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Chinesische Geschichte · 25 Essays · 24 / 25

Essay 24: Die späte Qing-Zeit – Wenn das Betriebssystem einer Welt begegnet, die es nicht kennt

Aus der Perspektive des Gesetzes vom Zyklus aus Abtragen und Aufbau liegt die Bedeutung des Opiumkriegs nicht in der militärischen Niederlage selbst. Davon gab es in der chinesischen Geschichte wahrlich genug; die…

  1. Der Opiumkrieg.

Aus der Perspektive des Gesetzes vom Zyklus aus Abtragen und Aufbau liegt die Bedeutung des Opiumkriegs nicht in der militärischen Niederlage selbst. Davon gab es in der chinesischen Geschichte wahrlich genug; die Jingkang-Katastrophe brachte weit größere militärische Verluste mit sich als der Opiumkrieg. Seine eigentliche Bedeutung liegt darin, dass das Betriebssystem in der Version 3.5 erstmals auf eine Herausforderung traf, für die sein Wissensrahmen keine Entsprechung bereithielt.

In den zweitausend Jahren zuvor waren sämtliche Herausforderungen für Version 3.5 nur „verschiedene Fassungen derselben Art von Problemen“ gewesen: Aufstände von Generälen, Bauernrebellionen, Einfälle fremder Völker, die Konzentration des Landbesitzes, Korruption in der Verwaltung. Das System besaß Erfahrung, Werkzeuge und einen begrifflichen Rahmen, um damit umzugehen. Man wusste, was das für ein Problem war. Man wusste, wie man ähnliche Probleme früher behandelt hatte. Man konnte sich an Präzedenzfällen orientieren.

Die industrielle Zivilisation fiel aus diesem Rahmen. Sie brachte nicht bloß eine größere militärische Schlagkraft mit – das war nur die sichtbare Oberfläche –, sondern ein ganz neues Zivilisationsparadigma: industrielle Produktion, kapitalistische Wirtschaft, Nationalstaaten, Völkerrecht, repräsentative Politik, moderne Wissenschaft. Jedes einzelne dieser Elemente lag außerhalb dessen, was Version 3.5 verstehen konnte.

Was ist deine erste Reaktion, wenn du einem Gegner begegnest, den du nicht kennst? Du erklärst ihn mit dem Denkrahmen, den du kennst. So brauchte die Qing-Dynastie ungefähr siebzig Jahre, von 1840 bis 1911, um nach und nach festzustellen: Der vertraute Rahmen reicht nicht mehr aus. Diese Entdeckung vollzog sich auf drei Ebenen, von der Technik über die Institutionen bis zur Kultur. Jede neue Ebene tat mehr weh als die vorherige, weil sie dem eigenen Selbstverständnis näher kam.

I. Das Himmlische Reich der Taiping – Innerer Rest und äußerer Schock treffen Version 3.5 zugleich

Bevor wir betrachten, wie die Qing auf die Herausforderung von außen antworteten, schauen wir uns an, was im Inneren geschah.

1851 erhob sich Hong Xiuquan in Jintian in Guangxi und gründete das Himmlische Reich der Taiping. Die Taiping-Bewegung dauerte vierzehn Jahre, von 1851 bis 1864, und erfasste mehr als die Hälfte Chinas. Die Zahl der Toten könnte mehrere zehn Millionen betragen haben. Damit gehört sie zu den verheerendsten Bürgerkriegen der Menschheitsgeschichte.

Unter dem Gesichtspunkt von Abtragen und Aufbau sind die Taiping außerordentlich interessant, weil bei ihnen gleich mehrere der zuvor besprochenen Themen zusammenkommen.

Der Widerstand von unten nimmt religiöse Gestalt an.

Die organisatorische Grundlage von Hong Xiuquans Taiping-Reich war die Gesellschaft der Gottesanbeter. Ihr Glaube verband christliche Elemente mit chinesischer Volksreligion. Das folgt demselben Muster wie der Weg des Großen Friedens unter den Östlichen Han, der Weiße Lotus am Ende der Yuan-Zeit und der Weiße Lotus zu Beginn der Qing-Zeit: Wenn alle weltlichen Wege versperrt sind, entlädt sich der Rest aus den unteren Schichten in religiöser Form.

Die Taiping brachten allerdings etwas Neues hinzu: Ein Teil ihrer religiösen Ressourcen kam von außen, aus dem Christentum, wenn auch in einer von Hong Xiuquan bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Fassung. Zum ersten Mal hatte Version 3.5 es mit einer inneren Macht zu tun, die ihren Widerstand mithilfe einer importierten Ideologie organisierte. Die Instrumente des Systems zur Lenkung des Denkens – konfuzianische Erziehung, Einbindung durch die Beamtenprüfungen, die Erzählung vom Mandat des Himmels – wirkten bei Abweichlern innerhalb des konfuzianischen Rahmens. Gegen jemanden, der sich als „Sohn Gottes“ bezeichnete, waren sie wirkungslos. Man bewegte sich nicht einmal im selben Diskurs.

Abtragen und Aufbau sind vorhanden. Aber der Aufbau ist falsch.

Anders als Li Zicheng waren die Taiping keine Organisation, die sich auf das Abtragen beschränkte. Sie besaßen einen vollständigen institutionellen Entwurf: das „Landordnungssystem der Himmlischen Dynastie“ mit gleichmäßiger Landverteilung, Gleichstellung von Männern und Frauen und gemeinschaftlichem Eigentum; eine politische Lehnsordnung mit dem Himmlischen König, den Königen des Ostens, Westens, Südens und Nordens sowie dem Flügelkönig und ihren Herrschaftsbereichen; eine Gesellschaftsordnung mit getrennten Lagern für Männer und Frauen, einem Opiumverbot und einem Verbot des Füßebindens.

