Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Chinesische Geschichte · 25 Essays · 18 / 25

Essay 18: Die Nördliche Song – Höhepunkt und Grenzen der zivilen Beamtenordnung

Mit der Entmachtung seiner Generäle bei einem Becher Wein löste Zhao Kuangyin das Problem übermächtiger Heerführer ein für alle Mal. Der Preis war eine systematische Schwächung der militärischen Leistungsfähigkeit.…

Mit der Entmachtung seiner Generäle bei einem Becher Wein löste Zhao Kuangyin das Problem übermächtiger Heerführer ein für alle Mal. Der Preis war eine systematische Schwächung der militärischen Leistungsfähigkeit. Dieser Tausch prägte den gesamten Charakter der Nördlichen Song: Unter den großen Einigungsdynastien der chinesischen Geschichte brachte sie die zivile Staatsführung am weitesten und die militärische Macht am wenigsten zur Entfaltung.

Der Höhepunkt ziviler Staatsführung ist keine bloße Redensart. In der Feinheit ihrer institutionellen Entwürfe, der Reife ihres Beamtenapparats und der Fülle ihrer kulturellen Schöpfungen erreichte die Nördliche Song den Gipfel der chinesischen Kaiserzeit. Die weitere Vervollkommnung der drei Departements und sechs Ministerien, die gewaltige Ausweitung der Beamtenprüfungen, die Demokratisierung des Wissens durch den Buchdruck, die Entstehung des Neokonfuzianismus, das goldene Zeitalter der Ci-Lyrik: All das fällt in die Zeit der Nördlichen Song.

Auch die militärische Schwäche ist keine bloße Redensart. In den 167 Jahren ihres Bestehens, von 960 bis 1127, gewann die Nördliche Song die sechzehn Präfekturen von Yan und Yun nie zurück, errang weder gegen die Liao noch gegen die Westliche Xia einen entscheidenden Sieg und ging schließlich unter, als die Jin nach Süden vorrückten. Sie war möglicherweise die einzige große Einigungsdynastie der chinesischen Geschichte, die während ihrer gesamten Existenz strategisch in der Defensive blieb.

Beides traf nicht zufällig zusammen. Es waren Vorder- und Rückseite derselben Entscheidung über den Aufbau des Staates.

I. Zhao Kuangyins Gesamtentwurf

Die Entmachtung der Generäle bei einem Becher Wein war nur der Anfang. Darauf baute Zhao Kuangyin ein ganzes Gefüge aufeinander abgestimmter Institutionen auf. An Genauigkeit des Entwurfs und Umsicht stand er Yang Jian in nichts nach.

Machtaufteilung und gegenseitige Kontrolle durchzogen sämtliche Ebenen.

Im Zentrum wurde die Macht des Kanzlers zerlegt. Der Militärrat übernahm die Militärverwaltung; damit hatte der Kanzler keinen Zugriff mehr auf die Armee. Der Leiter der drei Finanzbehörden erhielt die Finanzgewalt; damit hatte der Kanzler auch keinen Zugriff mehr auf das Geld. Ihm blieb allein die Zivilverwaltung. Die Macht eines einzigen Kanzlers war nun in drei Teile aufgespalten, verteilt auf drei Behörden, von denen keine der anderen unterstand.

In den Regionen erhielt jeder Lu, ein Verwaltungsbezirk auf Provinzebene, vier gleichrangige Leiter: einen Transportkommissar für die Finanzen, einen Justizaufseher für die Rechtsprechung, einen Befriedungskommissar für das Militär und einen Kommissar der Ausgleichsspeicher für die zivilen Angelegenheiten. Keiner dieser vier unterstand einem der anderen. Jeder war seiner eigenen Fachbehörde in der Zentrale verantwortlich. Niemand konnte die gesamte Macht eines Lu in seiner Hand vereinigen.

Beim Militär galt das bereits im vorigen Essay ausführlich beschriebene Prinzip: Soldaten und Generäle wurden voneinander getrennt, die Befugnis zur Truppenverlegung von der Befugnis zur Truppenführung geschieden und die Armee unter zivile Aufsicht gestellt.

So weit ging die Aufteilung der Macht in keiner anderen Epoche der chinesischen Politikgeschichte. Zhao Kuangyins Grundgedanke war vollkommen klar: In keiner einzelnen Hand durfte sich Macht konzentrieren, die des Kaisers ausgenommen. Ob Kanzler, General oder Regionalbeamter: Jeder durfte nur ein Bruchstück davon besitzen. Diese Bruchstücke sollten einander überwachen, in Schach halten und Grenzen setzen.

Als Umgang mit Resten betrachtet, war das eine bis zum Äußersten getriebene vorbeugende Strategie. Wenn jeder, der zu viel Macht besaß, zur Bedrohung werden konnte, durfte eben niemand zu viel Macht besitzen. Man zerschnitt die Macht, verteilte sie an viele und ließ sie einander auf die Finger sehen.

Gegen die Thronusurpation durch mächtige Minister und gegen den Aufstand von Generälen war dieser Entwurf außerordentlich wirksam. In den 167 Jahren der Nördlichen Song gab es keine einzige Krise, in der ein übermächtiger Minister nach dem Thron griff, eine Seltenheit in der chinesischen Dynastiegeschichte. Ebenso wenig kam es zu einer großangelegten Rebellion von Heerführern.

Doch der Entwurf hatte eine gewaltige Nebenwirkung: Er war extrem ineffizient.

