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Non Dubito

Strukturen in Märchen · 29

Niemand fragt mehr nach Karens roten Schuhen: Darf nach einer Schuld noch anderes Leben kommen?

Das Ende ist religiöse Erlösung nach dem Tod, keine körperliche Genesung. Schon vorher aber haben einige Kinder sie erneut zum Mitkommen eingeladen.

Han Qin ·

Als der Engel zum zweiten Mal vor Karen steht, hält er kein Schwert mehr, sondern einen grünen Zweig voller Rosen. Er berührt die niedrige Decke, die kleine Stube öffnet sich allmählich, Sonnenlicht und Kirchenklang kommen herein. Es ist kein anderer sanfter Bote, der einem strafenden Engel gegenüberstünde. Derselbe hat vorher am Kircheneingang befohlen, sie müsse immerfort tanzen und mit ihrem leidenden Körper andere eitle Kinder warnen.

»Die roten Schuhe« erzählt nicht nur Strafe und macht auch nicht Rot von Anfang an zur Sünde. Das erste Paar rote Stoffschuhe schenkt eine alte Frau aus einem armen Schusterhaushalt Karen. Bei der Beerdigung der Mutter hat sie keine anderen Schuhe und trägt diese zum Abschied. Später wird sie aufgenommen und das alte Stoffpaar verbrannt. Erst die neuen roten Lederschuhe gehören in die Folge des unaufhaltsamen Tanzens. Gleiche Farbe darf nicht den Unterschied zwischen einer Gabe der Güte in Armut und späteren Entscheidungen auslöschen.

Karen macht später tatsächlich Fehler. Sie weiß, dass ihre Pflegerin die roten Lederschuhe in der Kirche nicht erlaubt, trägt sie trotzdem und denkt daran, wie andere sie betrachten. Als die Frau schwer krank ist, geht sie zum Ball. Das lässt sich nicht auf grundlose Strafe für ein Mädchen reduzieren, das eine schöne Farbe mag. Ihren Wortbruch und die versäumte Pflege anzuerkennen heißt aber auch nicht, dass ihr ganzes weiteres Leben immer wieder dieselbe Schuld beweisen müsste.

Beim ersten unbeherrschbaren Tanzen können andere ihr die Schuhe noch ausziehen. Später geht auch das nicht mehr. Ihre Füße tragen sie durch Wald und Felder und sogar am Begräbnis der inzwischen verstorbenen Pflegerin vorbei, ohne anzuhalten. Schließlich bittet sie den Scharfrichter, beide Füße abzuschlagen, und erhält Holzfüße und Krücken. Die Schuhe tanzen fort. Der gewaltige körperliche Preis beendet die Geschichte nicht sofort. Als sie zur Kirche will, erscheinen die roten Schuhe davor und schrecken sie zurück.

Dieses Märchen treibt Schmerz bis zur Grausamkeit. Die spätere Erlösung macht Verletzung des Körpers nicht zum wirklichen Preis, den man für eine Umkehr zahlen sollte. Auch Karen hat geglaubt, genug gelitten zu haben und nun nicht mehr aufgehalten werden zu dürfen. Doch die Geschichte tauscht nicht eine bestimmte Menge Leiden gegen Vergebung. Ihr Ende beruht auf göttlicher Gnade. Es beweist nicht, dass hinreichend schwere Selbstzerstörung die Wiederaufnahme erkaufen könnte.

Noch vor dem letzten Wunder öffnet ihr auf Erden schon jemand eine Tür. Die Frau des Pfarrers nimmt sie auf und gibt ihr etwas zu tun. Karen arbeitet gewissenhaft, hört vorgelesenen Büchern zu, und die Kinder im Haus mögen sie. Wenn alle zur Kirche gehen, laden sie sie ein. Sie bleibt ängstlich und zieht sich zurück, ist aber nicht aus sämtlichen Beziehungen ausgeschlossen. Diesen Alltag darf man nicht streichen, um dann zu sagen, die gesamte Menschenwelt wolle sie nur weiter bestrafen.

Diese Aufnahme wartet nicht auf das restlose Ende ihrer Angst. Sie kann Altes bereuen und zugleich aufräumen, zuhören und mit Kindern leben. Noch bevor die Familie den Rosenzweig des Engels sieht, gibt sie ihr mehr als den Platz des »Mädchens, das mit roten Schuhen falsch gehandelt hat«. Karen kann Gegenwärtiges übernehmen und zu Neuem eingeladen werden. Die Vergangenheit besetzt nicht jede folgende Begegnung vollständig.

