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Non Dubito

Strukturen in Märchen · 11

Die drei Spinnerinnen am Hochzeitstisch: Warum darf Hilfe sichtbar werden, die Helfenden aber nicht?

Die Braut hat das Garn nicht selbst gesponnen. Drei Frauen verlangen keine Macht über ihr Leben, sondern einen Platz bei der Hochzeit – mit genau den Körpern, die der Prinz nicht sehen möchte.

Han Qin ·

Beim Hochzeitsmahl treten drei Frauen ein: die eine mit einem breiten Fuß, die zweite mit einer bis ans Kinn hängenden Unterlippe, die dritte mit einem breiten Daumen. Die Braut tut nicht, als kenne sie sie nicht. Herzlich geht sie ihnen entgegen und nennt sie ihre Verwandten. Dem Prinzen scheinen die Gäste schlecht zu seiner schönen Frau zu passen. Noch weiß er nicht, dass alles, was er an deren Kunstfertigkeit bewundert, von diesen drei Frauen geleistet worden ist.

Vorher hat die Braut Königin und Prinz gebeten, Verwandte, die ihr geholfen hätten, zur Hochzeit einzuladen und mit an den Tisch zu setzen. Beide stimmen bereitwillig zu. Da sind die drei Körper noch nicht vor ihnen. Sobald die Frauen wirklich kommen, fragt der Prinz unwillkürlich nach ihrem Aussehen. So macht die Geschichte aus einer leicht zugesagten Höflichkeit tatsächliches Zusammensein: Man erkennt nicht nur irgendwo ferne Wohltäterinnen an, sondern nimmt sie am eigenen Festtisch auf.

Ursprünglich mag das Mädchen gar nicht spinnen. Die Brüder Grimm sagen ausdrücklich, dass sie faul ist. Alles Zureden der Mutter hilft nichts, bis sie zornig wird und schlägt. Das Weinen hört die vorbeifahrende Königin. Die Mutter will nicht eingestehen, dass die Tochter nicht arbeiten mag, und erzählt das Gegenteil: So gern spinne sie, doch als Arme könne man nicht genügend Flachs kaufen. Ein Satz, der eine Peinlichkeit verdecken soll, richtet im nächsten Moment ein neues Leben für das Mädchen ein.

Die Königin liebt den Klang des Spinnrads und schätzt Fleiß. Sofort nimmt sie das Mädchen mit und zeigt ihr drei Räume voller Flachs. Dass die junge Frau arm sei, störe sie nicht; sei alles versponnen, dürfe sie ihren ältesten Sohn heiraten. Unermüdlicher Fleiß sei Mitgift genug. Das ist nicht ohne guten Willen. Die Königin möchte über den Vermögensunterschied hinweg Können anerkennen. Nur erkennt sie ausgerechnet eine Fähigkeit an, die es hier nicht gibt.

Drei Tage sitzt das Mädchen weinend im Flachs, ohne etwas zu tun. Bei der Kontrolle erklärt sie das Nichtarbeiten mit Kummer um die Mutter und gewinnt noch Aufschub. Sie ist also keine immer fleißige, bloß missverstandene junge Frau. Auch lernt sie in der Not nicht plötzlich das Spinnen lieben. Wer ihr heimliches Talent ergänzt, verpasst den Witz: Alle loben eine Tugend, und gerade diejenige, die am besten weiß, dass sie sie nicht besitzt, wird von diesem Lob bis ins Schloss getragen.

Als die drei Frauen unter dem Fenster erscheinen, weiß sie schon nicht mehr, wie sie den nächsten Tag bestehen soll. Sie hören zu und bieten an, den Flachs für sie zu spinnen. Weder Gold noch ein künftiges Kind wollen sie. Zur Hochzeit möchten sie kommen, öffentlich als Verwandte angeredet werden, ohne dass die Braut sich ihrer schämt, und am selben Tisch essen. Das Mädchen sagt sofort zu und lässt sie herein.

Die Forderungen sind genau und vorsichtig gewählt. Die Frauen begnügen sich nicht mit einem späteren Dank oder einem Platz in der stillen Erinnerung der Braut. Wo die Hochzeit stattfindet, wollen sie sein; vor den Menschen, vor denen die Braut sitzt, soll sie die Verbindung anerkennen. Noch vor Arbeitsbeginn scheinen sie zu wissen, dass Hilfe mühelos in einen Erfolg eingehen kann, während die Helfenden selbst nicht unbedingt mit hineingelangen.

