Neunter Essay: Kaiser Wu der Han – Den Rest in den Aufbau einweben
141 v. Chr. bestieg der sechzehnjährige Liu Che den Thron. Er erbte ein stattliches Vermögen, angesammelt in siebzig Jahren, in denen das Land hatte Atem schöpfen und sich erholen können. Die Staatskasse war voll:…
141 v. Chr. bestieg der sechzehnjährige Liu Che den Thron. Er erbte ein stattliches Vermögen, angesammelt in siebzig Jahren, in denen das Land hatte Atem schöpfen und sich erholen können. Die Staatskasse war voll: „In der Hauptstadt häufte sich das Geld zu unermesslichen Summen; die Schnüre verfaulten, die Bestände ließen sich nicht mehr zählen.“ Es gab also so viele Kupfermünzen, dass die Schnüre, auf die man sie aufgezogen hatte, längst verrottet waren. Die Kornspeicher quollen über: „Im Großen Speicher lag altes Korn auf altem Korn; es füllte ihn bis zum Überlaufen, wurde draußen aufgeschüttet und verdarb, bis es ungenießbar war.“ Selbst für das Getreide fehlte der Platz; es verfaulte unter freiem Himmel. Die Bevölkerung war wieder auf mehrere zehn Millionen angewachsen, die gesellschaftliche Ordnung war stabil. An der Grenze machten die Xiongnu Druck, doch eine Bedrohung für die Existenz des Reiches waren sie nicht.
Im vorigen Essay hieß es: Was Kaiser Wen zusammensparte, würde Kaiser Wu ausgeben. Jetzt war der Mann da, der das Geld ausgeben wollte.
Doch Wu war mehr als ein Verschwender. Hätte er bloß Geld ausgegeben, Paläste gebaut, Schönheiten ausgewählt und Prunk entfaltet, wäre er einer jener gewöhnlichen Kaiser gewesen, die das Familienvermögen durchbringen. Davon kennt die Geschichte genug. Was Wu unternahm, ging weit darüber hinaus: Er wollte das Betriebssystem des Han-Reiches neu entwerfen.
Unter Wen und Jing hatte das Betriebssystem der Huang-Lao-Lehre entsprochen: ein lockerer Aufbau, wenige Eingriffe, Platz für den Rest. Wu wollte daraus ein dicht gefügtes, stark eingreifendes System machen, das den Rest aktiv verwaltete. Das entscheidende Werkzeug für dieses Upgrade war die konfuzianische Lehre.
I. Der Vorrang des Konfuzianismus – Nicht die Wahl einer Lehre, sondern die Erfindung einer Technik
Im ersten Jahr der Ära Jianyuan, 140 v. Chr., nahm Kaiser Wu einen Vorschlag Dong Zhongshus an: „Die hundert Schulen zurückdrängen, allein die konfuzianische Lehre ehren.“
Gewöhnlich versteht man das als eine weltanschauliche Entscheidung: Wu habe unter Konfuzianern, Daoisten, Legalisten, Mohisten und den anderen Schulen die konfuzianische gewählt. Falsch ist das nicht, aber es greift zu kurz. Das Entscheidende war weniger die Wahl einer Schule als die Erfindung einer neuen Machttechnik: den Rest mithilfe einer Ideologie zu kodieren.
Was heißt das: „den Rest mithilfe einer Ideologie kodieren“?
Die Lösung der Qin bestand darin, den Rest mit Gewalt niederzuhalten. Das Gesetz verlangte Gehorsam. Wer nicht gehorchte, wurde getötet. Das wirkte unmittelbar, kostete aber ungeheuer viel. Und der Rest verschwand nicht. Er häufte sich an, bis die Grenze erreicht war und alles explodierte.
Die Huang-Lao-Lösung ließ dem Rest Raum. Man ließ die Leute in Ruhe und überließ sie sich selbst. Das war sanft und billig. Doch der Rest blieb unkontrolliert; ließ man ihm lange genug freien Lauf, konnte er zu einer neuen Bedrohung heranwachsen. Der Aufstand der Sieben Königreiche war ein Beispiel dafür.
Der alleinige Vorrang des Konfuzianismus eröffnete einen dritten Weg: Man kodierte den Rest in ein Wertesystem hinein, sodass die Menschen Bindungen freiwillig annahmen. Man musste niemanden durch Strafgesetze zum Gehorsam zwingen wie unter Qin, ihn aber auch nicht einfach schalten und walten lassen wie im Huang-Lao-Modell. Man brachte ihn dazu, Gehorsam aus innerer Überzeugung für richtig zu halten: weil die sittliche Ordnung zwischen Herrscher und Untertan, Vater und Sohn als selbstverständlich galt; weil Loyalität, kindliche Pietät, sittliche Standhaftigkeit und Rechtschaffenheit das Menschsein begründeten; weil ein Verstoß dagegen einem Verstoß gegen die Ordnung des Himmels gleichkam.
Das war weiche Kontrolle in der Version 2.0.
Auch die Riten und die Musik des Herzogs von Zhou waren weiche Kontrolle gewesen, Version 1.0. Ihre Reichweite hatte sich jedoch auf die Aristokratie beschränkt. Das einfache Volk lernte die Riten nicht; sie hatten mit seinem Leben wenig zu tun. Der Vorrang des Konfuzianismus verfolgte einen größeren Anspruch: die weiche Kontrolle von der Aristokratie auf die ganze Gesellschaft auszuweiten. Jeder, vom Kaiser bis zum Bauern, sollte innerhalb konfuzianischer Ethik leben. Der Kaiser sollte menschenfreundlich, der Minister loyal, der Vater liebevoll, der Sohn pietätvoll sein. Jede gesellschaftliche Rolle erhielt eigene Verhaltensregeln und moralische Erwartungen.
Das Raffinierte an diesem System war, dass es oben und unten zugleich band.
