Essay 16: Die frühe Tang-Zeit – Der goldene Zustand von Version 3.5 und seine stillschweigenden Voraussetzungen
Im Jahr 626 inszenierte Li Shimin, der Prinz von Qin, den Staatsstreich am Xuanwu-Tor. Er tötete seinen älteren Bruder, zwang seinen Vater zur Abdankung und bestieg den Kaiserthron.
Im Jahr 626 inszenierte Li Shimin, der Prinz von Qin, den Staatsstreich am Xuanwu-Tor. Er tötete seinen älteren Bruder, zwang seinen Vater zur Abdankung und bestieg den Kaiserthron.
Ein moralisch ruhmreicher Auftakt war das nicht. Den älteren und den jüngeren Bruder umzubringen und den Vater zur Abdankung zu zwingen, wiegt in jeder ethischen Ordnung schwer. Aus der Perspektive von Abtragen und Aufbau legte der Staatsstreich am Xuanwu-Tor jedoch gerade ein altes Leiden des Betriebssystems 3.5 offen: die Brüchigkeit seiner Nachfolgeregeln.
Seit der Herzog von Zhou die Erbfolge des ältesten Sohnes der Hauptfrau erfunden hatte, besaß sie eine nicht zu schließende Lücke: Was, wenn dieser Sohn weniger fähig war als seine Brüder? Kronprinz Li Jiancheng war kein Unfähiger. Doch Li Shimins militärische Verdienste im Einigungskrieg und sein Ansehen überragten die des älteren Bruders bei Weitem. Der gesamte militärische Machtblock stand hinter Li Shimin. Zwischen „Berechenbarkeit“ – der älteste Sohn der Hauptfrau erbt – und „Fähigkeit“ – der Tüchtigste kommt an die Spitze – fand Version 3.5 ebenso wenig eine institutionelle Lösung wie alle Versionen vor ihr. Am Ende entschied die Gewalt.
Li Shimin verbrachte sein ganzes weiteres Leben damit, diese moralische Schuld auszugleichen. Nicht durch Reue; dafür war er viel zu stolz. Er wollte durch die Ergebnisse seiner Regierung beweisen, dass sich seine Thronusurpation gelohnt hatte. Die gute Regierung der Zhenguan-Ära war dieser Beweis.
I. Zhenguan – Version 3.5 in Höchstform
Die Zhenguan-Ära, die Jahre 627 bis 649, wurde von der Nachwelt oft zum idealen goldenen Zeitalter verklärt. Nimmt man diesen Filter weg, liegt ihr eigentlicher Wert nicht in ihrer vermeintlichen Vollkommenheit. Sie zeigt vielmehr, wie das Betriebssystem 3.5 aussah, wenn es seiner vorgesehenen Funktionsweise so nahe wie möglich kam.
Der „goldene Zustand“ jeder bisherigen Version hatte dieselben Merkmale: Der Bediener verstand die Absicht hinter dem Aufbau. Sein Handeln stimmte weitgehend mit ihr überein. Die Reste blieben auf niedrigem Niveau. Die Regierung der Han-Kaiser Wen und Jing war der goldene Zustand von Version 3.0. Zhenguan war der von Version 3.5.
Dieser goldene Zustand zeigte sich in mehreren Bereichen.
Erstens: Das System der Drei Departements und Sechs Ministerien arbeitete so, wie es gedacht war.
Die Drei Departements sollten Macht aufteilen und wechselseitige Kontrolle ermöglichen: Das Zhongshu entwarf die Erlasse, das Menxia prüfte sie, das Shangshu führte sie aus. Taizong, wie Li Shimin als Kaiser hieß, ließ dieses Verfahren tatsächlich arbeiten. Das Menxia übte sein Recht aus, Erlasse zurückzuweisen. Mahnende Ratgeber wie Wei Zheng wiesen Entscheidungen des Kaisers wiederholt zurück. Taizong nahm das nicht jedes Mal freudig hin. Einmal rief er nach einer Audienz wütend aus: „Eines Tages bringe ich diesen Bauernlümmel um!“ Doch am Ende akzeptierte er den Einspruch.
Dass Taizong sich zurechtweisen ließ, lag nicht allein an seiner Großmut, obwohl er Kritik tatsächlich besser ertrug als die meisten Kaiser. Der tiefere Grund war ein anderer: Er wusste, dass er den Thron auf unrechtmäßige Weise erlangt hatte, durch den Staatsstreich am Xuanwu-Tor. Er musste beweisen, dass er kein Tyrann war. Widerspruch zuzulassen war der billigste Beweis. Seht her: Ich töte die Menschen nicht, die mich ermahnen. Ich höre sogar auf sie. Ich bin ein guter Kaiser.
Wie auch immer das Motiv aussah: In der Zhenguan-Ära funktionierten die Drei Departements nach Plan. Entscheidungen des Kaisers durchliefen ein festes Prüfverfahren, statt unmittelbar aus seinem Kopf in die Ausführung zu springen. Wahrscheinlichkeit und Häufigkeit von Fehlentscheidungen sanken dadurch erheblich.
Zweitens: Das System der Beamtenprüfungen entwickelte sich stetig weiter.
Taizong vergrößerte den Umfang der Beamtenauswahl durch Prüfungen und stärkte deren Einfluss. Eine Überlieferung, deren Wahrheitsgehalt ungewiss ist, die aber viel verrät, erzählt Folgendes: Als die neuen Absolventen der Jinshi-Prüfung einer nach dem anderen bei Hof eintraten, soll er erfreut gesagt haben: „Die besten Köpfe unter dem Himmel sind mir ins Netz gegangen.“ Alle Talente des Reiches saßen nun in seinem Käfig.