Machtaufteilung bedeutete, dass jede Entscheidung zwischen mehreren Behörden abgestimmt werden musste. Abstimmung kostete Zeit: Schriftstücke wanderten hin und her, Stellungnahmen mussten gesammelt, Meinungsverschiedenheiten geschlichtet und Kompromisse gefunden werden. Im Frieden ließ sich diese Schwerfälligkeit ertragen. Es eilte ja nicht. Im militärischen Ernstfall war sie tödlich. Die feindliche Reiterei wartete nicht, bis ein Schriftstück den Dienstweg durchlaufen hatte.

In ihren Kriegen gegen äußere Gegner bezahlte die Nördliche Song immer wieder für diese Ineffizienz. Wollte ein Grenzkommandeur Truppen verlegen, musste er den Militärrat um Erlaubnis bitten. Der Militärrat musste sich mit dem Kanzler abstimmen. Der Kanzler musste beim Kaiser nachfragen. Der Kaiser musste die Meinung weiterer Minister einholen. War die Runde endlich durch, hatte der Feind seine Schlacht längst geschlagen und Feierabend gemacht.

Damit sind wir wieder bei der Lehre aus dem Essay über die Drei Reiche: Zwischen Effizienz und Widerstandsfähigkeit, hier in Gestalt innerer Sicherheit, besteht ein Zielkonflikt. Die Nördliche Song entschied sich für die größtmögliche Sicherheit: Niemand sollte die Kaisermacht bedrohen können. Sie bezahlte dafür mit der geringstmöglichen Effizienz: Niemand konnte rasch eine wirksame Entscheidung treffen.

II. Der umfassende Ausbau der Beamtenprüfungen – eine neue gesellschaftliche Grundlage des Staatsaufbaus

Was die Nördliche Song aus dem Prüfungssystem machte, war revolutionär.

Deutlich mehr erfolgreiche Kandidaten.

Unter den Tang erhielten bei einer Prüfungsrunde zwanzig oder dreißig Kandidaten den Jinshi-Grad. Unter den Nördlichen Song waren es mehrere Hundert, seit der Zeit Renzongs bisweilen mehr als fünfhundert. Aus einem schmalen Spalt wurde ein tatsächlich bedeutsamer Weg des sozialen Aufstiegs. Das Prüfungssystem war nicht mehr bloß ein schmaler Steg für einige wenige Genies, sondern ein Tor, durch das auch zahlreiche Menschen mittlerer und höherer Begabung eine vernünftige Chance hatten hindurchzukommen.

Die Einführung der Palastprüfung.

Song Taizu führte die Palastprüfung ein. Alle Kandidaten, die das zentrale Examen bestanden hatten, wurden zuletzt im Palast vom Kaiser persönlich geprüft und in eine Rangfolge gebracht. Damit waren sämtliche Jinshi „Schüler des Himmelssohns“. Ihr Gönner war kein bestimmter Prüfungsleiter mehr, sondern der Kaiser selbst. Das kappte die persönliche Verbindung zwischen Prüfer und Prüfling. Unter den Tang hatte das Verhältnis zwischen Prüfungsleiter und „Schüler“ eine wichtige politische Bindung geschaffen. Nun wurde die Loyalität der gesamten zivilen Beamtenschaft von einzelnen Personen auf den Kaiser ausgerichtet.

Anonymisierung und Abschrift der Prüfungsarbeiten.

Auf den Prüfungsarbeiten wurden die Namen verdeckt. Anschließend schrieben eigens dafür eingesetzte Kräfte die Texte noch einmal ab, damit die Korrektoren auch an der Handschrift nicht erkennen konnten, wer die Arbeit verfasst hatte. Erst dann gelangten die Arbeiten zur Bewertung. Das sollte Betrug und Begünstigung durch persönliche Beziehungen verhindern. Eine derart ausgefeilte Vorkehrung hatte in der damaligen Welt kein zweites Beispiel. Selbst die Korruptionsbekämpfung im Prüfungssystem war institutionalisiert.

Die Vereinheitlichung der Prüfungsinhalte.

Seit Renzongs Zeit verlagerte sich der Schwerpunkt der Prüfungen allmählich von Gedichten und kunstvoller Reimprosa auf Erörterungen politischer Fragen. Geprüft wurde nicht die literarische Begabung, sondern die Fähigkeit, politische Probleme zu analysieren und Lösungen zu entwickeln. Das Prüfungssystem wählte damit zunehmend Menschen aus, die praktische Probleme durchdenken konnten, statt vor allem solche, die elegante Texte verfassten.

Unter dem Gesichtspunkt des Aufbaus gelang der Nördlichen Song mit der Ausweitung ihrer Prüfungen etwas, das keine frühere Dynastie geschafft hatte: Sie gab der zentralisierten Herrschaft eine wirkliche gesellschaftliche Grundlage.

In den ursprünglichen Entwürfen der Versionen 3.0 und 3.5 war diese Grundlage unscharf geblieben. Worauf konnte der Kaiser sich gegen regionale Machtgruppen stützen? Auf die Armee, die allerdings meutern konnte? Auf Beamte, die allerdings von den regionalen Mächten vereinnahmt werden konnten? Auf die Ideologie, die allerdings weich war und gegen harte Macht nichts ausrichten konnte?

Das Prüfungssystem der Nördlichen Song brachte eine soziale Schicht hervor, deren Interessen institutionell an die Zentralgewalt gebunden waren: die durch Prüfungen aufgestiegenen Zivilbeamten. Alles, was sie besaßen, verdankten sie diesem System. Ihren gesellschaftlichen Rang, denn der Jinshi-Abschluss war die höchste soziale Auszeichnung. Ihr Einkommen, das Beamtengehalt. Ihre Macht, das von der Zentrale verliehene Amt. Brach die Zentralherrschaft zusammen, verloren sie alles. Entsprechend stark war ihr Antrieb, sie zu erhalten.

