöne Erklärungen: Alles liegt bereit. Doch wer urteilt noch? Vom Gericht zur unvollendeten Seite kehrt die Frage auch zu Arendt zurück.
I. Sie ging hin
Jerusalem, 1961. Adolf Eichmann sitzt vor Gericht hinter schusssicherem Glas.
Hannah Arendt ist als Berichterstatterin des New Yorker gekommen. Sie will nicht nur eine Liste der Verbrechen lesen. Sie will hören, wie dieser konkrete Mensch über das spricht, was er getan hat.
Bei solchen Verbrechen erwartet man leicht ein Ungeheuer, das auf den ersten Blick als solches zu erkennen ist.
Hinter der Scheibe aber sitzt ein Mann, dessen Gesicht in einem gewöhnlichen Büro kaum auffiele.
Arendt beschreibt seine Vorliebe für Redensarten: Pflicht, Befehl, Gehorsam, Karriere. Daraus folgt weder, dass ihm antisemitische Überzeugungen fehlten, noch, dass er nicht böse war. Spätere Forschungen, besonders zu seinen Äußerungen und Aktivitäten in Argentinien, haben seinen ideologischen Einsatz und seine bewusste Selbstdarstellung deutlicher hervortreten lassen. Die Behauptung eines Angeklagten, er habe nur ausgeführt, darf nicht einfach übernommen werden.
Er organisierte Deportationen, die Menschen in den Tod schickten. Die Nationalsozialisten und ihre Helfer ermordeten sechs Millionen Juden; Eichmann gehörte zu den maßgeblichen Organisatoren dieses Völkermords. Sein unauffälliges Aussehen mindert seine Verantwortung nicht. Es erschüttert vielmehr die bequeme Annahme, Verbrechen müssten einem Menschen ins Gesicht geschrieben stehen.
1963 erscheinen Arendts Berichte, dann das Buch Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen.
Die „Banalität des Bösen“ wird eine berühmte Wendung. Mitunter so berühmt, dass man sie behält und die Frage vergisst, was sie eigentlich bezeichnet.
Sie bedeutet weder, dass die Verbrechen belanglos waren, noch, dass ihre Täter unschuldig seien. Arendt richtet den Blick darauf, wie entsetzliche Handlungen, leere Sprache und das Ausweichen vor dem Urteilen nebeneinander bestehen können. Ihr Bild von Eichmann muss sich dennoch an historischen Belegen messen lassen. Ein starker Begriff schützt seine Urheberin nicht vor Korrektur.
II. Gedankenlosigkeit
Gedankenlosigkeit meint hier weder mangelndes Rechenvermögen noch organisatorisches Unvermögen, auch nicht einen verträumten Augenblick. Eichmann konnte planen, taktieren, nach Macht streben. Die Frage ist, ob solche Fähigkeiten zugleich dazu dienen können, andere Fragen fernzuhalten.
Was tue ich gerade? Was mache ich aus diesen anderen Menschen? Warum soll ein Befehl darüber für mich entscheiden?
Ein Fahrplan kann genau, ein Transport effizient, ein Bericht fehlerlos sein. Wenn lebende Menschen zu abzuarbeitenden Mengen werden, verbürgt Genauigkeit jedoch keine moralische Richtigkeit. Etwas gut erledigen und es überhaupt tun dürfen sind verschiedene Fragen.
Eine Warnung lässt sich bei Arendt ernst nehmen: Grausamkeit muss nicht immer die Zähne fletschen. Hass und Überzeugung können sich mit Pflichten und Routinen verbinden, die Nachfragen abwehren. Daraus folgt umgekehrt nicht, alles Böse sei absichtslos oder schon ein unaufmerksamer Augenblick eine böse Tat.
Hier denkt man an Simone Weil. Sie fordert Aufmerksamkeit für den leidenden Menschen; Arendt lässt uns fragen, woran wir beteiligt sind. Die eine Frage lautet: Hast du diesen Menschen gehört? Die andere: Kannst du vor dir selbst dafür einstehen, was du tust?
Das sind keine austauschbaren Theorien. Nebeneinander beleuchten sich die Fragen aber gegenseitig. Eine eingeübte Erklärung kann den Menschen vor uns verdecken – und uns selbst als Handelnde gleich mit.
III. Zwei Arten, eine Tür zu schließen
Im Thatcher-Essay ging es darum, wie „Es gibt keine Alternative“ eine Diskussion schließen kann. Das Bild der Tür lässt sich aufnehmen, ohne die politischen Auseinandersetzungen einer demokratischen Regierungschefin und Völkermord moralisch gleichzusetzen.
Verglichen werden zwei Sprechweisen. Über den inneren Aufbau zweier Personen wird damit kein Urteil gefällt.