Offener konnte man es kaum sagen. Die Beamtenprüfung war nicht bloß ein Verfahren zur Auswahl fähiger Menschen. Sie war ein Mechanismus zur Einbindung der gesellschaftlichen Elite. Die klügsten Köpfe des Reiches lernten für Prüfungen. Wer bestand, trat in den Apparat ein und diente dem Hof. Ihr Verstand wurde damit auf die Erhaltung des Systems gelenkt, statt auf dessen Sturz. Wohin hätte sich diese Intelligenz ohne die Prüfungen wenden können? In die Beraterstäbe örtlicher Machthaber. In die Planungsgruppen von Aufständen. In jede denkbare Organisation außerhalb der Kontrolle der Zentrale. Die Beamtenprüfung schnitt all diese Möglichkeiten ab.
Drittens: Zurückhaltung nach außen.
Taizong war militärisch außerordentlich erfolgreich. Er zerschlug das östliche Türkenreich, besiegte die Tuyuhun und eroberte Gaochang. Dennoch hielt er sich bei der Expansion vergleichsweise zurück. Er wählte seine Ziele und dosierte seinen Einsatz. Er versuchte nicht wie Qin Shihuang oder der Sui-Kaiser Yang, gleichzeitig in alle Richtungen vorzustoßen. Er wusste, wann er aufhören musste.
Diese Zurückhaltung lag ihm nicht im Blut. Taizong war kriegerisch veranlagt, ein Eroberertyp. Seine Selbstbegrenzung entsprang dem gründlichen Verständnis für die Lehre aus dem Untergang der Sui. Immer wieder sagte er seinen Ministern: „Wer die Vergangenheit als Spiegel nimmt, erkennt Aufstieg und Niedergang.“ Geschichte zeigte, wie eine Herrschaft entstand und wie sie zugrunde ging. Der Spiegel, in den er blickte, war vor allem der der Sui. Was Yang Guang falsch gemacht hatte, vermied er bewusst. Yang Guang, der Sui-Kaiser Yang, hatte den Großen Kanal gebaut; Taizong verzichtete auf gewaltige Bauvorhaben. Yang Guang war dreimal gegen Goguryeo gezogen; Taizong unternahm nur einen Feldzug und zog sich zurück, als dieser nicht gut verlief, so schwer ihm das auch fiel. Yang Guangs Inspektionsreisen hatten die Bevölkerung geplagt; Taizong senkte Frondienste und Steuern.
Taizongs Zhenguan-Regierung arbeitete in beträchtlichem Umfang eine „Bloß nicht wie Kaiser Yang“-Liste ab: Was Yang Guang getan hatte, würde ich nicht tun. Das war politische Klugheit aus schlechter Erfahrung. Er handelte nicht deshalb richtig, weil er wusste, was richtig war. Er wusste, was falsch war, und ging ihm aus dem Weg.
Viertens: Der Himmelskhan – eine neue Erzählung zur Legitimation der Macht.
Nach dem Sieg über die östlichen Türken erhielt Taizong einen Titel: „Himmelskhan“. Die Steppenvölker des Nordens verliehen ihn ihm. Er besagte, dass Taizong nicht nur Kaiser des chinesischen Kernlandes war, sondern zugleich oberster Herrscher der Steppe.
Für den Aufbau bedeutete der Himmelskhan eine erhebliche Neuerung in der Legitimation von Herrschaft. Die Betriebssysteme 3.0 und 3.5 hatten bis dahin nur eine auf die han-chinesische Gesellschaft des Kernlandes zugeschnittene Legitimation gekannt: das Mandat des Himmels, die konfuzianische Sprache und das Ideal der Reichseinheit. Der Himmelskhan fügte eine weitere Schicht hinzu, die sich an die nomadische Gesellschaft der Steppe richtete. Der Tang-Kaiser stand nun gleichzeitig an der Spitze zweier Systeme. Im Kernland war er der Sohn des Himmels, in der Steppe der Khan.
Darin setzte sich die multiethnische Herkunft des Guanlong-Machtblocks ganz natürlich fort. Eine Führungsschicht, in der sich die Herkunft aus den nördlichen Völkern, den Hu, und aus der Han-Bevölkerung verband, wurde von den Steppenvölkern leichter akzeptiert als eine rein han-chinesische Elite. Li Shimin selbst hatte Xianbei-Vorfahren: Sowohl seine Mutter aus der Familie Dou als auch seine Großmutter aus der Familie Dugu waren xianbei-stämmig. Auch kulturell trug er etwas von der Steppe in sich. Er war ein guter Reiter und Bogenschütze, schätzte militärische Tapferkeit und lehnte die Hu nicht so ab, wie es rein han-chinesische Literaten taten.
Das Modell des Himmelskhans lieferte späteren Dynastien des Kernlandes eine Vorlage für den Umgang mit den Völkern des Nordens: gemeinsames Oberhaupt und ein Nebeneinander verschiedener Ordnungen statt Eroberung und Unterdrückung. Man musste die Steppe nicht in chinesische Kommandanturen und Kreise verwandeln; das war ohnehin unmöglich. Es genügte, wenn die Steppenführer den Kaiser als gemeinsames Oberhaupt anerkannten. Diese Stellung beruhte nicht auf Gewalt, auch wenn Gewalt ihre Grundlage blieb, sondern auf einer Legitimitätsordnung, die beide Seiten akzeptieren konnten.