Das war institutionalisierte Loyalitätsproduktion. Sie beruhte nicht auf persönlichen Tugenden, also darauf, ob jemand ein loyaler Mensch war, sondern auf der Verknüpfung von Interessen: Deine Interessen sind an die Zentrale gebunden; verhältst du dich illoyal, schadest du dir selbst. Das war verlässlicher als der ausschließliche Vorrang des Konfuzianismus in Version 3.0, der Loyalität durch moralische Erziehung erzeugen sollte. Moral kann nachlassen. Eigeninteresse nicht.

Die aus den Prüfungen hervorgegangene Beamtenschicht wurde fortan zur gesellschaftlichen Stütze des chinesischen Kaisertums. Von der Nördlichen Song bis in die späte Qing-Zeit, in der die Prüfungen 1905 abgeschafft wurden, hielt diese Stütze fast tausend Jahre lang. Eine Dynastie löste die andere ab. Die Beamten waren immer noch da. Sie waren die langlebigste Komponente des Betriebssystems 3.5.

III. Wang Anshis Reformen – der klassische Fall einer Reform innerhalb des bestehenden Aufbaus

Von den späten Regierungsjahren Song Renzongs bis in die Zeit Song Shenzongs stand die Nördliche Song vor einer schweren Finanzkrise.

An ihrer Wurzel lagen die „drei Übermaße“: zu viele Beamte, zu viele Soldaten und zu hohe Ausgaben.

Zu viele Beamte: Die größere Zahl erfolgreicher Prüfungskandidaten und das Privileg, als Sohn oder jüngerer Angehöriger eines Beamten unmittelbar ein Amt zu erhalten, ließen den Apparat weit über den tatsächlichen Bedarf hinaus anschwellen. Eine riesige Beamtenschaft verschlang riesige Summen an Gehältern.

Zu viele Soldaten: Die Nördliche Song unterhielt ein gewaltiges stehendes Heer. Die kaiserlichen Truppen und die regionalen Garnisonstruppen zählten zusammen auf ihrem Höchststand mehr als 1,2 Millionen Mann. Ihre Kampfkraft blieb dennoch gering. Ein großer Teil des Militärhaushalts diente dazu, Soldaten zu ernähren. Was man sich damit kaufte, war nicht militärische Schlagkraft, sondern gesellschaftliche Stabilität. Viele gingen zur Armee, weil sie keine andere Arbeit fanden. Das Heer wurde zu einer verdeckten Einrichtung der Sozialfürsorge.

Zu hohe Ausgaben: Die jährlichen Zahlungen an Liao und Westliche Xia, also die Gebühren für den Frieden, die Opferzeremonien, die Hofhaltung und vielerlei andere Posten wurden immer teurer.

Im Kern bedeuteten die „drei Übermaße“, dass die Betriebskosten des Aufbaus stiegen. Das Prüfungssystem produzierte immer mehr Zivilbeamte, genau dafür war es entworfen worden. Doch für all diese Beamten brauchte man Stellen und Gehälter. Die institutionellen Vorkehrungen gegen übermächtige Generäle ließen eine große, aber ineffiziente Armee entstehen. Man hielt zahlreiche Soldaten, die nicht kämpfen konnten, um Menschen durch den Militärdienst zu ernähren und zu verhindern, dass umherziehende Besitzlose sich zu Aufständen zusammenschlossen. Frieden mit Geld zu kaufen war zwar billiger als Krieg zu führen, blieb aber ein beständiger Ausgabeposten.

Mit Unterstützung Shenzongs setzte Wang Anshi, der von 1021 bis 1086 lebte, zwischen 1069 und 1085 eine Reihe von Reformen durch. Sie sind unter den Namen „Xining-Reformen“ oder „Wang-Anshi-Reformen“ bekannt.

Zu ihren wichtigsten Maßnahmen gehörten:

Das Gesetz über die „grünen Triebe“: In der Zeit, in der die Vorräte der alten Ernte aufgebraucht waren und die neue noch auf den Feldern stand, gewährte der Staat den Bauern zinsgünstige Kredite. Zurückgezahlt wurde nach der Ernte. Das sollte den Wucher bekämpfen, die Bauern entlasten und zugleich dem Staat Einnahmen verschaffen.

Das Gesetz zur Ablösung der Dienstpflicht: Bis dahin hatten die Haushalte nach ihrer jeweiligen Steuerklasse im Wechsel unentgeltliche Dienste für die Behörden leisten müssen. Nun zahlten sie stattdessen eine Ablösesumme, mit der der Staat Arbeitskräfte anstellte. Der Vorteil: Niemand musste mehr zum Frondienst eingezogen werden. Das entlastete wohlhabende Haushalte, denn sie konnten zahlen, statt selbst Dienst zu leisten. Der Nachteil: Die Geldwirtschaft drang weiter in den Alltag ein. Nicht jeder Bauer hatte das Geld, um sich von der Dienstpflicht freizukaufen.

Das Baojia-Gesetz: Zehn Haushalte bildeten ein Bao, fünfzig ein Dabao, fünfhundert ein Dubao. Die Bauern innerhalb dieser Verbände wurden zu Milizen zusammengefasst und in der arbeitsarmen Jahreszeit militärisch ausgebildet. Ziel war eine örtliche Streitmacht, die den Staat kein Geld aus dem Militärhaushalt kostete und einen Teil der regulären Truppen ersetzen konnte.

