Essay 25: Zum Abschluss – Der Rest vergeht nicht
Das Kaisertum endete 1912. Doch diese Reihe erzählt nicht die Geschichte des Kaisertums. Sie verfolgt, wie das Gesetz des Kreislaufs von Abtragen und Aufbau in der Geschichte wirksam wurde. Mit dem Ende der…
Das Kaisertum endete 1912. Doch diese Reihe erzählt nicht die Geschichte des Kaisertums. Sie verfolgt, wie das Gesetz des Kreislaufs von Abtragen und Aufbau in der Geschichte wirksam wurde. Mit dem Ende der Kaiserherrschaft hat dieses Gesetz nicht aufgehört zu wirken. Das Kaisertum war nur eine mögliche Form des Aufbaus. Die Form ging unter; die grundlegende Dynamik von Abtragen und Aufbau blieb.
Deshalb endet diese Reihe nicht an dem Tag, an dem Puyi abdankte. Sie endet in einem interessanteren Augenblick: Mitte der 1930er-Jahre, bevor der Krieg gegen Japan in voller Breite ausbrach. Damals standen drei Entwürfe einer neuen Ordnung am selben Ort zur selben Zeit nebeneinander. Drei Personen verkörperten jeweils eine Antwort, und Japans militärischer Druck zwang alle dazu, ihre Karten aufzudecken.
Halten wir in diesem Augenblick inne. Denn sobald der umfassende Krieg beginnt, überlagert das moralische Urteil die Strukturanalyse; manche Karten lassen sich dann kaum noch mit kühlem Kopf betrachten. Die Vorkriegszeit bietet das letzte Fenster, in dem sich die drei Ordnungsmodelle als strukturelle Entwürfe diskutieren lassen. Danach hat das Tribunal der Geschichte bereits seine Arbeit aufgenommen, und die Analyse der Strukturen weicht dem moralischen Urteilsspruch.
Uns geht es nicht um einen Urteilsspruch. Uns geht es darum, zu verstehen: Wenn der zweitausendjährige Kreislauf von Abtragen und Aufbau an diesem Punkt angelangt ist, in welchen Formen besteht dann der Rest fort? Und warum vergeht er nicht?
I. Die frühe Republik – Sechzehn Jahre ohne Betriebssystem
Die sechzehn Jahre von 1912 bis 1928, von Puyis Abdankung bis zum Abschluss des Nordfeldzugs, waren die chaotischsten und zugleich freiesten Jahre der politischen Geschichte Chinas.
Das Chaos hatte einen Grund: Es gab kein Betriebssystem. Version 3.5 war deinstalliert, ein neues Betriebssystem ließ sich nicht erfolgreich installieren. Yuan Shikai versuchte es mit einem Präsidialsystem unter einem starken Mann. Es scheiterte: Nach seinem Tod zerfiel das Beiyang-System in rivalisierende Fraktionen. Er versuchte, das Kaisertum neu aufzuspielen. Das scheiterte noch gründlicher: nach dreiundachtzig Tagen. Das Parlament versuchte, eine parlamentarische Demokratie zu installieren. Auch das misslang. Es wurde aufgelöst, wieder einberufen, wieder aufgelöst und zum Requisit politischer Tauschgeschäfte degradiert.
Die Aufteilung des Landes unter Kriegsherren wurde faktisch zum Normalzustand. Die verschiedenen Beiyang-Fraktionen, die Anhui-, Zhili- und Fengtian-Clique, wechselten sich in der Kontrolle über die Regierung in Peking ab. In den südlichen Provinzen herrschten die jeweiligen regionalen Machthaber. Das Land besaß weder eine einheitliche Verwaltung noch ein einheitliches Recht, weder gemeinsame Streitkräfte noch auch nur eine gemeinsame Währung.
Aus der Perspektive des Aufbaus war die Kriegsherrenpolitik der frühen Republik eine verkleinerte Ausgabe der Fünf Dynastien und Zehn Reiche: Ordnungen militärischer Machthaber, die einander in rascher Folge ablösten. Der Unterschied: Die Militärherrscher der Fünf Dynastien behaupteten wenigstens noch, Söhne des Himmels zu sein. Sie hatten die Legitimationserzählung von Version 3.5 geerbt. Den Kriegsherren der frühen Republik fehlte selbst diese Erzählung. Sie waren weder Himmelssöhne noch gewählte Präsidenten. Sie waren einfach Leute, die zufällig Gewehre besaßen. Ihre Legitimität war gleich null.
