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Non Dubito

Strukturen in Märchen · 12

Rapunzels Zopf: Warum führt der Weg für die Besucher nicht auch sie hinaus?

Die Zauberin kommt, später der Prinz. Rapunzel hat Menschen um sich und bleibt doch im Turm. Was verändert sich, als sie selbst eine Leiter zu planen beginnt?

Han Qin ·

Der Turm im Wald hat weder Tür noch Treppe. Kommt die Zauberin, ruft sie Rapunzel; das Mädchen löst den Zopf, windet ihn um einen Fensterhaken und lässt ihn bis zum Boden hinab. Daran steigt die Besucherin ins Zimmer. Die Wiederholung wirkt fast so gewöhnlich wie das Klopfen an einer Haustür. Ungewöhnlich ist nur, dass die Klopfende nach Belieben kommt und geht, während für die Bewohnerin derselbe Weg nicht offensteht.

Rapunzel hat also durchaus Umgang mit Menschen. Die Zauberin kommt häufig, weiß sie zu rufen und hat sie schon bei der Geburt mitgenommen und benannt. Jahre später kann auch der Prinz über diesen Weg hinauf. Der Turm schließt nicht jede Beziehung aus. Er gibt ihr nur eine feste Richtung: Andere können sie finden, sie selbst bestimmt nicht, wohin sie geht.

Vor ihrer Geburt steigt der Vater in den Garten der Zauberin, um für die Mutter das begehrte Gartengemüse zu stehlen. Beim zweiten Mal entdeckt, verspricht er aus Furcht das ungeborene Kind. Die Zauberin werde es wie eine Mutter versorgen, sagt sie, und nimmt es nach der Geburt mit. Den Namen des Gemüses trägt später auch das Mädchen. Bevor es eigene Worte hat, haben Begehren, Angst und Versprechen anderer schon entschieden, wo es wohnen wird.

Die nächsten zwölf Jahre erzählen die Brüder Grimm nicht im Einzelnen. Wir wissen, dass die Zauberin die Erzieherrolle einnimmt, nicht, wie ihre tägliche Fürsorge aussieht. Man darf weder eine vollkommene Mutter ergänzen noch jede Leerstelle mit Misshandlung füllen. Erst mit zwölf wird die Geschichte wieder deutlich: Sie sperrt das Mädchen in den Turm ohne Tür und Treppe. Dass die Zauberin sie aufgezogen hat, begründet eine wirkliche Beziehung; dass sie ihr später den Ausgang versperrt, ist eine ebenso tatsächliche Handlung. Das eine anzuerkennen heißt nicht, das andere mit annehmen zu müssen.

Das Mädchen vertreibt die Einsamkeit mit Singen. Die Stimme braucht keinen Weg für Füße, geht durchs Fenster in den Wald. Ein vorbeireitender Prinz hört sie, findet keinen Eingang und kommt Tag um Tag zum Zuhören. Er begegnet zunächst nicht einfach einer Braut, die nur auf jemanden wartet, der sie zu sich nimmt. Zuerst erreicht ihn die Stimme von oben. Sie berührt ihn, ohne dass er schon weiß, wie die Sängerin lebt.

Später verbirgt er sich hinter einem Baum und sieht, wie auf den Ruf der Zauberin der Zopf fällt. Am nächsten Abend tut er es ihr nach. Das Mädchen lässt auf die vertraute Art des Rufens die Haare hinunter. Erst als ein unbekannter Mann ins Fenster steigt, erschrickt es. Für ihn ist dies die kluge Möglichkeit, endlich zur Geliebten zu kommen. Für sie erscheint bei einem für vertraut gehaltenen Besuch unvermittelt ein fremdes Gesicht.

Freundlich erklärt er, wie ihr Gesang ihn nicht mehr losgelassen habe. Ihre Angst weicht allmählich. Sie sieht seine Jugend und Schönheit und nimmt den Heiratsantrag an. Diese spätere Wahl verdient Anerkennung, ist aber keine im Voraus erteilte Erlaubnis zum ersten Aufstieg. Man muss die Geschichte nicht in zwei Extreme aufteilen: dass echte Liebe jede Grenzüberschreitung des Prinzen von Anfang an ausschlösse oder dass ein uneingeladener erster Besuch alle späteren Gefühle unwahr mache. Im Gespräch kann das Mädchen seine Antwort verändern.