Die Qin-Ordnung band nur die unten: Das Volk musste dem Gesetz gehorchen. Die oben band sie nicht: Der Kaiser selbst stand außerhalb des Gesetzes. Es war ein System einseitiger Bindung. Dessen Problem lag auf der Hand: Die Gebundenen hatten keinerlei Gegengewicht in der Hand. Die Unterdrückung konnte immer weiter verschärft werden, bis das System explodierte.
Die konfuzianische Bindung galt theoretisch in beide Richtungen. Der Minister musste dem Herrscher treu sein, der Herrscher seinen Untertanen aber auch mit Menschlichkeit begegnen. Der Sohn schuldete dem Vater Pietät, der Vater dem Sohn Liebe. Die Beziehung war symmetrisch, zumindest in der Theorie. „Der Herrscher behandelt seine Minister nach den Riten; die Minister dienen dem Herrscher mit Treue.“ Erst kam der angemessene Umgang, dann die Treue. Verletzte der Herrscher die Riten, indem er grausam, ausschweifend oder unmenschlich regierte, hatte der Minister einen Grund, seiner Loyalität Grenzen zu setzen.
In der Praxis wurden diese wechselseitigen Pflichten nie wirklich gleichgewichtig. Der Kaiser hatte weit mehr Macht als jeder Minister, er legte selbst fest, was als „Menschlichkeit“ galt, und kein Minister verfügte über wirksame Mittel, einen „unmenschlichen“ Kaiser zu bestrafen. Doch selbst eine nur nominell wechselseitige Bindung schuf gegenüber der rein einseitigen Qin-Ordnung einen zusätzlichen Puffer. Ein „unmenschlicher“ Kaiser musste wenigstens mit öffentlicher Kritik, den Aufzeichnungen der Hofhistoriografen und den Ermahnungen konfuzianischer Gelehrter rechnen. Das hielt keinen Kaiser auf, der unbedingt grausam sein wollte. Es konnte aber einen durchschnittlichen Kaiser daran hindern, von „etwas übertrieben“ zu „vollkommen wahnsinnig“ abzurutschen.
Eine kleine Begrenzung der Macht. Keine vollständige Bindung, aber ein wenig war besser als gar nichts.
II. Dong Zhongshu – Der Kodierer des Rests
Die theoretische Grundlage für den Vorrang des Konfuzianismus stammte vor allem von Dong Zhongshu. Sein Beitrag bestand nicht darin, neue Gedanken zu erfinden. Das zentrale Material fand er vollständig im Konfuzianismus der Zeit vor Qin. Er kodierte dieses Material neu: zu einem ideologischen System, das sich an die politische Macht anschließen ließ.
Dafür unternahm Dong Zhongshu einige entscheidende Schritte.
Erstens: die Resonanz zwischen Himmel und Mensch.
Dong Zhongshu lehrte, zwischen Himmel und Mensch bestehe ein Resonanzverhältnis. Das Verhalten des Himmelssohns beeinflusse die Erscheinungen des Himmels: War der Herrscher tugendhaft, kamen Wind und Regen zur rechten Zeit. Fehlte ihm die Tugend, häuften sich Katastrophen und unheilvolle Zeichen. Erdbeben, Sonnenfinsternisse, Überschwemmungen, Dürren, Heuschreckenplagen: All das waren Warnungen des Himmels an den Himmelssohn.
Politisch erfüllte diese Theorie eine außerordentlich wichtige Funktion. Sie schuf eine überweltliche Autorität, die den Kaiser begrenzen konnte: den Himmel. Der Kaiser war die höchste Macht. Auf Erden gab es niemanden, der ihm sagen konnte: „Du hast falsch gehandelt.“ Der Himmel konnte es. Er äußerte seinen Unmut durch Katastrophen und Unheilszeichen. Die konfuzianischen Gelehrten deuteten diese Zeichen und übermittelten damit die Kritik.
Die Lehre von der Resonanz zwischen Himmel und Mensch war eine geschickte institutionelle Konstruktion. Sie setzte den Kaiser unter Antwortdruck. Nach schweren Katastrophen oder bedeutenden Unheilszeichen musste er ein „Edikt der Selbstanklage“ erlassen, seine Verfehlungen prüfen und mitunter auch seine Politik ändern. Rechtlich erzwingbar war das nicht. Der Kaiser konnte die Unheilszeichen ignorieren, und einige taten das durchaus. Es handelte sich vielmehr um eine kulturell verankerte Institution. Die meisten Kaiser hielten sich in den meisten Fällen daran, weil der moralische Preis einer Weigerung zu hoch war.
Im Kern führte diese Resonanzlehre den rituellen Aufbau der Shang, in dem Himmel und Menschen durch den König miteinander verkehrten, mit der Mandatslehre der Zhou zusammen, nach der das Mandat des Himmels der Tugend folgte. Sie verband beide zu einer neuen Version. Der Himmel der Shang sprach allein mit dem Shang-König. Der Himmel der Zhou wählte den Tugendhaften. Dong Zhongshus Himmel warnte den untugendhaften Herrscher. Von diesen drei Versionen schränkte die seine die Kaisermacht am stärksten ein.
Wie viel diese Begrenzung tatsächlich bewirkte, hing natürlich davon ab, wer die Katastrophen und Unheilszeichen auslegte. Die Deutungshoheit lag bei den konfuzianischen Gelehrten. Der Vorrang des Konfuzianismus verlieh also nicht nur einer Lehre amtlichen Rang. Er gab einer ganzen Gelehrtengruppe eine politische Funktion: die Zeichen des Himmels zu deuten und die Kaisermacht zu kritisieren. Daraus entwickelten sich später das Mahn- und Beratungswesen der Han und die zweitausend Jahre fortwirkende Tradition der „reinen Kritik“, des moralischen Urteils über die Politik.
Zweitens: die drei Grundbindungen und die fünf beständigen Tugenden.
Der Herrscher ist die Richtschnur des Untertanen, der Vater die des Sohnes, der Ehemann die der Ehefrau. Menschlichkeit, Rechtschaffenheit, rituelle Angemessenheit, Weisheit und Vertrauenswürdigkeit.