Das Gesetz zum ausgeglichenen Warentransport und das Marktgesetz: Der Staat beteiligte sich am Warenverkehr. Staatliche Stellen kauften bei niedrigen Preisen und verkauften bei hohen, um die Preise zu stabilisieren und zugleich Einnahmen für die Staatskasse zu erzielen.

Wang Anshis Reformen waren ein Musterfall des Reformierens innerhalb eines bestehenden Aufbaus. Am Grundgerüst der Version 3.5 rüttelten sie nicht: Zentralgewalt, Prüfungswesen und Zivilbeamtentum blieben erhalten. Verändert wurden die Parameter innerhalb dieses Rahmens: die Art, wie der Staat Einnahmen erzielte, die Dienstpflicht und die Organisation des Militärs.

Die Richtung stimmte im Großen und Ganzen. Die „drei Übermaße“ waren wirkliche Probleme, die einer Lösung bedurften, und jede Maßnahme Wang Anshis hatte eine vernünftige logische Grundlage.

Doch die Reformen stießen auf heftigen Widerstand. Nach Shenzongs Tod wurden sie schließlich weitgehend wieder aufgehoben.

Woher kam der Widerstand? Aus der Beamtenschaft selbst.

Darin steckt eine außerordentliche Ironie. Die Nördliche Song hatte ein Regierungssystem geschaffen, dessen Mittelpunkt die Zivilbeamten bildeten. Seine Stärken waren Stabilität und gegenseitige Kontrolle. Sobald dieses System jedoch eine innere Reform brauchte, wurde die Kontrolle selbst zum Hindernis. Jede Reform berührte die Interessen eines Teils der Beamtenschaft. Das Gesetz zur Ablösung der Dienstpflicht traf etwa die Interessen von Beamten aus wohlhabenden Haushalten; das Gesetz zum ausgeglichenen Warentransport jene von Beamten mit Verbindungen zu Kaufleuten. Und die Kontrollmechanismen garantierten diesen Menschen die Möglichkeit, sich zu widersetzen und die Reformen zu blockieren.

Die Sache ging noch tiefer: Wang Anshis Gegner waren keineswegs allesamt selbstsüchtige Verteidiger ihrer eigenen Vorteile. Sima Guang, Su Shi, Ouyang Xiu: Unter ihnen waren viele aufrichtige, begabte und am Gemeinwohl orientierte Menschen. Sie stellten sich nicht gegen Wang Anshi, weil seine Reformen ihre Interessen angriffen, auch wenn das bei manchen durchaus zutraf. Sie hielten seine Methoden ehrlich für falsch. Zu starke staatliche Eingriffe in die Wirtschaft, meinten sie, würden die gesellschaftliche Ordnung durcheinanderbringen. Aus den Krediten des Gesetzes über die grünen Triebe würden in der Praxis Zwangszuteilungen werden; die Erfahrung gab dieser Sorge recht. Das Baojia-Gesetz werde die Bauern zusätzlich belasten; auch das bestätigte sich.

Vom Rest her betrachtet, offenbart das Scheitern von Wang Anshis Reformen ein grundlegendes Paradox der Beamtenordnung:

Du schaffst einen ausgereiften Beamtenapparat, der auf hohem Niveau über Politik diskutieren, Vorschläge gegeneinander abwägen und Entscheidungen prüfen kann. Diese Prüfungs- und Debattenfähigkeit ist echt. Die Beamten sind tatsächlich klug. Sie können tatsächlich die Lücken und Risiken eines Reformplans erkennen.

Doch dieselbe Fähigkeit macht es beinahe unmöglich, eine Reform durchzubringen. Jeder Reformplan hat Lücken und Risiken, einen vollkommenen Plan gibt es nicht. Und ein hinreichend kluger Gegner wird diese Lücken und Risiken immer finden, um den Plan anzugreifen. Je klüger deine Beamten sind, je besser sie debattieren und je kritischer sie denken können, desto schwerer lassen sich deine Reformen umsetzen.

Die Fähigkeit eines Systems, sich selbst zu reparieren, und seine Fähigkeit, sich selbst zu verneinen, sind zwei Seiten derselben Fähigkeit. Institutionalisierte Kritik kann falsche politische Maßnahmen verhindern, das ist ihre gute Seite. Sie kann aber auch richtige verhindern, das ist ihre schlechte. Du kannst nicht die eine Seite haben und die andere abbestellen.

Wang Anshi entschied sich schließlich dafür, die Reformen mit dem Zwang der Kaisermacht durchzusetzen. Gestützt auf Shenzong unterdrückte er die Opposition. Kurzfristig funktionierte das. Doch es brachte einen noch größeren Rest hervor: den Kampf der politischen Fraktionen.

Aus dem sachpolitischen Streit zwischen Reformern und Konservativen wurde ein ideologischer Gegensatz, aus diesem Gegensatz eine umfassende personelle Säuberung. Kam die eine Seite an die Macht, ließ sie sämtliche Leute der anderen degradieren oder aus ihren Ämtern entfernen. Kam die andere zurück, schaffte sie sämtliche Maßnahmen ihrer Vorgänger ab und ließ nun deren Leute allesamt degradieren oder entlassen. Das ging hin und her. Aus einer Beamtenschaft, die trotz innerer Spannungen als Ganzes funktioniert hatte, wurden zwei Lager, die einander hassten.

Dieser Fraktionskampf war das beherrschende Merkmal der Politik in der späten Nördlichen Song. Er verschlang gewaltige Energien des Beamtenapparats. Was der Regierung des Landes hätte dienen sollen, floss in innere Lagerkämpfe. Gegen Ende der Dynastie, unter Huizong, waren das öffentliche Vertrauen in die Beamtenschaft und ihre Fähigkeit zur Zusammenarbeit durch diese Kämpfe nahezu restlos aufgezehrt.