Die eine sagt: Ich habe darüber nachgedacht. Es gibt nichts mehr zu besprechen.
Das kann auf einer sorgfältigen Entscheidung beruhen. Es kann auch zum Schutzschild gegen neue Belege werden. Wir müssen urteilen; ein einzelnes Urteil für alle Zukunft unangreifbar zu machen ist etwas anderes.
Die andere sagt: Ich habe es nicht entschieden. Ich habe nur ausgeführt.
Der Satz schickt die Gründe anderswohin, als könnten der Unterzeichner, der Organisator und der Handelnde aus dem Geschehen heraustreten. Wo Wahl und Handlung vorliegen, verschwindet Verantwortung nicht durch eine andere Grammatik.
Deshalb darf man nicht behaupten, in Eichmann sei „niemand“ gewesen. Ihn zur leeren Hülle zu erklären könnte gerade die Verantwortung auslöschen, die er tragen muss. Zu fragen ist, wie ein konkreter Mensch seine Handlungen unterstützte, vorantrieb und verteidigte – nicht, ob er jemals ein Ich besaß.
Auch Fichtes Selbstsetzung des Ich liefert keine psychologische Diagnose eines Verbrechers. Der Faden unserer Reihe erlaubt eine einfachere Frage: Wenn du sagst, das gehe dich nichts an, kannst du dann auch alles aus der Geschichte entfernen, was du selbst getan hast?
IV. Auch sie muss sich fragen lassen
Nach dem Erscheinen des Buches steht Arendt selbst im Zentrum einer heftigen Auseinandersetzung.
Besonders umstritten ist ihre Behandlung der Judenräte. Die Nationalsozialisten erzwangen oder benutzten diese Einrichtungen. Manche Verantwortliche erfüllten unter Drohungen Forderungen nach Registrierung, Beschlagnahmung oder Deportation; andere verzögerten, verweigerten sich oder halfen dem Widerstand, bisweilen um den Preis ihres Lebens. Unterschiede von Ort, Zeitpunkt und Zwangslage lassen sich nicht in einer einzigen Tabelle einebnen.
Mit „Sie sagte nur eine Wahrheit, die niemand hören wollte“ ist dieser Streit nicht erledigt. Kritisiert wurden nicht nur ihr Ton, sondern auch Verallgemeinerungen, Belege und ihre Einschätzung der Handlungsspielräume unter Terror. Die Verantwortung der Verfolger darf nicht auf ihre Opfer übertragen werden. Konkrete Handlungen zu prüfen heißt auch, ihren Zwangskontext ernst zu nehmen.
Es gab ungerechte Angriffe. Freundschaften zerbrachen. Doch die jüdischen Gemeinschaften sprachen nicht mit einer Stimme, und Arendt hatte auch Unterstützer.
Man mag an Qu Yuan denken, den chinesischen Dichter aus einem früheren Essay: Wie bleibt jemand stehen, nachdem er etwas Unwillkommenes gesagt hat? Dieser Anklang bürgt nicht für jeden Satz Arendts. Unabhängigkeit ist keine Unfehlbarkeit.
Auch Barbara McClintock kommt in den Sinn – allerdings nicht als ein Genie, das dreißig Jahre lang von allen übersehen wurde. Wissenschaftliche und öffentliche Kontroversen verlangen Belege und Gründe. Wer Widerspruch erfährt, hat deshalb nicht zwangsläufig „zu viel Wahrheit“ ausgesprochen.
Arendt verlangte, das Urteilen nicht an Autoritäten abzugeben. Dann darf man es beim Lesen auch nicht an den Namen Arendt abgeben. Sie kann eine Gesprächspartnerin sein, mit der man ernsthaft streitet, ohne zu einer Person zu werden, die niemand hinterfragen darf.
V. Vom Leben des Geistes
Nach dem Prozess lassen Denken und Urteilen sie nicht los. Wie kann jemand mehr tun, als eine Aufgabe intelligent zu erledigen – nämlich innehalten und die Aufgabe selbst befragen?
Ihr spätes Werk Vom Leben des Geistes sollte Denken, Wollen und Urteilen behandeln. 1975 stirbt Arendt mit neunundsechzig Jahren; der geplante Teil über das Urteilen bleibt ungeschrieben. Ihre Herausgeberin Mary McCarthy berichtet von einem Blatt in der Schreibmaschine mit der Überschrift „Urteilen“ und zwei Motti. Es war nicht bloß eine Überschrift auf einem sonst leeren Blatt.
Das Bild bleibt haften. Es besagt nicht, dass sie an der Schreibmaschine starb oder nie über das Urteilen nachgedacht hatte. Ihre Kant-Vorlesungen und weitere Arbeiten lagen bereits vor. Was fehlt, ist der abgeschlossene geplante Band, nicht jede vorausgegangene Beschäftigung damit.