Null Legitimität bedeutet null Stabilität. Jeder Kriegsherr konnte seine Herrschaft ausschließlich durch Gewalt aufrechterhalten. Gewalt aber ist ein Vorrat: Ist er aufgebraucht, ist er weg. Es gab keine Legitimationserzählung, die für laufenden Nachschub sorgte. Deshalb waren die Kriegsherrenregime noch kurzlebiger als die Fünf Dynastien. Dort wechselte die Herrschaft im Durchschnitt alle zehn Jahre, bei den Kriegsherren alle paar Jahre oder sogar alle paar Monate.
Die Kehrseite des Chaos war jedoch Freiheit. Wo es kein einheitliches Machtzentrum gab, gab es auch keine einheitliche Kontrolle des Denkens. Die frühe Republik war eine der geistig lebendigsten Phasen der neueren chinesischen Geschichte: die Bewegung für eine Neue Kultur, die Bewegung des Vierten Mai, die Einführung und der Streit um die unterschiedlichsten Lehren – Liberalismus, Anarchismus, Marxismus, die Drei Volksprinzipien, Etatismus und viele weitere.
Strukturell entspricht das dem Wettstreit der Hundert Schulen in der Zeit der Frühlings- und Herbstannalen und der Streitenden Reiche. Der alte Aufbau bricht zusammen → ein Machtvakuum entsteht → mehrere Ordnungsentwürfe konkurrieren → das Denken explodiert. Die Hundert Schulen stritten nach dem Zusammenbruch von Version 1.0. Der geistige Aufbruch der frühen Republik folgte auf den Zusammenbruch von Version 3.5. Die Voraussetzung war beide Male dieselbe: Kein Entwurf besaß ein Monopol. Deshalb war für jeden Entwurf Raum, zur Diskussion gestellt zu werden.
Das Zeitfenster geistiger Freiheit fällt mit dem Zeitfenster des Machtvakuums zusammen. Sobald die Macht wieder in einer Hand liegt, wird auch das Denken in Dienst genommen. Das ist die Regel dieser zweitausend Jahre. Nach der Einigung unter Qin folgten Bücherverbrennung und das lebendige Begraben konfuzianischer Gelehrter. Kaiser Wu von Han vereinheitlichte die Ideologie und räumte dem Konfuzianismus die Alleinstellung ein. Jede politische Einigung ging mit der Vereinnahmung des Denkens einher.
Die geistige Freiheit der frühen Republik war kein Geschenk eines aufgeklärten Führers. Sie war ein strukturelles Ergebnis der Machtverhältnisse. Sobald jemand die Macht vereinigte, musste diese Freiheit enden. Offen war nur, wer die Einigung vollbringen und auf welches Ordnungsmodell er sich dabei stützen würde.
II. Drei Installationspakete
Bis Mitte der 1920er-Jahre kristallisierten sich im geistigen Wettstreit der frühen Republik allmählich drei Ordnungsentwürfe heraus. Sie schöpften aus unterschiedlichen Wissensbeständen, stützten sich auf unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen und gingen unterschiedlich mit dem Rest um.
Erstens: der parteistaatliche Aufbau.
In seinen letzten Lebensjahren, zu Beginn der 1920er-Jahre, organisierte Sun Yat-sen die Kuomintang mit sowjetischer Hilfe neu. Er baute die Organisation nach dem Muster einer leninistischen Partei um, schuf eine Parteiarmee mit der Militärakademie von Huangpu als Ausbildungsstätte und entwickelte seine Drei-Stufen-Lehre: Militärherrschaft → politische Erziehungsherrschaft → verfassungsmäßige Regierung.
Die Logik dieser drei Stufen lautete: Die einfachen Menschen in China beherrschen die Demokratie noch nicht. Jahrtausende der Kaiserherrschaft haben ihnen darin keinerlei Übung gegeben. Also kann man nicht unmittelbar zur Demokratie übergehen. Zuerst erobert die Armee das Land: Militärherrschaft. Dann lehrt die Partei die Menschen, wie man Staatsbürger ist: politische Erziehungsherrschaft. Wenn die Menschen es gelernt haben, wird ihnen die Regierungsgewalt zurückgegeben: verfassungsmäßige Regierung.