Die Lehre aus Wang Anshis Reformen ist ein tiefes Paradox des richtigen Zeitpunkts: Genau dann, wenn eine Reform am dringendsten gebraucht wird, lässt sie sich am schwersten durchsetzen. Solange das System gut läuft, fehlt jeder Sinn für Dringlichkeit. Warum etwas ändern? Es funktioniert doch! Wenn das System in Schwierigkeiten gerät und Reformen braucht, verhindern seine inneren Kontrollmechanismen die Veränderung. Schließlich waren sie gerade dafür entworfen worden, leichtfertige Eingriffe abzuwehren.

IV. Mehrere Reiche nebeneinander – verschiedene Bauformen zur selben Zeit

Ostasien war zur Zeit der Nördlichen Song keine Welt, die von einem einzigen Reich beherrscht wurde. Es war eine Welt mehrerer gleichzeitig bestehender Staaten: Nördliche Song, Liao, Westliche Xia, Dali und später Jin. Im selben Raum funktionierten zur selben Zeit unterschiedliche politische Bauformen.

Seit der Zeit der Streitenden Reiche hatte es kein so deutliches Nebeneinander verschiedener Bauformen mehr gegeben. Auch während der Drei Reiche, der Sechzehn Reiche und der Südlichen und Nördlichen Dynastien hatten mehrere Staaten nebeneinander bestanden. Doch sie nutzten mehr oder weniger Varianten derselben Bauform. Die Unterschiede zwischen Song, Liao, Xia und Jin waren grundlegender Natur. Hier unterschieden sich nicht bloß die Einstellungen einzelner Parameter, sondern die Logik des gesamten Unterbaus.

Liao, das Reich der Kitan: ein dualer Aufbau.

Der institutionelle Entwurf der Liao war höchst eigenständig. Die „Südlichen Ämter“ verwalteten die Han-Bevölkerung nach chinesischem Muster, mit drei Departements, sechs Ministerien sowie einer Gliederung in Präfekturen und Kreise. Die „Nördlichen Ämter“ verwalteten die Kitan und die übrigen nomadischen Gruppen nach der traditionellen Stammesordnung der Kitan. Ein Land, zwei Systeme. Jedes kümmerte sich um die Seinen.

Dieser duale Aufbau war die pragmatische Antwort auf ein wirkliches Dilemma: Wie sollte eine einzige Ordnung zwei Bevölkerungen verwalten, die auf vollkommen unterschiedliche Weise lebten? Die ackerbauenden Han brauchten Landzuteilung, Steuererhebung und zivile Verwaltung. Die nomadischen Kitan brauchten die Zuteilung von Weidegebieten, Stammesverbände und militärische Mobilisierung. Ein einziges institutionelles System konnte unmöglich beiden Bedürfnissen gerecht werden.

Die Lösung der Liao bestand darin, Einheit nicht zu erzwingen. Wer du warst, entschied darüber, nach welcher Ordnung du regiert wurdest. Das war beweglicher und pragmatischer als die vollständige Sinisierung, die Kaiser Xiaowen der Nördlichen Wei verfolgt hatte. Xiaowen wollte aus allen Han machen: Assimilation in nur einer Richtung. Die Liao ließen jede Gruppe bleiben, was sie war: ein duales Nebeneinander.

Die Stärke des dualen Aufbaus war seine Stabilität. Beide Bevölkerungsgruppen erhielten eine Verwaltung, die zu ihnen passte; die Unzufriedenheit hielt sich in Grenzen. Zwischen dem zehnten und zwölften Jahrhundert gehörte Liao zu den stabilsten Reichen Ostasiens. Es bestand ungefähr 210 Jahre und damit länger als die Nördliche Song.

Sein Rest war die Schwierigkeit der Integration. Die Abstimmung zwischen zwei Systemen blieb eine Daueraufgabe. Wer hatte mehr Macht? Wie wurden die Mittel verteilt? Wer entschied bei Konflikten? Außerdem neigte der duale Aufbau von sich aus dazu, den bestehenden Zustand festzuhalten. Umfassende Reformen ließen sich nicht durchsetzen, denn was in dem einen System wirkte, musste im anderen noch lange nicht wirken.

Westliche Xia, das Reich der Tanguten: ein gemischter Aufbau.

Die Bauform der Westlichen Xia verband chinesische Institutionen mit tangutischer Tradition. Die Oberfläche war chinesisch geprägt: Beamtenapparat, Rechtssystem und Schrift. Die tangutische Schrift war nach dem Vorbild chinesischer Zeichen geschaffen worden. Der Unterbau blieb tangutisch: Stammesverbände, Kriegeradel und nomadische Wirtschaft.

Dieser gemischte Aufbau war weniger klar gegliedert als der duale Aufbau der Liao. Hier liefen nicht zwei Systeme nebeneinander. Hier wurden zwei Bestandteile miteinander verrührt. Durch das Vermischen verschwammen die Grenzen. Das schuf Beweglichkeit, aber eben auch Instabilität.

Dass die Westliche Xia bei ihrer geringen Größe fast zweihundert Jahre, von 1038 bis 1227, überdauerte, verdankte sie nicht der Fortschrittlichkeit ihrer Institutionen. Sie hatte nur ungefähr zwei bis drei Millionen Einwohner, weit weniger als Song und Liao. Ihre Vorteile lagen in der Geografie: Der Hexi-Korridor und die Ningxia-Ebene boten eine natürliche Tiefe für die Verteidigung. Hinzu kam eine bewegliche Diplomatie, die zwischen Song und Liao, später zwischen Song und Jin, auf beiden Seiten Vorteile zu finden verstand.