Nach ihrer Zusage sagt sie etwas Praktischeres als das Eheversprechen: Sie wolle mit ihm gehen, wisse aber nicht, wie sie hinuntergelange. Liebe lässt keine Treppe aus dem Turm wachsen. Dass er zu ihr kommen kann, bedeutet nicht, dass er sie schon hinausbringen könnte. Eine wirkliche Schwierigkeit bleibt zwischen ihnen bestehen, über die auch »Ich rette dich« nicht hinweghilft.

Den Plan entwirft sie. Jedes Mal soll er Seide bringen, aus der sie eine Leiter flicht. Ist sie lang genug, wird sie aus dem Fenster steigen und mit ihm auf seinem Pferd fortreiten. Kein ungeheurer Zauber, aber ein Wandel in der Beziehung: Sein Besuch ist nicht mehr allein die Erfüllung der Liebe. Er muss das benötigte Material mitbringen. Sie lässt nicht nur ihr eigenes Haar als fremden Aufstiegsweg fallen, sondern baut etwas, das ihr eigenes Gewicht tragen kann.

Haar und Seidenleiter ähneln einander: lang, biegsam, an der Mauer hinabzulassen. In ihrer Hand dienen sie verschiedenen Zwecken. Das Haar gehört zu ihrem Körper; das Besuchssystem funktioniert nur, solange sie am Fenster bleibt. Die fertige Leiter erlaubt ihr, nicht mehr für immer das eine Ende des Zugangs zu sein. Entscheidend ist nicht irgendeine Verbindungslinie nach draußen. Sie muss auch die Bewohnerin zur Aufbrechenden machen können.

Besuch zu haben bedeutet daher nicht notwendig schon ein freies Leben. Jemand denkt an einen, kommt, redet, kümmert sich oder liebt; das Zimmer ist weniger einsam. Doch hängt das nächste Wiedersehen völlig von dessen Besuchsbereitschaft ab, kann man nicht ebenso selbst suchen, ablehnen oder einen anderen Ort wählen. Gesellschaft hilft gegen Einsamkeit. Den von innen drehbaren Schlüssel ersetzt sie nicht automatisch.

Noch bevor die Seidenleiter fertig ist, fliegt das Geheimnis auf. Unbedacht fragt Rapunzel, warum die Zauberin sich so viel schwerer heraufziehen lasse als der junge Prinz. Die hört darin nicht den entstandenen Lebenswunsch eines Kindes, sondern den Verrat an ihrer Abschirmung von der Welt. Sie packt und schneidet den Zopf ab und schickt Rapunzel in die Wildnis. Als das Haar am Boden liegt, ist der alte Weg nicht verschwunden. Er ist nur vom Mädchen getrennt worden.

Noch am Abend befestigt die Zauberin den Zopf am Haken. Der Prinz ruft, das Haar kommt wie gewohnt, und er steigt wieder hinauf, vermeintlich von der Vertrauten empfangen. Von draußen ist fast alles gleich: Fenster, Ruf, goldener Zopf. Diejenige, die ihm zugesagt und mit ihm das Fortgehen geplant hat, ist aber nicht mehr dort.

Das Haar ist jetzt kein Teil ihres Körpers mehr und kann dennoch ihre Anwesenheit vorspiegeln. Dass ein vertrautes Zeichen weiter funktioniert, garantiert nicht die Antwort des Menschen, den es vertritt. Die Zauberin muss nicht ein ganzes Leben nachahmen. Das eine Signal, dem er inzwischen vertraut, reicht, um ihn in eine völlig andere Begegnung hineinzuziehen.

Oben hört er, dass er sie nie wiedersehen werde, und springt verzweifelt hinunter. Die Zauberin stößt ihn nicht und sticht ihm nicht die Augen aus. Dornen verletzen seine Augen; blind irrt er fortan durch den Wald. Weder vollendet sich ihr Plan wie gedacht noch löst sein Mut alles. Beide werden aus der bisherigen Ordnung herausgerissen, nicht zu einem Preis, den sie vorher gemeinsam gewählt hätten.

