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Non Dubito

Strukturen in Märchen · 14

Das hässliche Entlein: Muss man erst einen Schwan erkennen, um mit dem Beißen aufzuhören?

Der Frühling zeigt, wo es hingehört. Doch der graue Vogel, der im Winter um sein Leben schwamm, musste seine Schönheit nicht erst beweisen, um Schutz vor grundloser Verletzung zu verdienen.

Han Qin ·

Als die Entenmutter ihr anders aussehendes Kind zum ersten Mal verteidigt, weiß sie noch nicht, dass es ein Schwan ist. Mit den frisch Geschlüpften kommt sie auf den Hof. Eine Ente sieht das große graue Junge und beißt ihm in den Hals. Die Mutter verlangt, dass sie aufhört. Ihr Grund ist einfach: Es habe niemandem etwas getan. Noch gibt es kein Spiegelbild im Frühlingswasser, keine weißen Federn und keinen späteren Beifall für seine Schönheit.

Die andere hält Größe und Seltsamkeit selbst schon für einen ausreichenden Grund zum Beißen. Auch die vornehmste alte Ente bedauert, neben den gelungenen Geschwistern sei gerade dieses Junge missraten. Die Mutter erklärt, es sei gutmütig und schwimme sogar besser als die anderen. Vielleicht werde es später noch hübscher. Indem sie Angriffe abwehrt, sucht sie also zugleich innerhalb der geltenden Maßstäbe Gründe, warum ihr Kind bleiben darf.

Beide Arten des Schutzes liegen nah beieinander und unterscheiden sich doch. Gutes Schwimmen, mögliche Stärke und künftige Schönheit erklären, warum das Kind eigentlich gar nicht so schlecht sei. »Es hat niemandem etwas getan« verlangt diesen Nachweis eines genügend großen Werts überhaupt nicht. Das eine könnte die Gruppe zur Neubewertung bewegen. Das andere hält zunächst einen Schnabel vom Weiterbeißen ab, solange noch niemand das Kind richtig kennt.

Die Verletzungen hören nicht auf. Enten, Hühner, Truthahn, Geschwister und das Mädchen, das füttert, beteiligen sich am Ausschluss. Selbst die anfangs schützende Mutter wünscht es später weit fort. Mutterliebe bleibt hier kein von der Umgebung unberührbarer Schutz. Die erste Verteidigung war wirklich, die spätere Abweisung auch. Wenn sogar der einstige Fürsprecher so spricht, wird es für das Kind schwerer, überhaupt einen sicheren Platz auf dem Hof zu finden.

Schließlich flieht es. Vögel erschrecken über die Bewegung und fliegen auf; es hält seine Hässlichkeit für die Ursache. Im Sumpf lassen Wildenten es bleiben, wollen es aber nicht in ihrer Familie. Zwei junge Wildgänse finden es lustig hässlich und laden es zum Mitkommen ein, werden gleich darauf jedoch erschossen. Ein Jagdhund springt heran und geht ohne Biss weiter. Nun freut sich das Junge sogar, so hässlich zu sein, dass kein Hund es anrühren mag.

So wandern die Urteile des Hofes über dessen Grenzen hinaus. Früher haben andere es hässlich genannt. Jetzt erklärt es jede Zurückweisung und jedes Auffliegen zuerst mit diesem Wort, sogar das Überleben einer Gefahr. Der Erzähler bestätigt nicht, dass jedes Geschehen auf sein Aussehen zurückgeht. Er lässt uns hören, wie ein immer wieder verjagtes Leben allmählich in den von anderen erlernten Wörtern über sich selbst denkt.

Ein verfallenes Haus bietet vorübergehend Schutz. Die schlecht sehende alte Frau hält es für eine eierlegende Ente und möchte einige Wochen abwarten. Henne und Katze sind geschätzte Hausgenossen: Die eine legt, die andere macht einen Buckel und schnurrt. Ihre Fähigkeiten sind wirklich, ihr Wissen um das Leben hier ebenfalls; sie besetzen ihren Platz nicht bloß mit leerem Auftrumpfen. Erst gegenüber den Gedanken des Neuankömmlings werden diese Fähigkeiten zum Maß dafür, wer sprechen darf.