Betrachtet man diesen Entwurf als Aufbau, wirft seine Grundlogik einen sehr vertrauten Schatten. Er setzt voraus, dass es eine Gruppe mit überlegener Einsicht gibt: die Partei. Diese Gruppe weiß besser als die gewöhnlichen Menschen, was gut ist, und hat das Recht, für sie zu entscheiden, bis sie es selbst „gelernt haben“. Wer beurteilt, wann sie es gelernt haben? Die Partei. Wer entscheidet, wann die Erziehungsherrschaft in die verfassungsmäßige Regierung übergeht? Die Partei.
Diese Struktur steht der Grundlogik des Kaisertums in Version 3.5 sehr viel näher, als ihre Entwerfer wahrhaben möchten. Das Kaisertum sagt: Der Kaiser ist eher als alle anderen berechtigt, Entscheidungen zu treffen, weil er das Mandat des Himmels besitzt. Der Parteistaat sagt: Die Partei ist eher als alle anderen berechtigt, Entscheidungen zu treffen, weil sie über eine fortschrittliche Theorie verfügt. Die Theorie ersetzt das Himmelsmandat, die Partei ersetzt den Kaiser. Die Kernannahme bleibt: Es gibt eine Gruppe, die besser als alle anderen weiß, was richtig ist.
Nach Sun Yat-sens Tod 1925 zerstritt sich die Kuomintang über sein Erbe. Die entscheidende Bruchlinie verlief entlang zweier Fragen: Wie sollte die politische Erziehungsherrschaft ausgeübt werden, und wer sollte sie führen?
Zweitens: der sowjetische Aufbau.
1921 wurde die Kommunistische Partei Chinas gegründet. Ihr Ordnungsentwurf stammte unmittelbar aus dem sowjetischen Modell nach der Oktoberrevolution: Diktatur des Proletariats, Planwirtschaft und eine leninistische Parteiorganisation mit demokratischem Zentralismus.
Mit dem parteistaatlichen Aufbau teilte dieser Entwurf eine Annahme: Die Gesellschaft muss von einer Avantgarde, einer Partei, geführt werden. Der Unterschied lag darin, wen diese Avantgarde vertrat. Im Parteistaat vertrat sie „die ganze Nation“, ein nationales Gesamtinteresse jenseits der Klassen. Im sowjetischen Aufbau vertrat sie „das Proletariat“, also eine bestimmte Klasse.
Das war mehr als ein Unterschied in der Wortwahl. Daraus ergaben sich völlig verschiedene Formen gesellschaftlicher Mobilisierung.
Die Mobilisierung des Parteistaats beruhte auf nationaler Identität. Ob Arbeiter, Grundbesitzer oder Kaufmann: Du bist zuerst Chinese, und die Partei vertritt die Interessen aller Chinesen. Für Ober- und Mittelschichten war das anziehend: Dein Eigentum und deine Stellung sind nicht bedroht. Auf die unteren Schichten übte es nur begrenzte Anziehungskraft aus: Du behauptest, mich zu vertreten, aber etwas Konkretes gibst du mir nicht.
Die Mobilisierung des sowjetischen Aufbaus beruhte auf Klassenidentität. Du bist arm; arm bist du, weil die Reichen dich ausgebeutet haben. Wir werden die Reichen stürzen und ihren Besitz unter euch verteilen. Auf die unteren Schichten wirkte das ungeheuer anziehend: Du gibst mir etwas Greifbares – Land. Für die Oberschicht war es eine existenzielle Bedrohung: Du willst meinen Besitz beschlagnahmen.
Als Verfahren im Umgang mit dem Rest unterschieden sich die beiden Entwürfe grundlegend darin, wie sie die Reste am unteren Ende der Gesellschaft behandelten: Armut und Zorn der Bauern. Der parteistaatliche Aufbau wollte die Unzufriedenheit unten mildern, ohne die Interessen oben anzutasten, durch schrittweise Reformen, wirtschaftliche Entwicklung und bessere Bildung. Der sowjetische Aufbau wollte sie beseitigen, indem er die Ressourcen der oberen Schichten direkt umverteilte: Agrarrevolution, Enteignung der Grundbesitzer, Verteilung ihres Landes an die Bauern.
