Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Literatur und Kultur · Kazuo Ishiguro, Alles, was wir geben mussten
Essay 2 von 3

Die Obergrenze der Hoffnung

In den Cottages verschwinden Mauern und Stundenpläne. Trotzdem bleibt der größte denkbare Sieg ein Aufschub von wenigen Jahren.

Aug 26, 2026 · Han Qin (秦汉)
Spoilerhinweis: Dieser Essay behandelt die Grundkonstellation und wesentliche Wendungen bis zum Ende des Romans.

Freiheit aus zweiter Hand

In den Cottages berührt Ruth Tommys Ellbogen auf eine betont vertraute Weise. Kathy erkennt die Geste schließlich aus einer Fernsehsendung; Ruth reagiert wütend, als die Herkunft benannt wird. Diese Kleinigkeit erschließt den zweiten Romanteil. Die Jugendlichen verfügen nun über Zeit und Bewegungsfreiheit, aber nicht über gelebte Modelle des Erwachsenseins. Sie ahmen die älteren Bewohner nach, die wiederum Filme und Fernsehen kopieren. Ruths Gefühle sind deshalb nicht unecht. Doch selbst für echte Gefühle muss sie eine fremde Form ausleihen. Regeln lassen sich an einem Tag abschaffen. Die Vorstellungskraft, die man benötigt, um ein eigenes Leben zu entwerfen, entsteht sehr viel langsamer.

Auf der Suche nach dem möglichen Original

Als „possible“ bezeichnen die Jugendlichen den normalen Menschen, von dem ein Klon abstammen könnte. Sie prüfen Gesichter in Bahnhöfen und Geschäften. Kathy blättert heimlich durch weggeworfene Pornomagazine und sucht nicht Körper, sondern Ähnlichkeiten. Ohne Eltern, Familienerzählung oder anerkannte Herkunft wird selbst Abfall zum Archiv. Als Chrissie und Rodney glauben, Ruths Original in einem Büro in Cromer gesehen zu haben, fahren fünf von ihnen nach Norfolk. Hinter Glas scheint die Bürowelt Ruths Berufsträume kurz zu bestätigen. Aus der Nähe verschwindet die Ähnlichkeit. Damit verliert sie nicht nur eine mögliche Herkunft, sondern den Beleg, dass ihr Wunsch nach einem gewöhnlichen Leben zur selben Wirklichkeit gehört wie dieses Leben.

Ruth spricht das Urteil der Außenwelt

Nach der Enttäuschung erklärt Ruth, Klone stammten sicher von Drogenabhängigen, Prostituierten, Obdachlosen oder Straftätern. Niemand in Hailsham hat ihr diese Lehre erteilt. Sie hat aus der Ordnung geschlossen, welchen Wert die Gesellschaft ihr gibt, und diesen Maßstab gegen sich selbst gerichtet. Macht wird besonders wirksam, wenn die von ihr Bewerteten ihr Urteil vorwegnehmen. Dann senken sie ohne Aufsicht ihre Ansprüche, bestrafen die eigene Hoffnung und nennen es Realismus. Ruths Härte ist zugleich Selbstschutz. Sie wollte, dass die Frau ihr possible ist. Um nicht weiter enttäuscht werden zu können, versucht sie zu beweisen, dass sie von Anfang an kein Recht auf diesen Wunsch hatte.

Das Gerücht vom Aufschub

In den Cottages heißt es, ein wirklich verliebtes Paar aus Hailsham könne den Beginn der Spenden um einige Jahre verschieben. Das klingt nach Hoffnung, akzeptiert aber bereits jede entscheidende Niederlage: Die Organe werden genommen, der Tod kommt, nur der Termin bleibt verhandelbar. Der größte vorstellbare Sieg besteht aus etwas zusätzlicher Zeit. Wie die Geschichten vom Wald stammt auch dieses Gerücht nicht von einer Behörde. Als Kinder erzeugen die Schülerinnen und Schüler die Untergrenze ihrer Angst; als junge Erwachsene erzeugen sie die Obergrenze ihrer Hoffnung. Eine Institution muss Freiheit nicht ausdrücklich verbieten. Es reicht, Menschen zu formen, deren kühnste Wünsche innerhalb ihres Plans bleiben.

Tommy erstellt einen Nachweis

Tommy beginnt, winzige Fantasietiere mit schwarzem Stift zu zeichnen. Sie wirken halb organisch, halb mechanisch und bestehen aus zahllosen Gelenken und Teilen. Seine Theorie ist folgerichtig: Madame nahm Kunst mit, weil sie die Seele zeigt; um wahre Liebe zu prüfen, müsse man also die Seelen des Paares ansehen. Über Jahre kehrt er zu der Fähigkeit zurück, wegen der er als Kind verspottet wurde. Die Arbeit besitzt einen eigenen Wert, doch ihre Richtung ist tragisch. Tommy plant keine Flucht und keine Verweigerung. Er bereitet einen Antrag vor und hofft, die vermuteten Kriterien derjenigen zu erfüllen, die über seine Zeit verfügen. Sogar private Kreativität wird zum Schreiben an ein unsichtbares Gericht.

Norfolk gibt Dinge zurück, nicht Jahre

Durch ein Missverständnis halten die Hailsham-Kinder Norfolk für Englands „verlorene Ecke“, in der alle verschwundenen Gegenstände auftauchen. In einem Trödelladen in Cromer findet Kathy ein Exemplar von Judy Bridgewaters Songs After Dark, jener Kassette, die sie als Kind verlor. Tommy freut sich, dass er sich an ihren Verlust erinnert hat. Für einen Moment wird die Legende wahr. Ishiguro zieht jedoch eine scharfe Grenze: Ein Gegenstand kann ersetzt werden, eine Lebenszeit nicht. Eine durch Eifersucht und Angst verzögerte Beziehung setzt nicht am alten Punkt wieder ein. Die kleine Rückgabe macht spürbar, was kein Ort zurückbringen wird.

Ruths letztes Geschenk

Viele Jahre später betreut Kathy die nach ihrer zweiten Spende geschwächte Ruth. Ruth gesteht, Kathy und Tommy absichtlich getrennt zu haben, und übergibt ihnen Madames Adresse. Sie sollen den Aufschub beantragen, der ihrer Liebe zustehe. Das ist ihr Versuch, etwas zu reparieren. Weil sie die verlorenen Jahre nicht zurückgeben kann, schenkt sie die einzige Zukunft, die sie sich vorzustellen vermag: vielleicht noch einige gemeinsame Jahre. Ruth stirbt, ohne zu erfahren, dass die Hoffnung leer ist. Dass das Gerücht falsch ist, macht ihre Geste nicht falsch. Der Roman zeigt, was ein Mensch in einer Welt verschenken kann, die Hoffnung selbst rationiert hat.

Besprochenes Werk: Kazuo Ishiguro, Alles, was wir geben mussten, übersetzt von Barbara Schaden, Blessing. Der Text ist keine Satz-für-Satz-Übersetzung der chinesischen Vorlage, sondern eine eigenständige deutsche Neufassung der Argumentation.