Strukturen in Märchen · 13
Aschenputtel vor dem Ballkleid: Warum zählt ihr Können nur, solange es den anderen dient?
Die Schwestern lassen sich von ihr beraten und frisieren. Weshalb reicht derselbe Geschmack nicht, um sie auch als jemanden zu sehen, der selbst zum Ball gehen möchte?
Als sich die beiden Schwestern für den Ball fertig machen, lassen sie Aschenputtel kommen und fragen nach dem schönsten Aufputz. Sie kennen ihren Geschmack und nehmen ihr Angebot an, ihnen die Haare zu richten. Während sie sich von diesen Händen versorgen lassen, machen sie sich lustig: Wolle sie etwa auch zum Ball? Die Vorstellung eines aschebedeckten Mädchens im Schloss finden sie lächerlich.
Das geschieht vor der Kürbiskutsche, ohne Zauberstab und gläsernen Schuh. In alten Kleidern weiß sie bereits, was zusammenpasst und wie man Haare gut frisiert. Sogar hervorragend arbeitet sie, statt den Spottenden zum Trotz absichtlich etwas zu verderben. Die Schwestern sind über ihr Können nicht im Unklaren. Es kann ihnen nur im Haus dienen, ohne sie zu jemandem zu machen, der mit zum Fest gehen darf.
Bei Perrault ist sie von Anfang an sanft und schön; gerade auch diese Vorzüge erträgt die Stiefmutter nicht. Sie wäscht Geschirr, scheuert Treppen, reinigt fremde Schlafzimmer und schläft selbst oben unterm Dach. Nach der Arbeit sitzt sie in der Asche am Herd. Der Vater ist nicht tot. Sie wagt keine Klage, weil er laut Erzählung seiner Frau untersteht und die Tochter noch schelten würde. Familie hat sie durchaus; nur lässt diese ihr keinen gleichermaßen umsorgten Platz.
Der Prinz veranstaltet den Ball für Gäste aus angesehenen Häusern. Die Schwestern wählen begeistert ihre Kleider. Für Aschenputtel wächst die Arbeit mit Bügeln und Herrichten. Dieselbe Einladung wirkt verschieden: Zwei denken über ihren künftigen Auftritt nach, eine kümmert sich um die dafür nötigen Einzelheiten. Auch sie nimmt gewissermaßen teil, bleibt aber vollständig in den Vorbereitungen stecken.
Nachdem die beiden fort sind, schaut sie ihnen nach und weint. Die Patin fragt nach dem Grund. Vor Kummer bringt sie den Wunsch nicht ganz heraus, und die Patin fragt, ob sie zum Ball möchte. Ja, sagt sie. Die folgende Magie antwortet also zuerst auf einen von ihr bestätigten Wunsch. Sie schickt keine gedankenlose junge Frau auf einen fremd festgelegten Glücksweg.
Ein ausgehöhlter Kürbis wird zur goldenen Kutsche, Mäuse werden Pferde, Eidechsen Diener. Als noch der Kutscher fehlt, schlägt Aschenputtel die Rattenfalle vor und bringt eine geeignete große Ratte. Sie steht nicht bloß daneben und wartet, dass alles von selbst geschieht. Weil jemand einen Zauberstab besitzt, muss sie nicht so tun, als hätte sie keine Idee mehr beizutragen. Helfendes Können und die Beteiligung der Empfängerin arbeiten bei dieser Vorbereitung gerade zusammen.
Erst als Wagen und Pferde fertig sind, weist sie auf die alten Kleider: Soll sie denn so gehen? Nun verwandelt die Patin die alten Kleider in festliche Gewänder und gibt ihr die gläsernen Schuhe. Das Märchen erzählt konkrete Schritte. Der Wunsch zu gehen ist schon wirklich, der Geschmack auch. Wie man hinkommt, was man trägt und wie die Menschen am Eingang einen aufnehmen, muss dennoch erst ermöglicht werden. Ein Wunsch zaubert diese Bedingungen nicht selbst herbei.