Kann es Eier legen, fragt die Henne; buckeln und schnurren, fragt die Katze. Nichts davon kann es, also soll es schweigen. Als es schließlich seinen Wunsch nach Schwimmen äußert, hält die Henne das für einen Einfall aus Müßiggang. Etwas Nützliches solle es erst lernen. Eine Tätigkeit, die ihm wirklich vertraut und lieb ist, gilt in diesem Haus nur noch als abzugewöhnender Fehler.

Die Henne glaubt sogar, eine Freundespflicht zu erfüllen. Hier sei es warm, kluge Gefährten wollten es unterrichten – warum sei es nicht zufrieden? Doch das Junge will weder die Katze ins Wasser zwingen noch der Henne das Legen abgewöhnen. Es möchte nur, dass sein eigener Körper wieder schwimmen kann. Die Unterkunft löst das Problem des Windschutzes, nicht jede Frage danach, wie es leben möchte.

Also entscheidet es selbst zu gehen. Diesmal wird es nicht bloß verjagt: Nach einer gewissen Sicherheit sucht es trotzdem einen anderen Ort. Der Entschluss garantiert kein sofort gutes Ergebnis; draußen ist es weiter kalt, Zurückweisung bleibt möglich. Eine unpassende Umgebung verlassen zu dürfen ist aber etwas anderes als der Zwang, erst alle darin für böse zu erklären. Die Hilfe des Hauses war wirklich. Seine ganze Zukunft konnte sie nicht übernehmen.

Im Herbst sieht es erstmals Schwäne, weiße große Vögel mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Weg zu wärmeren Gewässern. Tief erregt kann es diesen Anblick nicht vergessen. Es kennt weder ihren Namen noch die Möglichkeit, selbst dazuzugehören, fühlt sich aber Flug und Rufen heftig verbunden. Das Märchen setzt ein Zugehörigkeitsgefühl vor das Wissen um die Identität. Erst zieht eine Lebensweise an; später wird erkennbar, was sie mit dem eigenen Leben zu tun hat.

Eine gefundene Richtung macht den Winter nicht milder. Es muss ständig schwimmen, um das Wasser offen zu halten, friert schließlich trotzdem fest. Ein Bauer rettet es und nimmt es mit; so kommt es wieder zu Kräften. Die Kinder wollen spielen. Es fürchtet neue Verletzungen, flattert in Milch, Butter und Mehl. Im durcheinandergeratenen Zimmer schwingt die Frau die Feuerzange, die Kinder jagen ihm nach, und wieder entkommt es in den Schnee.

Die Rettung des Bauern ist wirklich. Auch die anfängliche Annäherung der Kinder erzählt der Text nicht als geplante Verletzung. Beides anzuerkennen macht die Angst nicht lächerlich. Nach all dem Picken fällt es schwer, neue Nähe sofort als Spiel zu verstehen. Seine Furcht entscheidet jedoch ebenfalls nicht für die neuen Menschen, dass sie von Anfang an mit den früheren Verletzern identisch gewesen seien. Unterschiedliche Handlungen wollen weiter unterschieden sein.

Im Frühling sind die Flügel stark geworden. Es fliegt in einen Garten zum Wasser, sieht einige Schwäne und erwartet für seine ungehörige Annäherung noch immer den Tod. Als es den Kopf senkt, zeigt das Wasser einen Schwan. Nicht Geduld hat aus einer Ente eine andere Vogelart gemacht. Auch hat das Lob ihm nicht erst einen neuen Körper gegeben. Aus einem Schwanenei stammte es immer schon; im Entenhof galt es nur als missratenes Entenkind.

Diese Entdeckung zählt wirklich. Sein bisher unpassend scheinender Körper muss sich nicht länger allein nach Entenhof oder Hütte erklären. Schwäne schwimmen ringsum; Kinder streuen Futter und nennen den Neuen den schönsten. Schüchtern ist es und glücklich, ohne aufgrund des Beifalls heimzukehren und frühere Gefährten zu bestrafen. Die Freude muss nicht als bloßer Schein verdächtigt werden. Ein passendes Leben zu finden kann tatsächlich vieles auf einmal wieder stimmig machen.

