Strukturen in Märchen · 28
Der eine Flügel bleibt: Kann ein Ende gut sein, ohne alles wiederherzustellen?
Elf Brüder sind zurück. Ein Ärmel fehlt. Das Glück ist wirklich, und die Zukunft des jüngsten Bruders bleibt trotzdem offen.
Als man Elisa zur Hinrichtung fährt, arbeitet sie noch am letzten Hemd. Zehn sind fertig, am elften fehlt nur ein Ärmel. Doch die Zeit reicht nicht. Die Menge glaubt, sie treibe noch immer schrecklichen Zauber, und will ihr die Arbeit entreißen. Da kommen elf Schwäne und umringen sie. Als der Henker nach ihr greift, wirft sie ihnen die Hemden eines nach dem anderen über. Die Brüder werden Menschen. Nur der jüngste behält einen Flügel.
Andersen liefert später keinen ausgebesserten Ärmel nach. Die Wahrheit wird erklärt, am Scheiterhaufen geschieht ein Wunder, der König holt Elisa zurück, Menschen singen und feiern: Das Märchen geht auf ein helles Ende zu. Der Flügel bleibt aber da. »Endlich sind alle gerettet« kann nicht einfach »Alles ist wieder genau wie zuvor« heißen. Er hebt das Glück nicht auf und wird vom Glück nicht stillschweigend entfernt.
Die Rettung zwischen den Geschwistern verlief nie bloß in einer Richtung. Die von der Stiefmutter verwandelten Brüder sind nur nachts Menschen. Sie haben ein Netz für die Schwester geflochten und sie unter Gefahr über das weite Meer getragen. Mit ihrer Rettungsarbeit übernimmt sie also nicht das Leben einer Gruppe, die selbst immer nur gewartet hätte. Auch die Brüder haben sie schon mit ihren Körpern geschützt. Der jüngste lindert später mit seinen Tränen die Blasen an ihren Händen bei der Nesselarbeit.
Elisas Zauberaufgabe ist hart. Sie muss selbst Nesseln an bestimmten Orten sammeln, die Fasern bearbeiten und elf Hemden machen. Von Anfang bis Ende darf sie dabei nicht sprechen. Der Schmerz beweist keine falsche Handlung; ihr Schweigen bedeutet nicht, dass sie nichts zu sagen hätte. Sie weiß nur, dass ein Wort die treffen würde, die sie retten will. Andere verstehen ihre Handlungen nicht. Das nächtliche Nesselsammeln wird zum Schuldbeweis; dass sie sich nicht erklären kann, scheint die Anklage noch glaubwürdiger zu machen.
Auf dem Richtkarren hat sie keine Ruhe mehr, alle Ärmel fertigzustellen. Die Hemden zu werfen und dem Fertigen sofort Wirkung zu geben ist das, was im Angesicht des Todes noch möglich bleibt. Starren wir nur auf den letzten fehlenden Ärmel, machen wir aus einer Rettung in fast auswegloser Lage leicht wieder eine noch nicht ausreichende Leistung. Als müsse jeder frühere Einsatz warten, bis auch die letzte Spur verschwunden sei, bevor er zählen darf.
Zuerst aber gehört der Flügel dem jüngsten Bruder. Er ist nicht bloß ein Zeichen, an dem sich Elisas Pflichterfüllung messen ließe. Der Bruder hat sein menschliches und verwandtschaftliches Leben zurück und steht weiterhin vor einem nicht ganz zurückverwandelten Körper. Wie er lebt, erzählt das Märchen nicht. Es nennt weder Zorn noch Scham noch Stolz auf die Schwester. Wir dürfen ihm keine Klage erfinden, die sie lebenslang abbezahlen müsste. Ebenso wenig muss er den Flügel zum Ehrenzeichen machen, um zu zeigen, dass er versteht, was sie für ihn getan hat.