Jahre später hört er in der Wildnis den vertrauten Gesang und folgt ihm. Dort lebt Rapunzel mühselig mit den zwei inzwischen geborenen Kindern. Sie erkennt ihn, umarmt ihn und weint. Zwei Tränen fallen in seine Augen und geben das Sehen zurück. Die Stimme hielt einst sein Pferd an; nun führt sie ihn, obwohl er nicht sehen kann, wieder zu ihr. Das zweite Erkennen braucht nicht mehr das Haar, über das ein anderer verfügt.

Dieses Wiederfinden darf uns aufrichtig freuen. Sie kehren ins Königreich zurück und leben lange glücklich. Das Märchen sagt nicht, dass das neue Schloss zwangsläufig ein weiterer Turm sei. Wollte man wegen des Kontrollrisikos jeder Beziehung sogar dieses Glück verdächtig umschreiben, nähme man dem Mädchen sein zuletzt gefundenes Leben wieder weg. Den alten Turm verlassen zu wollen verpflichtet nicht zu ewiger Einsamkeit als Beweis eines eigenen Ortes.

Das Glück rechtfertigt umgekehrt den Turm nicht nachträglich. Dass ihr Gesang im Turm später den Prinzen anzog, heißt nicht, dass man sie damals hätte einsperren sollen. Dass die Haare eine Begegnung ermöglichten, beweist nicht, dass es ursprünglich gut war, ihren Körper zum einzigen Ein- und Ausgang zu machen. Die neue Beziehung kann einen Ort geben, weil sie Wunsch, Plan und Antwort des Mädchens zu brauchen beginnt, nicht bloß den pünktlich am festen Fenster fallenden Zopf.

Die unfertige Leiter bleibt erinnernswert. Sie führt nicht zum endgültigen Entkommen und bewahrt doch einen eigenen Einfall: Nicht immer auf Besuch warten, sondern selbst hinausgehen können. Material und Pferd kann der Prinz geben. Ihr eigener Wunsch, hinauszugehen, wird dadurch aber nicht zu etwas, das er an ihrer Stelle erledigen könnte. Helfen heißt hier nicht, noch einmal den Turm zu besteigen, sondern an ihrem Vorhaben mitzuwirken, sodass auch das Fortgehen vorbereitet werden kann.

Oft schrumpft Rapunzels Geschichte auf einen schönen Zopf zusammen, an dem andere sie finden und der ihr ein leicht wiedererkennbares Bild gibt. Für die Bewohnerin genügt Gefundenwerden nicht. Neben jemandem, der den Zugang kennt, braucht sie einen Weg, selbst in die Welt zu gehen. Als der Prinz am Schluss die Stimme hört, muss er kein hohes Fenster mehr suchen. Über den Boden kann er sich nähern; sie ist bereits in ihrem eigenen Leben.

Textgrundlagen

Vollständige eigenständige deutsche Neufassung des veröffentlichten chinesischen Leseressays. Die genaue Erzählfassung und ihre Leerstellen bleiben erhalten. Gegenseitige Nähe, Einladung und ein eigener Weg nach draußen werden nicht miteinander gleichgesetzt; das glückliche Ende wird weder entwertet noch zur Rechtfertigung des früheren Einsperrens.

Hinweise zur Fassung

Textgrundlage: Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen, siebte Auflage von 1857, Nr. 12, Rapunzel. Grundlage der chinesischen Lektüre sind die Transkription des deutschen Textes dieser Fassung und die englische Übersetzung mit Erläuterungen zur Fassung von 1857. Bewahrt wird die zusammenhängende Handlung: Haare am Fensterhaken, Rapunzels eigener Plan einer Seidenleiter, Entdeckung durch den Gewichtsvergleich der Besucher, der eigenständige Sprung des Prinzen und das Wiederfinden Jahre später in der Wildnis. Andere Arten der Entdeckung aus frühen Fassungen und Herkunftsgeschichten aus Filmen werden nicht eingemischt. Der uneingeladene erste Aufstieg und die spätere Zustimmung nach einem Gespräch bleiben verschiedene Zeitpunkte. Aus dem glücklichen Ende wird keine zwangsläufig neue Gefangenschaft gemacht.