Die drei Grundbindungen legten die Richtung dreier grundlegender menschlicher Beziehungen fest: Unten gehorcht oben. Die fünf beständigen Tugenden benannten fünf grundlegende moralische Eigenschaften: Sie sollten allen Menschen eigen sein.
Die drei Grundbindungen waren ein Ordnungswerkzeug. Sie vereinfachten das komplexe konfuzianische System der Riten zu drei klaren Gehorsamsketten. Man musste sich nicht Hunderte von Ritualvorschriften merken. Drei Regeln genügten: Höre auf den Herrscher. Höre auf den Vater. Höre auf den Ehemann, sofern du die Ehefrau bist. Einfach, eindeutig, durchsetzbar.
Die fünf beständigen Tugenden waren ein moralisches Werkzeug. Sie gaben allen einen gemeinsamen Maßstab. Wer man auch war: Menschlichkeit, Rechtschaffenheit, rituelle Angemessenheit, Weisheit und Vertrauenswürdigkeit waren Pflicht. Dieser Maßstab band oben und unten zugleich. Auch der Kaiser musste menschlich sein, auch der Bauer vertrauenswürdig.
Zusammen bildeten die drei Grundbindungen und die fünf beständigen Tugenden ein ethisches Raster über der gesamten Gesellschaft. Vertikal verlief die Rangordnung der drei Bindungen, horizontal der moralische Maßstab der fünf Tugenden. Jeder bekam in diesem Raster seinen Platz: Auf welcher Stufe stehst du, und welche Eigenschaften sollst du besitzen?
Wozu diente dieses Raster? Es kodierte das moralische Empfinden des Einzelnen, das unter Qin vollständig übergangen worden war, in die politische Ordnung hinein. Die Qin-Ordnung regelte das Verhalten: Was musst du tun, was darfst du nicht tun? Die konfuzianische Lehre regelte das Empfinden: Was sollst du für richtig halten, was für falsch? Verhalten lenkte man durch Strafgesetze, Empfinden durch Erziehung und sittliche Unterweisung. Strafgesetze reichten so weit wie die Angst, Unterweisung so weit wie die Verinnerlichung. Angst endet in dem Augenblick, in dem die Drohung verschwindet. Verinnerlichung kann ein Leben lang anhalten.
Drittens: die Theorie der großen Einheit.
Dong Zhongshu gab der politischen Einheit eine theoretische Begründung. „Die große Einheit, von der die Frühlings- und Herbstannalen sprechen, ist die beständige Ordnung von Himmel und Erde, der gemeinsame Grundsatz von einst und jetzt“, erklärte er. Einheit war demnach nicht die persönliche Großtat eines einzelnen Herrschers, sondern der Normalzustand von Himmel und Erde. Teilung war die Abweichung, Einheit die Norm.
Damit verwandelte die Theorie eine Tatsache in einen Wert. Dass Qin das Reich geeint hatte, war eine Tatsache. Dass das Reich geeint sein sollte, war ein Wert. Tatsachen lassen sich ändern: Ein Reich kann wieder zerfallen. Werte lassen sich schwerer ändern: Die Teilung wurde nun zu einem moralischen Fehler. Für die folgenden zweitausend Jahre trug jede Teilherrschaft die moralische Last, „nicht rechtmäßig“ zu sein. Jeder Einiger dagegen erhielt automatisch den moralischen Bonus, „dem Willen des Himmels zu folgen“.
Vom Aufbau her betrachtet kleidete die Theorie der großen Einheit das politische Erbe der Qin, die Kommandantur- und Kreisverwaltung samt zentralisierter Macht, in die Sprache des Konfuzianismus. Die Einheit der Qin war ein Produkt nackter Gewalt gewesen, ohne moralische Hülle. Die Menschen gehorchten aus Angst; verschwand die Angst, endete der Gehorsam. Dong Zhongshu gab der Einheit ein moralisches Gewand. Man gehorchte nun nicht aus Angst, sondern weil es der Ordnung des Himmels entsprach. Diese Ordnung verlor ihre Gültigkeit nicht durch die Grausamkeit eines bestimmten Kaisers. Selbst wenn der Kaiser schlecht war, blieb die große Einheit an sich richtig. Die Aufgabe bestand dann nicht darin, das Reich zu teilen, sondern einen guten Kaiser an seine Spitze zu setzen.
Das heißt es, „den Rest in den Aufbau einzuweben“. Der Impuls zur Abspaltung, dieser Rest, war nicht beseitigt. Unterdrückte Menschen wollten sich weiterhin wehren. Doch er erhielt eine neue Bedeutung. Widerstand sollte nicht mehr die Einheit aufheben, sondern den Kaiser ersetzen. Rebellieren durfte man, aber das Ziel konnte nur sein, jenen Platz selbst einzunehmen, niemals, ihn abzuschaffen. Die Richtung, in die sich der Rest entladen durfte, war kodiert: Vertikale Bewegung, ein Dynastiewechsel, war möglich. Horizontale Bewegung, Abspaltung und Unabhängigkeit, war es nicht.
Diese Kodierung blieb in den folgenden zweitausend Jahren im Wesentlichen wirksam. Zahllose Dynastien wechselten einander in der chinesischen Geschichte ab. Jedes Mal wechselten die Personen, nicht der Rahmen. Zeiten der Teilung gab es: die Drei Reiche, die Südlichen und Nördlichen Dynastien, die Fünf Dynastien und Zehn Reiche. Doch die Teilung galt stets als Übergangszustand. Alle Teilherrschaften beanspruchten für sich die rechtmäßige Nachfolge und erklärten die Einheit zum letzten Ziel. Keine bekannte sich offen dazu: „Teilung ist gut. Jeder von uns sollte für sich bleiben.“ Das war kein Zufall. Es war das Ergebnis der Kodierung durch die Theorie der großen Einheit.