Denken, Wollen und Urteilen sind bei ihr unterschiedliche Tätigkeiten. Sie bilden keine automatische Fertigungsstraße: Denken einschalten, und am Ende kommt das Gute heraus.
Im Anschluss an Sokrates untersucht sie das stumme Gespräch mit sich selbst. Kann man nach einer Handlung allein mit dem Menschen leben, der sie begangen hat? Das „Zwei-in-Einem“ bezeichnet eine Denkerfahrung, nicht zwei Bewohner im Kopf.
Dieses Gespräch kann ein allzu glattes „Das machen doch alle“ unterbrechen. Es liefert nicht unbedingt sofort eine Regel. Es lässt aber eine oft wiederholte Regel aufhören, selbstverständlich zu wirken. Urteilen muss zudem zu einzelnen Situationen und anderen Standpunkten zurückkehren, statt nur den Streit im eigenen Kopf zu gewinnen.
Denken ist weder moralische Versicherung noch Aufnahmeprüfung ins Menschsein. Ruhe, Erschöpfung, Krankheit und kognitive Beeinträchtigung nehmen keinem Menschen seinen Wert. Es geht nicht um ununterbrochene Selbstprüfung, sondern darum, „Darüber habe ich nicht nachgedacht“ nicht zum dauerhaften Freibrief zu machen.
VI. Mit den früheren Gestalten
Fichte macht die Tätigkeit des Subjekts sichtbar; Arendt drängt auf Verantwortung im Handeln. Beides lässt sich zusammen lesen, ohne das eine zum negativen „Beweis“ des anderen zu machen. Das Böse ist nicht erklärt, wenn man seinem Urheber das Selbst abspricht.
Weil lässt die eigene Dringlichkeit zurücktreten, damit der Leidende sprechen kann. Arendt fordert ein Innehalten vor sich selbst und vor anderen Perspektiven. Zurücktreten heißt nicht verschwinden; denken heißt nicht die gesamte Bühne besetzen. Beide können daran erinnern, mit der eigenen Erklärung nicht das Leben eines anderen für ihn zu leben.
Thatchers Tür erinnert daran, auch nach einer Entscheidung Fragen zuzulassen. Die Befehlssprache erinnert daran, dass Ausführen nicht automatisch von Verantwortung entbindet. Die Situationen sind nicht moralisch gleichwertig. Ein Bild kann eine Frage stellen, kein historisches Urteil ersetzen.
Yukawa, den wir gerade gelesen haben, brachte alte Bücher mit der Physik zusammen. Seine Intuition war keine Gedankenlosigkeit; Zhuangzi hat auch nicht unmittelbar die Mesonentheorie hervorgebracht. Yukawa gab einer noch unbekannten Antwort Raum. Arendt ließ eine vertraute Antwort wieder zur Frage werden. Die Offenheit geht in verschiedene Richtungen, kommt aber in beiden Fällen nicht ohne Wirklichkeit aus.
VII. Natalität
Arendt schreibt nicht nur über das Böse. Sie schreibt auch über das Anfangen: Natalität.
Ein Neuankömmling ist nicht bloß ein weiteres Exemplar eines vorhandenen Musters. Jemand wird auf bisher nicht dagewesene Weise sprechen, handeln und anderen begegnen. Diese Möglichkeit wurzelt darin, dass jeder Mensch als jemand Neues in die Welt kommt.
Schon in The Human Condition von 1958, auf Deutsch Vita activa, war dieser Gedanke wichtig. Er wurde nicht nach dem Eichmann-Prozess als helle Hälfte einer symmetrischen Gut-Böse-Tabelle erfunden. Auch ist eine neue Handlung nicht automatisch gut: Unerwartetes kann zerstören wie Hoffnung stiften.
Die Vergangenheit hat dennoch nicht jeden Satz der Zukunft vorgeschrieben. Menschen können etwas anfangen und leben zugleich unter Macht, Gefahr und begrenzenden Bedingungen. „Du kannst immer neu beginnen“ darf nicht zum Vorwurf an jemanden ohne sicheren Ausweg werden.
Eichmanns Verantwortung ist aus seinen Entscheidungen und Handlungen zu erörtern, nicht aus einem angeblichen Verlust seiner Natalität. Anderen die menschliche Stellung abzusprechen ist nicht der fruchtbarste Weg, Arendts Denken weiterzutragen.
Ein Anfang kann klein sein: eine Weigerung, ein öffentlich gesprochenes Wort, einige Menschen, die nicht mehr so weitermachen wollen. Er findet nicht allein im Kopf statt. Er braucht Antworten und einen Raum zum Begegnen und Handeln.