Dieser Ordnungsentwurf trug stark utopische Züge. Auf dem Papier war das Landordnungssystem der Himmlischen Dynastie „fortschrittlicher“ als jede Ausführung von Version 3.5: Es versprach ausnahmslos gemeinschaftlichen Landbesitz und die Gleichstellung der Geschlechter. Nur hatte der Entwurf mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Er wurde nie ernsthaft umgesetzt. Wie die Taiping ihre Gebiete, vor allem am Mittel- und Unterlauf des Jangtse, tatsächlich regierten, stand in nahezu keinem Zusammenhang mit ihrer Papierordnung. Nicht einmal die Führung hielt sich an die eigenen Regeln. Hong Xiuquans Harem war weit größer als der eines Qing-Kaisers.

Wieder ein Fall von: „Die Richtung mag stimmen, aber an der Umsetzung scheitert alles.“ Der Entwurf teilte einen strukturellen Mangel mit Wang Mangs rückwärtsgewandten Reformen. Ausgangspunkt war nicht die Wirklichkeit – erst das Problem untersuchen, dann eine Lösung entwerfen –, sondern das Ideal: erst einen perfekten Bauplan zeichnen, dann die Wirklichkeit hineinpressen.

Zeng Guofan und die Xiang-Armee – Örtliche Milizen werden zur Institution.

Die regulären Truppen der Qing, die Acht Banner und die Grüne Standarte, waren außerstande, die Taiping niederzuschlagen. Der militärische Niedergang, der sich schon beim Aufstand des Weißen Lotus gezeigt hatte, trat ihnen gegenüber vollends zutage. Dem Hof blieb nichts anderes übrig, als der örtlichen Gentry zu erlauben, eigene bewaffnete Verbände gegen die Taiping aufzustellen.

Zeng Guofans Xiang-Armee war die erfolgreichste dieser örtlichen Streitkräfte. Sie war keine Armee des Staates, sondern eine Privatarmee, die Zeng persönlich anwarb, ausbildete und befehligte. Auch den Sold beschaffte er selbst: Ein Teil kam aus Zuweisungen des Hofes, ein großer Teil aus örtlichen Spenden, dem Erwerb von Titeln gegen Geld und dem Lijin, einer lokalen Handelssteuer, die zur Finanzierung des Militärs erhoben wurde. Die Loyalität der Soldaten galt Zeng Guofan persönlich, nicht dem Hof.

Für den Aufbau des Systems bedeutete das Auftreten der Xiang-Armee eine grundlegende Veränderung in Version 3.5: Das Gewaltmonopol der Zentrale war gebrochen.

Die militärische Macht in den Händen der Zentrale zu monopolisieren, gehörte zu den tragenden Prinzipien von Version 3.5. Von der einheitlichen Erfassung der Bevölkerung in Haushaltsregistern unter den Qin über die Entmachtung der Generäle „bei einem Becher Wein“ unter den Song und das Garnisonssystem der Ming bis zu den Acht Bannern und der Grünen Standarte der Qing zielten die Entwürfe jeder Epoche auf dasselbe: Nur die Zentrale, also der Kaiser, sollte legitimer Träger von Gewalt sein.

Nach dem Taiping-Krieg war dieses Monopol faktisch zu Ende. Die Gründer der Xiang-Armee, der Huai-Armee unter Li Hongzhang und der Chu-Armee unter Zuo Zongtang waren zu regionalen Machthabern mit eigenständigen Streitkräften geworden. Nominell gehorchten sie dem Hof. Tatsächlich verfügten sie über bewaffnete Verbände, die seiner Kontrolle entzogen waren.

Strukturell ist das genau derselbe Vorgang wie die Herausbildung regionaler Militärherrschaften nach dem Aufstand der Gelben Turbane am Ende der Östlichen Han oder der Aufstieg von Kriegsherren nach Huang Chaos Aufstand am Ende der Tang-Zeit. Erneut wiederholte sich das bekannte Muster: Die militärische Kraft der Zentrale reicht nicht aus → zur Bewältigung der Krise dürfen sich die Regionen selbst bewaffnen → die regionalen Streitkräfte werden übermächtig → die Autorität der Zentrale schwindet weiter.

Diesmal kam allerdings etwas Neues hinzu: Die regionalen Machthaber waren nicht nur Kriegsherren, sondern zugleich Reformer. Zeng Guofan, Li Hongzhang, Zuo Zongtang und Zhang Zhidong führten Krieg und dachten gleichzeitig über eine Frage nach: Warum können wir die Ausländer nicht besiegen? Aus dieser Überlegung entstand die Selbststärkungsbewegung.

II. Drei Ebenen der Erkenntnis

Ungefähr siebzig Jahre brauchte die Qing-Dynastie, um die Unzulänglichkeiten von Version 3.5 zu erkennen. Der Erkenntnisprozess lässt sich in drei Ebenen gliedern. Jede ging tiefer als die vorige. Und jede tat mehr weh.

Erste Ebene: die Technik – „Unsere Waffen sind ihren unterlegen.“

Die unmittelbare Lehre aus dem Opiumkrieg und dem Zweiten Opiumkrieg von 1856 bis 1860 lautete: Die Gewehre und Kanonen der Ausländer sind schlagkräftiger als unsere. Die Lösung schien einfach: ausländische Gewehre und Geschütze kaufen, Waffenfabriken errichten, Kriegsschiffe bauen.