Auch die Frage, ob sie ein gutes Mädchen sein wolle, stellt die Patin. Perraults Märchen bleibt eine Erziehungsgeschichte. Doch der Stab erschafft weder Güte noch Verstand oder Sinn für Schönheit. Das alles besteht schon. Verändert wird, wohin sie damit gelangen kann. Hilfe muss einen Menschen nicht immer zuerst in einen anderen verwandeln. Manchmal räumt sie ein Hindernis nach dem anderen zwischen Wunsch und Möglichkeit weg, sodass ein bisher verwehrtes Leben anfangen kann.
Die unbekannte vornehme Besucherin empfängt der Prinz persönlich, hilft ihr aus dem Wagen und führt sie in den Saal. Die Tanzenden halten inne, die Musik verstummt; alle schauen. Man bewundert Kleider, Haltung und Tanz. Gewiss schätzt dieses Märchen Schönheit und höfische Formen hoch. Die Aufnahme beweist nicht, dass plötzlich alle über Äußeres und Rang hinwegsehen. Aber auch nicht alles Bewunderte hat ihr die Magie bloß geliehen.
Freundlich geht sie zu den Schwestern und teilt Früchte mit ihnen, die der Prinz ihr gegeben hat. Die Vertrauten erkennen sie nicht und staunen über die Güte einer so vornehmen Besucherin. Dieselbe Freundlichkeit findet in festlichen Kleidern eine andere Aufnahme als auf dem Dachboden oder am Herd. Sie mochten durchaus, dass Aschenputtel für sie sorgte. Nur glaubten sie nicht, die dafür zuständige Person verdiene auch einen solchen Platz neben ihnen.
Am ersten Abend denkt sie an Mitternacht, kehrt rechtzeitig zurück und bittet um einen zweiten Ballbesuch. Beim zweiten ist die Zeit mit dem Prinzen so schön, dass sie sie vergisst, bis die Uhr schlägt und sie fliehen muss. Er verfolgt sie vergeblich und findet nur einen gläsernen Schuh. Gewänder werden alte Kleider, Wagen und Pferde verschwinden. Aus dem Schloss, in das man sie feierlich begleitet hat, geht wieder ein Mädchen, das niemand mit demselben Blick betrachtet.
Die Torwächter bringen den Wechsel auf den Punkt. Auf die Frage nach der hinausgegangenen Prinzessin verneinen sie. Nur ein junges Mädchen in zerlumpten Kleidern sei vorbeigekommen, eher ein Bauernmädchen als eine vornehme Dame. Sie haben also nicht überhaupt keinen Menschen gesehen. Vielmehr kann die Gesehene nach ihrer Auffassung nicht die Gesuchte sein. Die Augen nehmen eine Gestalt wahr; ihre Kleider entscheiden schon, womit diese Gestalt verbunden werden darf.
Vielleicht lügen die Wächter nicht einmal absichtlich. Sie antworten gemäß ihrem Verständnis von Stand und halten sich womöglich für genaue Beobachter. Eben darin liegt die Schwierigkeit: Eine Tatsache kann vor den Augen vorbeigegangen sein, ohne ins Urteil einzugehen. Die vornehme Person der Frage und das Mädchen in Lumpen wurden vorher auf zwei nicht verbundene Plätze gesetzt. Es reicht dann nicht, sie ein weiteres Mal anzusehen. Es muss möglich werden, dass beide Erscheinungen zu demselben Menschen gehören.
Diese Verbindung stellt später der Schuh her. Der Prinz heiratet nicht zufällig irgendeine Person, deren Fuß in ein fremdes Ding passt. Er sucht die Besucherin, mit der er zusammen gewesen ist und die er liebt. Der Beauftragte geht durch die Häuser und kommt zu den Schwestern. Ihre Füße passen nicht hinein. Als Aschenputtel ebenfalls probieren möchte, lachen sie wieder, wie zuvor über ihren Wunsch, zum Ball zu gehen.
Diesmal lässt jemand das Gelächter nicht als Ablehnungsgrund gelten. Nach dem Auftrag darf jedes Mädchen anprobieren. Der Schuh passt; sie holt den zweiten hervor, die Patin verwandelt erneut die Kleidung, und die Schwestern erkennen endlich die Besucherin. Es war dieselbe Frau mit demselben Herzen und Geschmack, ob in alten Kleidern oder beim glänzenden Auftritt. Nur können andere beide Arten ihres Erscheinens nun nicht mehr voneinander trennen.