Schnell wird der Flachs zu feinem Garn. Eine tritt das Rad und zieht den Faden, eine befeuchtet ihn, eine dreht ihn; mit jedem Fingerschlag fällt ein Bündel. Nacheinander leeren sich die drei Zimmer. Die Königin kommt immer wieder und steigert ihr Lob. Das Mädchen versteckt unterdessen die eigentlichen Spinnerinnen und zeigt nur die Ergebnisse. So entsteht die fleißigste Braut der Welt, während die Menschen, die das Rad wirklich drehen, hinter ihr bleiben.

Das lässt sich schwer als bloßer Lohn für gute Taten erzählen. Sie nimmt Hilfe an und stellt fremde Arbeit als eigenes Können aus; auf dieser Grundlage entscheiden Königin und Prinz über die Ehe. Die spätere Einladung erklärt auch nicht die ganze Wahrheit. Sie nennt die Frauen Verwandte, die ihr geholfen haben, nicht die Urheberinnen aller drei Räume Garn. Das Märchen veranstaltet keine vollständige Aufklärung, nach der alle in Kenntnis der Tatsachen noch einmal wählen könnten.

Eine Abmachung hält sie dennoch ein, die man nach dem Erfolg leicht wieder fallen lassen könnte. Beim Abschied erinnern die Frauen an die Abmachung. Als die Königin die Hochzeit vorbereitet, spricht das Mädchen selbst die Einladung an. Früheres Verstecken und späteres öffentliches Begrüßen sind beide ihre Handlungen. Das zweite wäscht das erste nicht rein; das erste macht das zweite aber auch nicht wertlos. Die unvollkommene Heldin tut als Braut nicht so, als sei niemand an ihrem Fenster gewesen.

Darin unterscheidet sich die Bitte der Frauen von einem Anspruch auf ihr ganzes übriges Leben. Sie sagen nicht: Ohne uns keine Hochzeit, also gehorchst du uns künftig. Sie möchten bei einem bestimmten Anlass nicht ausgeschlossen werden. Aus Hilfe wird keine ewige Schuld. Ebenso wenig bedeutet das Abliefern des Ergebnisses, danach hinnehmen zu müssen, dass die Begünstigte die Beziehung fortan vor anderen verbirgt.

Der Prinz fragt die erste Frau nach ihrem Fuß. Vom Treten des Spinnrads, erklärt sie. Auch nach Lippe und Daumen fragt er und bekommt jeweils eine Antwort aus der täglichen Arbeit. Keine Frau klagt ihr Leid oder hält eine lange Anklagerede. Drei kurze Antworten verbinden das eben noch missbilligte Äußere mit dem Fleiß, den der Hof am lautesten lobt.

Das Garn sieht im Vorratsraum schön aus. Der arbeitende Körper beunruhigt den Prinzen. Eben freute er sich über eine tüchtige Frau; jetzt erkennt er, dass dauernder Gebrauch dieser Tüchtigkeit Spuren hinterlassen könnte, die ihm nicht gefallen. Ob sie die Arbeit wirklich getan hat, wird dabei fast nebensächlich. Eilig erklärt er, seine schöne Braut dürfe fortan nie wieder ein Spinnrad anrühren.

Mit dieser Umkehr endet das Märchen. Ein Mädchen will nicht spinnen; die Mutter nennt sie die größte Liebhaberin des Spinnens; die Königin versorgt sie mit fast endlosem Flachs. Durch die Hilfe gerade der besten Spinnerinnen erhält sie schließlich ein Leben ohne Spinnen. Sie erledigen nicht nur die Aufgabe, sondern nehmen die Aufgabe aus ihrer Zukunft heraus. Dass das Einhalten der Abmachung sie glücklich machen werde, hatten sie gesagt. Erst jetzt entfaltet sich der volle Sinn.

Die Komödie lässt allerdings ein Ungleichgewicht übrig, das im Lachen nicht verschwindet. Der Prinz beschließt nicht, allen Spinnerinnen die Last zu erleichtern, weil Arbeit Körper verändert. Er schützt seine Braut, weiter im Namen ihrer Schönheit. Die gezeigten Körper der drei Frauen verschaffen einem anderen Menschen Befreiung. Ob sie selbst weiterarbeiten und wie sie danach leben, erzählt die Geschichte nicht.

