Strukturen in Märchen · 16
Der gestiefelte Kater macht einen Marquis: Viele Zeugen sind noch keine unabhängigen Stimmen
Land, Kleidung und Festmahl sind wirklich da. Aber wer hat sie erworben, und dürfen die Menschen am Weg auch etwas anderes sagen?
Als die königliche Kutsche an einer Wiese vorbeikommt, fragt der König die Männer beim Mähen, wem dieses Land gehöre. Wie aus einem Mund nennen sie den Marquis von Carabas. Der König wendet sich dem jungen Mann zu, der neben ihm im Wagen sitzt, und beglückwünscht ihn zu seinem schönen Besitz. Der junge Mann geht darauf ein: Die Wiese bringe jedes Jahr einen reichen Ertrag. An den nächsten Kornfeldern stellt der König dieselbe Frage. Die Erntearbeiter geben wieder denselben Namen zur Antwort.
Nun scheint die Sache von mehreren Seiten bestätigt. Der König verlässt sich nicht bloß darauf, dass eine Katze ihren Herrn herausstreicht, und glaubt auch nicht blindlings einem fremden Titel. Er sieht das Land mit eigenen Augen, befragt die Menschen, die dort arbeiten, und hört die Erläuterung des jungen Mannes selbst. Mit jedem Wegstück gewinnt der Reichtum des Marquis an Wirklichkeit. Nur die Leser wissen, dass der gestiefelte Kater schon vor der Kutsche dieselbe Straße entlanggelaufen ist und überall dieselbe Drohung ausgesprochen hat.
So herrschaftlich hatte alles nicht angefangen. Nach dem Tod des Müllers erhält der älteste Sohn die Mühle, der zweite den Esel, der jüngste nur den Kater. Die Brüder können gemeinsam ihren Lebensunterhalt verdienen, rechnet der junge Mann; wenn er dagegen die Katze gegessen und ihr Fell zu einem Muff verarbeitet hat, bleibt ihm wohl nur der Hunger. Der Kater hört diese Überlegung. Statt sofort aufzubegehren, bittet er mit aller Ernsthaftigkeit um einen Sack und ein Paar Stiefel: Sein Herr solle erst einmal sehen, was in diesem Erbe noch stecke.
Der junge Mann lässt sich auf den Versuch ein, denn er kennt die Geschicklichkeit des Tieres. Er hat gesehen, wie es sich kopfüber aufhängt, im Mehl tot stellt und auf vielerlei Weise Mäuse fängt. Auch mit Stiefeln zaubert der Kater nicht einfach durch ein Wort Reichtum herbei. Er legt Futter in den Sack, streckt sich aus und wartet, bis ein Kaninchen selbst in die Falle geht. Dann bringt er die Beute ins Schloss. Das Kaninchen ist echt, die Geduld und das Können beim Jagen ebenfalls. Erfunden ist die Identität des Schenkenden.
Dem König erklärt der Kater, die Gabe komme vom Marquis von Carabas. Sein Herr hat diesen Titel nie besessen; den Namen hat der Kater eigens für ihn ausgedacht. Es folgen Rebhühner und andere Beutetiere, immer unter demselben Namen, zwei oder drei Monate lang. Ein Name ohne entsprechenden Landbesitz, ohne zugehörige Familie und ohne öffentlich bekannte Lebensgeschichte gelangt zunächst durch Geschenke in den Alltag des Königs. Allmählich wird er ihm so vertraut, wie es sonst jemand durch wirklichen Umgang würde.
Der Kunstgriff besteht weniger in einer besonders ausgefeilten Lüge als darin, echte Geschenke für eine erfundene Identität Vertrauen gewinnen zu lassen. Der König hat die Gaben tatsächlich erhalten und sich tatsächlich darüber gefreut. Wenn der ihm noch unbekannte Marquis später Hilfe braucht, wird er deshalb nicht mehr wie ein völlig Fremder erscheinen. Der Kater erfindet die Dankbarkeit des Königs nicht. Er lässt die Früchte seiner eigenen Jagd fortwährend einem anderen Namen zugutekommen, bis dieser Name auch ohne weitere Erklärung etwas bewirkt.
Als er erfährt, dass der König mit seiner Tochter am Fluss entlangfahren wird, schickt der Kater seinen Herrn an einer bestimmten Stelle zum Baden; um alles Weitere werde er sich kümmern. Der junge Mann tut, was ihm gesagt wird, ohne den Zweck zu kennen. Als die Kutsche vorbeikommt, ruft der Kater laut um Hilfe: Der Marquis ertrinke. Der König erkennt die Katze wieder, die ihm Geschenke gebracht hat, und lässt den jungen Mann unverzüglich retten. Nun behauptet der Kater noch, Räuber hätten die Kleidung seines Herrn gestohlen. In Wahrheit hat er sie selbst unter einem großen Stein versteckt.