Damit begann die Selbststärkungsbewegung, die ungefähr von 1861 bis 1895 dauerte. Li Hongzhang, Zuo Zongtang, Zhang Zhidong und andere gründeten in verschiedenen Landesteilen Waffenfabriken wie die Arsenale von Jiangnan, Jinling und Hanyang, Werften wie das Marinearsenal von Fuzhou und die Jiangnan-Werft sowie Militärschulen. Auch die Beiyang-Flotte, Asiens größte moderne Kriegsmarine, ging aus dieser Bewegung hervor.

Ihr Leitsatz lautete: „Chinesisches Wissen als Grundlage, westliches Wissen für die Anwendung.“ Das chinesische Wissen – Konfuzianismus, Kaisertum, überlieferte Werte – bildete das Fundament. Westliche Technik – Gewehre und Kanonen, Dampfschiffe, Telegrafie – diente als Werkzeug. Du kannst die Werkzeuge der Ausländer benutzen, ohne deine eigene Ordnung und Kultur verändern zu müssen.

Auf den Aufbau bezogen hieß „chinesische Grundlage, westliche Anwendung“: Der Rahmen von Version 3.5 bleibt unverändert, von außen eingebaute Komponenten verbessern lediglich einzelne Funktionen. Das ist, als würde man in einen alten Computer eine neue Grafikkarte stecken. Die Hardware wird aufgerüstet. Das Betriebssystem bleibt dasselbe.

Kann das funktionieren?

1895 gab der Krieg gegen Japan die Antwort: Nein.

Die japanische Marine vernichtete die Beiyang-Flotte vollständig. Die Qing mussten den demütigenden Vertrag von Shimonoseki unterzeichnen, der China seiner Hoheitsrechte beraubte. Sämtliche militärischen Errungenschaften von dreißig Jahren Selbststärkungsbewegung waren in einer einzigen Seeschlacht auf null gesetzt worden.

Der Schock von 1895 ging weit tiefer als der des Opiumkriegs. Damals hatte der Gegner Großbritannien geheißen: ein fernes, fremdes Land, das sich unter „Barbaren“ ablegen ließ. Nun war es Japan: ein Nachbar mit gemeinsamen kulturellen Wurzeln, unmittelbar vor der eigenen Haustür, auf den China noch wenige Jahrzehnte zuvor herabgesehen hatte. Die 1868 begonnene Meiji-Restauration hatte Japan in etwas mehr als zwanzig Jahren von einem Feudalstaat in einen industrialisierten modernen Staat verwandelt. Wenn Japan das konnte, warum konnte China es nicht?

Dieser Frage lohnt es sich nachzugehen. Japans Weg bietet für die Betrachtung von Abtragen und Aufbau einen besonders aufschlussreichen Vergleich. Seine Folgen sollten zudem unmittelbar prägen, welchem äußeren Druck die politischen Kräfte Chinas nach dem Ende des Kaisertums ausgesetzt waren.

Japan stand vor derselben Herausforderung wie China: Die industrielle Zivilisation erschütterte die ostasiatischen Agrargesellschaften. Doch Japan antwortete völlig anders darauf.

China ging schrittweise und Ebene für Ebene vor. Zuerst lernte man die Technik, in der Selbststärkungsbewegung. Als die Technik nicht genügte, wandte man sich den Institutionen zu, in der Hundert-Tage-Reform. Als auch das nicht genügte, dem gesamten Zivilisationsmodell, in der Xinhai-Revolution. Erst das Scheitern auf einer Ebene zwang dazu, zur nächsten vorzudringen. Drei Schritte in siebzig Jahren, und jeder schmerzhafter als der vorherige.

Japan reagierte in einem Zug, auf allen Ebenen. Die Meiji-Restauration trieb technische, institutionelle und kulturelle Veränderungen nahezu gleichzeitig voran: Abschaffung der Fürstentümer und Einführung von Präfekturen auf institutioneller Ebene; Wehrpflicht beim Militär; Bodensteuerreform in der Wirtschaft; Verfassung und Parlament in der Politik; die Iwakura-Mission nach Europa und Amerika zur Erweiterung des Wissens; die Bewegung für „Zivilisation und Aufklärung“ in der Kultur. Japan schälte die Zwiebel nicht Schicht für Schicht. Es schluckte sie im Ganzen.

Warum konnte Japan das, China aber nicht?

Nicht weil die Japaner klüger oder aufgeschlossener gewesen wären. Sondern weil die Ordnungen beider Länder auf unterschiedlichen Grundlagen beruhten.

China war ein geeintes Kaiserreich, das seit zweitausend Jahren funktionierte. Das Betriebssystem 3.5 war tief verwurzelt und durchdrang jeden Winkel der Gesellschaft. Wer es verändern wollte, musste zweitausend Jahre institutioneller Trägheit überwinden. Zudem war China gewaltig groß. Jede Reform musste in einer Gesellschaft mit riesigem Territorium, einer ungeheuren Bevölkerung und äußerst komplizierten Interessengeflechten durchgesetzt werden. Die Widerstände vervielfachten sich in geometrischer Folge.

Japan war ein Feudalstaat mit einer dezentralen Machtstruktur aus Shogunat und Fürstentümern. Der Tennō besaß den Rang, aber keine wirkliche Macht, ähnlich dem Himmelssohn der Östlichen Zhou. Die tatsächliche Macht lag verteilt in den Händen mehrerer hundert Fürsten. Diese Ordnung wirkte rückständig, „primitiver“ als Chinas Zentralstaat. Unter dem Druck von außen wurde gerade das zum Vorteil: Dezentralisierung erlaubte örtlich begrenzte Versuche. Einzelne Fürstentümer – Satsuma, Chōshū, Tosa, Hizen – konnten mit Reformen vorangehen, ohne auf ein einheitliches Vorgehen des ganzen Landes warten zu müssen. Andere konnten von ihren Erfolgen lernen. Scheiterte ein Versuch, scheiterte nur ein Fürstentum. Nicht gleich das ganze Land.

