Strukturen in Märchen · 15
Der Schatten: Warum verliert gerade der Wissende den Platz, von dem aus er sprechen könnte?
Der Gelehrte gibt die richtigen Antworten. Die Prinzessin hört sie und vertraut deshalb seinem vermeintlichen Herrn mehr. Was geschieht, wenn vor jeder Prüfung schon feststeht, wem Wissen zugerechnet wird?
Die Prinzessin stellt Fragen. Der gut gekleidete Fremde hat ihr mit seinem schönen Tanz gefallen; trotzdem möchte sie sein Wissen prüfen. Wer eines Tages mit ihr das Land regieren könnte, braucht mehr als ein angenehmes Äußeres. Sie stellt schwierige Fragen. Er lächelt: Das habe er längst gelernt, sogar sein mitgehender Schatten könne es beantworten.
Der so bezeichnete Mensch antwortet ausgezeichnet. Über Sonne, Mond, Welt und Menschen weiß er viel. Doch die Prinzessin schätzt nun nicht den Antwortenden höher, sondern bewundert dessen vermeintlichen Herrn umso mehr: Ist schon der Schatten so gelehrt, wie großartig muss erst der Mensch selbst sein! Die Prüfung verwendet keine falschen Antworten und endet dennoch im Irrtum. Richtiges Wissen wird anders zugeordnet und dadurch zum Grund, einem anderen Menschen mehr zu vertrauen.
Viele Jahre vorher reist ein Gelehrter in ein heißes fremdes Land. Tags bleibt er drinnen, abends geht er auf den Balkon. Im Haus gegenüber gibt es Blumen und Musik, selten aber einen sichtbaren Menschen. Eines Abends wirft die Kerze seinen Schatten an die andere Wand. Scherzhaft schickt er ihn hinein: Er solle nachsehen und berichten. Der Schatten geht wirklich durch die Tür und kehrt auch am nächsten Tag nicht zurück.
Das ist bei Andersen keine bloße Metapher. Der Gelehrte verliert seinen Schatten, bekommt später einen neuen und schreibt nach der Heimkehr weiter Bücher. Jahre später klopft ein dünner, sorgfältig gekleideter Mann an und nennt sich den damaligen Schatten. Er hat nun Kleidung, Geld und einen gesellschaftlichen Stand. Nicht mehr als ein Anhängsel fremder Füße will er gelten. Seine Herkunft soll auch niemand erfahren.
Der Gelehrte sagt nicht: Weil du mir einmal gehört hast, gehört mir noch alles, was du heute hast. Er erkennt die gewonnene Freiheit an und verspricht Verschwiegenheit. Die spätere Tragödie macht diesen Anfang nicht rückwirkend falsch. Dass ein Wesen von jemandem ausgeht und später selbst lebt, verpflichtet nicht zu dauernder Unterordnung. Auf die Rücknahme des Schattens verzichtend lässt er vielmehr zunächst Raum für gegenseitige Anerkennung.
Der Schatten hat das Leben auf andere Weise gelernt. Er berichtet, wie er in ungeschützte Privatbereiche schlüpft, Geheimnisse sieht und den Betroffenen dann wissen lässt, was er weiß. Ruf, Titel und Reichtum kommen ihm so zu. Er versteht wirklich, wie Menschen Angst haben und danach Ehrfurcht zeigen. Die Bücher des Gelehrten über Wahrheit, Güte und Schönheit finden wenige Hörer. Nicht öffentlich zeigbare Tatsachen dagegen lassen sich für den Schatten schnell in gesellschaftlichen Rang umwandeln.
Allmählich kehrt sich die Lage um. Der Gelehrte wird ärmer und körperlich schwächer. Der Schatten kann Reisen und Kuren bezahlen und schlägt vor, ihn als Begleiter auf eigene Kosten mitzunehmen. Zuerst lehnt er ab, dann nimmt er doch an. Er braucht einen anderen Ort und Erholung und hält den einstigen Schatten weiterhin für ein Wesen, mit dem Umgang möglich ist. Die Abhängigkeit verkleinert seine Spielräume wirklich. Zum Eigentum des Zahlenden wird er dadurch nicht automatisch.