Der erste Weg hatte den Vorzug, keine neuen Konflikte großen Ausmaßes hervorzubringen. Sein Nachteil war die Langsamkeit: Die Menschen ganz unten konnten nicht so lange warten. Der zweite Weg war ungemein schnell und konnte gewaltige Kräfte mobilisieren. Versprich einem Bauern Land, und er folgt dir sofort. Dafür erzeugte er neue Konflikte großen Ausmaßes: Die enteigneten Grundbesitzer und Angehörigen der Mittelschicht wurden zu deinen Todfeinden.
Drittens: der reformerische Aufbau.
Zwischen den parteistaatlichen und sowjetischen Entwürfen, aber auch jenseits dieses Spektrums, gab es einen weiteren Weg. Nennen wir ihn, grob gefasst, den reformerischen Aufbau. Sein Programm: China soll einen schrittweisen, friedlichen Weg institutioneller Reformen gehen. Dazu braucht es weder eine gewaltsame Revolution wie im sowjetischen Modell noch die Erziehungsherrschaft einer einzigen Partei wie im Parteistaat. Parlamentarische Politik, der Aufbau eines Rechtsstaats, allgemeine Bildung und soziale Reformen sollen das Land Schritt für Schritt in die Moderne führen.
Die geistigen Quellen dieses Weges lagen vor allem in der britischen und amerikanischen Tradition des Liberalismus. Seine Vertreter waren über verschiedene Gruppen verstreut: die Intellektuellenfraktion innerhalb der Kuomintang, unabhängige Intellektuelle und ein Teil der regionalen Machthaber.
Der reformerische Aufbau hatte den Vorzug, das Prinzip, dass der Mensch Selbstzweck ist, am konsequentesten zu achten. Er verlangte von niemandem, seine Rechte einem großen Ziel zu opfern. Jeder sollte seine Freiheit, sein Eigentum und seine Würde behalten. Gesellschaftlicher Fortschritt beruhte nicht auf der Führung durch irgendeine Avantgarde, sondern auf dem freien, aus eigenem Antrieb erwachsenden Schaffen und Zusammenwirken der Einzelnen.
Der Rest des reformerischen Aufbaus lag in seinen hohen Anforderungen an die Bedingungen, unter denen er funktionieren konnte. Schrittweise Reformen brauchen Zeit: Jahrzehnte, vielleicht mehr als ein Jahrhundert. Sie brauchen ein einigermaßen stabiles äußeres Umfeld ohne unmittelbar bevorstehende militärische Bedrohung, eine im Grundsatz funktionierende innere Ordnung, in der Gesetze beachtet und Verträge durchgesetzt werden, und eine Bürgerschaft mit einem Mindestmaß an Bildung, die sich an demokratischer Politik beteiligen kann.
China erfüllte in den 1930er-Jahren keine einzige dieser Bedingungen. Von außen rückte Japan Schritt für Schritt näher. Im Inneren gab es Reste der Kriegsherrenherrschaft, Banditen und Bauern in bitterster Armut. Der Anteil der Bevölkerung mit Schulbildung war äußerst gering. Unter solchen Bedingungen auf allmähliche Reformen zu setzen, war, als wollte man im Sturm mit Bauklötzen bauen. Dein Entwurf mag theoretisch der beste sein. Nur lässt dir das Wetter keine Zeit, Baustein für Baustein zu setzen.
Die Tragik dieses Entwurfs reichte so tief wie sein Wert. Vielleicht kam er dem „Richtigen“ am nächsten, wenn man Richtigkeit daran maß, wie sehr die Rechte und Freiheiten des Einzelnen geachtet wurden. Zugleich passte er am schlechtesten zu den damaligen Bedingungen. Der Riss zwischen dem Richtigen und dem Machbaren ist der schmerzlichste Riss der politischen Philosophie.
III. Drei Ordnungsmodelle unter Spannung – Ein Schnitt durch die 1930er-Jahre
Mitte der 1930er-Jahre besetzten die drei Ordnungsmodelle jeweils unterschiedliche Räume.