Der König lässt prächtige Kleider bringen und lädt den jungen Mann in die Kutsche ein. Der neue Aufzug hebt dessen ohnehin gutes Aussehen hervor; die Prinzessin fühlt sich wirklich zu ihm hingezogen. Weil ein Betrug diese Begegnung möglich gemacht hat, darf man ihr Gefallen nicht nachträglich für nie geschehen erklären. Der junge Mann steht ihr wirklich gegenüber, und auch seine ehrerbietigen Blicke gelten tatsächlich ihr. Was sie noch nicht weiß: Sein ansehnliches Auftreten und jener Marquis-Titel, den ihr Vater nennt, haben völlig verschiedene Grundlagen.
Inzwischen läuft der Kater voraus und droht den Männern beim Mähen: Wenn sie dem König nicht sagten, die Wiese gehöre dem Marquis von Carabas, würden sie in Stücke gehackt. Den Erntearbeitern am nächsten Feld schärft er dasselbe ein. Die Bauern haben sich nicht gemeinsam auf einen neuen Herrn verständigt; sie haben auch keinen vollzogenen Eigentümerwechsel unabhängig überprüft. Sie nennen denselben Namen, weil ihnen dieselbe Gefahr vor Augen steht und sie hoffen, nach der Durchfahrt der Kutsche noch am Leben zu sein.
Der König hört also viele Stimmen, erhält aber nicht Nachrichten aus vielen voneinander unabhängigen Quellen. Erst sagt es der Kater, dann sagen es die Bauern, dann wiederholen es weitere Bauern am Weg. Die größere Zahl wirkt immer überzeugender. Wiederholt wird jedoch nur, was der Kater verlangt. Mehr Münder bedeuten hier nicht mehr Menschen, die ungehindert antworten können. Was wie gegenseitige Bestätigung aussieht, ist dieselbe Drohung, die sich die Straße entlang fortsetzt.
Gerade deshalb lohnt es sich, dem König bei seiner Prüfung zuzusehen. Er verzichtet keineswegs auf Nachfragen und wendet sich sogar an Menschen, die das Land besonders gut zu kennen scheinen. Der Fehler ist nicht einfach mangelnde Vorsicht. Ihm fehlen Kenntnisse darüber, unter welchen Bedingungen die Antworten zustande kommen. Was ein Zeuge sagt, ist wichtig; ob er gefahrlos auch etwas anderes sagen könnte, verändert aber ebenfalls den Sinn seiner Aussage. Die Reisenden hören die einheitlichen Antworten, nicht die Schritte des Katers, der eben erst den Feldrand verlassen hat.
Auch der junge Herr ist inzwischen nicht mehr nur jener ahnungslose Badende vom Anfang. Als der König die Wiese lobt, spricht er von ihrem jährlichen Ertrag und nimmt den Besitz hin, der ihm entlang der Straße immer weiter zuwächst. Ob er weiß, was der Kater jedem einzelnen Bauern gesagt hat, teilt der Text nicht mit. Man kann daher nicht sämtliche Drohungen auf seinen Auftrag zurückführen. Er weiß aber, dass diese Ländereien ihm nicht gehören, und hilft gerade dabei, sie als seine auszugeben. Seine anfängliche Unwissenheit lässt sich nicht unbegrenzt verlängern, als wäre er auch am späteren Gewinn noch völlig unbeteiligt.
Am Ende der Straße steht ein Schloss. Der wirkliche Besitzer all dieser Ländereien ist der Oger, der dort wohnt. Der Kater hat Erkundigungen über seine Fähigkeiten eingezogen, bittet höflich um Einlass und lässt sich zunächst zeigen, wie er sich in ein großes Tier verwandeln kann. Der Oger wird zum Löwen. Vor Schreck flüchtet der Kater aufs Dach, wobei die Stiefel die Flucht noch erschweren. Der komische Augenblick lässt auch seinen wirklichen Mut bestehen: Er lenkt nicht alle anderen aus vollkommener Sicherheit. Auch sein eigener Plan führt durch Gefahr.
Danach lässt er seine Bewunderung in Zweifel umschlagen. Kaum zu glauben sei, dass ein so mächtiges Wesen auch eine winzige Maus werden könne. Um sein Können zu beweisen, verwandelt sich der Oger tatsächlich. Der Kater springt sofort auf ihn und frisst ihn. Erst dadurch lässt sich das Schloss als Besitz des Marquis ausgeben. Es ist kein Preis, den Magie eigens für den jungen Mann geschaffen hat, sondern ein Ort, den die Beseitigung des bisherigen Besitzers freigemacht hat. Der König sieht den unversehrten Besitz, nicht den Sprung, durch den er verfügbar wurde.
Die gewählte Erzählung Perraults sagt nicht, der Oger habe einst dem Vater des jungen Mannes sein Gut geraubt. Sie erzählt auch nicht, dass nun die Bauern befreit seien. Der Oger ist gefährlich, reich und mit furchterregenden Kräften ausgestattet; das steht im Text. Welche konkreten Vergehen er begangen haben könnte, aus denen sich der Umgang mit seinen Ländereien ableiten ließe, bleibt dagegen offen. Man darf die Freude teilen, mit der der Kater einen starken Gegner überlistet. Dazu muss man ihm keine Rückgewinnung geraubten Familienbesitzes hinzuerfinden, damit am Ende alles genau an den rechtmäßigen Eigentümer zurückgekehrt scheint.