Zudem war die Autorität des Tennō in dieser feudalen Ordnung nominell. Wie der Himmelssohn der Östlichen Zhou besaß er Legitimität, aber keine reale Macht. Die „Wiederherstellung der Kaiserherrschaft“ während der Meiji-Restauration gab ihm diese Macht zurück. Der Form nach wurde eine alte Ordnung wiederhergestellt; tatsächlich nutzte man die Legitimität des Kaisers, um völlig neue Reformen durchzusetzen. Der Tennō wurde zum Werkzeug der Reform statt zu ihrem Hindernis: Seine Autorität war traditionell, sein Programm modern.

Diese Voraussetzung fehlte in China. Der chinesische Kaiser besaß sowohl Legitimität als auch reale Macht. Und die Art, wie diese Macht ausgeübt wurde, bildete gerade den Kern von Version 3.5. Mit dem Kaiser lässt sich das Kaisertum nicht stürzen. Das Werkzeug, mit dem du reformieren willst, ist selbst der Gegenstand, den die Reform verändern soll.

Japans Erfolg hatte allerdings einen tieferen Preis. Aus der Perspektive von Abtragen und Aufbau war er im Krieg von 1895 noch nicht zu erkennen. In der Zeit, die der Schlussessay behandelt, sollte er sich in vollem Umfang zeigen.

Das Ordnungsmodell der Meiji-Restauration lässt sich als „staatszentrierter Aufbau“ bezeichnen: Das ganze Land wurde in eine moderne Mobilisierungsmaschine verwandelt. „Reiches Land, starke Armee“, 富国强兵: Vier Schriftzeichen sagen alles. Das reiche Land ist das Mittel, die starke Armee der Zweck. Der Einzelne dient dem Staat, der Staat der militärischen Macht. Der Kaiser existiert nicht für das Volk. Das Volk existiert für den Kaiser, in Wahrheit also für den Staat.

Die strukturelle Ähnlichkeit mit Qin ist verblüffend: umfassende Mobilisierung, ein einziges Ziel – die Kriegsfähigkeit –, Unterordnung des Einzelnen unter das Kollektiv. Der Unterschied liegt in den Mitteln. Qin setzte auf die harte Kontrolle des Legalismus. Japan verband die weiche Kontrolle des Kaiserkults, also eine modernisierte Verbindung aus Shintō und Bushidō, mit der harten Kontrolle des modernen Staatsapparats. Weich und hart zusammen: noch effizienter.

Qins Ordnungsmodell setzte sich im Ausscheidungswettkampf der Streitenden Reiche durch, weil alle Gegner dasselbe Spiel spielten und niemand eine asymmetrische Strategie fand. Auch Japans Modell gewann im ostasiatischen Modernisierungswettbewerb: Es besiegte China im Krieg von 1894/95 und Russland im Russisch-Japanischen Krieg.

Doch die Lehre aus dem Essay über die Streitenden Reiche gilt auch hier: Ein Sieg ist noch kein Beweis. Qins Modell, das alles auf eine Karte setzte, hatte ein historisches Zeitfenster. Als es sich schloss, zerbrach das Modell schlagartig. Auch Japans staatszentrierter Aufbau hatte ein solches Zeitfenster. Im Konkurrenzkampf der Großmächte besaß die umfassende Mobilisierung einen kurzfristigen Vorteil. Ihre Brüchigkeit entsprach jedoch strukturell genau derjenigen Qins: Das System musste sich unablässig ausdehnen, um sich zu ernähren; es duldete keinen inneren Widerspruch; sobald es militärisch scheiterte, brach es vollständig zusammen.

1945 wurde die Rechnung für diese Brüchigkeit fällig. In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts aber befand sich Japan noch innerhalb seines Zeitfensters. Sein staatszentrierter Aufbau schien unaufhaltsam. Sein Expansionsdruck bestimmte unmittelbar das äußere Umfeld, auf das nach dem Ende des Kaisertums sämtliche politischen Kräfte Chinas antworten mussten. Der Wettbewerb um eine neue Ordnung fand nicht im luftleeren Raum statt. Er stand unter einer gewaltigen äußeren Einschränkung: dem militärischen Druck Japans. Dieser Umstand prägte den Handlungsspielraum aller Beteiligten zutiefst.

Die Antwort auf die Frage nach Japans Erfolg führte das Nachdenken auf die zweite Ebene.

Zweite Ebene: die Institutionen – „Unsere Ordnung ist ihrer unterlegen.“

Nach dem Krieg gegen Japan gelangten zahlreiche chinesische Intellektuelle, darunter Kang Youwei, Liang Qichao, Tan Sitong und Yan Fu, zu einem Schluss, den die Selbststärkungsbewegung noch nicht gezogen hatte: Es genügt nicht, die Technik der Ausländer zu übernehmen. Wir müssen auch von ihren Institutionen lernen.

Japan hatte China nicht besiegt, weil seine Gewehre und Kanonen besser waren – die Beiyang-Flotte stand Japan bei der Ausrüstung nicht nach –, sondern weil es über eine leistungsfähigere staatliche Organisation verfügte: eine konstitutionelle Staatsordnung, eine moderne Bürokratie, Bildung für alle, eine moderne Wirtschaftsordnung. Diese Institutionen ermöglichten es Japan, Ressourcen wirksamer zu mobilisieren, die Produktion zu organisieren und seine Streitkräfte zu führen.

1898 leitete Kaiser Guangxu auf Drängen Kang Youweis und anderer die Hundert-Tage-Reform ein. In rund hundert Tagen sollte eine Reihe institutioneller Veränderungen vorangetrieben werden: Reform der Beamtenprüfungen, Gründung moderner Schulen, Abschaffung überflüssiger Beamtenstellen. Zum Programm der Reformer gehörte auch die Forderung nach einer Volksvertretung.

