SAE – Über den Sinn eines Lebens · 01 / 08
Die Zahl, die es nicht gibt
Die Handschrift kennt er noch
Stellen wir uns einen Mann vor, der mit vierzig eine Schublade aufräumt. Unter alten Quittungen liegt ein Notizbuch aus seinem zwanzigsten Lebensjahr. Die Schrift erkennt er sofort. Die Stimmung, in der er geschrieben hat, ist weiter weg. Da steht eine Stelle, die er erreichen wollte, ein kleines Buch, das er schreiben wollte, eine Wanderung, die er einem Freund versprochen hatte. Die Stelle hat er inzwischen. Das Buch ist nach wenigen Seiten liegen geblieben. Bei einer weiteren Zeile stockt er. Warum war ihm das damals so dringend?
Eigentlich wollte er nur Platz in der Schublade schaffen. Jetzt zieht er einen Stuhl heran.
Man könnte die Liste ohne große Mühe bewerten. Erledigtes abhaken, Unerledigtes durchstreichen, die Schwierigkeiten der damaligen Jahre berücksichtigen. Vielleicht wären zwanzig Jahre dann ganz ordentlich ausgefallen. Aber die erreichte Stelle macht ihm mehr zu schaffen als das ungeschriebene Buch. Die Häkchen erklären das nicht. Ein freundlicherer Bewertungsmaßstab würde es auch nicht erklären.
Ihm begegnet jemand mit seiner Handschrift, dessen Gründe er nicht mehr vollständig versteht. Er stimmt diesem jungen Mann nicht einfach zu. Als Fremden abtun kann er ihn ebenso wenig. Manche Wünsche von damals gehen ihn noch immer an, andere muss er neu bedenken. Bei einigen fragt er sich zum ersten Mal, ob er sie wirklich je so gewollt hat, wie er es sich seither erzählt.
Dieses Verhältnis nennen die folgenden Essays Sinn: wie ein Mensch über die Zeit hinweg mit dem umgeht, was er erlebt, für sich angenommen oder irrtümlich für das Eigene gehalten hat. Gemeint ist kein Vorrat, den die Jahre ansammeln. Gemeint ist, dass der Mensch von heute sich weiterhin zu seinem früheren Leben verhält.
Was auf der Liste nicht steht
Die Stelle brachte mehr Geld. Auf dem Weg dorthin hat er etwas gelernt und Anerkennung erhalten. Das muss er nicht entwerten, um eine Frage an sein Leben stellen zu dürfen. Doch die Erträge seiner Arbeit aufzuzählen sagt noch nicht, welchen Platz diese Arbeit heute für ihn hat. „Das war wertvoll“ und „So möchte ich weiterleben“ können zusammenpassen. Es sind trotzdem verschiedene Sätze.
Selbst wo er damals wirklich aus eigenem Entschluss gehandelt hat, bleibt heute etwas zu klären. Vielleicht wollte er das kleine Buch mit zwanzig von ganzem Herzen schreiben. Daraus folgt nicht, ob er es mit vierzig wieder aufnehmen oder bei den wenigen Seiten belassen soll. Was er damals schätzte, beantwortet nicht schon, wie er jetzt mit dieser früheren Bindung lebt.
Auch seine Stimmung kann ihm die Antwort nicht abnehmen. Vielleicht steht er trauriger vom Stuhl auf, weil er endlich etwas zugibt, dem er lange ausgewichen ist. Dann wäre die Traurigkeit kein Beweis, dass die Begegnung mit seiner Vergangenheit misslungen ist. An einem anderen Tag könnte ein Lob für seine Karriere ihn aufmuntern, ohne dass er sich deshalb besser versteht. Das Gefühl, sinnvoll zu leben, ist eine wirkliche Erfahrung. Es garantiert keine richtige Erklärung des eigenen Lebens.
Eine unangenehmere Unterscheidung kommt hinzu. Angenommen, einer der Erfolge auf der Seite wurde auf Kosten eines anderen Menschen errungen. Dass er versteht, wie dieser Erfolg zu seiner Geschichte gehört, macht die Verletzung nicht recht. Er kann zu einer eigenen Handlung stehen, sie bis heute verteidigen und dennoch Unrecht getan haben. Der Zusammenhang mit seiner Vergangenheit kann bestehen, während sein Verhalten Tadel verdient.
Von Sinn in diesem begrenzten Verständnis zu sprechen ist daher kein moralischer Freispruch. Der Verletzte verliert seine eigene Stimme nicht dadurch, dass er in der Lebensgeschichte eines anderen vorkommt. Ob ein Handeln gerecht war, ob ein Leben glücklich war und ob seine Erzählung aufgeht, bleiben ernsthafte Fragen. Sie beantworten die hier gestellte Frage nicht an ihrer Stelle.
Ein genauerer Satz ist keine höhere Punktzahl
Er schaut wieder auf das unvollendete Buch. „Ich war zu feige“, denkt er. Dann fallen ihm die Überstunden jenes Jahres ein. Vielleicht hatte er Angst. Aber der erste Satz ließ der Erschöpfung kaum Platz. Eines Tages könnte ein alter Brief ihn außerdem daran erinnern, dass er an das geplante Buch selbst nicht mehr glaubte und es sich nur nicht eingestehen wollte.
Hier verändert sich sein Verständnis. Kein verborgenes Messgerät zeigt nun fünfzig statt vierzig Einheiten Sinn an. Er hat eine Behauptung über sein Leben aufgestellt und einen Grund gefunden, sie zu ändern.