III. Die Salz- und Eisenmonopole – Wo endet der Staat, wo beginnt die Gesellschaft?
Wus Aufbau beschränkte sich nicht auf die Ideologie. Auch die Wirtschaft gestaltete er tiefgreifend um.
Im Zentrum standen die staatlichen Salz- und Eisenmonopole sowie der Waren- und Preisausgleich. Der Staat monopolisierte Herstellung und Verkauf von Salz, Eisen und Alkohol. Er setzte Beamte für den Warenausgleich ein, die in den verschiedenen Landesteilen billig einkauften und teuer verkauften. Damit sollten sie Preise glätten und zugleich Einnahmen für die Staatskasse erwirtschaften.
Der unmittelbare Antrieb war der Geldbedarf. Die Feldzüge gegen die Xiongnu im Norden und die Baiyue im Süden, dazu die großen Bauvorhaben: All das verschlang ungeheure Summen. Was Wen und Jing angespart hatten, schmolz rasch dahin. Doch strukturell bedeuteten diese Maßnahmen weit mehr als eine neue Finanzierungsquelle.
Die Salz- und Eisenmonopole überführten die einträglichsten Teile der Wirtschaft aus privater in staatliche Hand. Damit dehnte sich die staatliche Kontrolle über die Gesellschaft von der Politik auf die Wirtschaft aus. Die Qin hatten vor allem administrativ und militärisch kontrolliert, durch die Registrierung aller Haushalte als unmittelbar unterstellte Bevölkerung und durch Kollektivhaftung. Wu fügte die wirtschaftliche Kontrolle hinzu. Die Kontrolle gewann eine weitere Dimension.
Aus der Perspektive des Rests waren privates Gewerbe und Handel selbst ein Rest. Sie erzeugten Vermögen, das der Staat nicht kontrollierte, und dieses Vermögen erzeugte Macht, die er ebenfalls nicht kontrollierte. Unter Wen und Jing waren Gewerbe und Handel rasch gewachsen. Es hatte sich eine Schicht gewaltig reicher Unternehmer gebildet, etwa die Familie Zhuo in Shu oder die Familie Kong in Wan. Ihr Reichtum erlaubte ihnen, „dieselben Freuden wie Könige zu genießen“. Ihre bloße Existenz bedrohte potenziell die Zentralmacht. Nicht, weil sie einen Aufstand planten. Ihre wirtschaftliche Selbstständigkeit bedeutete, dass sie nicht völlig vom Staat abhingen und sich seiner Kontrolle nicht vollständig unterwarfen.
Mit den Salz- und Eisenmonopolen gliederte Wu einen Teil dieses Rests in das System ein. Privates Gewerbe und privaten Handel gab es weiterhin, doch die lukrativsten Branchen hatte der Staat an sich gezogen. Auch reiche Privatleute gab es noch. Ihre wirtschaftliche Entfaltung blieb nun aber auf den Spielraum beschränkt, den der Staat ihnen zugestand.
Die Monopole erzeugten allerdings selbst einen neuen Rest: das Effizienzproblem der Staatswirtschaft. Den Beamten fehlte der Gewinnanreiz, die Verwaltung war nachlässig, die Produkte waren schlecht und die Preise überhöht. Auf der „Salz- und Eisenkonferenz“ unter Kaiser Zhao, festgehalten in Huan Kuans „Diskursen über Salz und Eisen“, griffen die als tugendhaft und gelehrt ausgewählten Teilnehmer die Staatsbetriebe scharf an. Das staatliche Eisen sei so minderwertig, dass den Bauern die Geräte nach wenigen Tagen zerbrächen. Das staatliche Salz sei so teuer, dass die Armen es sich nicht leisten könnten.
Im Kern ging es bei diesem Streit nicht um die technische Frage, ob Salz und Eisen staatlich bewirtschaftet werden sollten. Dahinter stand eine grundlegendere Frage: Wo sollte die Grenze zwischen Staat und Gesellschaft verlaufen?
Die Antwort der Legalisten lautete: Es gibt keine Grenze. Der Staat soll alles kontrollieren. Qin hatte diese Antwort in die Praxis umgesetzt.
Die Antwort der Daoisten lautete: Die Grenze soll dem Staat möglichst wenig Raum lassen. Je weniger er regelt, desto besser. Wen und Jing hatten diese Antwort teilweise verwirklicht.
Die konfuzianische Antwort war weniger eindeutig. Grundsätzlich lehnten die Konfuzianer es ab, dass der Staat mit dem Volk um Gewinne konkurrierte: „Der Staat sieht seinen Gewinn nicht im Gewinn, sondern in der Rechtschaffenheit.“ In der Praxis erkannten aber auch sie an, dass ein Staat Einnahmen brauchte, um zu funktionieren. Sie zogen die Grenze bei der Rechtschaffenheit, dem yi. Staatliche Eingriffe, die ihr entsprachen, waren zulässig, andere nicht. Nur: Wer durfte festlegen, was „rechtschaffen“ war?
Mit den Salz- und Eisenmonopolen begann eine Debatte, die zweitausend Jahre lang kein Ende finden sollte: Wie weit darf der Staat in die Wirtschaft eingreifen? Jede Dynastie schwankte in dieser Frage. Mal zog sie die Zügel an, durch Salz- und Eisenmonopole oder den staatlichen Alleinhandel mit Tee und Pferden. Mal lockerte sie sie und gab einzelne Monopolrechte frei. Ein stabiles Gleichgewicht fand keine.
Das lag nicht daran, dass niemand klug genug gewesen wäre. Es lag an der Erhaltung des Rests. Kontrolliert der Staat die Wirtschaft, entsteht als Rest die Ineffizienz der Staatsbetriebe. Gibt er sie frei, entsteht als Rest die wachsende Macht privaten Kapitals. Nimmt der eine Rest ab, wächst der andere. Drückt man den einen herunter, steigt der andere auf.
IV. Gegen die Xiongnu im Norden – Der Aufbau richtet sich nach außen
Wu regierte vierundfünfzig Jahre. Seine Kriege gegen äußere Gegner kamen fast nie zum Stillstand. Der größte Gegner waren die Xiongnu.