Nach nur hundertdrei Tagen beendete Kaiserinwitwe Cixi die Hundert-Tage-Reform durch einen Staatsstreich. Tan Sitong und fünf weitere Männer wurden getötet. Guangxu wurde in Haft genommen.

Der unmittelbare Grund für das Scheitern war ein Machtkampf: Cixi wollte ihre Macht nicht aufgeben. Der tiefere Grund lag aber in der Struktur. Institutionelle Reformen berührten den Kern von Version 3.5, die Zentralisierung der Macht selbst. Eine Volksvertretung hätte bedeutet, dass der Kaiser die Entscheidungsgewalt mit gewählten Abgeordneten teilen müsste. Die Beamtenprüfungen zu reformieren hieß, eine seit rund dreizehnhundert Jahren praktizierte Art der Heranbildung von Beamten zu verändern. Überflüssige Stellen abzuschaffen hieß, unzähligen Menschen an die Existenzgrundlage zu gehen.

Jede Reform hatte mächtige Gegner. Und alle diese Gegner hatten dieselbe Rückendeckung: Kaiserinwitwe Cixi. Sie vertrat die Gesamtheit jener Gruppen, die von der alten Ordnung profitierten.

Damit war man wieder bei dem Dilemma angelangt, vor dem Zhang Juzheng mit seinen Reformen in der Ming-Zeit gestanden hatte: Reformen innerhalb eines bestehenden Aufbaus benötigen die Unterstützung der Person an der Spitze der Macht. Diese Person gehört jedoch selbst zu dem, was die Reform antasten muss. Man kann von Cixi nicht erwarten, dass sie eine Reform unterstützt, die ihre eigene Macht beschneidet.

Das Scheitern der Hundert-Tage-Reform bewies: Innerhalb des Rahmens von Version 3.5 ließen sich institutionelle Reformen kaum auf friedlichem Weg durchsetzen. Jeder Schritt erforderte die Zustimmung der bisherigen Machthaber. Ziel der Reform war aber gerade, die bisherige Verteilung der Macht zu verändern.

Dritte Ebene: der Diskurs – „Unser gesamtes Zivilisationsmodell muss sich ändern.“

Nach dem Scheitern der Hundert-Tage-Reform zog ein Teil der Intellektuellen eine radikalere Konsequenz. Nicht nur Technik und Institutionen mussten verändert werden. Das ganze Zivilisationsmodell – Kaisertum, Konfuzianismus, die auf Familienverbänden beruhende Gesellschaft, das Selbstbild des himmlischen Reiches – musste grundlegend verworfen und ersetzt werden.

Sun Yat-sens revolutionäres Programm war der politische Ausdruck dieses Gedankens: Nicht verbessern. Stürzen. Hört auf, Version 3.5 mit Patches zu versehen. Installiert ein völlig neues Betriebssystem. Republik, Demokratie, Verfassungsstaat: Das waren keine Korrekturen an Version 3.5, sondern ein grundsätzlich anderes Ordnungsmodell.

1905 wurden die Beamtenprüfungen abgeschafft. Damit wurde eine der Kernkomponenten von Version 3.5 offiziell entfernt. Dreizehnhundert Jahre lang, von der Sui-Dynastie bis zum Ende der Qing-Zeit, hatte das Prüfungssystem funktioniert. Es war die dauerhafteste Institution des kaiserlichen China. Seine Abschaffung entzog Version 3.5 den gesellschaftlichen Boden: die durch Prüfungen rekrutierte zivile Beamtenschicht.

Die Folgen reichten ungeheuer weit. Bis dahin hatten die Intellektuellen einen klaren Weg nach oben vor sich: lernen, Prüfungen ablegen, Beamter werden. Dieser Weg lenkte die klügsten Köpfe der Gesellschaft darauf, die Ordnung zu erhalten. Mit der Abschaffung der Prüfungen riss er ab. Den an modernen Schulen ausgebildeten Intellektuellen bot das Prüfungssystem keinen Ausweg mehr. Die alte Ordnung wollte sie nicht. Die neue war noch nicht errichtet. So wurden sie zur gefährlichsten Gruppe der Gesellschaft: gebildet, idealistisch, fähig – und ohne Perspektive.

Intellektuelle, für die es keinen Platz gibt, sind der beste Brennstoff einer Revolution. Viele Organisatoren und Beteiligte der Xinhai-Revolution kamen aus genau dieser Gruppe: im Ausland Studierende, Absolventen moderner Schulen, Gelehrte, denen die Abschaffung der Beamtenprüfungen den traditionellen Weg genommen hatte.

1911: die Xinhai-Revolution. 1912: Puyis Abdankung. Das Kaisertum ist zu Ende.

Die drei Ebenen der Erkenntnis – Technik, Institutionen, Diskurs – entsprechen drei Ebenen des Betriebssystems 3.5. Technisches Lernen, wie in der Selbststärkungsbewegung, berührt das System selbst nicht. Deshalb ist es am einfachsten, seine Wirkung aber am begrenztesten. Institutionelle Reformen, wie die Hundert-Tage-Reform, greifen in die Struktur des Systems ein. Deshalb stoßen sie auf den größten Widerstand und lassen sich kaum in einem friedlichen Rahmen vollenden. Eine Revolution auf der Ebene des Diskurses, wie die Xinhai-Revolution, verwirft das gesamte System. Deshalb ist sie am gründlichsten – und am wenigsten kontrollierbar.

