Der friedliche Austausch
Viermal im Jahr bringen die Kinder von Hailsham Bilder, Gedichte, Töpferarbeiten und bemalte Holztiere zu einem Austausch. Mit Wertmarken erwerben sie die Werke der anderen. Wer gut zeichnet, sammelt Anerkennung und schöne Dinge; Tommy, dessen Arbeiten verspottet werden, bleibt fast leer aus. Nichts an der Szene wirkt wie ein Gefängnis. Sie ist warm, kultiviert und geordnet, so wie eine gute Internatsschule sein möchte. Die Lehrkräfte wünschen den Kindern aufrichtig, dass sie sich entwickeln. Gerade darin liegt das Unheimliche. Die Innenwelt eines Kindes zu fördern heißt noch nicht, ihm die Zukunft zu überlassen, für die diese Innenwelt geformt wird.
Ein Geheimnis, das keines ist
Die einunddreißigjährige Kathy H. fährt als Betreuerin durch England, besucht Spender und erinnert sich an Ruth, Tommy und Hailsham. Ishiguro inszeniert die Wahrheit über die Klone nicht als späten Schock. Leserinnen und Leser verstehen früh, dass diese jungen Menschen geschaffen wurden, um nach mehreren Organspenden zu sterben. Auch die Kinder wissen es in Bruchstücken. Das Problem ist nicht fehlende Information, sondern Information ohne Verfügungsgewalt. Wörter wie Spende, Betreuung und Abschluss glätten die Konsequenzen. Die Tatsachen erreichen die Kinder in einer Reihenfolge, die verhindert, dass aus Wissen die Frage wird: Was folgt daraus für mein eigenes Leben?
Das System ohne Bösewicht
Die Erwachsenen in Hailsham sind keine heimlichen Sadisten. Miss Geraldine ist liebevoll, Miss Emily streng und verantwortungsbewusst. Sie haben dafür gekämpft, Klonkindern eine menschlichere Kindheit zu geben als andere Einrichtungen. Ihre Zuneigung ist nicht bloß Tarnung. Ishiguros härterer Gedanke lautet, dass Wohlwollen und Instrumentalisierung nebeneinander bestehen können. Eine Institution kann jeden Schritt eines Ablaufs verbessern, ohne seinen Zweck anzutasten. Gute Menschen können in einer Ordnung arbeiten, die Menschen grundlegend zu Mitteln macht. Deshalb genügt die Frage nach der Qualität der Behandlung nicht. Man muss fragen, wer festgelegt hat, wofür Gesundheit, Bildung und Zeit der Kinder da sind.
Das Gewicht einer Zigarette
Rauchen gilt in Hailsham als ungewöhnlich schwere Verfehlung. Miss Lucy räumt ein, selbst geraucht zu haben, betont aber, für die Schülerinnen und Schüler sei es besonders gefährlich. Sie hören die Sorge einer Erwachsenen um ihre Körper. Ungesagt bleibt: Diese Körper sollen für künftige Empfänger unversehrt bleiben. „Pass auf dich auf“ kann bedeuten, dass dein Leben dir gehört; derselbe Satz kann zur Pflege eines biologischen Bestands dienen. Gesunde Ernährung, Bewegung und Untersuchungen nützen den Kindern wirklich. Doch der Nutzen ist auf einen fremden Zweck ausgerichtet. Erst die Frage, wem die erhaltene Gesundheit zur Verfügung steht und wer ihre Verwendung ablehnen darf, trennt Fürsorge von Wartung.
Warum Kunst so wichtig ist
Kreativität besitzt in Hailsham einen fast übergroßen Rang. Madame wählt die besten Arbeiten für eine unbekannte Galerie aus. Tommy wird jahrelang beschämt, weil er nicht zeichnen kann. Miss Lucy entlastet ihn zunächst mit dem Satz, das sei nicht wichtig, und nimmt ihn später zurück: Kunst sei viel bedeutender, als er ahne. Eine Schule kann Fähigkeiten ernsthaft fördern und dennoch anderen vorbehalten, was diese Fähigkeiten bedeuten sollen. Die Werke erweitern die Welt der Kinder; zugleich werden sie Beweismittel in einer öffentlichen Kampagne, die ohne sie geplant wird. Bildung wird nicht schon dadurch emanzipatorisch, dass sie Talent erzeugt. Entscheidend ist, ob die Lernenden über dessen Verwendung mitentscheiden.
Die Lehrerin, die den Satz beendet
Als Jugendliche von Berufen, Reisen und Amerika reden, unterbricht Miss Lucy sie. Sie würden weder Schauspieler noch Verkäuferinnen, sondern Organe spenden und vor dem Alter sterben; dafür seien sie geschaffen worden. Die Reaktion ist weniger Entsetzen als Peinlichkeit. Miss Lucy verletzt den Ton der Schule. Ihre präziseste Formulierung lautet, man habe den Kindern alles erzählt und doch nie wirklich erzählt. Eine Institution muss nicht lügen, wenn sie Zeitpunkt, Reihenfolge und Sprache der Mitteilung kontrolliert. Sie kann jede einzelne Tatsache vertraut machen und nur das Zusammenfügen zur Schlussfolgerung als ungehörig markieren. Miss Lucy wird bald entlassen, weil sie kein Geheimnis verraten, sondern vorhandenes Wissen handlungsfähig gemacht hat.
Das offene Tor
Hinter Hailsham erzählen sich die Kinder Geschichten von Schülerinnen und Schülern, die nach dem Übersteigen des Zauns sterben. Kein Erwachsener muss diese Legenden erfinden; die Eingeschlossenen tradieren selbst die Angst, die ihre Grenze bewacht. Später leben Kathy, Ruth und Tommy in den Cottages, können Autos leihen, Städte besuchen und ohne Kontrolle zurückkehren. Das Tor ist offen. Die Frage, warum sie nicht fliehen, setzt jedoch voraus, dass Flucht bereits als vorstellbares Leben existiert. Ihnen fehlt nicht der Mut zu einem bekannten Plan, sondern das Bild eines Daseins nach der Verweigerung. Unfreiheit ist am tiefsten, wenn nicht ein Wunsch verboten, sondern seine Entstehung verhindert wird.