Unterwegs verändern sich Anrede und Reihenfolge. Der Schatten verlangt mehr Ehrerbietung in der Anrede und erwidert sie nicht gleichartig. Er geht voraus und entscheidet, der Gelehrte folgt. Jede Kleinigkeit scheint noch keinen Streit wert: Der andere bezahlt, man selbst braucht Versorgung, warum nicht erst einmal nachgeben? Daraus wächst aber ein öffentlich sichtbares Verhältnis. Spätere Bekannte brauchen ihre Geschichte nicht mehr zu kennen, um schon zu wissen, wen sie zuerst anhören sollen.
Genau diese Anordnung findet die Prinzessin vor. Zunächst fragt sie sich, warum der Fremde keinen Schatten hat. Er zeigt sofort auf den Gelehrten: Großzügig gestatte er seinem Schatten menschliche Kleidung und sogar einen eigenen Schatten. Eine eigentlich entlarvende Tatsache wird durch die zuerst gegebene Erklärung zum Tugendbeweis. Nicht, dass er fremden Platz usurpiere – er behandle seinen Untergebenen eben besonders gut.
Auch mit der Wissensprüfung verlässt sie diese Erklärung daher nicht. Unabhängig nachzuprüfen glaubt sie und übernimmt doch die vorher zugeteilten Identitäten. Je mehr der Gelehrte weiß, desto höher schätzt sie den Mann daneben. Der Schatten hat ihr sogar geraten, den Gelehrten wie einen Menschen zu behandeln und seiner Vorstellung entgegenzukommen; dann antworte er gut. Die scheinbar verständnisvolle Rücksicht macht den Wunsch nach einem gewöhnlichen Gespräch schon vorher zur betreuungsbedürftigen Marotte.
Gerade das erschreckt: Der Wahrheitsredende wird weiter falsch gehört. Wissen und Ausdrucksfähigkeit hat er nicht verloren. Jede richtige Antwort wird nur in eine andere Erklärung aufgenommen: Schon ein Schatten könne das, also müsse der Herr noch besser sein. Sind Können und Vertretung vorab verteilt, kann noch so viel richtiger Inhalt die ursprüngliche Verkennung befestigen, statt sie aufzulösen.
Die Vorsicht der Prinzessin ist deshalb nicht einfach Dummheit. Sie denkt an die Zukunft des Landes, möchte wirklich einen Wissenden wählen und stellt tatsächlich Fragen. Nur die weitere Frage fehlt: Warum muss der Mensch, der die Antworten gibt, das Talent seines Nachbarn beweisen? Wird Rang zum Ursprung des Wissens erklärt, folgt die Untersuchung dieser Ordnung. Während sie sich immer besser informiert glaubt, binden gerade seine guten Antworten den Gelehrten fester an den Fuß des Schattens.
Nach der Verlobung kommt dessen letzter Vorschlag. Der Gelehrte könne eine gute Versorgung mit eigenem Haus und Wagen bekommen. Dafür müsse er hinnehmen, dass alle ihn Schatten nennen, nicht mehr behaupten, ein Mensch zu sein, und sich öffentlich nach den Wünschen des Schattens verhalten. Reisekosten, Anrede oder Reihenfolge beim Gehen sind das längst nicht mehr. Das Leben kann bequem versorgt sein; der Preis ist, nicht mehr sagen zu dürfen, wer dieses Leben tatsächlich lebt.
Jetzt verweigert sich der Gelehrte. Der Prinzessin und dem ganzen Land will er sagen, wer der wirkliche Mensch ist. Doch der Schatten hat bereits den Rang des künftigen Gemahls. Er lässt ihn erst von Wachen festhalten und erklärt dann: Sein Schatten sei verrückt geworden und halte sich für einen Menschen, ihn selbst aber für den Schatten. Jede Tatsache, die der Gelehrte enthüllen möchte, trägt vor ihrer Äußerung schon einen neuen Namen und wird zum Beleg seines angeblichen Wahns.
Das verschließt fast jede Antwort. Schweigt er, bleibt er Schatten. Widerspricht er, scheint die Heftigkeit des Widerspruchs erst recht die Behauptung zu beweisen. Seine eigenen Worte und nachprüfbare Erfahrungen bestimmen seine Identität nicht mehr gemeinsam. Ein anderer legt vorher fest, welche Worte überhaupt als sinnvoll gelten. Der Vorwurf des Wahns ist darum nicht bloß eine Beleidigung. Er nimmt dem Sprechenden sogar beim Sprechen den Platz, an dem er eine ernsthafte Antwort beanspruchen könnte.