Jin, das Reich der Dschurdschen: der Meng’an-Mouke-Aufbau.

Nach der Gründung ihres Reiches führten die Jin in dessen Kerngebieten das Meng’an-Mouke-System ein, eine militarisierte Form gesellschaftlicher Organisation. Meng’an, Einheiten von tausend Haushalten, und Mouke, Einheiten von hundert Haushalten, waren zugleich militärische und administrative Verbände. Die Dschurdschen wurden ihnen zugeteilt. Im Frieden bestellten sie die Felder, im Krieg zogen sie ins Feld.

Strukturell ähnelte das dem Fubing-System: Bauer und Soldat waren eins. Doch der Meng’an-Mouke-Aufbau besaß ein Merkmal, das dem Fubing-System fehlte. Er war ethnisch gegliedert. Dschurdschen kamen in die Meng’an-Mouke-Verbände, Han nicht. Für die Han galt die Verwaltung in Präfekturen und Kreisen. Damit kehrte der Gedanke des dualen Liao-Aufbaus zurück, allerdings in noch ungleicherer Form. Die Dschurdschen genossen im Meng’an-Mouke-System Privilegien. Die Han waren beherrschte Bürger zweiter Klasse.

Später versuchten auch die Jin eine Sinisierung, ähnlich wie Kaiser Xiaowen der Nördlichen Wei. Doch sie kamen damit nur begrenzt voran. Das Meng’an-Mouke-System gewährte dem dschurdschen Adel derart große Vorrechte, dass er sie nicht aufgeben wollte. Es war das alte Problem jeder Reform einer privilegierten Schicht: Reform bedeutet, dass man etwas hergeben muss. Wer aber gibt freiwillig seine eigenen Privilegien her?

Das Nebeneinander dieser vier Bauformen beweist eines: Zur selben Zeit können im selben geografischen Raum mehrere grundverschiedene politische Ordnungen funktionieren.

Das war keine neue Entdeckung. Schon die sieben Staaten der Zeit der Streitenden Reiche hatten unterschiedliche Bauformen besessen. Auch hier verdient das lange Nebeneinander besondere Aufmerksamkeit: Liao und Song bestanden mehr als hundert Jahre gleichzeitig, Song und Jin ebenfalls.

Ein langes Nebeneinander bedeutet, dass im Wettbewerb keine Bauform einen überwältigenden Vorsprung gewann. Die Beamtenordnung der Song war wirtschaftlich entwickelt, aber militärisch schwach. Der duale Aufbau der Liao war stabil, konnte sich aber nicht ausdehnen. Der Meng’an-Mouke-Aufbau der Jin war militärisch stark, aber in der Staatsführung grob. Der gemischte Aufbau der Westlichen Xia war beweglich, aber zerbrechlich. Jede Bauform hatte Bereiche, in denen sie stark war, und andere, in denen sie schwach war.

Das liefert einen weiteren Beleg dafür, dass es keine optimale Bauform gibt. Was optimal ist, hängt vom Maßstab ab. Geht es um wirtschaftliche Entwicklung, steht Song an erster Stelle. Geht es um militärische Macht, Jin. Geht es um Stabilität, Liao. Geht es um die Fähigkeit eines kleinen Staates, zwischen weit größeren zu überleben, die Westliche Xia.

Keine Bauform ist nach allen Maßstäben die beste. Darin zeigt sich die Erhaltung des Restes auf der Ebene politischer Bauformen: Ein Vorteil in einer Dimension wird notwendig mit einem Nachteil in einer anderen bezahlt. Das Äußerste ziviler Staatsführung bei den Song ging mit äußerster militärischer Schwäche einher. Das Äußerste militärischer Stärke bei den frühen Jin mit grober Staatsführung. Du kannst nicht in sämtlichen Dimensionen zugleich der Beste sein.

V. Die Jingkang-Katastrophe – die letzte Abrechnung mit der Beamtenordnung

Im Jahr 1127 durchbrach das Heer der Jin die Verteidigung von Kaifeng. Es nahm die Song-Kaiser Huizong und Qinzong gefangen und verschleppte sie zusammen mit mehreren Tausend Angehörigen des Kaiserhauses, Kaiserinnen, Konkubinen und hohen Beamten nach Norden. Das war die Jingkang-Katastrophe. Die Nördliche Song war zu Ende.

Die unmittelbare Ursache war militärischer Natur. Das Heer der Jin war dem der Song an Kampfkraft weit überlegen. Die Übermacht, mit der die dschurdsche Reiterei die Song-Infanterie überrollte, entsprach im Muster jener, mit der einst Qins Truppen die Heere der sechs anderen Staaten zerschlagen hatten. Dazu kam der außerordentlich schwerfällige militärische Befehlsapparat der Nördlichen Song. Die im ersten Abschnitt beschriebene Machtaufteilung und die gegenseitige Kontrolle verwandelten sich im Krieg in ein katastrophales Gerangel um Zuständigkeiten.

Die grundlegende Ursache der Jingkang-Katastrophe war jedoch strukturell. Sie war die endgültige Abrechnung mit jener politischen Bauform, für die Zhao Kuangyin sich mehr als 160 Jahre zuvor entschieden hatte.

Entmachtung der Generäle bei einem Becher Wein → Kontrolle der Heerführer durch Zivilbeamte → systematische Schwächung der militärischen Leistungsfähigkeit → Unfähigkeit, äußere Feinde abzuwehren → Untergang durch äußere Feinde.