Betrachtet man den Aufbau, erfüllten Wus Kriege gegen die Xiongnu eine meist übersehene strukturelle Funktion: Sie eröffneten der von Qin geerbten Kriegsmaschine einen neuen Auslass, durch den sie ihre Kräfte verbrauchen konnte.
Im vorigen Essay haben wir gesehen, dass der Aufbau der Qin ein System war, das ständig gefüttert werden musste. Die nach Kriegsverdiensten vergebenen Ränge brauchten Kriege, um Aufstiegsmöglichkeiten zu schaffen. Die umfassende Mobilisierungsordnung brauchte äußere Ziele, um weiterzulaufen. Nach der Reichseinigung fehlten diese Ziele. Das System begann, sich selbst zu verzehren: Große Bauvorhaben zehrten die Kräfte der Bevölkerung auf. Am Ende brach es zusammen.
Das siebzig Jahre lang praktizierte Huang-Lao-Nichteingreifen der frühen Han hatte diese Kriegsmaschine vorübergehend abgeschaltet. Zerlegt worden war sie nicht. Der Verwaltungsrahmen aus Kommandanturen und Kreisen bestand fort. Die Dienstpflicht bestand fort, mit ihren drei Formen: gengzu, zhengzu und shuzu, Arbeitsdienst, regulärer Militärdienst und Garnisonsdienst. Auch die Haushaltsregistrierung, durch die der Staat jedem einzelnen Haushalt unmittelbar gegenüberstand, bestand fort. Die Maschine lief bloß im Leerlauf. Man konnte sie jederzeit wieder hochfahren.
Wu fuhr sie hoch. Im Norden gegen die Xiongnu, im Süden gegen die Baiyue, im Osten zur Unterwerfung Koreas, im Westen zur Öffnung der Westgebiete: Diese Feldzüge verwandelten den gesellschaftlichen Überschuss aus der Zeit Wens und Jings rasch in militärische Macht, die nach außen wirkte. Für das System erfüllte das dieselbe Funktion wie Qin Shihuangs Mauerbau und seine Feldzüge gegen die Baiyue. Überschüssige Energie wurde nach außen abgeführt, damit sie das System nicht von innen aufzehrte.
Eines hatte Wu dem Ersten Kaiser jedoch voraus: die legitimierende Verpackung des Konfuzianismus. Bei den Großprojekten des Ersten Kaisers wurde die Bevölkerung mit nackter Gewalt in Dienst genommen. Wus Kriege dagegen wurden als „Schutz der Grenzen und Sicherung des Volkes“, „Erweiterung des Reichsgebiets“ oder „Verbreitung der chinesischen Zivilisation“ dargestellt. Diese Sprache verlieh den Kriegen größere Berechtigung und erhöhte die Bereitschaft der Gesellschaft, ihre Lasten zu tragen. In beiden Fällen wurden die Kräfte des Volkes verbraucht. Doch ob man dabei angezogen ist oder nackt dasteht, macht einen gewaltigen Unterschied.
Am Ende überstieg der Aufwand für die Xiongnu-Kriege dennoch die Belastbarkeit der Gesellschaft. In Wus letzten Jahren war „das Reich ausgezehrt, die Zahl der Haushalte und Menschen halbiert“. Von ungefähr fünfzig Millionen Menschen in der Blütezeit war die Bevölkerung auf möglicherweise weniger als dreißig Millionen gesunken. Die Staatskasse war leer, die gesellschaftlichen Spannungen verschärften sich. Überall gab es entwurzelte Menschen und Räuberbanden.
In seinen letzten Lebensjahren tat Wu etwas, das kaum ein chinesischer Kaiser getan hatte: Er räumte öffentlich ein, dass er falsch gehandelt hatte. Im vierten Jahr der Ära Zhenghe, 89 v. Chr., erließ er das berühmte „Luntai-Edikt“, auch „Edikt der Selbstanklage“ genannt. Darin kündigte er an, die äußeren Kriege einzustellen und dem Land wieder Erholung zu ermöglichen. „Die dringende Aufgabe ist jetzt, Härte und Gewalt zu untersagen, eigenmächtige Abgaben zu unterbinden und die Kräfte auf die Landwirtschaft als Grundlage zu richten.“ Mit anderen Worten: Schluss mit grausamer Regierung, Schluss mit willkürlichen Steuern, die Anstrengungen gehören wieder auf die Felder.
Die Bedeutung des Luntai-Edikts lag nicht in seinen einzelnen Maßnahmen. Deren Richtung ähnelte der Politik Kaiser Wens. Es bewies etwas anderes: Auch ein Herrscher von gewaltigem Talent und grenzenloser Macht konnte die Gesellschaft nicht grenzenlos auszehren. Der Rest schlug zurück. Die Belastbarkeit einer Gesellschaft hatte eine Grenze. Wer sie überschritt, hatte nur noch zwei Möglichkeiten: zusammenbrechen wie Qin oder gegensteuern wie Wu.
Wu entschied sich für die Korrektur statt für den Zusammenbruch. Darin liegt der entscheidende Unterschied zu Qin Shihuang. Der Erste Kaiser hatte die Belastung bis zu seinem Tod weiter erhöht und seinem Nachfolger, dem Zweiten Kaiser, ein System hinterlassen, das sich nicht mehr zurücksteuern ließ. Wu trat am Ende seines Lebens auf die Bremse. Das verlängerte das Leben der Han um mehr als ein Jahrhundert.