II. Wu Zetian – Die Voraussetzungen des Aufbaus mit seiner eigenen Logik angreifen
Wu Zetian war die einzige Frau in der Geschichte Chinas, die als rechtmäßiger Kaiser anerkannt wurde.
Die überlieferte Geschichtsschreibung fällt über sie völlig gegensätzliche Urteile. Für die einen war sie eine kluge, gute Herrscherin, für die anderen eine ausschweifende Tyrannin. Beide Urteile gehen an ihrer eigentlichen Bedeutung vorbei.
Aus der Perspektive von Abtragen und Aufbau liegt diese Bedeutung darin, dass sie mit der eigenen Logik des Betriebssystems 3.5 eine nie geprüfte, stillschweigende Voraussetzung dieses Systems angriff: Der Bediener müsse ein Mann sein.
Nichts an der Konstruktion von Version 3.5 – weder die Drei Departements und Sechs Ministerien noch die Beamtenprüfungen, die gleichmäßige Landzuteilung oder das Fubing-Milizsystem – verlangte logisch einen männlichen Bediener. Keine institutionelle Vorschrift besagte: „Der Leiter des Shangshu muss ein Mann sein“ oder „Prüfungskandidaten müssen Männer sein“. Tatsächlich nahmen zwar nur Männer an den Prüfungen teil, doch das war gesellschaftliche Gewohnheit, keine Bestimmung des Systems.
Trotzdem lag dem gesamten Betrieb eine tiefe Annahme zugrunde: Der Kaiser ist männlich. Nach der Lehre vom Himmelsmandat war der „Sohn des Himmels“ eben ein Sohn, also männlich. Die Drei Grundbindungen ordneten den Untertan dem Herrscher, den Sohn dem Vater und die Ehefrau dem Ehemann unter. Die führende Rolle war jedes Mal männlich besetzt. Die Clanordnung gab Macht über die väterliche Abstammungslinie weiter. Die ganze Grammatik der Herrschaftslegitimation war männlich.
Wu Zetian tat nun etwas Bestimmtes: Sie drängte sich selbst in diese Grammatik hinein, ohne die Grammatik umzuschreiben.
Sie erfand keine neue politische Theorie mit der Frau im Zentrum. Sie verkündete nicht: „Männerherrschaft ist falsch, auch Frauen können Kaiser sein.“ Im damaligen Denkhorizont wäre ein solcher Satz völlig unannehmbar gewesen. Stattdessen näherte sie sich innerhalb der vorhandenen Sprache Schritt für Schritt der höchsten Macht.
Zuerst wurde sie Kaiserin und errang die führende Stellung in der Politik des inneren Palastes. Dann kam die Herrschaft der „Zwei Weisen“: So wurden sie und Gaozong gemeinsam bezeichnet, und sie wirkte tatsächlich an den Entscheidungen mit. Es folgte die Regentschaft als Kaiserinwitwe nach Gaozongs Tod. Schließlich nahm sie selbst den Kaisertitel an, nannte die Dynastie fortan Zhou und bezeichnete sich als „weiser und göttlicher Kaiser“.
Jeder Schritt war eine kleine Verschiebung innerhalb des vorhandenen Rahmens, kein Umsturz dieses Rahmens. Für die Regentschaft einer Kaiserinwitwe gab es schon unter den Han Vorbilder: Lü, Dou und Deng. Auch die politische Beteiligung einer Kaiserin war zu Beginn der Tang-Zeit keineswegs unvorstellbar. Kaiserin Zhangsun hatte sich ebenfalls in die Regierung eingeschaltet, nur weniger sichtbar. Wu Zetian trieb jeden Schritt lediglich ein Stück weiter als ihre Vorgängerinnen. Bis sie schließlich die Grenze zwischen „Kaiserinwitwe“ und „Kaiser“ überschritt.
Und was geschah, als sie diese Grenze überschritten hatte? Brach das System zusammen? Nein. Die Drei Departements und Sechs Ministerien arbeiteten weiter. Die Prüfungen fanden weiterhin statt; Wu Zetian baute die Auswahl über Prüfungen sogar erheblich aus und führte die Palastprüfung ein. Das Landzuteilungssystem wurde weiter angewandt. Die Gesetze galten weiter. Die Verwaltungsmaschine blieb keineswegs stehen, nur weil der Mensch am Steuer ein anderes Geschlecht hatte.
Das war die entscheidende Entdeckung: Das Betriebssystem 3.5 hing nicht vom Geschlecht seines Bedieners ab. Sein Entwurf war geschlechtsunabhängig, obwohl seine Erfinder darüber nie nachgedacht hatten. Wu Zetian unterzog das System unbeabsichtigt einem Belastungstest. Man entfernte eine stillschweigende Voraussetzung – der Bediener ist männlich – und sah nach, ob es weiterlief. Die Antwort lautete: Es lief. Und gar nicht schlecht.
Während Wu Zetians Herrschaft von 690 bis 705 – oder länger, wenn man ab ihrer tatsächlichen Machtübernahme 683 zählt – brach das Tang-Reich nicht zusammen, zerfiel nicht und war auch keiner großen Bedrohung von außen ausgesetzt. Ihre Regierungsleistung lag zumindest nicht unter dem Durchschnitt der Tang-Kaiser. Sie förderte nachdrücklich Männer aus nichtaristokratischen Familien und schwächte damit die verbliebenen Kräfte des Guanlong-Blocks weiter. Unter ihr entwickelte sich das Prüfungswesen beträchtlich.