Eine Punktzahl verspricht eine abschließende Abrechnung: Sind die Informationen vollständig und die Fehler bereinigt, steht am Ende die richtige Summe. Eine Beschreibung verspricht weniger. Dieser Satz kann zutreffen, jener etwas auslassen, ein dritter falsch sein. Dass sich Aussagen berichtigen lassen, bedeutet nicht, dass irgendwo hinter ihnen eine gemeinsame Skala liegt.
Der Freund könnte sich auch an die geplante Reise anders erinnern. „Du klangst damals gar nicht, als wolltest du mitkommen.“ Das mag helfen; es mag auch eine falsche Erinnerung sein. Einen Menschen gut zu kennen gibt uns nicht die Möglichkeit, an seiner Stelle zu entscheiden, was er sich zum Ziel gemacht hat. Umgekehrt macht die Tatsache, dass es um mein Leben geht, meine Erinnerung nicht unfehlbar.
Er kann eine einzelne Entscheidung sehr gut verstehen, vielleicht genau richtig. Er kann auch merken, dass er eine Geschichte jahrelang falsch erzählt hat. Für beides braucht er kein abschließendes Urteil über seine ganze Person. Etwas zu klären wird nicht nutzlos, nur weil es sich nicht zu einer Gesamtnote verrechnen lässt.
Am Seitenende wartet kein Stempel
Trotzdem bleibt die Versuchung, nach einer Prüfung zu suchen. Hat er gesagt, er wolle diese Stelle? Hat er dafür gearbeitet? Ist er geblieben? Wenn die Antworten oft genug Ja lauten, müsste man doch wissen, ob es seine eigene Entscheidung war.
Solche Fragen sind hilfreich. Sie ersetzen nur nicht das, worauf sie hinweisen sollen. Jemand kann sich still zu etwas entschließen, ohne es jemals zu verkünden. Ein anderer kann dreißig Jahre lang nach der Erklärung leben, die seine Familie für ihn bereithielt. Die Dauer sagt viel darüber, was ein Leben erfordert hat. Sie beweist allein nicht, dass dieser Mensch das verfolgte Ziel wirklich zu seinem eigenen gemacht hat.
Die Theorie hinter diesen Essays vertritt eine weitergehende These: Keine Prüfung von außen kann für jeden Menschen zuverlässig entscheiden, ob er einen Zweck tatsächlich für sich angenommen hat. Unsere Beispiele machen die These anschaulich; sie beweisen sie nicht. Die ausführlichere Begründung gehört in die wissenschaftliche Originalarbeit, die unten verlinkt ist.
Damit wird weder das Kennenlernen eines Menschen sinnlos noch jedes Beweismaterial wertlos. Einzelne Fälle können sehr gut begründet werden. Ausgeschlossen wird ein Verfahren, das sich auf jedes beliebige Leben anwenden ließe, immer zu Ende käme und stets das richtige Urteil garantierte. Auch im eigenen Inneren bekommt der Mann kein entsprechendes Siegel. „Ich bin aufrichtig“ kann die letzte Seite nicht verschließen.
Er muss deshalb nicht auf ewig ratlos sitzen bleiben. Seine Erklärung kann vollkommen zutreffen, ebenso die eines Außenstehenden. Was keiner von beiden hat, ist ein verlässliches Verfahren, das garantiert, dass nichts mehr übersehen wurde. Richtig zu liegen ist etwas anderes, als jede mögliche Nachfrage endgültig erledigt zu haben.
Was auf dem Tisch bleibt
Inzwischen ist das Licht am Fenster weitergewandert. Die Schublade ist noch immer unordentlich. Das Heft hat ihm nicht verraten, ob zwanzig Jahre gut genug waren. Er erwartet es auch nicht mehr.
Es hat ihm einzelne Dinge zurückgebracht. Das unfertige Buch. Die erreichte Stelle. Ein Versprechen, an dem ein anderer Mensch beteiligt ist, dessen Erinnerung er nicht für ihn aufschreiben kann. Vielleicht beginnt er eines neu, lässt ein anderes ruhen und erkennt beim dritten einen Irrtum. „Alles gelungen“ und „Alles verschwendet“ wären für diese verschiedenen Dinge gleichermaßen unbrauchbar.
Wer nach Sinn fragt, kann vieles meinen: Was verdient Hingabe? Warum gibt es Leid? Gibt es einen größeren Zweck? Wie lässt sich nach einem Verlust weiterleben? Diese Essays behaupten nicht, all das sei heimlich dieselbe Frage. Sie verfolgen eine davon: Wie lebe ich heute mit dem, was geschehen ist und was ich einmal für das Meine hielt?
Zur Antwort gehört, was er als Nächstes tut. Aber die Antwort muss nicht lauten, noch mehr zu tun. Das Buch unvollendet zu lassen kann eine eigene Entscheidung sein. Es weiterzuschreiben auch. Er legt das Notizbuch auf den Tisch, wo er es wiederfinden wird. Darin wartet keine auszurechnende Zahl. Darin stehen Dinge, mit denen er noch nicht fertig ist.
Wissenschaftliche Originalarbeit: Qin, Han (2026). What Kind of Relation Meaning Is (SAE Meaning Theory, Paper 1). self-as-an-end.net ↗ · DOI: 10.5281/zenodo.22652134
Eine eigenständige deutsche Fassung, geschrieben für deutschsprachige Leserinnen und Leser.