Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Manga und Anime · Monster
Essay 5 von 5

Er rettet ihn noch einmal

Die Schützen sind Einwohner. Sie führen kleine Läden, tragen Briefe aus, unterrichten oder sind im Ruhestand. Die Menschen, die es in einer Kleinstadt eben gibt. Es hat eine Weile gedauert, sie so weit zu bringen, und es geschah S

Aug 31, 2026 · Han Qin (秦汉) · Deutsche Neufassung
Spoilerhinweis: Der vollständige Manga und die 74-teilige Serie werden einschließlich Todesfällen, Identitäten und Schlussbild behandelt.
Über diese Ausgabe

Zur Textgrundlage: Die chinesische Originalseite lässt sich zwischen vereinfachter und traditioneller Schrift umschalten. Laut ihrem Editionshinweis wurden dort Tatsachenangaben und Formulierungen zur Reihenfolge der Einlieferungen, zur Gewalt im Kinderheim 511, zu den Erinnerungen der Zwillinge und zum Ort der Operation nach Ruhenheim überarbeitet. Dieser Essay verrät die Handlung der gesamten Serie.

Ruhenheim, eine kleine Stadt. Es regnet.

Im Ort findet ein Massaker statt.

Die Schützen sind Einwohner. Sie führen kleine Läden, tragen Briefe aus, unterrichten oder sind im Ruhestand. Die Menschen, die es in einer Kleinstadt eben gibt. Es hat eine Weile gedauert, sie so weit zu bringen, und es geschah Schritt für Schritt. Erst einige Gerüchte, dann Angst, dann Situationen, in denen es scheinbar nicht mehr anders geht.

Die Beteiligten wissen nicht, woran sie beteiligt sind. Irgendwann beginnen die Menschen einer Stadt, aufeinander zu schießen. Jeder, der abdrückt, glaubt sich zu verteidigen.

Es gibt keinen einzelnen Ausführenden, dessen Handeln dieses ganze Massaker erklären könnte. Manche richten die Lage absichtlich so ein, verteilen Waffen oder schießen. Andere werden durch Angst dazu gebracht, auf ihre Nachbarn zu feuern. Jeder tut nur einen Teil. Zusammen ergibt das ein Massaker, dessen ganzes Ausmaß keiner allein tragen kann.

Ein Mann hebt seine Waffe und trifft Johann am Kopf.

Der Mann ist ein Vater. Johann bedroht gerade seinen Sohn.

Johann fällt.

Tenma steht dabei.

Das Ende hatte er schon gezeichnet

Zuerst muss eines klar sein. Sonst versteht man diese ganze Szene falsch.

Das Ende, das Johann für sich vorgesehen hat, ist der Tod durch Tenmas Hand.

Es gehört zu seinem Plan. Im Manga gibt es seine Zeichnung davon: Er liegt am Boden, Tenma hat geschossen. Johann hat lange daran gearbeitet, Tenma dorthin zu treiben. Er nimmt ihm alles, bringt ihn auf die Fahndungsliste und sorgt dafür, dass Tenma ihn durchs Land verfolgt, um ihn zu töten. Am Ende soll Tenma vor ihm stehen, die Waffe in der Hand.

Johann will nicht überleben. Er will, dass der Mann, der ihn gerettet hat, ihn eigenhändig tötet.

Dazu kommt es nicht.

Nicht, weil Tenma sich im letzten Augenblick zu einer edlen Entscheidung durchringt. Das Werk geht rauer vor. Ein Vater schießt, ein Mann, der bis dahin in keinem Plan vorkam. Ein Außenstehender unterbricht den Tod, den Johann sich zurechtgelegt hat.

Dann liegt die Szene dieses Essays vor uns: Ein Mensch mit einer schweren Kopfverletzung liegt am Boden. Neben ihm steht einer der besten Neurochirurgen des Landes. Und dieser Arzt kennt ihn.

Dieselbe Lage

Die Nacht von 1986 wiederholt sich. Dabei haben sich sämtliche Voraussetzungen verändert.

Damals lag vor Tenma ein Zehnjähriger mit einem Kopfschuss. Er wusste nicht, was dieses Kind war.

Jetzt weiß er es.

Er weiß, was der Mensch getan hat, den er gerettet hat. Er weiß, was aus seiner Verlobten geworden ist und wie seine eigene Zukunft, sein ganzes Leben umgeschrieben wurden. Er weiß, wie viele Menschen durch diesen Mann gestorben sind. Viele davon hat er mit eigenen Augen sterben sehen.

In seiner eigenen Geschichte von Verantwortung weiß Tenma noch etwas: Ohne seine damalige Operation hätte sich die anschließende Kette von Todesfällen nicht auf dieselbe Weise ereignet.

Die Gründe, Johann zu töten, sind in dieser Szene überwältigend. Das Werk tut nie so, als wäre es anders.

Es mildert diese Tatsache nicht ab. Immer wieder legt es die Rechnung ausdrücklich hin: Weil Tenma ihn gerettet hat, sind viele Menschen gestorben.