Ein Festmahl ist daher noch nicht der Moment gerechter Behandlung aller Arbeitenden. Dass die Frauen eingeladen sind und zur Sprache kommt, wie die Arbeit ihre Körper verändert hat, ist wirklich mehr als das ewige Warten unter dem Fenster. Trotzdem unterscheidet der Hof weiter zwischen Händen, die Fäden drehen sollen, und Händen, die er schützen will. Einen Preis zu sehen garantiert nicht die Bereitschaft, für jeden, der ihn trägt, die eigene Entscheidung zu ändern.

Man sollte auch nicht allein mit ihrer unglaublichen Geschwindigkeit für Nachsicht gegenüber dem Äußeren werben. »Seltsam sehen sie aus, doch sie schaffen drei Räume Flachs und verdienen darum einen Platz« stellt Anerkennung wieder hinter Leistung. Ihre Hilfe begründet eine konkrete Einladungspflicht. Sie besagt nicht, dass jemand ohne diese Fähigkeit beim Eintritt in die Hochzeit gedemütigt werden dürfte. Arbeit erklärt Dankbarkeit, entscheidet aber nicht allein, ob ein Mensch eine freundliche Aufnahme verdient.

Das Mädchen muss hier keine vollkommene Person werden; der Prinz lernt auch nicht plötzlich, jeden Körper schön zu finden. Eitelkeit, Witz, Faulheit und guter Wille bleiben leichtfüßig vermischt. Vielleicht verstehen die Frauen diese Gemengelage besser als der Hof. Ohne erst die ganze Welt zu ändern, finden sie darin einen Ausgang für das Mädchen und drei Stühle für sich.

Diese Stühle verdienen einen zweiten Blick. Die Braut wird nicht für einen ganz allein erkämpften Erfolg belohnt, und sie erzählt auch nicht vollständig, wie er zustande kam. Doch die Helferinnen sind endlich mehr als die Ursache wundersam verschwundenen Flachses. Mit ihrem eigenen Aussehen treten sie ein und antworten. Danach lässt sich schönes Garn nicht mehr ganz als etwas ohne Körper und ohne Zeit vorstellen.

Das Fest geht weiter, die Braut muss nicht mehr spinnen. Seit die drei Frauen sitzen, hat Fleiß bei Tisch allerdings nicht nur eine schöne Seite. Sie haben nicht die Zukunft der Braut gefordert und sich nach getaner Arbeit auch nicht selbst entfernt. Diejenige, die am Fenster Hilfe suchte, muss wenigstens am ersten Tag ihres neuen Lebens noch zur Tür gehen und diejenigen hereinbitten, die ihr geholfen haben.

Textgrundlagen

Eigenständiger deutscher Leseressay nach dem vollständigen veröffentlichten chinesischen Text. Der ausgewiesene Fassungsbezug bleibt erhalten; tatsächliche Einladung, unvollständige Offenlegung und ungleiche Befreiung von Arbeit werden nicht zu einer lückenlosen moralischen Erfolgsgeschichte geglättet.

Hinweise zur Fassung

Textgrundlage: Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen, siebte Auflage von 1857, Nr. 14, Die drei Spinnerinnen. Die zugrunde liegende chinesische Lektüre bezieht sich auf die deutsche Online-Transkription von 1857 und Margaret Hunts gemeinfreie englische Übersetzung. Bewahrt bleiben die Abneigung des Mädchens gegen das Spinnen, die Lüge der Mutter, die Hochzeitsbedingungen der drei Frauen, das Verstecken der fremden Arbeit und das Ende, an dem der Prinz nur die Braut von Arbeit befreit. Die körperlichen Veränderungen werden so erzählt, wie die Frauen selbst sie im Märchen erklären, nicht medizinisch diagnostiziert. Die Frauen öffentlich als Verwandte zu bezeichnen ist nicht dasselbe wie die vollständige Offenlegung der stellvertretenden Arbeit. Dies ist eine Lektüre dieser festgelegten Fassung, keine satzweise Übersetzung des Märchens.