Natürlich hatte ihre Herrschaft auch schwere Schattenseiten. Die Politik brutaler Untersuchungsbeamter wie Lai Junchen und Zhou Xing erzeugte zahllose ungerechte Verurteilungen. In ihren späten Jahren stürzte die Bevorzugung von Zhang Yizhi und Zhang Changzong die Hofpolitik ins Chaos. Doch diese Probleme entstanden nicht deshalb, weil sie eine Frau war. An männlichen Kaisern, die auf grausame Beamte setzten – etwa Han Wudi – oder Günstlinge und Schmeichler bevorzugten, fehlte es nun wirklich nicht. Letzteres kam in fast jeder Dynastie vor.
Nach ihrer Abdankung wurde die stillschweigende Voraussetzung des Aufbaus, die Wu Zetian offengelegt hatte, wieder zugedeckt. In den mehr als tausend Jahren Kaisergeschichte, die folgten, gab es keine zweite Kaiserin auf dem Kaiserthron. Das Betriebssystem 3.5 kehrte zu seiner Standardeinstellung zurück: „Der Bediener ist männlich.“
Das machte den Test jedoch nicht bedeutungslos. Er hatte gezeigt, dass manche „Grundannahmen“ des Aufbaus gar nicht grundlegend waren. Sie entsprangen dem Beharrungsvermögen der Geschichte, keiner logischen Notwendigkeit. Eine Annahme, die als unumstößliche Ordnung von Himmel und Erde galt, war verletzt worden. Der Himmel war nicht eingestürzt. Schon diese Tatsache war der stärkste Einwand gegen die behauptete Unumstößlichkeit.
Wu Zetian war selbst ein Rest: ein Ausnahmefall, den die Konstrukteure des Systems nie bedacht hatten. Ihre Existenz bewies, dass Reste nicht nur bedrohlich sein können. Manchmal sind sie auch eine Prüfung. Wenn sie auftauchen, entdeckt das System etwas, das es über sich selbst nicht wusste. Version 3.5 wusste nicht, dass sie die Geschlechterannahme eigentlich gar nicht brauchte. Wu Zetian brachte es ihr bei. Danach entschied sich das System, es wieder zu vergessen. Doch etwas einmal gewusst zu haben ist nicht dasselbe, wie es nie gewusst zu haben.
III. Von der Bauernmiliz zum Berufsheer – Der stille Wandel im Fundament des Aufbaus
Der goldene Zustand der Zhenguan-Ära stand auf einem Fundament: dem Fubing-System.
Dessen Kern war die Einheit von Bauer und Soldat. In Friedenszeiten bewirtschaftete der Soldat das Land, das ihm die gleichmäßige Landzuteilung verschafft hatte. Im Krieg zog er mit selbst beschafften Waffen und Vorräten ins Feld. Der Staat musste kein riesiges Berufsheer unterhalten; seine Militärausgaben blieben äußerst gering. Weil die Soldaten eigenes Land hatten, fühlten sie sich dem Staat zugehörig und waren vergleichsweise loyal.
Das System hatte allerdings eine Voraussetzung: Die Landzuteilung musste funktionieren. Nur wer Land bestellen konnte, konnte sich selbst versorgen.
Doch die Wirksamkeit der Landzuteilung ließ allmählich nach. Der Grund war derselbe wie schon bei Version 3.0: die Konzentration des Bodens in wenigen Händen. Theoretisch untersagte das System den Kauf und Verkauf von Land, oder schränkte ihn zumindest ein. In der Praxis eigneten sich mächtige Familien und Beamte jedoch immer mehr Bauernland an, durch Tricks, gewaltsame Besetzung oder mit Wucherkrediten, deren Rückzahlung sie erzwangen. Zur Mitte der Tang-Zeit bestand die Landzuteilung nur noch dem Namen nach. Große Teile der Bauernschaft hatten ihren Boden verloren. Sie wurden Pächter oder flohen.
Der Zusammenbruch der Landzuteilung zog unmittelbar den Zusammenbruch des Fubing-Systems nach sich. Ein Bauer ohne Land konnte kein Milizsoldat sein. Sollte ein landloser Flüchtling sich etwa selbst Waffen und Proviant beschaffen und in den Krieg ziehen? Er konnte nicht einmal sich selbst ernähren.
Nach dem Zusammenbruch der Bauernmiliz musste der Hof zur Anwerbung bezahlter Berufssoldaten übergehen. Damit war das Rekrutierungsproblem gelöst: Man brauchte nur zu zahlen. Zugleich entstand ein neuer Rest. Die Loyalität des Berufssoldaten galt nicht mehr dem Staat, sondern demjenigen, der seinen Sold auszahlte.
In der Bauernmiliz gründete Loyalität auf Land und Heimat. Man kämpfte für den Staat, weil der Staat einem ein Stück Land zugeteilt hatte; man verteidigte das eigene Zuhause. Im angeworbenen Heer gründete Loyalität auf dem Sold. Man kämpfte für den, der zahlte. Zahlte der Kaiserhof, galt die Treue dem Hof. Zahlte der regionale Militärgouverneur, der Jiedushi, galt sie ihm.
Dieser Übergang vollzog sich leise. Es gab keinen eindeutigen Stichtag, keinen Erlass mit dem Satz: „Ab heute wird die Bauernmiliz abgeschafft und durch ein angeworbenes Heer ersetzt.“ Der Wechsel zog sich über Jahrzehnte hin. Die Zahl der Milizsoldaten sank, die der angeworbenen Soldaten stieg. In der Tianbao-Ära von 742 bis 756 war das Fubing-System faktisch verschwunden.