Am Schlosstor begrüßt der Kater den König und den inzwischen prächtig gekleideten jungen Mann. Das Festmahl im Innern war für Freunde des Ogers vorbereitet; nun bezeugt es Reichtum und Gastfreundschaft des Marquis. Geschenke, Kleidung, Ländereien, übereinstimmende Aussagen und der gedeckte Tisch fügen sich zusammen. Nichts steht mehr isoliert da und verlangt allein den Glauben des Königs. Alles Sichtbare ist tatsächlich vorhanden. Nur warum es hier ist, wer es bereitgestellt und wer es an sich gebracht hat, wird zur Geschichte eines einzigen Mannes umgeschrieben.
Noch am selben Tag wird geheiratet, und auch der Kater führt fortan ein vornehmes Leben. Das Ende ist keine bloße Täuschung, deren Erfüllung noch aussteht. Der König erkennt seinen Schwiegersohn wirklich an, die Prinzessin heiratet tatsächlich, und die Lage des jungen Mannes hat sich tatsächlich verändert. Eine erfundene Identität kann durch die Anerkennung anderer und durch wirkliche Mittel zu einer Stellung werden, nach der sich ein Leben führen lässt. Gerade weil sie schließlich wirksam wird, verdienen die Menschen und Handlungen, die bei ihrem Erwerb verdeckt wurden, weitere Fragen. Der Erfolg macht sie nicht belanglos.
Perrault bestraft den Kater am Schluss nicht. Die angehängten Moralitäten loben sogar Witz und Tatkraft gegenüber dem Erbe und nennen die Rolle von Jugend, Kleidung und Aussehen in der Liebe. Das Märchen lässt dem Aufstieg des Armen seine Leichtigkeit, statt jede kluge Figur erst vor ein ernstes Gericht zu stellen. Eine neue Lektüre muss diese Freude nicht zerstören. Nur kann »Klugheit« nicht alle Unterschiede zwischen Jagen, Schenken, Drohen und Aneignen beseitigen, als wären sie eine einzige Art von Handlung.
Wenn wir auf den zurückgelegten Weg schauen, sehen wir: Dem König fehlen nicht Zeugen, sondern Zeugen, die frei antworten können. Der Prinzessin fehlt nicht wirkliches Gefallen, sondern eine Gelegenheit, die Herkunft des Reichtums zu verstehen. Der junge Herr wiederum hat nicht alles von Anfang an geplant, beginnt aber unterwegs, die Geschichte des Katers mit eigenen Worten zu ergänzen. Ihre unterschiedlichen Anteile lassen sich nicht sämtlich unter der Klugheit des Katers verbuchen. Und die Hochzeit darf die Menschen am Feldrand nicht zu einem Chor machen, der den Erfolg nur noch untermalt.
Überall, wo die Kutsche hält, bestätigt jemand den Reichtum des Marquis. Der Kater ist jeweils etwas früher da und sorgt dafür, dass der König den richtigen Namen hört. Der König kommt etwas später und bestätigt mit den gehörten Stimmen, was er schon zu glauben begonnen hat. So wird ein Marquis gemacht. Die Erzählung darf mit seinem Glück schließen. Die Leser können dennoch im Gedächtnis behalten, dass all die scheinbar einmütigen Münder am Weg eine Zeit lang nicht frei sprechen konnten.
Textgrundlagen
Unabhängig für deutsche Leser aus dem vollständigen chinesischen Essay neu geschrieben. Die gewählte Perrault-Fassung bleibt maßgeblich; tatsächliches Können und Glück werden nicht geleugnet, die verschiedenen Anteile an Täuschung, Drohung und Aneignung aber nicht zu einer einzigen klugen Tat verrechnet. Die historischen Textverweise sind keine neue deutschsprachige SAE-Abhandlung.
Hinweise zur Fassung
Textgrundlage ist Perraults »Le Maistre Chat, ou le Chat botté« in der Fassung von 1697; die chinesische Ausgangslesart stützt sich auf die französische Online-Transkription samt beiden Moralitäten. Erhalten bleiben das wirkliche Jagen des Katers, seine monatelangen Geschenke, die anfängliche Unkenntnis des Herrn über den Badeplan, die vom König bereitgestellten Kleider, das echte Gefallen der Prinzessin, die bedrohten Bauern als Zeugen, die spätere Mithilfe des Herrn im Gespräch über die Ländereien, die Verwandlung und das Verschlingen des Ogers sowie die gelingende Heirat. Nicht hinzuerfunden werden eine adelige Herkunft des Herrn, ein vom Oger geraubtes Familiengut oder die Befreiung der Bauern als nachträgliche Entlastung der Geschichte.