Der fehlende Ärmel ist innerhalb des Zaubers tatsächlich wichtig; sonst würde die Geschichte diese Veränderung nicht behalten. Das anzuerkennen verlangt weder die Behauptung, ein körperlicher Unterschied sei belanglos, noch die Annahme, später könne keinerlei Hilfe nötig sein. Nur macht der nicht wiederhergestellte Teil den Menschen nicht zu einem weniger vollständigen Menschen. Er erklärt auch nicht alles wiedergewonnene Leben zum Scheitern. Wieder zusammenzukommen, zu sprechen und einander zu kennen sind wirklich eingetretene Ergebnisse.
Elisa kann endlich ihre Unschuld aussprechen und bricht dann vor langer Erschöpfung zusammen. Die Brüder erklären, was sie nicht erzählen konnte. Das Hinrichtungsgerät wird zu blühenden Pflanzen, der König legt ihr eine Blume auf die Brust, und sie erwacht. Gefeiert wird nicht erst nach dem Vergessen aller Not, sondern weil die falsche Anklage ihren Halt verloren hat und Elisa vor dem Feuertod gerettet ist. Glück hat hier einen eigenen Grund. Es muss nicht warten, bis jede Unvollständigkeit der Welt beseitigt ist.
Daraus folgt auch nicht, Elisa solle künftig jede Hilfe einstellen. Ob der Flügel sich noch verwandeln könnte und was die Geschwister miteinander besprechen werden, wissen wir nicht. Aus diesem Nichtwissen darf aber nicht im Voraus eine Schuld werden: Weil etwas fehlt, müsse sie fortan alle Zeit darauf verwenden, das Fehlende zu vervollständigen. Helfen kann weitergehen. Dazu gehören weiterhin die Bedürfnisse des Betroffenen und die Entscheidungen beider, statt dass Zuschauer sie mit einem idealen Endzustand wieder in eine unerledigte Aufgabe einschließen.
Viele Enden beruhigen durch vollständige Wiederherstellung: Die Stellung ist zurück, der Körper heil, das Missverständnis weg. Erst wenn nichts von der Katastrophe zu sehen ist, scheint die Geschichte wirklich beendet. »Die wilden Schwäne« lässt genau diese kleine Unordnung stehen. Wir können uns über die Rettung freuen und zugleich sehen, dass Freude nicht die ganze Zeit zurückdreht. Vergangenes kann den späteren Körper und das Leben verändern, ohne fortan allein allen Sinn dieses Lebens zu besetzen.
Für den jüngsten Bruder entfaltet sich kein ganzes weiteres Leben. Auch Elisa arbeitet auf der letzten Seite nicht weiter am Ärmel. Wir können nur mit dem Märchen im Augenblick der Wiedervereinigung bleiben: Der Flügel ist da, seine Zukunft sprechen wir nicht aus. Ein gutes Ende verträgt offene Fragen. Den Flügel müssen wir weder als Orden ausschmücken noch von vornherein als bedauerlich bewerten. Die Geschwister sind wieder beieinander. Diese Wirklichkeit wartet nicht auf das Verschwinden der letzten Feder.
Textgrundlagen
Unabhängige deutsche Leserfassung aus dem vollständigen chinesischen Essay. Der verbliebene Flügel gehört zuerst dem Bruder, nicht einem Maßstab für die Schwester. Das erzählte Glück und die offene körperliche Zukunft bleiben zugleich bestehen. Keine Pflicht zu endloser weiterer Hilfe und keine erfundene Empfindung der Betroffenen werden hinzugefügt.
Hinweise zur Fassung
Textgrundlage ist Andersens »De vilde Svaner« von 1838, anhand der vollständigen englischen Übersetzung Hersholts und der vollständigen Erzählung »The Wild Swans« in einer gemeinfreien englischen Sammlung. Sie wird von Grimms »Die sechs Schwäne« getrennt. Erhalten bleiben die frühere Hilfe der Brüder für die Schwester, elf Nesselhemden, das Sprechverbot, der letzte fehlende Ärmel, der bleibende Flügel und das wirklich glückliche Ende. Eine spätere Wiederherstellung wird nicht fortgeschrieben; weder Zorn noch innerer Frieden des jüngsten Bruders werden erfunden. Die Lektüre behandelt allein die enge Frage unvollständiger Wiederherstellung, nicht wirkliche medizinische oder rehabilitative Empfehlungen.