Doch dieser leise Übergang veränderte das Machtfundament des gesamten Reiches.
Unter dem Fubing-System beruhte militärische Macht auf der Bodenordnung, der gleichmäßigen Landzuteilung. Wer in der Zentrale die Verteilung des Landes kontrollierte, kontrollierte auch das Heer. Beim angeworbenen Heer beruhte militärische Macht auf Finanzen. Wer Geld hatte, um Soldaten anzuwerben, hatte eine Armee. Sobald die regionalen Militärgouverneure über eigene Finanzgewalt verfügten, also die örtlichen Steuern in der Hand hatten, besaßen sie auch eine eigenständige militärische Macht.
Bei diesem Austausch des Fundaments wurde die Saat für den An-Lushan-Aufstand gelegt.
IV. Die Blüte der Kaiyuan-Ära – Strukturwandel hinter dem Wohlstand
Unter Tang-Kaiser Xuanzong, Li Longji, erreichte das Reich in der Kaiyuan-Ära von 713 bis 741 den Höhepunkt seiner Macht. Die Bevölkerung lag bei über fünfzig Millionen Menschen, nach manchen Schätzungen noch darüber. Die Wirtschaft blühte, die Kultur glänzte, und Chang’an gehörte zu den größten und reichsten Städten der damaligen Welt.
Doch hinter diesem Wohlstand verbargen sich mehrere tiefgreifende strukturelle Veränderungen.
Erstens: Die Landzuteilung brach faktisch zusammen.
Davon war bereits die Rede. In den Ären Kaiyuan und Tianbao hatte die Konzentration des Bodens bereits bedrohliche Ausmaße angenommen. Offiziell hielt der Hof am Rahmen der gleichmäßigen Landzuteilung fest. Tatsächlich befanden sich jedoch große Flächen längst in den Händen von Mächtigen und Klöstern. Die Zahl der landlosen Bauern stieg, ohne dass die Haushaltsregister dies abbildeten. Viele Menschen waren geflohen und aus dem Meldesystem verschwunden. Die Bevölkerung, auf die der Hof tatsächlich noch zugreifen konnte, war weit kleiner, als die Register auswiesen.
Damit schrumpfte die Steuerbasis des Hofes. Die Zahl der eingetragenen Steuerpflichtigen ging zurück, und noch weniger Menschen trugen die Steuerlast tatsächlich. Gleichzeitig stiegen die Ausgaben. Militärische Expansion, Hofhaltung und ein wachsender Beamtenapparat kosteten immer mehr Geld. Sinkende Einnahmen bei steigenden Ausgaben: Der finanzielle Druck wuchs.
Zweitens: Das Amt des Militärgouverneurs veränderte sich.
Zu Beginn der Tang-Zeit war der Oberbefehl an den Grenzen auf verschiedene militärische Generalgouvernements verteilt gewesen. Unter Xuanzong wurde die Lage dort immer komplizierter. Das tibetische Reich, die Türken, die Kitan und die Xi bedrohten das Reich aus verschiedenen Richtungen. Der Hof richtete deshalb zehn Militärgouverneursposten ein. Jeder Jiedushi befehligte die Streitkräfte eines Grenzabschnitts.
Anfangs besaßen diese Gouverneure nur die militärische Befehlsgewalt. Um die Abläufe effizienter zu machen, gab der Hof ihnen jedoch nach und nach zusätzliche Befugnisse: Finanzgewalt, sodass sie vor Ort Steuern einziehen und damit ihre Truppen unterhalten konnten, ohne auf Überweisungen der Zentrale zu warten; Verwaltungsgewalt über die zivilen Angelegenheiten ihres Gebietes; und Personalgewalt, um untergeordnete Offiziere selbst zu ernennen.
In der Tianbao-Ära waren die zehn Militärgouverneure an den Grenzen faktisch zu regionalen Kriegsherren geworden. Sie besaßen eigene Armeen, denn die angeworbenen Berufssoldaten waren nur dem Gouverneur treu, der ihnen unmittelbar den Sold zahlte. Sie verfügten über eigene Finanzen, weil die örtlichen Steuern nicht an die Zentrale abgeführt wurden, und über eine unabhängige Verwaltung. Die Kontrolle der Zentrale wurde immer schwächer. Einen Gouverneur mit mehreren Zehntausend Elitesoldaten setzt man nicht einfach ab, solange man ihm keine stärkere Streitmacht entgegenstellen kann.
In dieser Struktur stieg An Lushan auf. Er war gleichzeitig Militärgouverneur von drei Grenzregionen: Pinglu, Fanyang und Hedong. Ihm unterstanden fast zweihunderttausend Elitesoldaten. Damit war seine Truppenstärke größer als die der kaiserlichen Gardearmee in der Zentrale.
Drittens: Die militärische Macht der Zentrale wurde von innen ausgehöhlt.
Mit dem Zusammenbruch des Fubing-Systems verfiel auch die kaiserliche Garde. In der Umgebung von Chang’an schrumpften die Streitkräfte, weil sich nicht mehr genügend geeignete Bauernmilizionäre finden ließen. An den Grenzen hingegen wuchsen die Heere, weil dort leichter Berufssoldaten angeworben werden konnten.