Diese Kausalkette ist von schmerzhafter Klarheit. Jedes Glied folgt logisch aus dem vorigen. Und jedes Glied ist auf seiner eigenen Ebene „vernünftig“. Die Entmachtung der Generäle bei einem Becher Wein beseitigte die reale Bedrohung durch übermächtige Heerführer. Die Kontrolle des Militärs durch Zivilbeamte entsprach einer aufrichtigen gemeinsamen Überzeugung der gebildeten Schicht. Die Schwächung der Kampfkraft war eine notwendige Nebenwirkung von Machtaufteilung und gegenseitiger Kontrolle. Kein Glied war „falsch“. Doch alle „richtigen“ Glieder zusammengenommen führten am Ende zum Untergang des Reiches.

Hier zeigt die Erhaltung des Restes ihr grausamstes Gesicht. Jede Entscheidung, die du triffst, ist richtig. Doch die Kosten der richtigen Entscheidungen summieren sich, bis sie deine Belastungsgrenze überschreiten. Du gehst nicht unter, weil du einen Fehler gemacht hast. Du gehst unter, weil eines Tages die Rechnung für all deine richtigen Entscheidungen gleichzeitig fällig wird.

Nach der Jingkang-Katastrophe gründete Zhao Gou im Süden die Südliche Song, die von 1127 bis 1279 bestand. Sie übernahm sämtliche Institutionen der Nördlichen Song: Zivilbeamtentum, Prüfungswesen, Machtaufteilung und gegenseitige Kontrolle. Sie übernahm auch sämtliche Probleme: militärische Schwäche, innere Fraktionskämpfe und die Schwierigkeit, Reformen durchzusetzen.

Die Südliche Song hielt noch einmal 152 Jahre durch. Zusammen mit den 167 Jahren der Nördlichen Song bestand die Song-Dynastie des Hauses Zhao insgesamt 319 Jahre. Unter den großen Einigungsdynastien Chinas wurde sie darin nur von den Han mit 407 Jahren übertroffen. Misst man allein die Lebensdauer der Herrschaft, lässt sich die Beamtenordnung schwerlich als gescheitert bezeichnen. Sie tauschte lediglich die Art des Untergangs aus: innere Auflösung gegen äußere Eroberung.

Was bedeutet diese Verschiebung aus der Sicht von Abtragen und Aufbau? Die Song-Variante der Version 3.5 hatte die inneren Reste aller früheren Versionen erfolgreich bewältigt: Generalsaufstände, Usurpation durch übermächtige Minister und die Monopole der großen Adelsgeschlechter. Den äußeren Rest konnte sie nicht bewältigen: ihre Unterlegenheit im militärischen Wettbewerb. Diese Bauform war im Inneren äußerst stabil und nach außen äußerst verwundbar.

Im Inneren war die Burg von erlesener Pracht. Ihre Mauern aber waren aus Papier.

VI. Was die Song zum Zyklusgesetz beiträgt

Die Nördliche Song nimmt im Zyklusgesetz von Abtragen und Aufbau einen ganz eigenen Platz ein. Sie liefert einige grundlegende Lehren, die zuvor noch nicht in dieser Form sichtbar geworden waren.

Erstens: Einen Rest zu bewältigen ist nicht kostenlos. Und der Preis kann sehr viel später fällig werden.

Die Entmachtung der Generäle bei einem Becher Wein beseitigte deren Übermacht. Der Preis war militärische Schwäche. Doch er wurde nicht sofort fällig. In der frühen Nördlichen Song, unter Taizu und Taizong, war noch eine gewisse militärische Leistungsfähigkeit vorhanden, getragen vom Nachhall der Einigungskriege. Die Kosten häuften sich erst mit der Zeit an. Unter den institutionellen Bedingungen der Machtaufteilung und gegenseitigen Kontrolle schwand die militärische Leistungsfähigkeit langsam, aber unumkehrbar. Bei der Jingkang-Katastrophe hatte sich der Niedergang von mehr als 160 Jahren zu einer nicht mehr tragbaren Last summiert.

Am gefährlichsten sind Kosten, deren Fälligkeit sich verschiebt. Wenn du deine Entscheidung triffst, siehst du den Preis noch nicht; er ist ja noch nicht fällig. Also hältst du deine Entscheidung für kostenlos. Wenn du den Preis endlich siehst, ist es zu spät, die Entscheidung zu ändern. Die institutionelle Trägheit von mehr als 160 Jahren lässt sich nicht mit einem Erlass umkehren.

Zweitens: Die Fähigkeit eines Systems, sich selbst zu reparieren, und seine Fähigkeit, sich selbst zu verneinen, sind dieselbe Fähigkeit.

Das Scheitern von Wang Anshis Reformen bewies es. Die Nördliche Song besaß die reifste politische Debattenkultur der chinesischen Geschichte. Diese Kultur konnte die Schwachstellen jedes Plans aufdecken, das war ihre gute Seite. Sie konnte ebenso die Umsetzung jedes Plans verhindern, das war ihre schlechte. Nur die gute Seite zu behalten, war nicht möglich.

