Essay lesen
Non Dubito

Strukturen in Märchen · 30

Alle sagen es jetzt. Warum geht der Kaiser trotzdem weiter?

Das Kind macht die Wahrheit öffentlich sagbar. Die Schritte anzuhalten und die leere Schleppe loszulassen bleibt eine andere Entscheidung.

Han Qin ·

Das Kind hat schon gesprochen. Sein Vater trägt den Satz zu den Nachbarn, das Geflüster wandert weiter, bis die ganze Straße ruft: Der Kaiser hat nichts an. Die Tatsache gehört nun nicht mehr nur einem Kind, das die Regeln nicht kennt. Endlich können Menschen gemeinsam aussprechen, was sie vorher gesehen haben und nicht einzugestehen wagten. Auch der Kaiser wird unsicher und meint, womöglich hätten sie recht.

Der Zug hält trotzdem nicht an. Der Kaiser beschließt weiterzugehen, noch würdevoller als zuvor. Hinter ihm tragen die Kammerherren weiter die Schleppe, die gar nicht existiert. Andersen beendet die Geschichte nicht beim mutigen Wort des Kindes. Auch folgen keine Verhaftung der Betrüger und keine Entschuldigung der Beamten. Die Lüge hat ein Loch bekommen; die Handlungen folgen noch immer ihrem bisherigen Weg.

Das heißt nicht, dass das Sprechen nichts bewirkt. Vorher glaubt jeder, schon das Eingeständnis, nichts zu sehen, würde ihn als dumm oder für sein Amt untauglich bloßstellen. Der Kaiser mag den Stoff nicht nur, weil er schön aussehen will. Damit will er auch Menschen finden, die ihrer Stellung nicht gewachsen sind. Die Prüfung eines Gewebes wird so rasch zur Prüfung dessen, der spricht: Darf er seinen bisherigen Platz behalten?

Die Minister sehen nichts, der Kaiser ebenfalls nicht. Hören sie aber das Lob der anderen, zweifeln sie erst einmal an sich. Das Schweigen des einen wird zum Grund für den nächsten, sich nicht zu äußern. Die Betrüger müssen nicht einmal Stoff liefern. Der Glaube, andere könnten vielleicht etwas sehen, genügt, damit alle den leeren Webstühlen immer genauere Beschreibungen hinzufügen.

Das Kind trägt nicht dasselbe Amtsrisiko und sagt unmittelbar, was es sieht. Der Vater hält ihm nicht sofort den Mund zu, sondern erzählt weiter. Andere tun es ihm nach. Erst dadurch wird aus einer kleinen Ungehörigkeit eine Tatsache, die eine ganze Straße wiederholen kann. Die Bedeutung des Kindes bleibt bestehen. Aber die Zuschauer sind ebenfalls mehr als Beiwerk: Sie müssen hören, glauben und wieder aussprechen, damit ein einzelnes Eingeständnis weniger allein bleibt.

Nun muss der Kaiser nicht mehr entscheiden, wie er andere von den Kleidern überzeugt. Er muss entscheiden, wie er den begonnenen Zug zu Ende führt, nachdem sie nicht mehr glauben. Vorher zeigt das Weitergehen die gelungene neue Kleidung. Danach erhält es immer mehr eine schon begonnene Bewegung, die nicht abbrechen soll. Derselbe Weg liegt unter den Füßen, doch etwas anderes wird durch das Handeln aufrechterhalten.

Die Geschichte sagt nur, er halte die Fortsetzung für nötig. Sie liefert keine ausgearbeitete Begründung aus staatlicher Stabilität. Wir dürfen ihm nicht nachliefern, er schütze eigentlich Autorität, verhindere innere Unruhen und müsse darum so handeln. Sichtbar ist: Er hält die Leute womöglich für im Recht und setzt trotzdem sein Tun fort. Zu wissen, dass etwas falsch sein könnte, ist noch nicht automatisch eine Handlung, die das Falsche stoppt.

Auch die Hände der Begleiter sinken nicht. Gerade eben konnten sie beim Tragen der leeren Schleppe wenigstens so tun, als sähen andere sie. Nun spricht die Öffentlichkeit ihre Nichtexistenz aus, und sie bewahren dieselbe Haltung. Was jeder im Innern denkt, entfaltet der Text nicht. Eine gemeinsame Verschwörung aller ist damit nicht bewiesen. Bemerken lässt sich aber, wie die Rolle sie das Weitermachen gelehrt hat, obwohl die Tatsachen dessen Gründe nicht mehr stützen.

Genau diese zusätzliche Frage steckt in den letzten Zeilen. Die Entlarvung ändert, was sich sagen lässt. Zum Stoppen des Zuges muss aber noch jemand die Hände senken, die Schritte anhalten und gelten lassen, dass die bisherige Anordnung geändert werden muss. Den ersten Wandel kann ein Kind eröffnen. Über den zweiten verfügt es nicht notwendig. Dass Wahrheit in die Öffentlichkeit kommt und dass diejenigen mit Handlungsmöglichkeiten danach neu entscheiden, hängt zusammen und bleibt doch zweierlei.

Deshalb darf man wegen des weiterziehenden Zuges nicht vorschnell sagen, Wahrheit zu sprechen nütze nichts. Ohne den Satz könnten Menschen nicht einmal gemeinsam feststellen, was sie sehen. Mit ihm sieht auch die Fortsetzung anders aus. Der Kaiser kann das Schweigen der Straße nicht mehr für Zustimmung halten. Die Begleiter halten ein Ritual um etwas aufrecht, dessen Nichtexistenz die Umstehenden ausdrücklich aussprechen. Die Wahrheit hat nicht alles verändert. Sie hat aber die ausgebliebene Veränderung selbst sichtbar gemacht.

Hier hört die Geschichte auf. Sie garantiert weder einen besseren nächsten Tag noch beweist sie, dass keine Ordnung sich je berichtigen könnte. Der komische Augenblick genügt: Alle wissen es nun, der Kaiser geht weiter, und einige Hände halten etwas in der Luft. Das Kind hat den anderen einen Platz zum Sprechen geöffnet. Es kann nicht auch noch für jeden von ihnen die Entscheidung treffen, die Schleppe loszulassen.

Textgrundlagen

Unabhängige deutsche Neufassung des vollständigen chinesischen Essays. Der öffentliche Satz bewirkt etwas, ohne jede weitere Handlung zu ersetzen. Die offenen Gedanken der Begleiter bleiben offen; dem Kaiser werden weder eine ungenannte Staatsräson noch eine spätere Reform angedichtet.

Hinweise zur Fassung

Grundlage ist Andersens »Keiserens nye Klæder« von 1837, mit der vollständigen englischen Übersetzung Hersholts beim Andersen-Forschungszentrum. Erhalten bleiben die anfängliche Absicht des Kaisers, mit dem Stoff Beamte zu prüfen, die Weitergabe des Kindersatzes durch Vater und Öffentlichkeit, sein Verdacht, die anderen könnten recht haben, samt der Fortsetzung des Zuges und den weiterhin tragenden Begleitern. Keine Verhaftung, Revolution, Strafe oder Reform am nächsten Tag wird hinzugefügt.