Urteilskraft und Spiel · Gegeneinander spielen
Ich will gewinnen. Du bist trotzdem mehr als mein Gegner.
Du machst einen guten Zug, den ich nicht gesehen hatte. Ich will noch immer gewinnen. Zugleich könnte ich erkennen: Dieser Zug ist deine Entdeckung, nicht bloß die nächste Aufgabe für mich.
Zwei Menschen gehen im Park spazieren. Plötzlich sagt einer: „Bis zu dem Baum!“ Kaum ist es ausgesprochen, laufen beide los. Auf halber Strecke sieht der Vordere zurück und wird einen halben Schritt langsamer. Der andere bemerkt, dass außen Platz frei wird: Dort könnte er noch vorbeikommen.
Es gab keine Anmeldung und keinen Schiedsrichter. Einen Wettlauf gibt es trotzdem. Gestartet wird dort, wo sie eben standen; das Ziel ist der Baum, und wer zuerst dort ist, gewinnt. Darauf haben sie sich verständigt. Wann sie schneller werden und auf welcher Seite einer überholt, haben sie nicht ausgemacht. Das bleibt den beiden Menschen überlassen, die jetzt laufen.
Wer allein läuft, hat es mit dem Weg, dem Wind und den eigenen Beinen zu tun. Sobald ein anderer mitläuft, ändert sich etwas. Auch er möchte zuerst ankommen, auch er schaut hin und verändert sein Laufen danach, was ich tue. Wir wollen denselben Platz, aber der erste Platz kann nicht gleichzeitig an uns beide gehen.
Er sieht auch, wie ich ihn sehe
Im Wettlauf kommt nicht nur ein Körper hinzu, an dem ich vorbeimuss. Ich vermute, er glaube, ich werde innen überholen. Vielleicht wartet er sogar darauf, dass ich genau das versuche. Wenn ich seine nächsten Schritte voraussehe, muss ich berücksichtigen, wie er meine voraussieht. Der Mensch mir gegenüber wird nicht zu einem unbeweglichen Material, sobald ich ihn einmal durchgerechnet habe.
Trotzdem ist die Vermutung, ob er gleich beschleunigt, etwas anderes als die Entdeckung, dass sich hier noch eine Möglichkeit zum Überholen bietet. Die erste liefert Material für das Urteil. Die zweite ist das, was diese Reihe ein Urteil nennt: Ich sehe eine Möglichkeit, die von den Regeln für diesen konkreten Fall noch nicht vollständig festgelegt wurde. Ob und wann ich tatsächlich lossprinte, ist dann die Handlung. Die drei Vorgänge liegen oft eng beieinander. Man muss sie deshalb nicht für einen einzigen halten.
Dieses Urteil kann falsch sein. Ich meine, außen vorbeizukommen, und im nächsten Augenblick zieht er das Tempo an. Oder der Weg ist schmaler, als er aussah. Dass ich nicht vorbeikomme, bedeutet nicht, dass ich eben kein Urteil gefällt hätte. Dass es gelingt, erlaubt umgekehrt nicht, allein vom Ergebnis auf die Güte des Urteils zu schließen. Zu fragen bleibt, was ich in diesem Moment gesehen habe und worauf ich mich dabei gestützt habe.
Mein Wunsch zu gewinnen kann aus einer plötzlichen Laune entstehen. Am Baum lachen wir und gehen weiter spazieren. Er kann aber auch in einem längeren Zusammenhang stehen: Seit Jahren trainiere ich; ich möchte ein guter Läufer werden. Diese Begegnung verbindet sich dann damit, wer ich werden will. Das stellt nicht zwei Arten von Menschen auf verschiedene Stufen. Es bedeutet nur, dass derselbe Satz, „Ich will gewinnen“, für verschiedene Menschen ein unterschiedliches Gewicht haben kann.
Wer nach einem Sieg lacht oder nach einer Niederlage weint, hat damit noch nicht alle Gründe geliefert, aus denen andere ihn abschließend erklären dürften. Eine Niederlage kann jahrelange Arbeit berühren, aber auch bloß im Augenblick ärgerlich sein. Schweigt jemand nach dem Sieg, heißt das nicht, er habe gar nicht gespielt. Bewegungen und sichtbare Gefühle geben uns Anhaltspunkte. Die vollständigen Gründe dieses Menschen geben sie nicht automatisch preis.