Auch die Prinzessin trägt hier Verantwortung. Sie nimmt die Erklärung an; am besten möge der arme Schatten still verschwinden. Der Schatten spielt den betrübten Herrn eines alten Dieners und zeigt sich ihr nochmals empfindsam. Mit Wissen wollte sie eine schlechte Ehe vermeiden. Schließlich stimmt sie selbst der Beseitigung des einzigen Menschen zu, der den Irrtum erklären könnte. Die Wachen vollziehen den Befehl. Dass ein Höhergestellter erzählt hat, macht sie nicht zu Menschen, die mit den Folgen nichts zu tun hätten.
Gewiss hat der Gelehrte vorher oft nachgegeben. Geheimhaltung, angenommene Reisehilfe und ungleiche Anrede wirken an der späteren Lage mit. Das macht ihn weder zum hauptsächlich Verantwortlichen seines Todes noch verpflichtet es Arme, nach empfangener Hilfe die eigene Ermordung vorauszusehen. Im Gegenteil: Eine Beziehung muss nicht am ersten Tag die äußerste Forderung stellen. Schrittweises Nachgeben kann verhandelbare Abmachungen zu einer zunehmend schwer bestreitbaren Identität verdichten.
Die Unabhängigkeit des Schattens und sein Angriff auf die Unabhängigkeit des Gelehrten sind verschiedene Dinge. Frühere Abhängigkeit macht den Schatten nicht unwürdig für Geld, Ehe und Zukunft. Spätere Bedürftigkeit macht den Gelehrten nicht zu jemandem, der nur als Anhängsel leben dürfte. Menschen können verschiedene Ursprünge haben und in ihren jeweiligen Lebenslagen aufeinander angewiesen sein, ohne dass einer den anderen deshalb zum Werkzeug umbenennen dürfte. Zerstört wird gerade jener Platz, den der Gelehrte anfangs gewähren wollte und der Schatten ihm später nicht erwidert.
Die Hochzeit findet planmäßig statt. Lichter schmücken die Stadt, Böller erklingen, das neue Paar nimmt Glückwünsche an. Der Gelehrte ist getötet worden. Er platzt nicht in letzter Sekunde in das Fest, findet nicht plötzlich einen Zeugen; kein Gott enthüllt die Wahrheit für ihn. Das ganze Feiern bleibt bei Andersen den Siegern. Für den Gelehrten gibt es keinen nachträglich ausgleichenden Schluss, in dem das Gute doch noch belohnt wird.
Die richtigen Antworten wurden wirklich gesagt und wirklich gehört. Nicht bloß fehlendes Wissen führte zum Scheitern. Bevor das Wissen überhaupt zur Sprache kam, war entschieden, wer es vertreten darf. Der Gelehrte verliert mehr als den eigenen Verdienst: den Platz, weiter sagen zu können, dass diese Worte seine sind und dieses Leben sein eigenes. Beim Fest muss niemand ihn noch eigens verleugnen. Wenn alle vereinbart haben, den Menschen Schatten zu nennen, scheint sein Verschwinden nicht einmal mehr wie das Fehlen eines Gastes.
Textgrundlagen
Vollständiger unabhängiger deutscher Leseressay nach dem veröffentlichten chinesischen Text. Die tatsächlich gehörten richtigen Antworten werden von ihrer falschen Zurechnung unterschieden. Magische Eigenständigkeit, Abhängigkeit, politische Mitentscheidung und Vollzug bleiben getrennte Handlungen, ohne ein tröstlicheres Ende oder innere Motive zu ergänzen.
Hinweise zur Fassung
Textgrundlage: Hans Christian Andersen, Skyggen (1847), nach der englischen Übersetzung von Jean Hersholt beim Andersen-Zentrum und »The Shadow« in einer gemeinfreien englischen Sammlung. Der chinesische Ausgangsessay erzählt selbstständig nach und übernimmt keine moderne chinesische Übersetzung. Anreden werden von Übersetzungen unterschiedlich wiedergegeben; bewahrt bleibt nur die ungleiche Rangbehandlung, ohne unbelegt dänische Formulierungen zu rekonstruieren. Die Selbstbeschreibung des Schattens über Geheimnisse und gesellschaftlichen Aufstieg, die angenommene Reisefinanzierung, die Wissensprüfung durch die Prinzessin, die Forderung nach einer falschen Identität und die Tötung des Gelehrten bleiben Teil der Handlung. Der Schatten wird nicht auf ein einzelnes psychologisches Symbol verkürzt. Weder Enthüllung noch Vergeltung werden am Schluss hinzuerfunden.