Jede Ebene wurde erst erreicht, nachdem man auf der vorherigen gescheitert war. Hätte die Selbststärkungsbewegung Erfolg gehabt, wäre der Krieg gegen Japan also nicht verloren gegangen, hätte vielleicht niemand die Institutionen infrage gestellt. Wäre die Hundert-Tage-Reform gelungen, hätte Cixi also nicht geputscht, wäre vielleicht niemand bis zur Revolution gegangen. Die nächste Ebene ist nicht deshalb besser, weil sie tiefer reicht. Man muss tiefer gehen, weil die vorige nicht ausreicht.

III. Die Xinhai-Revolution – Das Ende der äußeren Form von Version 3.5

Am 10. Oktober 1911 brach der Aufstand von Wuchang aus. In den folgenden Wochen erklärten sich die südlichen Provinzen eine nach der anderen für unabhängig. Am 1. Januar 1912 wurde die Republik China gegründet. Am 12. Februar wurde Puyis Abdankungsedikt verkündet.

Das Kaisertum hatte in China 2.132 Jahre bestanden: von Qin Shihuangs Erhebung zum Kaiser im Jahr 221 vor unserer Zeitrechnung bis 1912.

Militärisch und organisatorisch war der Ablauf der Xinhai-Revolution wenig „heroisch“. Der Aufstand von Wuchang hatte sogar etwas Zufälliges: Die ursprünglichen Pläne waren durchgesickert, man musste vorzeitig handeln. Hinter der „Unabhängigkeit“ vieler Provinzen steckte eher der opportunistische Seitenwechsel regionaler Machthaber als eine wirkliche revolutionäre Tat. Die Friedensverhandlungen zwischen Nord und Süd endeten in einem Kompromiss: Yuan Shikai zwang den Qing-Kaiser zur Abdankung, Sun Yat-sen überließ Yuan das Präsidentenamt.

Die historische Bedeutung der Xinhai-Revolution reicht jedoch weit über ihren tatsächlichen Ablauf hinaus. Sie beendete eine Form: das Kaisertum. Jeder, der es fortan wiederherstellen wollte, stand vor einem grundsätzlichen Problem der Legitimität. Wie rechtfertigt man, dass etwas wiederkehren soll, dem die Geschichte bereits die Berechtigung entzogen hat?

Yuan Shikais Restaurationsversuch von 1915/16 bewies es: dreiundachtzig Tage. Zhang Xuns Versuch von 1917 war noch kürzer: zwölf Tage. Jede Rückkehr zur alten Form war kurzlebiger als die vorherige. Der Phasenübergang hatte sich bereits auf der Ebene der Form vollzogen. Nicht einmal dorthin führte noch ein Weg zurück.

Doch das Ende einer Form ist nicht das Ende ihrer Logik. Im vorigen Essay war davon bereits die Rede: Die kaiserliche Form von Version 3.5 endete 1912. Endete damit auch ihre zugrunde liegende Logik – Machtkonzentration, Entscheidungen in einer einzigen Hand, Kontrolle von oben nach unten, Unterdrückung abweichender Stimmen?

In den mehr als zehn Jahren nach der Xinhai-Revolution gewann diese Frage ungeheure Schärfe. Denn nachdem das Kaisertum gestürzt war, wusste niemand, was an seine Stelle treten sollte.

Die Republik war gegründet. Aber „Republik“ war zunächst eine leere Hülle. Mit welchen Institutionen sollte man sie füllen? Einer republikanischen Ordnung? Welcher Fassung davon? Einem Präsidialsystem nach amerikanischem Vorbild? Einem parlamentarischen System nach französischem Vorbild? Oder mit etwas ganz anderem?

1917, nur sechs Jahre nach der Xinhai-Revolution, kam eine unerwartete Antwort aus dem Norden.

Die russische Oktoberrevolution. Die Bolschewiki stürzten die Provisorische Regierung, die auf den Zaren gefolgt war, und errichteten die Sowjetmacht. Dieses Ereignis erschütterte China nicht weniger als der Krieg gegen Japan. Nur lag die Erschütterung auf einer völlig anderen Ebene.

1895 hatte der Schock gelautet: „Unsere Technik und unsere Institutionen sind unterlegen.“ Die Oktoberrevolution stellte eine andere Frage: „Ist der westliche Weg der einzige?“

Alle Reformpläne, über die chinesische Intellektuelle bis dahin diskutiert hatten, teilten eine unausgesprochene Annahme. Ob die Selbststärkungsbewegung britische Technik übernahm, die Hundert-Tage-Reform japanischen Institutionen nacheiferte oder die Xinhai-Revolution die amerikanische Republik zum Vorbild nahm: Modernisierung bedeutete Verwestlichung. Wer stärker werden wollte, musste dem Westen ähnlicher werden. Umstritten war nur das Ausmaß: die Technik übernehmen, also das Wenigste; die Institutionen, also etwas mehr; oder das ganze Zivilisationsmodell, also alles.

Die Oktoberrevolution eröffnete eine völlig neue Möglichkeit. Du musst den westlichen Weg gar nicht gehen. Du kannst einen antiwestlichen Weg einschlagen: keinen Kapitalismus, keine parlamentarische Demokratie, sondern eine Gesellschaftsordnung aus Diktatur des Proletariats, Planwirtschaft und leninistischer Partei. Und dieser Weg beanspruchte, fortschrittlicher zu sein als der Westen. Er wollte nicht dessen Ersatz sein. Er wollte ihn übertreffen.

Unter dem Gesichtspunkt des Aufbaus brachte die Oktoberrevolution damit nicht nur einen neuen Ordnungsentwurf, sondern eine neue Logik des Ordnungsbaus. Alle zuvor behandelten Modelle, von der Herrschaftsübergabe an einen Würdigen über das Kaisertum bis zur Republik, waren Fortentwicklungen innerhalb derselben Zivilisationstradition gewesen. Das marxistisch-leninistische Modell der Oktoberrevolution stammte dagegen aus einer völlig anderen Wissenstradition: deutsche Philosophie, britische politische Ökonomie, russische Revolutionspraxis. Für seine Begriffe – Klasse, Mehrwert, historischer Materialismus, Diktatur des Proletariats – gab es im chinesischen Wissenssystem keine Entsprechung.