Träger des parteistaatlichen Aufbaus war die Nationalregierung in Nanjing. Nach dem Abschluss des Nordfeldzugs 1928 hatte die Kuomintang das Land formal geeint. Doch diese Einheit ähnelte der „nominellen Einheit“ am Ende der Östlichen Han. Das Kerngebiet, das die Zentralregierung tatsächlich beherrschte, war klein und lag vor allem am Unterlauf des Jangtse und an der Küste. Große Teile des Landes standen weiterhin unter der wirklichen Kontrolle regionaler Machthaber. Die Reformen der Nationalregierung – die Einführung der Fabi-Währung, der Straßenbau und die Neuorganisation des Militärs – zeigten im Kerngebiet einige Erfolge. Weit darüber hinaus reichte ihre Wirkung nicht.
Träger des sowjetischen Aufbaus war die Kommunistische Partei Chinas. Nach der Parteisäuberung von 1927 und den anschließenden bewaffneten Kämpfen errichtete sie mehrere ländliche Stützpunktgebiete, darunter den Jiangxi-Sowjet und das Sowjetgebiet an den Grenzen von Hubei, Henan und Anhui, und setzte dort die Agrarrevolution um. Nach dem Langen Marsch, 1935 bis 1936, verlagerte sie sich in den Nordwesten. Ihre Stützpunktgebiete waren nicht groß, aber organisatorisch außerordentlich dicht erschlossen. Die Kommunistische Partei bewies eine bis dahin unbekannte Fähigkeit, die Bevölkerung an der Basis zu mobilisieren. Selbst unter extrem schwierigen Bedingungen konnte sie ihre Organisation am Laufen halten und weiter ausdehnen.
Der reformerische Aufbau hatte keinen einheitlichen Träger. Er war auf unterschiedliche Kräfte verteilt: Gemäßigte in der Kuomintang, unabhängige Intellektuelle, einige Unternehmer und manche regionale Machthaber. Er besaß geistigen Einfluss, aber keine militärische Macht; moralische Berechtigung, aber keine organisatorische Basis.
Am Vorabend des Krieges gegen Japan erreichten die Spannungen zwischen den drei Ordnungsmodellen ihren Höhepunkt. Denn Japans militärischer Druck zwang sie alle, dieselbe Frage zu beantworten: Wie begegnet man dieser äußeren Bedrohung?
Die Antwort des Parteistaats lautete: Erst das Innere befrieden, dann den äußeren Feind abwehren. Zuerst die Konkurrenten im Inneren, die Kommunistische Partei, ausschalten, die eigenen Kräfte einigen und sich dann Japan zuwenden. Militärisch war diese Strategie nicht ohne Logik. Ein nach innen gespaltenes Land kann keinen äußeren Krieg führen. Nur hatte sie einen Preis: Zeit. Japan wartete nicht, bis du im Inneren fertig aufgeräumt hattest.
Die Antwort des sowjetischen Aufbaus lautete: Den Bürgerkrieg beenden, gemeinsam gegen Japan kämpfen. Moralisch besaß diese Losung gewaltige Kraft. Die Japaner stehen schon vor deiner Tür, und du bekämpfst noch immer die eigenen Leute? Doch auch der Subtext war unmissverständlich. Den Bürgerkrieg einzustellen hieß, die „Ausrottungsfeldzüge gegen die Kommunisten“ einzustellen. Damit erhielt die Kommunistische Partei Luft zum Atmen und Raum, sich zu entwickeln.
Die reformerische Antwort lautete: Friedlich verhandeln, Zeit gewinnen. Diplomatie sollte Japans Angriff verzögern; zugleich sollte die Modernisierung im Inneren beschleunigt werden. Dafür musste allerdings eine Voraussetzung erfüllt sein: Japans Expansion musste sich mit diplomatischen Mitteln eindämmen lassen. Bald zeigte sich, dass diese Voraussetzung nicht gegeben war.
Japans militärischer Druck wirkte wie ein Prisma. Er brach das Licht so, dass die inneren Eigenschaften aller drei Ordnungsmodelle deutlich hervortraten.
Im Zentrum des parteistaatlichen Aufbaus stand die Macht: Wer kontrolliert China? Er behandelte die Konkurrenz im Inneren als dringlichere Bedrohung als den Angreifer von außen. Damit legte er seine Grundlogik offen: Das Interesse des Landes ordnet sich dem Interesse der Partei unter. Oder anders gesagt: Die Partei hält ihr eigenes Interesse für das Interesse des Landes.