So entstand ein tödliches Missverhältnis zwischen innen und außen: Die stärksten Armeen des Reiches standen nicht bei der Zentrale, sondern an den Grenzen. Das war die genaue Umkehrung der Verhältnisse zu Beginn der Westlichen Han. Damals war das Zentrum stärker gewesen als die Regionen; die Truppen in Guanzhong waren denen der einzelnen Fürstentümer überlegen. Zur Mitte der Tang-Zeit waren die Grenzen stärker als das Zentrum.
Das bedeutete: Wenn die Grenzheere als Stütze ausfielen, sei es durch Rebellion oder eine Niederlage gegen den Feind, fehlte der Zentrale die Kraft, darauf zu reagieren. Nach An Lushans Erhebung musste Xuanzong feststellen, dass er kaum kampffähige Truppen zur Verfügung hatte. Die Gardeeinheiten bei Chang’an waren zu wenige und militärisch zu schwach. Sie konnten An Lushans Elitekavallerie, die von Fanyang nach Süden vorstieß, schlicht nicht aufhalten.
Viertens: Li Linfu und Yang Guozhong – die Korruption des Verwaltungsapparats.
In der späteren Phase seiner Herrschaft hielt Xuanzong neunzehn Jahre lang an Li Linfu als Kanzler fest, von 734 bis 752. Li Linfu war ein fähiger Verwalter, aber ein extremer Machtmonopolist. Er schaltete Andersdenkende systematisch aus und versperrte die Wege des Widerspruchs. „Im Volk ist kein unentdeckter Würdiger mehr übrig“, behauptete er: Alle fähigen Männer des Reiches seien bereits vom Hof in Dienst genommen worden, also brauche auch niemand mehr mahnend vorzutreten. Den Mechanismus der gegenseitigen Kontrolle zwischen Drei Departements und Sechs Ministerien verwandelte er in ein Werkzeug seiner persönlichen Diktatur.
Die Drei Departements waren für Machtteilung und gegenseitige Kontrolle entworfen worden. Doch sobald ein Kanzler über genügend politisches Geschick verfügte, um sämtliche Schlüsselpositionen aller drei Departements zu beherrschen, wurde diese Kontrolle zur leeren Hülle. Li Linfu bewies: Auch der ausgeklügeltste institutionelle Entwurf ist einem Bediener nicht gewachsen, der genügend Können und Zeit mitbringt, ihn von innen auszuhöhlen.
Nach Li Linfus Tod übernahm Yang Guozhong das Kanzleramt. Er hatte nicht Li Linfus administratives Geschick, dafür aber die verwandtschaftliche Verbindung zur kaiserlichen Favoritin Yang Guifei, einer Frau aus seiner eigenen Sippe. Sein Aufstieg markierte den Abstieg des Verwaltungsapparats von „fähiger Korruption“ zu „unfähiger Korruption“.
Unter dem glänzenden Wohlstand der Kaiyuan-Blüte sammelten sich all diese strukturellen Veränderungen gleichzeitig an: der Zusammenbruch der Landzuteilung, das Erstarken der Militärgouverneure, die militärische Aushöhlung der Zentrale und die Korruption der Verwaltung. Sie gingen nicht auf den Fehler eines einzelnen Menschen zurück. Es waren Reste, die das Betriebssystem 3.5 im langen Betrieb von selbst hervorbrachte. Die Landzuteilung zerfiel an der inneren Tendenz zur Bodenkonzentration. Die Militärgouverneure gewannen Macht aus dem Widerspruch zwischen Grenzsicherung und Zentralisierung. Die militärische Aushöhlung des Zentrums war eine Kettenreaktion auf den Zusammenbruch der Bauernmiliz. Die Verwaltungskorruption entsprang jener Trägheit der Macht, mit der jeder langjährige Herrscher zu kämpfen hat.
Für sich genommen war jeder dieser Reste beherrschbar. Doch sie häuften sich gleichzeitig und verstärkten einander: Die Landzuteilung brach zusammen, der Finanzdruck wuchs, die Zentrale musste sich stärker darauf verlassen, dass die Militärgouverneure ihre Heere selbst finanzierten, diese wurden unabhängiger, die Zentrale schwächer – und so weiter. Ein Teufelskreis mit positiver Rückkopplung war entstanden.
V. Der An-Lushan-Aufstand – Die Bruchlinie von Version 3.5
Im elften Monat des traditionellen chinesischen Kalenders im Jahr 755 erhob sich An Lushan in Fanyang.
Die Kämpfe des An-Lushan-Aufstands dauerten acht Jahre, von 755 bis 763. Seine Wirkung auf das Tang-Reich reichte jedoch weit über diese acht Kriegsjahre hinaus. Der Aufstand bildet die Bruchlinie des Betriebssystems 3.5. Vorher und nachher haben wir es mit zwei verschiedenen Tang-Reichen zu tun.
Vorher: Die Zentralgewalt funktionierte. Die Landzuteilung bewahrte ein Grundmaß gesellschaftlicher Gerechtigkeit. Das Fubing-System stellte eine Streitmacht bereit, die nicht von regionalen Machthabern abhing. Die Beamtenprüfungen hielten den sozialen Aufstieg offen. Die Drei Departements und Sechs Ministerien sicherten die Qualität der Entscheidungen.
Nachher: Die Autorität der Zentrale bestand nur noch dem Namen nach, während sich die Militärregionen verselbstständigten. Die Landzuteilung war vollständig zusammengebrochen und wurde durch das Zweisteuersystem ersetzt. Die Bauernmiliz verschwand zugunsten eines vollständig angeworbenen Heeres. Die Militärgouverneure waren faktisch regionale Kriegsherren. Der Hof bewahrte seine letzte militärische Machtbasis nur noch mithilfe der Shence-Armee, die von Eunuchen kontrolliert wurde.