Erst einmal ist es sein Zug
Wechseln wir ans Schachbrett. Mein Gegner macht einen Zug, den ich nicht berechnet hatte: Er opfert eine Figur und öffnet damit einen zuvor versperrten Weg. Ich hatte die ganze Zeit überlegt, wie sich die Figuren bewahren lassen. Plötzlich sehe ich: So könnte man also auch spielen.
Diesen Weg zu sehen ist mein Urteil. Der Zug selbst entsprang aber seinem Urteil. Ob ich die Partie danach noch wenden kann, ist wieder eine andere Frage. All das kann gleichzeitig gelten. Weil er den Zug gemacht hat, muss ich nicht leugnen, dass auch ich gerade etwas entdeckt habe. Und weil ich ihn verstanden habe, darf ich mir seine Entdeckung nicht gleich mit zuschreiben.
Natürlich darf ich weiter gewinnen wollen. Den Gegner zu respektieren verlangt weder, die eigene Figur stehen zu lassen, noch, absichtlich gegen ihn zu verlieren. Auch wird der Wettbewerb dadurch nicht zur Kooperation. Über Sieg und Niederlage in dieser Partie wird weiterhin auf dieselbe Weise entschieden. „Guter Zug!“ allein schreibt die Beziehung auf dem Brett nicht um.
Im Bemühen zu gewinnen kann ich allerdings mehr sehen als ein Muster, das ich knacken muss: einen Menschen, der selbst urteilt. Er existiert nicht, um meinen Sieg ein bisschen schwieriger zu machen. Er hat einen Zug gefunden, den ich nicht sah. Das muss nicht erst dadurch Bedeutung erhalten, dass ich ihn in der nächsten Partie zum eigenen Sieg verwenden kann.
Das mag wie ein Handschlag nach dem Spiel oder ein „Wirklich schön!“ klingen. Ein Handschlag kann aber auch reine Höflichkeit sein; ein Lob eine angenehme Floskel für die Umstehenden. Wer aufgibt, erkennt damit zunächst das Ergebnis dieser Partie an. Wie er den Menschen auf der anderen Seite ansieht, ist damit nicht unmittelbar bewiesen.
Auch in der gemeinsamen Analyse wird der Unterschied nicht immer sofort sichtbar. Jemand, der einzig gewinnen will, kann den Erklärungen seines Gegners aufmerksam zuhören und sein Verständnis entsprechend ändern. Weiterzufragen lohnt sich: Habe ich seine Gedanken als seine Gedanken gehört, oder nur in meinen Informationsvorrat für die nächste Partie aufgenommen? Ändert sich mein Verständnis dieses Schach spielenden Menschen, oder aktualisiere ich lediglich mein Bild seiner Spielweise?
Beides kann sogar gleichzeitig geschehen. Dass ich noch gewinnen möchte, erlaubt nicht den Schluss, ich könne ihn nicht anerkennen. Und die Bereitschaft zur gemeinsamen Analyse verleiht mir keine Urkunde über meinen Respekt vor anderen. Ein späteres Gespräch kann neue Anhaltspunkte für den früheren Moment liefern. Es ist aber keine Maschine, die uns unmittelbar in die damaligen Gedanken sehen lässt. Wo das Material nicht reicht, ist es ehrlicher, diese Lücke stehen zu lassen, als so zu tun, als könne man diesen Menschen schon vollständig erklären.
Wenn die beiden nachher miteinander einen Zug zu verstehen versuchen, kann die Analyse selbst zu einem kooperativen Spiel werden. Die Tätigkeit heißt noch immer Schach, aber die Beziehung der Beteiligten hat sich geändert. Diese Veränderung zu bemerken hilft mehr, als eine ganze Tätigkeit für immer ausschließlich dem Wettbewerb oder ausschließlich der Kooperation zuzuordnen.
Ein Name erklärt nicht die ganze Begegnung
Bei professionellen Wettbewerben wird das besonders deutlich. Auf dem Feld beurteilen Spieler, wie sie handeln sollen. Zugleich treten sie aufgrund eines Vertrags an; das Ergebnis hängt mit Prämien, Einkommen und Teilnahmeberechtigungen zusammen. Spielen und Arbeiten können in derselben Begegnung nebeneinander bestehen. Bezahlung macht nicht jede Entdeckung innerhalb des Spiels unecht. Dass wirklich gespielt wird, hebt Arbeit und Vertrag nicht auf.