Damit ging es nach dem Ende des Kaisertums nicht mehr bloß um einen „Wettbewerb verschiedener Updates für Version 3.5“, sondern um einen „Wettbewerb grundsätzlich unterschiedlicher Zivilisationslogiken“. Der westliche Kapitalismus war ein Weg. Der Sozialismus Sowjetrusslands war ein anderer. Und Chinas eigene zweitausendjährige kaiserliche Tradition blieb als Grundlogik gegenwärtig, selbst nachdem ihre äußere Form abgeschafft worden war. Drei Logiken stießen aufeinander, durchdrangen einander und formten einander um.

Russlands Einfluss auf China beschränkte sich überdies nicht auf die Ideologie. Geopolitisch war Russland, später die Sowjetunion, seit der Qing-Zeit die größte territoriale Bedrohung an Chinas Nordgrenze. Vom Vertrag von Nertschinsk im siebzehnten Jahrhundert bis zu den Verträgen von Aigun und Peking im neunzehnten Jahrhundert hatte Russland weite Gebiete im Norden und Nordwesten Chinas Stück für Stück an sich gebracht. Der äußere Druck auf die Qing kam nicht nur aus einer Richtung, von den westlichen Mächten über das Meer, sondern aus zweien: zur See Großbritannien, Frankreich und Japan; zu Land Russland.

Nach der Oktoberrevolution zeigte dieser nördliche Nachbar ein völlig anderes Gesicht. Aus dem imperialistischen Gesicht des Zarenreiches wurde das „internationalistische“ Gesicht der Sowjetunion. Sie erklärte, auf die zaristischen Privilegien in China zu verzichten, behielt in der Praxis allerdings viele davon. Sie exportierte revolutionäre Theorie und organisatorische Erfahrung und half Chinas revolutionären Kräften, Parteien nach leninistischem Muster aufzubauen. Aus geopolitischem Druck durch territoriale Vereinnahmung wurde ideologische Durchdringung. Deren Wirkung konnte noch weit tiefer reichen.

Version 3.5 war deinstalliert, ein neues Betriebssystem aber noch nicht aufgespielt. Mindestens drei Installationspakete standen zur Auswahl: die westliche kapitalistische Demokratie nach amerikanischem oder britischem Vorbild; der sowjetrussische Sozialismus nach Lenins Modell; und eine noch nicht ausgeformte einheimische Lösung, die chinesische Tradition mit den Anforderungen der Modernisierung zu verbinden suchte. Diese „Zeit ohne Betriebssystem“ begann 1912 und war auch in der Zeitspanne, die der Schlussessay behandelt, noch nicht zu Ende.

Aus der Sicht von Abtragen und Aufbau war die Xinhai-Revolution ein erfolgreiches Abtragen: Sie riss den alten Aufbau nieder. Doch den alten Aufbau niederzureißen heißt noch nicht, einen neuen errichtet zu haben. Abtragen und Aufbau müssen zusammenpassen. Das war die Lehre aus dem Zusammenstoß der drei Kräfte am Ende der Ming- und zu Beginn der Qing-Zeit. Genau vor diesem Problem stand China nach der Xinhai-Revolution: Das Abtragen war vorhanden, in Gestalt der revolutionären Kräfte, die das Kaisertum stürzten. Der Aufbau fehlte noch: eine neue, von der Gesellschaft akzeptierte und funktionsfähige institutionelle Ordnung.

Was nun folgt, ist die Geschichte konkurrierender Ordnungsentwürfe auf einem Trümmerfeld ohne Betriebssystem.

IV. Der abschließende Beitrag der Qing zum Zyklusgesetz

Die Stellung der 268 Jahre Qing-Herrschaft im Gesetz des Zyklus von Abtragen und Aufbau lässt sich so zusammenfassen: Sie waren der letzte vollständige Durchlauf des Betriebssystems 3.5. Und sie waren die Epoche, in der dieses Betriebssystem das Ende seiner historischen Gültigkeitsdauer erreichte.

Erstens: Selektives Aufpfropfen ist für Herrscher aus einem anderen Volk die beste Lösung – innerhalb der verfügbaren Möglichkeiten.

Verglichen mit der vollständigen Sinisierung der Nördlichen Wei, deren Preis der Aufstand der Sechs Garnisonen war, und der Integrationsverweigerung der mongolischen Yuan, die sich siebenundneunzig Jahre irgendwie durchschlugen und dann zusammenbrachen, hielt das selektive Aufpfropfen der Qing am längsten: beinahe zweihundert Jahre, in denen das System wirksam funktionierte. Aber die beste Lösung ist keine kostenlose Lösung. Die Nahtstellen des Aufpfropfens verschwanden nie. In der späten Qing-Zeit wurden sie durch inneren und äußeren Druck aufgerissen.

Zweitens: Die Grenze jeder Feinabstimmung ist der Rahmen selbst.

Yongzhengs sorgfältige Feinabstimmung erreichte das höchste Niveau, das innerhalb des kaiserlichen Rahmens möglich war. Doch Feinabstimmung kann den Rahmen nicht überschreiten. Dessen Kern – Zentralisierung, Kaisertum, zivile Bürokratie auf Grundlage der Beamtenprüfungen – war zugleich Voraussetzung und Begrenzung aller Justierung. Sobald der Rahmen selbst zum Problem wurde, wie angesichts der industriellen Zivilisation, bedeutete Feinabstimmung nur noch, auf der Titanic die Liegestühle an Deck neu anzuordnen.