Andere Figuren sagen das. Tenma sagt es selbst. Johann verwendet es als Waffe. Er weiß genau, welches Gewicht diese Rechnung hat. Mehr als die Hälfte seines Plans ruht auf ihr.

Und die Rechnung stimmt. Sie ist keine Übertreibung eines Menschen, der sich Vorwürfe macht. Man kann sie Posten für Posten aufschreiben. Jeder Posten hat einen Namen.

Der Manga tut noch etwas Härteres. In diesen siebzehn Bänden lässt er Tenma immer wieder auf die Menschen aus dieser Rechnung treffen. Menschen, die er gerettet hat. Menschen, die er nicht retten konnte. Angehörige derer, die seinetwegen gestorben sind. Er kennt diese Rechnung nicht nur abstrakt. Er ist diesen Menschen einzeln begegnet.

Tenma operiert trotzdem.

Wie er sich entscheidet, wird nicht gezeigt. Kein innerer Monolog, keine Rückblende, kein einziges Bild erklärt, wie er zu dieser Entscheidung gelangt ist.

Zuerst kniet er nieder, untersucht die Verletzung und leistet die nötige Notfallversorgung. Später öffnet er Johann im Krankenhaus ein zweites Mal den Schädel.

Zwei Menschen sagen denselben Satz

Tenmas Überzeugung lautet in dem Satz, den er selbst immer wieder sagt: Alle Menschenleben sind gleich.

Johann hat eine Fassung davon, die verblüffend ähnlich klingt: Wenn alle gleich sind, ist es gleichgültig, wer ausgelöscht wird.

Beide Sätze teilen sich ein Wort: gleich.

Sie meinen damit jedoch nicht dieselbe Gleichheit.

In der einen Fassung heißt es: Zwischen diesem Menschen und jenem lässt sich keine Rangordnung aufstellen. Deshalb darf keiner von beiden weggerechnet werden. Der Satz soll etwas verhindern, nämlich dass „Dieser Mensch ist wichtiger als jener“ darüber entscheidet, wer zuerst auf den Operationstisch kommt.

In der anderen Fassung heißt es: Zwischen diesem Menschen und jenem gibt es keinen Unterschied. Deshalb kann jeder von ihnen ausgelöscht werden. Der Satz gibt etwas frei. Wo kein Unterschied besteht, hat es keinen Sinn, zwischen denen zu unterscheiden, die leben sollen, und denen, die sterben sollen. Am saubersten wäre es, alle auszulöschen.

Dasselbe Wort. Einer schließt damit eine Tür, der andere öffnet sie.

Der Unterschied steckt nicht im Wort. Er steckt in der Stelle, die der Satz innerhalb eines Gedankengangs einnimmt.

Einmal dient er als Grenze, die niemand überschreiten darf. Weil niemand höher oder niedriger steht, darf kein Mensch zu einem verrechenbaren Posten werden. Hier legt der Satz fest, was man nicht tun darf.

Das andere Mal dient er als Voraussetzung, aus der sich weiterfolgern lässt. Weil es keinen Unterschied gibt, ist es gleich, wen man beseitigt. Also ist es auch gleich, wenn man alle beseitigt. Hier legt der Satz fest, was man tun kann.

Mit demselben Satz zieht der eine eine Grenze, der andere bahnt sich einen Weg.

Keine Figur tritt hervor, um diesen Unterschied auszubuchstabieren. Das Werk stellt die beiden in dieselbe Szene, lässt jeden seinen Satz sagen und vermittelt nicht zwischen ihnen.

An jenem Tag öffnet der Mann, der den ersten Satz sagt, dem Mann mit dem zweiten Satz den Schädel.

Der Mann bricht in Tränen aus

Einige andere Menschen in derselben Stadt gehören noch zu dieser Geschichte.

Franz Bonaparta ist anwesend. Er sieht, was aus seinem Tun gewachsen ist: Die Menschen einer Stadt bringen einander um. Am Anfang all dessen stehen Bilderbücher, die er Kindern in einem Zimmer vorgelesen hat.

Er bricht in hörbares Weinen aus.

Es ist das einzige Mal im ganzen Manga, dass er die Beherrschung verliert. Niemand hat ihn angeklagt oder bestraft. Niemand zieht ihn zur Verantwortung. Er hat es einfach gesehen.

Ein Kind neben ihm gibt wieder, was Grimmer vor seinem Tod gesagt hat: Seinen eigenen Namen habe er vergessen, an den seines Freundes habe er sich erinnert.

Roberto stirbt. Kommissar Runge überlebt. Nach dem Ende der Ereignisse ist er einer der wenigen, die noch in der Lage sind, zahlreiche Hinweise zusammenzufügen. Allein darin liegt bereits ein kleines Stück Aufklärung, das die Geschichte gewährt.

Vieles ist verbrannt, viele Schlüsselfiguren sind tot. Ob sich das Geschehen erklären lässt, hängt nun wesentlich davon ab, welche Spuren ein Kommissar bewahrt und wieder zusammensetzt.

Das Bett ist leer

Johann überlebt.

Die Operation gelingt. Er kommt bewusstlos in ein Krankenzimmer, wird an Geräte angeschlossen und bewacht.

Am Ende des Werks ist dieses Bett dann leer.