Woher kam dieser Unterschied? Persönliche Veranlagung mag eine Rolle gespielt haben. Der Schmerz über den Verlust seines Sohnes machte Wu im Alter nachdenklicher. Ein tieferer Grund könnte jedoch sein, dass ihm der Konfuzianismus Werkzeuge zur Selbstprüfung gab: die Resonanz zwischen Himmel und Mensch und die Tradition der Selbstanklage-Edikte. Damit besaß er einen Rahmen, in dem er Fehler eingestehen konnte, ohne seine Legitimität zu verlieren. Dem Ersten Kaiser fehlten diese Werkzeuge. Im legalistischen System gab es die Option „Der Kaiser gesteht einen Fehler ein“ nicht. Der Kaiser hatte immer recht, denn er setzte das Gesetz, er war dessen Verkörperung. Einen Fehler einzugestehen hieß, das Gesetz zu verneinen. Das Gesetz zu verneinen hieß, das gesamte System zu verneinen.
Der Konfuzianismus gab dem Kaiser einen Rahmen, in dem er sich korrigieren konnte, ohne sich selbst zu zerstören: Ich habe falsch gehandelt. Falsch war aber mein Handeln, nicht meine Stellung. Diese Stellung verdanke ich nach wie vor dem Mandat des Himmels. Ich kann mein Verhalten ändern und meinen Platz behalten. Das Mandat ist nicht auf jemand anderen übergegangen. Der Himmel warnt mich nur. Ich nehme die Warnung an und ändere den Kurs.
Auf den ersten Blick begrenzte dieser Rahmen die Kaisermacht, weil er den Kaiser zum Eingeständnis von Fehlern nötigte. Tatsächlich schützte er sie zugleich, weil der Kaiser auch nach diesem Eingeständnis legitim blieb. Begrenzung und Schutz waren zwei Seiten derselben Medaille. Der Vorrang des Konfuzianismus bedeutete für die Kaisermacht weder bloß weniger noch bloß mehr Macht. Er gab ihr Elastizität. Sie konnte nachgeben, wenn Nachgeben nötig war, und hart bleiben, wenn Härte nötig war. Sie musste nicht wie Qin an ihrer eigenen Härte zugrunde gehen.
V. Die Verbindung von Konfuzianismus und Legalismus – Das eigentliche Betriebssystem
Spätere Generationen beschrieben die Han gern als „außen konfuzianisch, innen legalistisch“ oder „konfuzianische Oberfläche, legalistischer Kern“. Das ist nicht unberechtigt, aber ungenau. Treffender ist: Konfuzianismus und Legalismus verschmolzen.
Die Politik der Han nach Wu lässt sich nicht darauf reduzieren, dass der Konfuzianismus die Schauseite und der Legalismus das Innenleben lieferte. Beide wurden zu etwas Neuem verbunden: einem gemischten Betriebssystem, weder rein konfuzianisch noch rein legalistisch.
Dieses Mischsystem war folgendermaßen zusammengesetzt:
Der Legalismus lieferte das administrative Gerüst: die Kommandantur- und Kreisverwaltung, die Auswahl der Beamten, das Strafrecht, die Haushaltsregister und das Steuerwesen. Zwar wurden die Auswahlverfahren, von der Empfehlung in der Han-Zeit bis zum Prüfungswesen späterer Jahrhunderte, ihrer Form nach immer konfuzianischer. Die Bürokratie als solche blieb jedoch ein legalistisches Erbe. Dies waren die harten Bestandteile, die materielle Grundlage für den Betrieb des Systems.
Der Konfuzianismus lieferte die Erzählung, die Herrschaft legitimierte: das Mandat des Himmels, menschenfreundliche Politik, Herrschaft durch Tugend und die Ethik der Grundbindungen und beständigen Tugenden. Dies waren die weichen Bestandteile, die kulturelle Grundlage dafür, dass die Gesellschaft das System annahm.
Der Legalismus regelte das Wie, der Konfuzianismus das Warum. Der eine beantwortete Fragen des Vorgehens, der andere Fragen des Sinns. Vorgehen ohne Sinn war Gewaltherrschaft, wie unter Qin. Sinn ohne ein umsetzbares Vorgehen blieb leeres Gerede, wie im reinen Konfuzianismus. Erst zusammen ergaben beide ein funktionsfähiges System.
Unter dem Gesichtspunkt der Erhaltung des Rests war diese Verbindung eine hochentwickelte Strategie zum Umgang mit Resten. Der Rest eines rein legalistischen Systems bestand darin, dass menschliches Empfinden vollkommen übergangen wurde. Unter Qin hatte er sich als gewaltsamer Rückschlag entladen. Der Rest eines rein konfuzianischen Systems bestand darin, dass der Ordnung die Kraft zur zwangsweisen Durchsetzung fehlte. Unter den Östlichen Zhou hatte er sich im Zerfall von Riten und Musik entladen. Die Verbindung beider Lehren setzte darauf, den Rest des Legalismus mit Konfuzianismus zu bearbeiten, also das kalte Gesetz in ein Gewand menschlicher Wärme zu kleiden; und den Rest des Konfuzianismus mit Legalismus, also der schwachen Ethik Zwangsmittel als Rückhalt zu geben.
Die beiden Reste hielten einander in Schach. Sie wurden nicht beseitigt. Ihre Entladung wurde vielmehr so ausgerichtet, dass sie sich gegenseitig entgegenwirkten.
Diese Strategie war außerordentlich wirksam. Das unter Wu etablierte konfuzianisch-legalistische Betriebssystem lief in unterschiedlichen Varianten zweitausend Jahre lang. Jede spätere Dynastie veränderte auf dieser Grundlage die Einstellungen. Manche tendierten stärker zum Konfuzianismus, etwa die Song. Andere stärker zum Legalismus, etwa die frühen Ming. Bei wieder anderen waren beide Seiten stark, etwa unter Taizong der Tang. Doch keine erfolgreiche Dynastie versuchte, zum reinen Legalismus oder reinen Konfuzianismus zurückzukehren. Der reine Legalismus war zu spröde, das hatten die Qin gezeigt. Der reine Konfuzianismus war zu weich, das hatten die Östlichen Zhou gezeigt. Dauerhaft tragfähig war allein die Mischung.