Drittens: Betriebssysteme haben eine Gültigkeitsdauer. Diese hängt nicht von der Qualität des Systems ab, sondern davon, wie schnell sich seine Umgebung verändert.

Version 3.5 hatte eine hohe Qualität. Zweitausend Jahre Betrieb sind der beste Beweis. Nur hatte sich die Umgebung verändert. Die industrielle Revolution erhöhte das Tempo des Wandels um eine Größenordnung. Version 3.5 konnte sich nicht schnell genug anpassen. Das war nicht ihre Schuld. Sie war für die Veränderungsgeschwindigkeit einer Agrarzivilisation entworfen worden, die in Jahrhunderten maß, nicht für die einer industriellen Zivilisation, die in Jahrzehnten maß.

Viertens: Die Erkenntnis auf drei Ebenen – Technik, Institutionen, Diskurs – ist ein Prozess, den jede Gesellschaft durchläuft, die vor einem Wechsel ihres Zivilisationsparadigmas steht.

Den Abstand begreift man zunächst immer an der Oberfläche. Erst nach und nach dringt man tiefer vor. Zuerst sieht man den Unterschied bei den Waffen. Das ist leicht zu begreifen, denn Waffen sind sichtbar. Dann erkennt man den Unterschied bei den Institutionen. Das ist schwieriger, denn Institutionen sind abstrakt. Zuletzt erkennt man den Unterschied im Zivilisationsmodell. Das ist am schwierigsten, denn dafür muss man das eigene Selbstverständnis neu bestimmen. Jede Ebene der Erkenntnis schmerzt mehr als die vorige, weil sie dem eigenen Selbst näher kommt. Dein Gewehr zu ändern tut nicht weh. Deine Institutionen zu ändern fängt an wehzutun. Dein Verständnis davon zu ändern, „wer ich bin“ – das ist der tiefste Schmerz.

Fünftens, und das reicht am tiefsten: Das Kaisertum endete nicht, weil ein bestimmter Kaiser besonders schlecht oder ein bestimmter institutioneller Entwurf fehlerhaft war. Es endete, weil sich der Phasenübergang hin zu „Der Mensch ist Zweck an sich“ beschleunigte.

Dem Kaisertum lag eine Annahme zugrunde: Ein Mensch, der Kaiser, hat das Recht, über das Schicksal aller anderen zu entscheiden. Diese Annahme widerspricht unmittelbar dem Satz „Der Mensch ist Zweck an sich“. Wenn jeder Mensch Zweck ist, hat kein Mensch das Recht, andere als Mittel zu benutzen. Auch der Kaiser nicht.

Dieser Widerspruch bestand während der gesamten zweitausend Jahre des Kaisertums. Verschiedene Puffermechanismen hielten ihn jedoch unter Kontrolle: der konfuzianische Diskurs über wohlwollende Herrschaft, die Aufstiegsmöglichkeit durch die Beamtenprüfungen und die begrenzende Wirkung der Lehre von der wechselseitigen Resonanz zwischen Himmel und Mensch. Solche Puffer nahmen dem Widerspruch etwas von seiner Schärfe. Sie beseitigten ihn nicht.

Mit der industriellen Zivilisation verschärfte sich dieser Widerspruch immer schneller. Sie befreite den Menschen wirtschaftlich: Der Einzelne konnte sich Ressourcen über den Markt statt über den Hof verschaffen. Sie befreite ihn im Zugang zum Wissen: Buchdruck und moderne Bildung entzogen das Wissen dem Monopol weniger Menschen. Und sie eröffnete neue politische Möglichkeiten: Repräsentative Ordnungen bewiesen, dass eine Gesellschaft auch ohne Kaiser funktionieren konnte.

Wenn wirtschaftliche, geistige und politische Befreiung sich zugleich beschleunigen, lässt sich der Phasenübergang hin zu „Der Mensch ist Zweck an sich“ nicht mehr aufhalten. Das Kaisertum wurde nicht gestürzt, auch wenn an der Oberfläche tatsächlich ein Sturz stattfand. Es wurde durch den Phasenübergang ausgesondert. Seine Grundannahme geriet in einen unversöhnlichen Konflikt mit dem Selbstverständnis von immer mehr Menschen.

Der Rest verschwindet nicht. Der Rest beschleunigt sich. Die Richtung dieser Beschleunigung ist die Befreiung des Subjekts.

Der nächste Essay beschließt diese Reihe. Er führt von der späten Qing-Zeit in die frühe Republik, vom Zusammenbruch des Kaisertums zu den Kriegen der regionalen Machthaber, von den Bemühungen um Einigung bis an den Vorabend des Widerstandskrieges gegen Japan. Nach dem Ende des Kaisertums treten auf den Trümmern verschiedene Ordnungsentwürfe gegeneinander an. Alle antworten auf dieselbe Frage: Welches neue Betriebssystem soll China installieren, nachdem die zweitausend Jahre alte Version 3.5 deinstalliert wurde? Am Ende steht die Frage: Was beweisen zweitausend Jahre im Zyklus von Abtragen und Aufbau? Warum verschwindet der Rest nicht? Nicht weil dem Abtragen die nötige Schärfe fehlte. Nicht weil der Aufbau nicht gut genug wäre. Sondern weil der Mensch Zweck an sich ist und kein Aufbau diese Tatsache dauerhaft unterdrücken kann. Der Aufbau schließt sich nicht, weil der Mensch sich entwickelt. Das Abtragen hört nicht auf, weil der Rest sich beschleunigt.

Diese deutsche Ausgabe wurde für deutschsprachige Leser eigenständig neu geschrieben.