An jenem Morgen, an dem Karen nicht zur Kirche zu gehen wagt, bleibt sie nach dem Aufbruch der anderen allein im Zimmer, liest ein Kirchenlied und betet weinend. Erst dann kommt der Engel wieder; die Kirche draußen und ihre Stube sind nicht länger getrennt. Sie hört den Gesang, sieht vertraute Menschen und wird von der Pfarrersfamilie willkommen geheißen. Die, die sie vorher eingeladen haben, sind nicht durch andere ersetzt. Die letzte Freude besteht nicht darin, plötzlich eine völlig ausgewechselte Menschenwelt vorzufinden.

In der großen Freude stirbt sie, und ihre Seele kommt zu Gott. Am Ende fragt niemand mehr nach ihren roten Schuhen. Dieser Satz steht in einem religiösen Schluss. Er erzählt nicht, sie lebe von nun an noch Jahrzehnte ruhig in dem Städtchen. Ihr irdisches Leben endet. Andersen legt den Frieden ohne neue Nachfrage in eine andere Welt. Um einen leichten Schluss zu gewinnen, dürfen wir daraus keine gewöhnliche körperliche Genesung machen.

Vor diesem letzten Nicht-mehr-Fragen hat der Alltag im Pfarrhaus aber bereits einen kleineren Zugang eröffnet. Sie erinnert sich noch; andere müssen deshalb nicht bei jedem Treffen erneut Rechenschaft verlangen. Sie wagt sich nicht ohne Furcht vor die Tür und kann dennoch in einer Familie mitwirken. Vergebung ist nicht nur ein abschließender Ausspruch. Sie kann auch daran erkennbar sein, welche neuen Aufgaben jemand übernehmen darf, wie man ihn anspricht und ob es eine nächste Einladung gibt.

Sie nicht mehr nach dem alten Fehler zu benennen verpflichtet Betroffene weder zum Vergessen noch nimmt es Karen jede künftige Verantwortung. Es lässt das Urteil nur weitergehen. Sie hat Fürsorge versäumt und kann später für das gegenwärtige Leben gewissenhaft sorgen. Sie war ganz bei den Schuhen und kann nun zuhören, arbeiten und Verstorbene vermissen. Nicht nur der erste Teil darf wahr sein, während alles Spätere als bedeutungslose Bußbewegung abgetan wird.

Die Schuhe ließen sie nicht aufhören zu tanzen. Auch ein Blick, der für immer nur diese Schuhe befragt, kann ein Leben an derselben Stelle festhalten. Die Geschichte befreit sie zuletzt aus dem immer weiter bestraften Schicksal. Vor dem Wunder haben einige Kinder sie aber schon als jemanden gesehen, der mit hinauskommen kann. Ihre Einladung vollendet nicht anstelle der Gnade den Schluss. Sie lässt Karen davor jedoch schon mehr sein als einen Namen, der auf Strafe wartet.

Textgrundlagen

Für deutsche Leser unabhängig aus dem ganzen chinesischen Essay geschrieben. Wirkliche frühere Fehler werden nicht geleugnet, zugleich werden spätere Arbeit, Beziehungen und Einladungen nicht auf bedeutungslose Buße reduziert. Die körperliche Grausamkeit des Märchens wird weder zur Handlungsanweisung noch zur käuflichen Bedingung von Vergebung gemacht.

Hinweise zur Fassung

Grundlage ist Andersens »De røde Skoe« von 1845, unter Heranziehung der vollständigen englischen Übersetzung Hersholts beim Andersen-Forschungszentrum. Zwei rote Schuhpaare und zwei Phasen unkontrollierten Tanzens werden unterschieden. Beibehalten werden die versäumte Fürsorge, das Abschlagen der Füße, die Aufnahme durch die Pfarrersfrau, die Einladung der Kinder sowie derselbe Engel erst mit Schwert und später mit Rosenzweig. Der Schluss erzählt religiöse Erlösung nach dem Tod, keine Wiederherstellung des Körpers. Verletzung wird allein als literarisches Geschehen erzählt, nicht als wirklicher Rat zu Reue oder Behandlung.