Hier machte die chinesische Politik eine grundlegende Entdeckung, nicht weniger bedeutend als die Ritenordnung des Herzogs von Zhou. Der Herzog hatte entdeckt, wie sich persönliche Qualitäten durch Institutionen ersetzen ließen, auch wenn die Umsetzung nicht vollständig gelang. Unter Wu entdeckte man, wie sich reine Härte oder reine Weichheit durch ihre Verbindung ersetzen ließ. Zusammen legten diese beiden Entdeckungen den Grundrahmen der späteren chinesischen Politik fest.
VI. Harte und fürsorgliche Beamte – Die zwei Gesichter des Systems
In der Han-Bürokratie traten zwei scharf voneinander unterschiedene Arten von Beamten hervor.
Die harten Beamten: Zhang Tang, Du Zhou, Yi Zong und Wang Wenshu. Sie waren für strenge Gesetze und harte Strafen bekannt, vollstreckten das Recht unbeirrbar und ohne Ansehen der Person, oder, anders gesagt, grausam und erbarmungslos. Sie bekämpften die mächtigen lokalen Familien, beseitigten Gegner und dienten Wus Zentralisierungspolitik als eiserne Faust. Zhang Tang leitete die Überarbeitung der Gesetze. Die Bestimmungen wurden immer kleinteiliger, die Strafen immer härter.
Die fürsorglichen Beamten: Unter späteren Han-Kaisern standen dafür Huang Ba, Gong Sui und Shao Xinchen. Sie waren für tugendhafte Regierung und sittliche Unterweisung bekannt, behandelten die Menschen großzügig, förderten Ackerbau und Seidenraupenzucht, bauten Bewässerungsanlagen und verringerten Strafverfahren und Gefängnishaft. Als Statthalter von Yingchuan machte Huang Ba aus einem von Unordnung geprägten Bezirk eine Musterkommandantur für das ganze Reich.
Harte und fürsorgliche Beamte bildeten keinen Gegensatz. Sie waren zwei Gesichter desselben Systems, und dieses System brauchte beide zugleich. Gegen mächtige Familien und politische Gegner setzte es die harten Beamten ein, sein legalistisches Gesicht. Der gewöhnlichen Bevölkerung begegnete es durch fürsorgliche Beamte, sein konfuzianisches Gesicht. Unterschiedlichen Adressaten zeigte es unterschiedliche Gesichter. Das war keine Heuchelei, sondern eine Aufteilung der Aufgaben.
Aus der Perspektive des Rests kümmerten sich die harten Beamten um jenen Rest, den die Zentralisierung der Macht hinterließ: die dabei angegriffenen Interessengruppen, also mächtige Familien, die verbliebenen Kräfte der Teilkönige und nicht kooperationswillige alte Adelsgeschlechter. Die fürsorglichen Beamten bearbeiteten einen anderen Rest: die gesellschaftliche Erschöpfung durch intensive staatliche Mobilisierung, den Unmut der Bevölkerung, die wirtschaftliche Verödung und den Bevölkerungsschwund.
Zwei Arten von Rest verlangten zwei Arten des Umgangs. Wer auf gesellschaftliche Erschöpfung harte Beamte ansetzte, also die Unterdrückung verschärfte, verwandelte Erschöpfung in Wut. Wer den mächtigen Familien mit fürsorglichen Beamten, also sanfter sittlicher Unterweisung, begegnete, machte sie nur noch hemmungsloser. Das Werkzeug musste zum Problem passen.
Diese Aufgabenteilung barg allerdings eine Gefahr: Die Grenze zwischen harten und fürsorglichen Beamten konnte verschwimmen. Wer gegen mächtige Familien als harter Beamter vorging, konnte sich denselben Umgang auch gegenüber dem einfachen Volk angewöhnen. Gewalt macht süchtig, harte Strafen greifen um sich. Zhang Tang begann mit dem Vorgehen gegen die Mächtigen. Am Ende setzte er massenhaft ungerechte Strafverfahren in Gang, in die auch Unschuldige hineingezogen wurden. Das Werkzeug schlug auf seinen Benutzer zurück.
Spätere Dynastien stießen immer wieder auf dasselbe Problem. Die Brokatgarde und das Östliche Depot der Ming sollten ursprünglich die Mächtigen überwachen. Am Ende wurden sie zu Werkzeugen, die die gesamte Gesellschaft terrorisierten. Der Zuständigkeitsbereich repressiver Einrichtungen neigt stets dazu, sich auszuweiten. Denn mit seiner Ausweitung wachsen ihre eigene Macht und ihre Mittel. Und niemand hat einen Anreiz, eine Einrichtung zu begrenzen, die bereits die Gewaltmittel in der Hand hält.
Das ist der Rest, der dem legalistischen Werkzeug innewohnt: Gewalt weiß nicht, wann sie aufhören soll. Du gibst dem System ein Messer und sagst ihm, wen es damit niedermachen soll. Hat es die von dir Benannten niedergemacht, legt es das Messer nicht von selbst aus der Hand. Es sucht sich neue Opfer. Denn das Messer selbst verlangt nach Verwendung.
VII. Die Hexereiaffäre – Die letzte Einsamkeit der Macht
In Wus letzten Jahren ereignete sich die große Hexereiaffäre, 91 v. Chr.
Der Verlauf war äußerst verwickelt, die Grundstruktur hingegen einfach. Wu vermutete, jemand verfluche ihn durch Zauberei. Der harte Beamte Jiang Chong nutzte die Gelegenheit zu umfangreichen politischen Säuberungen. Kronprinz Liu Ju wurde verleumdet und sah sich gezwungen, zur Selbstverteidigung Truppen aufzubieten. Nach seiner Niederlage nahm er sich das Leben. Kaiserin Wei Zifu nahm sich ebenfalls das Leben. Zehntausende weitere Menschen wurden in die Affäre hineingezogen und getötet.
Gewöhnlich erklärt man die Hexereiaffäre mit Wus getrübtem Urteilsvermögen im Alter und damit, dass harte Beamte dies ausnutzten. Betrachtet man den Aufbau, tritt ein tieferes Problem hervor: Äußerste Machtkonzentration führt schließlich zu äußerstem Mangel an Vertrauen.