Der Aufstand legte einen Konstruktionsfehler von Version 3.5 offen: Für den Fall, dass regionale Streitkräfte stärker wurden als die der Zentrale, war nichts vorgesehen. Der gesamte Entwurf setzte voraus, dass das Zentrum die stärkste Macht war. Die Drei Departements und Sechs Ministerien bildeten seinen Verwaltungsapparat. Die durch Prüfungen ausgewählten Talente traten in seine Bürokratie ein. Über die Landzuteilung verteilte es den Boden. Über das Fubing-System mobilisierte es die Armee. Der Schwerpunkt der ganzen Konstruktion lag im Zentrum.
Als diese Annahme hinfällig wurde, weil die Militärgouverneure die Zentrale militärisch übertrafen, verlor das gesamte System die Fähigkeit, sich selbst zu reparieren. Der Hof hatte nicht genügend militärische Macht, um den Gouverneuren ihre Befugnisse gewaltsam wieder abzunehmen. Er konnte die nominelle Einheit nur durch Kompromisse bewahren: indem er die faktische Unabhängigkeit der Militärregionen anerkannte.
Strukturell ähnelt das stark der Lage am Ende der Östlichen Han: Die Zentralgewalt verfällt, regionale Militärmächte steigen auf, die Einheit bleibt auf dem Papier bestehen, während das Reich tatsächlich zerfällt. In der Han-Fassung führte der Weg vom Aufstand der Gelben Turbane zu den Drei Reichen. In der Tang-Fassung führte er vom An-Lushan-Aufstand zu den Fünf Dynastien und Zehn Reichen. Dasselbe Stück, nur mit anderen Schauspielern.
Es gab jedoch einen wichtigen Unterschied. Der Zusammenbruch der Östlichen Han war ein Problem einer auf einen einzigen Punkt konzentrierten Struktur. Junge, schwache Kaiser ließen die Macht zwischen den Verwandten der Kaiserinnen und den Eunuchen hin- und herwandern; dieser Wechsel zersetzte den Beamtenapparat. Der Zusammenbruch der Tang war dagegen ein Problem des ausgetauschten Fundaments. Der Zusammenbruch der Landzuteilung riss die Bauernmiliz mit sich. Deren Zusammenbruch ließ das angeworbene Heer aufsteigen. Dieses verlagerte die militärische Macht von der Zentrale in die Regionen.
Das Problem der Ein-Punkt-Struktur war ein Personenproblem. Ein guter, erwachsener Kaiser konnte es abmildern. Das Problem des ausgetauschten Fundaments war ein institutionelles. Ein anderer Mensch an der Spitze reichte nicht aus. Dafür brauchte man eine andere institutionelle Ordnung.
Nach dem An-Lushan-Aufstand hielt sich die Tang-Dynastie noch hundertfünfzig Jahre. Diese Zeit war kein Weiterbetrieb von Version 3.5. Es war das Ausrollen nach dem Bruch. Der Motor war bereits kaputt: Landzuteilung, Bauernmiliz und zentrale Herrschaft waren zusammengebrochen. Aber der Wagen glitt aus eigener Trägheit weiter. Die Beamtenprüfungen funktionierten noch, die konfuzianische Ideologie wirkte noch, und das Bekenntnis zur Reichseinheit war noch vorhanden.
Irgendwann ist auch der letzte Schwung aufgebraucht. Die Fünf Dynastien und Zehn Reiche nach dem Ende der Tang waren das Chaos, das dann blieb.
VI. Was die frühe Tang-Zeit zum Zyklusgesetz von Abtragen und Aufbau beiträgt
Von Taizong bis Xuanzong vergingen ungefähr hundertdreißig Jahre. Für das Zyklusgesetz von Abtragen und Aufbau liefern sie mehrere wichtige Erfahrungen.
Erstens: Das Zeitfenster für den goldenen Zustand ist äußerst schmal.
Über die gute Regierung der Zhenguan-Ära wurde mehr als tausend Jahre lang gesprochen. Gedauert hatte sie nur dreiundzwanzig Jahre. Rechnet man die weitgehende Stabilität in Gaozongs früher Regierungszeit und unter Wu Zetian hinzu, hielt der goldene Zustand von Version 3.5 etwa siebzig bis achtzig Jahre an. Von den fast dreihundert Jahren Tang-Geschichte entfiel nur ungefähr ein Viertel auf wirkliche Hochform.
Das war kein Sonderproblem der Tang. Auch die gute Regierung unter Wen und Jing nahm von den rund vierhundert Jahren der Han-Dynastie nur etwa vierzig ein. Das goldene Zeitfenster von Version 3.0 war ebenso schmal.
Es ist deshalb so schmal, weil so viel zusammenkommen muss: ein fähiger Bediener, der sich zugleich zurückhalten kann; noch junge, unverbrauchte Institutionen; eine Gesellschaft, die sich gerade erst vom Chaos erholt hat und deshalb wenig erwartet; und ein noch frisches abschreckendes Beispiel der vorigen Dynastie, das die Wachsamkeit hochhält. Die Schnittmenge dieser Bedingungen besteht nur für kurze Zeit. Danach übernimmt ein anderer Bediener, womöglich ein schlechterer. Die Institutionen altern, die Erwartungen steigen, und die Lehren der vorigen Dynastie verblassen.
Zweitens: Das Fundament eines Aufbaus ist wichtiger als seine Oberfläche.