Liest man jedoch nur, dass Geduld irgendwann den Beweis höherer Vornehmheit bringt, wird Trost zur neuen Prüfung. Nicht jeder Ausgeschlossene bekommt später die schönsten Federn. Auch verbirgt nicht jede Abweichung ein erstaunliches Talent. Muss Glück erst durch den Sieg in einem letzten Vergleich begründet sein, sollen die Ungelobten dann weiter auf jemanden warten, der ihren Anspruch beweist, nicht schikaniert zu werden?

Die erste Antwort der Entenmutter bietet einen einfacheren Anfang. Herkunft und spätere Schönheit kennt sie nicht. Trotzdem kann sie verlangen, dass die Ente nicht beißt. Die eigenen Artgenossen zu finden beantwortet, wo ein passenderes Leben möglich ist. Eine entdeckte Fähigkeit beantwortet, was man tun kann. Vor grundloser Verletzung verschont zu bleiben muss nicht warten, bis beide Fragen zufriedenstellend geklärt sind. Ein Leben zu verstehen braucht Zeit. Mit dem Picken aufzuhören muss nicht ebenso lange dauern.

Das setzt Schwäne und Enten nicht gleich. Die Arten sind Tatsachen im Märchen, Körperfähigkeiten und Lebensumgebungen unterscheiden sich wirklich. Nicht jeder Ort muss jedem Leben passen. Entscheidend ist, ob fehlende Passung einfach das bleiben darf, statt zur Behauptung anzuwachsen, es verdiene Demütigung und seine Wünsche müsse man nicht ernst nehmen. Ein Haus kann gut für Hühner und Katzen sorgen, ohne damit die ganze Welt zur Bewertung aller Lebewesen darzustellen.

Der neue Schwan hält schließlich kein Gericht über seine Vergangenheit. Andersen lässt ihn glücklich sein. Man darf seinen Verzicht auf Rache anerkennen, ohne allen Verletzten Vergebung abzuverlangen. Die Mühsal mag ihn sein Glück stärker schätzen lassen; daraus folgt kein Lob für die Verletzungen, die nie hätten geschehen sollen. Er weiß nun, wer er ist. Dieses Wissen gehört zu seinem neuen Leben und rechtfertigt nicht nachträglich jeden Schnabelhieb auf dem alten Hof.

Das Frühlingsspiegelbild löst eine Verwirrung, gibt aber nicht erstmals ein Anrecht auf gute Behandlung. Das um sein Leben schwimmende Wesen im Winter, der nicht eierlegende, schwimmfreudige Gast, das Kind ohne ausgebreitete weiße Flügel: Keines musste vorher wissen, dass es ein Schwan ist. Über das Wiedererkennen dürfen wir uns freuen. Den ersten Satz hätten wir auch früher sagen können: Es hat niemandem etwas getan. Hört auf zu beißen.

Textgrundlagen

Unabhängig nach dem vollständigen chinesischen Essay auf Deutsch geschrieben. Körperliche und märcheneigene Unterschiede, wirkliche Hilfe und wirkliche Abweisung bleiben unterscheidbar. Die freudige Entdeckung am Ende wird weder entwertet noch zur Bedingung gemacht, unter der ein Leben vorher erst Schutz verdienen könnte.

Hinweise zur Fassung

Textgrundlage: Hans Christian Andersen, Den grimme Ælling (1843), nach der englischen Übersetzung von Jean Hersholt beim Andersen-Zentrum und der vollständigen Erzählung in einer gemeinfreien englischen Sammlung. Der chinesische Ausgangsessay erzählt selbstständig nach, statt eine moderne chinesische Übersetzung zu übernehmen; diese deutsche Fassung ist wiederum ein eigenständiger Leseressay nach jenem Text. Bewahrt bleiben die anfängliche Verteidigung und spätere Abweisung durch die Entenmutter, die Fähigkeitsmaßstäbe von Katze und Henne, die Rettung des Bauern und die anfängliche Spielabsicht seiner Kinder, die wirkliche Schwanenidentität und das wirkliche Glück. Ausgeschlossen zu werden gilt nicht als Beweis verborgener Genialität. Aus dem Märchen wird auch keine psychologische oder medizinische Diagnose abgeleitet.