Er ist verschwunden.

Das Fenster, das Bettlaken, die Geräte. Keine Erklärung. Hier hält das Werk an.

Es ist die letzte Seite des Mangas.

Achtzehn Bände lang wird ein Satz geprüft. Auf der letzten Seite bleibt das Ergebnis dieser Prüfung aus.

Das ist keine Frage erzählerischer Technik, kein bloßer Kunstgriff für ein offenes Ende. Hier vollzieht das Werk zum letzten Mal, was es von Anfang an getan hat.

Es hat das schon oft getan. Manche Tatsachen werden später geklärt, andere bleiben offen. Doch wie über die Tatsachen hinaus Verantwortung zuzurechnen ist, nimmt das Werk seinen Lesenden nicht ab:

Welches Kind wollte die Mutter hergeben? Hat sie die beiden verwechselt? Das sagt das Werk nicht eindeutig.

Johann nimmt Ninas Erinnerung an ihr eigenes Erleben für seine. Wie diese Verwechslung in die Rechnung der Verantwortung eingeht, entscheidet das Werk nicht für uns.

War „Solche Menschen wären besser tot“ ein Gefühlsausbruch oder schon Teil einer späteren Handlung? Das Urteil nimmt uns das Werk nicht ab.

Johann gibt zu, die drei Ärzte getötet zu haben. Welche Verantwortung Tenmas Worte und sein Gewinn begründen, entscheidet das Werk nicht für uns.

Warum Johann so geworden ist, dafür bietet es mehrere Erklärungen, die alle zur Hälfte stimmen. Welche die entscheidende ist, sagt es nicht.

Und am Ende sagt es auch nicht, was der von Tenma Gerettete danach tut.

Überall, wo das Werk diesen letzten Schritt den Lesenden überlässt, stellt sich dieselbe Art von Frage: Wem ist ein Geschehen zuzurechnen?

Wem die Folgen jener Bewegung der Mutter zuzurechnen sind. Wem die Folgen von Tenmas Satz. Ob Johanns Taten dem Buch, dem Gebäude, der Mutter oder ihm selbst zur Last fallen. Und wem alles zuzurechnen ist, was nach Tenmas zweiter Rettung geschieht.

Sechs Formen derselben Frage. Manche Tatsachen werden geklärt, andere nicht. Den letzten Schritt der Zurechnung vollzieht das Werk in keinem Fall anstelle der Lesenden.

Was dieses Buch seinen Lesern nicht abnimmt

Legen wir die fünf Essays noch einmal nebeneinander.

Im ersten gilt in einer Klinik eine Rangordnung. Ein Mensch wendet eine andere Regel an, die in derselben Klinik auf dem Papier gilt. Danach verliert er alles. Dann kehrt das Verlorene von selbst zurück.

Im zweiten stellen mehrere Einrichtungen Menschen nach einem Lastenheft her. In einer davon soll das nächste Experiment darin bestehen, Kindern Liebe zu geben.

Im dritten sitzt kein Name in diesem Werk fest. Zugleich sind Namen das Letzte, was bleibt.

Im vierten gelangen zwei Menschen mit derselben Herkunft an verschiedene Orte. Das Werk hat viele Gelegenheiten zu erklären, warum. Es lässt jede verstreichen.

Im fünften trifft ein Mensch zweimal dieselbe Entscheidung. Beim zweiten Mal weiß er vollständig Bescheid. Das Ergebnis entzieht uns das Werk.

Keiner dieser fünf Befunde ist ein Urteil. Es sind Konstellationen.

Dieses Werk tut etwas ausgesprochen Seltenes. Es verfolgt die schwersten Fragen bis auf den Grund. Doch das letzte Stück Material, das man für eine Antwort bräuchte, gibt es kein einziges Mal heraus.

Nicht, weil es die Antwort nicht kennt.

Es lässt dieses letzte Stück außerhalb des Buchs. Dort liegt es in der Hand der Menschen, die lesen. Nur dort.

Denn was man braucht, um zu sagen, wem ein Geschehen zuzurechnen ist, steht nicht in diesem Buch. Es steckt in den eigenen Erfahrungen der Lesenden. Was ist später aus den Entscheidungen gewachsen, die man selbst getroffen hat? Wessen Satz hat das eigene Leben verändert? Hat man schon einmal für andere eine Entscheidung getroffen, der sie nicht zugestimmt hatten?

Ein Buch kann Fragen sehr weit treiben, sein Material vollständig zusammentragen und jede mögliche Erklärung durchspielen. Diesen letzten Schritt kann es einem Menschen nicht abnehmen.

Das leere Bett wartet auf die Lesenden.

Naoki Urasawa: Monster. Von 1994 bis 2001 als Fortsetzungsserie in Shogakukans Big Comic Original erschienen; die ursprüngliche Buchausgabe umfasst achtzehn Bände. Fernsehanime-Adaption: Madhouse, ausgestrahlt 2004 bis 2005, vierundsiebzig Folgen. Der Inhalt des Bilderbuchs Das namenlose Monster wird nur in seinen Grundzügen beschrieben, nicht im Wortlaut wiedergegeben.