Die Oberfläche von Version 3.5 bestand aus den Drei Departements und Sechs Ministerien, den Beamtenprüfungen und den Gesetzen: den sichtbaren institutionellen Entwürfen. Ihr Fundament bildeten Landzuteilung und Bauernmiliz, also die wirtschaftlichen und militärischen Grundlagen, die diese Oberfläche trugen.
Die Oberfläche konnte der Bediener unmittelbar beeinflussen. Ein guter Kaiser konnte die Drei Departements wirklich arbeiten lassen; ein schlechter konnte sie entmachten. Die Veränderungen des Fundaments entzogen sich dagegen seiner Kontrolle. Die Landzuteilung brach nicht wegen der Entscheidung eines bestimmten Kaisers zusammen, sondern durch den langfristigen Trend zur Bodenkonzentration. Die Bauernmiliz wurde nicht durch einen einzelnen Erlass abgeschafft. Ihr Ende war eine Kettenreaktion auf den Zusammenbruch der Landzuteilung.
Störungen an der Oberfläche kann der Bediener beheben: einen schlechten Kanzler auswechseln, eine Reihe ungerechter Urteile aufheben. Schäden am Fundament lassen sich weit schwerer reparieren. Sie entstehen aus langfristigen Veränderungen der Gesellschaftsstruktur, die kein einzelner Mensch mit einer Entscheidung rückgängig machen kann. Bereits zusammengekauftes oder angeeignetes Land bekommt man nicht einfach in die Hände der Bauern zurück. Es sei denn, man beginnt eine umfassende Bodenrevolution. Die würde aber noch größere Unruhen auslösen.
Die Lehre des An-Lushan-Aufstands lautet: Ein System, dessen Oberfläche intakt ist, während sein Fundament bereits brüchig geworden ist, scheint noch zu funktionieren. Tatsächlich hat es seine Widerstandskraft gegen Erschütterungen verloren. Ein einziger Stoß genügt.
Drittens: Wu Zetians Prüfung einer stillschweigenden Voraussetzung zeigt, dass viele „Grundannahmen“ eines Aufbaus bloß ungeprüfte historische Gewohnheiten sind.
Version 3.5 ging standardmäßig davon aus, dass ihr Bediener männlich war. Gegen diese Annahme wurde verstoßen, ohne dass das System zusammenbrach. Wie viele ähnliche „Grundannahmen“ wurden also noch nie geprüft? Wir wissen es nicht. Wu Zetians Fall mahnt uns aber, ungeprüfte Annahmen nicht als unverletzliche Gesetze zu behandeln. Vielleicht sind sie Gesetze. Vielleicht ist es auch nur die Macht der Gewohnheit.
Viertens: Die Lehre vom Tempo bestätigt sich immer wieder.
Taizongs Zhenguan-Regierung und Yang Guangs Gewaltherrschaft könnten kaum in schärferem Gegensatz zueinander stehen. Dabei gingen viele ihrer Maßnahmen in dieselbe Richtung: Ausbau der Beamtenprüfungen, Verbesserung der Gesetze, Expansion nach außen, Bau von Infrastruktur. Der Unterschied lag im Tempo. Taizong war langsam, Yang Guang schnell. Taizong überlebte. Yang Guang starb.
Das entspricht der Schlussfolgerung des vorigen Essays: Die Belastbarkeit einer Gesellschaft interessiert sich nicht dafür, ob die Richtung stimmt. Sie interessiert sich nur dafür, ob der ausgeübte Druck ihre Grenze überschreitet. Taizongs Zurückhaltung war keine Tugend, sondern Respekt vor einer physikalischen Grenze. Xuanzongs spätere Maßlosigkeit war kein moralisches Vergehen, sondern das Vergessen dieser Grenze.
Vergessen ist der zentrale Mechanismus des Verfalls über die Generationen. Taizong erinnerte sich an den Untergang der Sui; er hatte die Kriege am Ende dieser Dynastie selbst erlebt. Gaozong erinnerte sich gerade noch. Wu Zetians Erinnerung war bereits blasser. Für Xuanzong war der Untergang der Sui eine Geschichte von vor mehr als hundert Jahren. Mehr als hundert Jahre reichen aus, um jede Lehre zu vergessen.
Historische Lehren haben ungefähr drei bis vier Generationen Haltbarkeit. Danach werden aus Lehren Legenden. Und Legenden binden niemanden.
Im nächsten Essay: Die späte Tang-Zeit und die Fünf Dynastien, die Ordnung der Militärregionen nach dem An-Lushan-Aufstand. Die Fünf Dynastien und Zehn Reiche waren eine rasche Folge immer neuer „Kriegsherren-Aufbauten“, ein fernes Echo der Sechzehn Reiche. Das Abtragen erfolgte immer häufiger, doch die Qualität des Aufbaus sank. Jede neue Ordnung war kurzlebiger als die vorige. Bis Zhao Kuangyin seinen Generälen bei einem Becher Wein die militärische Macht nahm. Auf eine zuvor nie erprobte Weise schaffte er ein für alle Mal jenen Rest aus der Welt, der die chinesische Politik seit Jahrhunderten geplagt hatte: dass Militärführer übermächtig wurden. Der Preis? Eine dauerhafte Schwächung der militärischen Fähigkeiten. Die Dynastien des chinesischen Kernlandes erlangten danach nie wieder die Fähigkeit zur militärischen Expansion zurück, die Han und Tang besessen hatten.
Diese deutsche Ausgabe wurde für deutschsprachige Leser eigenständig neu geschrieben.