Im Zentrum des sowjetischen Aufbaus stand das Überleben: unter den Bedingungen der militärischen Einkreisung und der Vernichtungsfeldzüge am Leben zu bleiben. Die Losung des gemeinsamen Widerstands gegen Japan diente gleichzeitig der nationalen Sache und dem eigenen Überleben. Damit legte auch er seine Grundlogik offen: Jede Rhetorik, auch die nationalistische, lässt sich dem zentralen Ziel dienstbar machen.
Im Zentrum des reformerischen Aufbaus stand die Ordnung: die Krise bewältigen, ohne die bestehende gesellschaftliche Struktur zu zerstören. Darin lag seine Grundlogik offen: Ordnung ist wichtiger als Veränderung. Wird die Veränderung jedoch unausweichlich, verwandelt sich das Festhalten an der Ordnung in ein Ausweichen vor der Wirklichkeit.
Drei Ordnungsmodelle, drei zentrale Anliegen, drei Arten von Rest. Keines war vollkommen. Keines war ohne Preis.
IV. Hier halten wir inne
Hier endet die Reihe. Nicht, weil die Geschichte zu Ende wäre; davon ist sie weit entfernt. Sondern weil schon der nächste Schritt in den umfassenden Krieg und die Geschichte danach führt. Dort würde das moralische Urteil den Raum für Strukturanalyse fast auf null zusammendrängen.
Wir halten unmittelbar vor dem umfassenden Krieg gegen Japan inne, weil dieser Augenblick einen geradezu idealen Beobachtungspunkt bietet. In einem einzigen Querschnitt sieht man alle Themen des zweitausendjährigen Kreislaufs von Abtragen und Aufbau nebeneinander bestehen.
Die Grundlogik von Version 3.5 besteht fort.
Die Form des Kaisertums war zu Ende, die Logik der Machtkonzentration war es nicht. Zwei der drei Ordnungsentwürfe, der parteistaatliche und der sowjetische, teilten eine zentrale Annahme: Es gibt eine Gruppe mit überlegener Einsicht, die das Recht besitzt, anstelle aller anderen zu entscheiden. Strukturell unterscheidet sich diese Annahme nicht wesentlich von der kaiserlichen Vorstellung, der Himmelssohn lenke im Auftrag des Himmels sein Volk wie ein Hirte seine Herde. Der Name änderte sich: aus dem Himmelssohn wurde die Partei. Die Begründung änderte sich: An die Stelle des Himmelsmandats traten der historische Materialismus oder die Drei Volksprinzipien. Die Grundlogik blieb: Manche sind eher als andere berechtigt, die Macht auszuüben.
Die äußere Form von Version 3.5 war deinstalliert. Ihre Logik lief als Rest weiter, nur in neuen Kleidern.
Die Erhaltung des Restes gilt weiterhin.
Jedes der drei Ordnungsmodelle beseitigte bestimmte Reste und erzeugte zugleich neue. Der parteistaatliche Aufbau beseitigte den Rest der Zersplitterung unter Kriegsherren durch die Einigung im Nordfeldzug, erzeugte aber den Rest der Einparteidiktatur. Der sowjetische Aufbau beseitigte mit der Agrarrevolution den Rest der Landkonzentration, erzeugte dafür den Rest eines immer weiter ausgedehnten Klassenkampfes. Der reformerische Aufbau brachte keine großen Reste hervor, war aber außerstande, die vorhandenen zu beseitigen. Denn dafür braucht es Macht, und an nichts fehlte es diesem Aufbau mehr als an Macht.
Kein Ordnungsmodell kann sämtliche Reste beseitigen. Jede Art, alte Reste zu beseitigen, erzeugt neue. Die Gesamtmenge bleibt erhalten, die Formen ändern sich. Dieses Gesetz wirkt seit Yao, Shun und Yu bis zu diesem Punkt. Nicht einen Tag hat es ausgesetzt.
Der Phasenübergang zum „Menschen als Selbstzweck“ beschleunigt sich weiter.