Denken kann automatische Wiederholung unterbrechen; Natalität lässt Politik nicht völlig in Wiederholung aufgehen. Ihr Verhältnis ist nicht das von Schalter und Glühbirne. Ob eine Welt Platz für Neuankömmlinge hat, hängt auch von dem Leben ab, das wir gemeinsam errichten.
VIII. An der Brücke
Auf dieser erdachten Brücke kommt Arendt mit einer Zigarette in der Hand näher.
Das ist ein vertrautes Bild, nicht der Motor ihres Denkens. Lassen wir sie einen Augenblick stehen bleiben und die Menschen hier ansehen.
Sie prüft nicht, wer ein Ich verdient. Alle sind schon da. Vielleicht möchte sie fragen: Den Satz, den du eben gesagt hast – würdest du noch einmal bedenken?
Comte blättert in einem Kalender. Einteilungen helfen, die Welt zu ordnen. Sie sieht auf die Felder, dann auf die Menschen daneben. Die Namen im Kalender haben nicht alles über sie gesagt.
Thatcher steht aufrecht. Beide müssen sich hier nicht einigen. Ebenso wenig muss Eichmann zum Maßstab für Thatcher werden. Auf der Brücke kann Raum für Streit bleiben: Wie ist eine Entscheidung fest, ohne den später Kommenden den Weg zu versperren?
Weil hört zu. Arendt sieht sie an und wird selbst an etwas erinnert: Mit sich leben zu können heißt nicht schon, das Leiden anderer gehört zu haben. Das innere Gespräch braucht ein Fenster, nicht nur einen Spiegel.
Arendt findet einen Sitzplatz und nimmt ein Notizbuch heraus.
Was schreibt sie?
Vielleicht eine Frage, die wir ihr in die Feder legen: Wenn Befehle, Gewohnheiten und schöne Erklärungen schon bereitliegen, wie urteile ich dann über diese Sache vor mir?
Wir denken an das Blatt in der Schreibmaschine: Überschrift, Motti, aber kein abgeschlossener Text. Weder ein absolutes Nichts noch eine letzte Antwort, die wir eigenmächtig für sie vollenden dürften.
Sie sitzt auf der Brücke und schreibt weiter.
Vielleicht beendet sie eine Seite, vielleicht streicht sie eine Zeile. Neben ihr spricht jemand, und sie blickt auf. Die Frage steht nicht nur auf dem Papier.
Nicht, dass wir niemals aufhören dürften. Sondern, dass wir unser Urteilen nicht für immer abgeben.
Lesehinweise und Quellen
Zu Eichmanns Rolle und den Judenräten: United States Holocaust Memorial Museum. Spätere Forschung wird anhand der öffentlichen Verlagsvorstellung von Bettina Stangneths Eichmann Before Jerusalem berücksichtigt; eine vollständige Neulektüre wird nicht behauptet. Prozessdeutung, Selbstverteidigung und ideologisches Engagement sind zu unterscheiden. Der Zwang, unter dem die Räte handelten, verschiebt die Verantwortung der Verfolger nicht auf ihre Opfer.
Denken und Moral: Arendts Vortrag von 1971. Geburt und Pluralität: der beim Arendt Center in Bard wiedergegebene Tagebucheintrag von 1954. Natalität ist bereits in The Human Condition (1958) wichtig und keine Aufnahmeprüfung ins Menschsein. Denken, Wollen und Urteilen bleiben verschieden. Alltagsbilder sind Deutungen, keine genauen Definitionen.
Überschrift und zwei Motti folgen McCarthys Zeugnis, zitiert in Linda Zerillis Vorwort. Kant-Materialien verzeichnet auch die Library of Congress. Brücke, Begegnungen, Fragen, Fenster und Spiegel sind literarisch erfunden, keine historischen Zitate. Vergleiche mit Fichte, Weil, Thatcher und Yukawa setzen weder Lehren gleich noch politische Kontroversen mit Völkermord.
USHMM — Adolf Eichmann · USHMM — Jewish Councils (Judenraete) · Bettina Stangneth — Eichmann Before Jerusalem (publisher overview) · Hannah Arendt — Thinking and Moral Considerations (1971, pp. 417–446) · Hannah Arendt Center — Born into a World of Plurality (1954 diary passage) · Linda Zerilli — A Democratic Theory of Judgment, preface (quoting Mary McCarthy) · Library of Congress — Arendt papers, Judging: Excerpts from Lectures on Kant’s Political Philosophy
Eigenständige deutsche Neufassung. Quellen, Zitate und ausführliche Anmerkungen in der chinesisch-englischen Originalausgabe。