Schon Perraults Moral am Ende betont, dass Verstand, Mut, Herkunft und andere Vorzüge im Leben oft erst mit Förderung wirksam werden. Dass Menschen Gelegenheiten brauchen, ist also keine vom Märchen übersehene neue Entdeckung. Weiterfragen kann man, warum dieselben Fähigkeiten längst für Dienstleistungen verwendet wurden, ohne als Grund dafür zu gelten, dass sie selbst teilnehmen dürfte. Die Schwestern trauen ihr zu, ihren Auftritt schöner zu machen. Dass auch sie einen Abend für sich selbst haben könnte, erscheint ihnen dagegen undenkbar.
Das macht die Bewunderung am Hof nicht unecht. Der Prinz liebt sie wirklich, sie möchte wirklich noch einmal hin und gelangt schließlich in ein glückliches neues Leben. Kleidung, Stand und Hilfe haben daran Anteil. Deshalb zu sagen, ihr Glück zähle nicht, weil sie es nicht allein geschafft habe, würde ihr die Gelegenheit bloß auf andere Weise vorenthalten. Nicht alles an einem Leben muss allein hervorgebracht sein, damit es das eigene ist.
Sie nimmt die Entschuldigungen der Schwestern an, bittet um ihre Zuneigung, holt sie ins Schloss und hilft ihnen zu einem neuen Leben. Hinter ihrem Lächeln versteckt Perrault keine Rache. Auch ausgepickte Augen und abgeschnittene Füße kommen hier nicht vor. Nach dem neu gewonnenen Platz kann die Wiederaufnahme der Beziehung ihre wirkliche Wahl sein. Das verpflichtet nicht alle ähnlich Behandelten zur Nachahmung und macht den früheren Spott nicht zu einer notwendigen Erziehung.
Aschenputtel bekommt Hilfe und wird selbst imstande, anderen zu helfen. Nicht nur die Richtung des Gebens zählt, sondern der eigene Wunsch des Empfangenden. Die Patin hört ihren Ballwunsch und schafft die Bedingungen dafür. Die Schwestern sehen vorher nur die Fähigkeit, ihren eigenen Ballbesuch zu verschönern. Ob die Helfende selbst teilnehmen kann, bezeichnet den Abstand zwischen diesen beiden Umgangsweisen.
Leicht bleibt nur der verlorene Schuh nach Mitternacht im Gedächtnis, als bekäme das Mädchen erst durch den passenden Fuß etwas Suchenswertes. Vor Kleid, Kutsche und Prinz hat sie schon beraten, frisiert und den fortfahrenden Wagen nachgesehen, mit dem Wunsch, mitgehen zu können. Der Schuh hilft, sie zu erkennen, die Patin, den Ball zu erreichen. Den Menschen, der dorthin wollte, haben sie nicht erst erschaffen.
Textgrundlagen
Vollständiger eigenständiger deutscher Leseressay nach dem chinesischen Text. Er bleibt bei Perraults Erzählung und ihren eigenen Moralen, statt die bekannten Szenen anderer Fassungen hinzuzufügen. Die Frage nach Gelegenheiten leugnet weder bestehende Güte noch das wirkliche Glück am Ende.
Hinweise zur Fassung
Textgrundlage: Charles Perrault, Cendrillon, ou la petite pantoufle de verre (1697). Die chinesische Lektüre stützt sich auf die französische Online-Transkription und die Transkription der von Andrew Lang aufgenommenen englischen Übersetzung. Erhalten bleiben der noch lebende Vater, die zuerst um Rat und Frisuren bittenden Schwestern, die Frage der Patin nach gutem Verhalten, zwei Bälle, die Antwort der Torwächter, der beauftragte Schuhprüfer, die Bestätigung durch beide Schuhe sowie die Vergebung für die Schwestern und die zwei Moralen. Die Grimm-Fassung wird nicht eingemischt. Gelegenheit ersetzt im Original nicht den guten Charakter. Unterschieden werden bereits vorhandene Eigenschaften und die Bedingungen, unter denen sie sichtbar werden können.