Vor zweitausend Jahren sagte Menzius: „Das Volk hat den höchsten Rang.“ Vor tausend Jahren diente dieser Satz konfuzianischen Gelehrten als rhetorisches Werkzeug, um den Kaiser zu kritisieren. Vor hundert Jahren war er zu einer geistigen Waffe gegen das Kaisertum geworden. In den 1930er-Jahren war die Vorstellung vom Menschen als Selbstzweck längst mehr als ein chinesischer Gedanke. Sie war ein weltweiter Phasenübergang. In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung stand: „Alle Menschen sind gleich geschaffen.“ Die Französische Revolution rief: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!“ Die Sowjetunion behauptete, die gesamte Menschheit befreien zu wollen. Selbst der japanische Militarismus musste sich später mit Worten vom „gemeinsamen Wohlstand Großostasiens“ verkleiden. Nicht einmal offen sagen konntest du noch: „Ich will dich erobern.“ Du musstest sagen: „Ich will dich befreien.“
Versuche, Menschen zum Mittel zu machen, stießen immer wieder an Grenzen. Qin machte Menschen zum Mittel und hielt fünfzehn Jahre durch. Die mongolische Yuan-Dynastie machte Menschen zum Mittel und hielt siebenundneunzig Jahre durch. Yuan Shikai wollte das Kaisertum wiederherstellen, also Menschen wieder in Untertanen verwandeln, und hielt dreiundachtzig Tage durch. Die Menschen ließen sich immer schwerer in die Rolle bloßer Untertanen zurückdrängen. In der Moderne war der Spielraum, in dem eine Wiederherstellung der Monarchie Fuß fassen konnte, deutlich enger geworden.
Hier tritt das verborgene Rückgrat dieser ganzen Reihe ein letztes Mal hervor: Das Abtragen hört nicht auf, der Aufbau gelangt nie zur Geschlossenheit. Der tiefste Grund dafür liegt weder in unzureichenden Techniken des Abtragens noch in Konstruktionsfehlern des Aufbaus. Er liegt darin, dass der Mensch Selbstzweck ist.
Dass der Mensch Selbstzweck ist, bedeutet: Kein Aufbau kann ihn für immer auf einen bestimmten Platz festlegen. Denn Menschen entwickeln sich. Ihre Bedürfnisse entwickeln sich, ihr Verständnis der Welt entwickelt sich, ihr Anspruch auf die eigene Würde entwickelt sich. Wie ausgeklügelt dein Aufbau auch sein mag, du hast ihn für die Menschen dieses Augenblicks entworfen. Die Menschen verändern sich, der Aufbau bleibt gleich, und Risse entstehen. Diese Risse sind der Rest.
Der Rest vergeht nicht, weil die Menschen nicht aufhören, sich zu entwickeln.
Der Aufbau gelangt nicht zur Geschlossenheit, weil der Rest nicht vergeht.
Das Abtragen hört nicht auf, weil der Aufbau nicht zur Geschlossenheit gelangt.
Das ist ein unendlicher Kreislauf. Aber kein pessimistischer. Es ist ein Kreislauf, in dem es um die Würde des Menschen geht. Jedes Abtragen bekräftigt aufs Neue: „So darf man Menschen nicht behandeln.“ Jedes Scheitern eines Aufbaus beweist erneut: „Keine Institution kann Menschen für immer zum Mittel machen.“
Unser Weg durch zweitausend Jahre Kaiserherrschaft ist zu Ende. Der Kreislauf von Abtragen und Aufbau ist es nicht. Er wird es nie sein. Solange die Menschen sich weiterentwickeln, wird er nicht enden.
Das ist kein Anlass zum Bedauern. Es ist ein Grund zur Hoffnung.
Ein Kreislauf, der sich endgültig beenden ließe, würde bedeuten, dass die Menschen aufgehört hätten, sich zu entwickeln. Dass sie nicht mehr nach einem besseren Leben, größerer Freiheit und einer Würde, die tiefer reicht, strebten. Das wäre die eigentliche Tragödie.
Das Abtragen hört nicht auf. Der Aufbau gelangt nicht zur Geschlossenheit. Der Rest vergeht nicht.
Denn der Mensch ist Selbstzweck.
(Ende der gesamten Reihe)
Diese deutsche Ausgabe wurde für deutschsprachige Leser eigenständig neu geschrieben.