Platzierungen und Punktestände können bereits zu den Spielregeln gehören. Einen Pokal zu gewinnen ist etwas anderes, als eigenes Geld auf den Ausgang der Begegnung zu setzen. Den Anteil solcher Wetten nimmt diese Reihe aus ihrer Betrachtung heraus, weil das Ergebnis mit einem Einsatz außerhalb der Partie verbunden wird – nicht weil Wettende keine Urteilskraft besäßen. Wettet ein Spieler selbst auf den Ausgang, wird sein Anteil an der Partie hier aus der Betrachtung ausgeschlossen; das regelgerechte Spiel aller übrigen Beteiligten bleibt davon unberührt. Wie Teilnahmegebühren einzuordnen sind, aus denen ein Preisfonds entsteht, bleibt in der Arbeit offen. Auch für rein vom Zufall entschiedene Runden wird hier keine Übungswirkung garantiert.
Betrug verschiebt das Problem. Zwei Menschen glauben, nach denselben Regeln gegeneinander anzutreten, doch einer verändert heimlich, was tatsächlich geschieht. Die Runde, auf die sich der andere eingelassen hat, ist dann nicht dieselbe wie die, der er wirklich gegenübersteht. Eine heimlich angesehene Karte könnte allerdings auch nur die Gewinnchancen ändern; daraus folgt nicht, dass bei jedem weiteren Zug überhaupt nichts mehr zu beurteilen wäre.
Nach der hier vorgenommenen Unterscheidung zählt der Anteil des Betrügers nicht mehr als Spiel. Für den Gegner, der weiterhin nach der ursprünglichen Vereinbarung spielt, bleibt es eines. Betrügen sämtliche Beteiligten gemeinsam, bleibt kein solcher Anteil im ursprünglichen Spiel übrig. Doch wie sich diese Grenze ausreichend begründen lässt und worin sich geheime Absprachen von einer offen vereinbarten Regeländerung unterscheiden, ist in der Arbeit nicht vollständig geklärt. Ein Problem ausdrücklich hinzuschreiben bedeutet nicht, seine Lösung bereits bewiesen zu haben.
Wegen eines Wetteinsatzes absichtlich zu verlieren ist außerdem nicht dasselbe, wie eine als verloren erkannte Partie aufzugeben. Im ersten Fall hängt das Ergebnis an einem Einsatz außerhalb des Spiels. Im zweiten kann das Aufgeben schlicht die Handlung sein, mit der diese Partie endet. Nur das verlorene Spiel zu sehen genügt nicht, um beides gleichzusetzen. Auch die Erklärung „Das ist eben ein Spiel“ lässt die heimliche Veränderung einer Vereinbarung nicht verschwinden.
Ein großer Unterschied im Können muss eine Partie ebenfalls nicht leer machen. Ein starker Spieler spielt mit einem Anfänger; vielleicht lässt sich der Ausgang schon erahnen, und trotzdem entdeckt der Anfänger erstmals einen Weg. Was hier begründet als Übung gelten kann, liegt in seinem eigenen Sehen dieses einen Mals, nicht in einer Fortschrittsnote, die andere für ihn errechnen. Ob etwas davon bis zum nächsten Mal bleibt oder außerhalb der Partie nutzbar wird, muss gesondert untersucht werden.
Endlich erreichen die beiden im Park den Baum. Das Ergebnis des Wettlaufs sagt uns, wer zuerst dort ist. Der unterwegs entdeckte Weg ist das Urteil eines Menschen in dieser Runde. Wie der andere läuft, bleibt dennoch seine Sache. Wenn wir ernsthaft um den Sieg streiten und zugleich diesen Raum lassen, müssen wir uns nicht zwischen zwei zu engen Rollen entscheiden: nur den Sieg zu kennen oder so zu tun, als wollten wir gar nicht gewinnen.
Quelle und Lesehinweis
Dieser Essay entstand aus der zugehörigen SAE-Arbeit über Wettbewerb. Die deutsche Fassung ist unmittelbar aus dem vollständigen chinesischen Leseressay eigenständig geschrieben und keine absatzweise Übersetzung der gesamten technischen Argumentation. Auch die englische Fassung wurde eigenständig für englischsprachige Leser geschrieben. Eine durch Spiel eröffnete Möglichkeit ist kein Fortschrittsversprechen, kein Persönlichkeitstest und keine Verpflichtung, an Spielen teilzunehmen.