Vor diesem Dilemma stehen alle ausgereiften institutionellen Systeme. Demokratien haben dasselbe Problem. Die Debattenfähigkeit eines Parlaments kann schlechte Gesetze verhindern, aber ebenso gute. Gegenseitige Kontrolle kann eine Diktatur verhindern, aber auch Lähmung hervorrufen. Eine gute Demokratie bleibt deshalb nicht bei der Kontrolle stehen. Sie baut zugleich Verfahren ein, die verhindern, dass diese Kontrolle in einem dauerhaften Patt endet: zeitlich begrenzte Debatten, verpflichtende Abstimmungen, Notstandsbefugnisse der Exekutive und den Druck regelmäßiger Wahlen, der alle Seiten zwingt, sich schließlich zu entscheiden. Gegenseitige Kontrolle ist notwendig. Sie allein reicht aber nicht aus. Man braucht sie, um leichtfertige Entscheidungen zu verhindern. Man braucht ebenso Verfahren zum Auflösen einer Blockade, damit Entscheidungen nicht auf ewig unmöglich bleiben. Die Institutionen der Nördlichen Song beherrschten das Erste meisterhaft und vernachlässigten das Zweite. Je ausgefeilter dein institutioneller Entwurf ist, desto stärker kann er sich gegen Veränderungen wehren. Wenn du nicht zugleich einen Ausgang aus der Blockade einplanst, bedeutet Präzision am Ende Lähmung.

Drittens: Es gibt keine absolut optimale Bauform.

Das lange Nebeneinander von Song, Liao, Xia und Jin belegt dies auf zwei Ebenen.

Auf der ersten Ebene gilt: Unter unterschiedlichen Umweltbedingungen haben unterschiedliche Bauformen ihre jeweiligen Vorteile. Misst man wirtschaftliche Entwicklung, ist Song die beste. Misst man militärische Macht, Jin. Misst man Stabilität, Liao. Misst man die Fähigkeit eines kleinen Staates, sich gegen große zu behaupten und zu überleben, die Westliche Xia. Ein Vorteil in einer Dimension wird notwendig mit einem Nachteil in einer anderen bezahlt.

Die zweite Ebene ist grundlegender: Der Aufbau lässt sich nicht abschließen. Es gibt keine Bauform, die alle Reste beseitigen könnte, denn der Rest bleibt erhalten. Sobald du einen alten Rest bewältigst, wächst ein neuer aus den Ritzen der Lösung selbst. Keine Bauform ist deshalb ein Endpunkt. Jede ist nur eine Etappe. Der Aufbau muss sich immer weiterentwickeln. Nicht weil seine Entwerfer zu wenig Verstand hätten, sondern weil der Rest nicht verschwindet. Mit den Veränderungen der Umwelt tritt er in neuer Gestalt auf und verlangt dem Aufbau neue Antworten ab.

Genau davon handelt diese Reihe seit ihrem ersten Essay: Das Abtragen hört nicht auf, der Aufbau schließt sich nicht. Er bleibt nicht deshalb offen, weil er gescheitert wäre. Er bleibt offen, weil das Grundgesetz der Erhaltung des Restes keinen Abschluss zulässt. Und der tiefste Grund für diese Erhaltung ist, dass der Mensch kein Mittel ist. Menschliche Bedürfnisse, Empfindungen und schöpferische Kräfte bringen unablässig neue Wirklichkeit hervor. Jeder Aufbau, der Menschen in einem festen Rahmen festnageln will, wird durch die Entwicklung der Menschen selbst gesprengt.

Viertens: Der Beamtenordnung gelang es, die Art des politischen Untergangs von „innerem Zusammenbruch“ auf „äußere Eroberung“ umzustellen.

Das ist eine subtile, aber wichtige Leistung. Die meisten früheren Dynastien, Qin, Wang Mangs Xin, Östliche Han, Sui und Tang, gingen vor allem an innerer Auflösung zugrunde: an Bauernaufständen, der Zersplitterung unter Kriegsherren oder der Thronusurpation durch mächtige Minister. Die Nördliche Song ging an äußerer Eroberung zugrunde. Innere Probleme gab es selbstverständlich, die drei Übermaße und die Fraktionskämpfe etwa. Doch als die Jingkang-Katastrophe eintrat, war die innere Ordnung noch weitgehend intakt. Es gab keinen großangelegten Bauernaufstand, keine territoriale Zersplitterung unter Kriegsherren und keine Usurpation durch einen übermächtigen Minister.

Das heißt, die Beamtenordnung hatte die inneren Reste erfolgreich beseitigt oder, genauer gesagt, sehr stark unterdrückt. Der Preis bestand darin, das Risiko des Untergangs von innen nach außen zu verlagern. In gewisser Hinsicht war das ein „Fortschritt“. Wer einem äußeren Feind unterliegt, zeigt damit immerhin, dass seine innere Ordnung funktioniert hat. Er hat sich nicht selbst zugrunde gerichtet.

Vollkommenheit ist das jedoch nicht. Der Aufbau lässt sich nicht schließen. Das Risiko des Untergangs wurde von innen nach außen verlagert; verschwunden ist es nicht, es kommt nur aus einer anderen Richtung. Ob der Tod von innen oder von außen kommt: Tot ist tot. Und der Tod von außen birgt eine Gefahr, die der Tod von innen nicht mit sich bringt. Nach der Eroberung durch ein fremdes Volk kann die eigene Bauform grundlegend verändert werden, wie unter der mongolischen Yuan-Herrschaft, statt bloß neu gestartet zu werden, wie beim Neustart der Version 3.0 oder 3.5 nach jedem Dynastiewechsel. Der Rest verschwindet nicht, nur weil du eine seiner Erscheinungsformen beseitigt hast. Er kehrt aus einer Richtung zurück, gegen die du keine Abwehr errichtet hast.

Im nächsten Essay: Die mongolische Yuan – der Aufbau eines Nomadenimperiums trifft auf eine Agrarzivilisation. Das System der vier Bevölkerungsränge institutionalisiert den Rest als Hierarchie. Die Yuan ging auf eigentümliche Weise zugrunde: Ihr Aufbau implodierte nicht. Er war nie wirklich zustande gekommen.

Diese deutsche Ausgabe wurde für deutschsprachige Leser eigenständig neu geschrieben.