Wu regierte vierundfünfzig Jahre. Er ging gegen die Teilkönige vor und säuberte den Kreis der verdienten Würdenträger. Die Kanzler wechselten häufig; mehrere wurden getötet oder nahmen sich das Leben. Mit harten Beamten kontrollierte er die Bürokratie, mit den Salz- und Eisenmonopolen die wirtschaftlichen Lebensadern. Die Macht konzentrierte sich in höchstem Maß bei ihm allein.
Doch diese Konzentration hatte eine Nebenwirkung: Du weißt immer weniger, wem du vertrauen kannst. Du hast alle getroffen, die dich bedrohen könnten. Damit hast du aber auch alle getroffen, die dich stützen könnten. Unter hohem Druck verschwimmt nämlich die Grenze zwischen möglicher Bedrohung und möglicher Unterstützung. Ein fähiger Minister ist fähig, dich zu stützen, und ebenso fähig, dich zu bedrohen. Wie unterscheidest du das? Irgendwann kannst du es nicht mehr unterscheiden. Es bleibt dir nur, jedem zu misstrauen.
Die Hexereiaffäre war der äußerste Ausdruck dieses Zusammenbruchs von Vertrauen. Wu traute nicht einmal mehr seinem eigenen Kronprinzen. Dessen bewaffnete Selbstverteidigung deutete er als Rebellion. Das Misstrauen zwischen Vater und Sohn wurde zum blutigen Bürgerkrieg.
Dies ist der äußerste Rest eines hochverdichteten Aufbaus: der Zusammenbruch des Urteilsvermögens bei dem, der ihn steuert. Ein Mensch, der alles kontrolliert, wird schließlich vom Bedürfnis, alles kontrollieren zu müssen, selbst erdrückt. Harte Beamte beherrschen seine Informationskanäle, weil er gerade ihnen zutraut, alle anderen für ihn zu überwachen. Angst verzerrt sein Urteil, denn mit der Größe der Macht wächst die Angst, sie zu verlieren. Seine menschlichen Beziehungen werden vollständig durch Machtbeziehungen ersetzt. Selbst das Verhältnis zwischen Vater und Sohn wird zum politischen Machtspiel.
Die Hexereiaffäre war Wus Version des „Pan-Geng-Dilemmas“. Nein, sie reichte noch tiefer. Pan Geng hatte es mit einem äußeren Problem zu tun gehabt: der wachsenden Macht der Aristokratie. Wu stand vor dem psychischen Zusammenbruch des Systemlenkers selbst, nachdem die Macht bis zum Äußersten konzentriert worden war. Das war ein inneres Problem, das sich durch keine institutionelle Konstruktion lösen ließ. Denn das Problem lag beim Lenker selbst, und dieser war der oberste Knoten des Systems.
Vielleicht hatte auch Qin Shihuang ähnliche Einsamkeit und ähnliches Misstrauen erlebt. Sein spätes Verhalten, die ständigen Reisen und die Suche nach einem Unsterblichkeitselixier, zeigte starke Züge von Angst und Besessenheit. Doch ihm fehlte der konfuzianische Rahmen zur Selbstprüfung. Sein Misstrauen begleitete ihn daher bis zum Tod. Wu erlebte nach der Hexereiaffäre einen kurzen Augenblick der Klarheit. Das Luntai-Edikt war dessen Ergebnis.
Aber die Klarheit kam zu spät. Der Kronprinz war tot. Kaiserin Wei war tot. Zehntausende waren tot. In seinen letzten beiden Lebensjahren stand Wu vor einem Hof, den er selbst ausgehöhlt hatte. Die fähigsten Menschen waren entweder bereits getötet oder so eingeschüchtert, dass sie nicht mehr zu sprechen wagten.
Die äußerste Konzentration der Macht erzeugt am Ende die äußerste Einsamkeit der Macht. Einsamkeit ist der letzte Rest eines zentralisierten Aufbaus. Niemand kann mit dir auf dem Gipfel der Macht stehen, denn jeder an deiner Seite ist eine mögliche Bedrohung. Du hast alle Bedrohungen beseitigt und damit auch jede menschliche Nähe. Du kontrollierst alles. Und hast alles verloren.
Dieser Rest kehrte in der späteren chinesischen Geschichte immer wieder: im Misstrauen des alten Tang-Kaisers Taizong, in den großen Säuberungen des Ming-Gründers Taizu, im allgegenwärtigen Argwohn, den Yongzhengs Politik der geheimen Eingaben erzeugte. Die letzten Jahre jedes starken Kaisers waren eine weitere Version dieses Rests.
VIII. Das Erbe – Ein Betriebssystem für zweitausend Jahre
Wu hinterließ der Nachwelt nicht vor allem konkrete Maßnahmen. Vieles, was seine Politik geprägt hatte, die Salz- und Eisenmonopole, die äußere Expansion oder das Regiment der harten Beamten, wurde nach seinem Tod verändert oder abgeschafft. Was er hinterließ, war der Rahmen eines Betriebssystems.
Seine wichtigsten Einstellungen lauteten:
In der Politik: Kommandantur- und Kreisverwaltung plus zentrale Macht. Das Erbe der Qin, das nach der siebzigjährigen sanften Landung in der frühen Han-Zeit von der Gesellschaft angenommen worden war.
In der Ideologie: der alleinige Vorrang der konfuzianischen Lehre. Dong Zhongshus Entwurf gab der Zentralmacht moralische Legitimität und einen elastischen Mechanismus der Begrenzung.
In der Wirtschaft: staatliche Kontrolle der Schlüsselressourcen, private Bewirtschaftung der übrigen Bereiche. Die Salz- und Eisenmonopole hatten diese Grenze gezogen. In den folgenden zweitausend Jahren wurde sie immer wieder verschoben, aber nicht grundsätzlich verändert.
In der gesellschaftlichen Kontrolle: die Verbindung von Konfuzianismus und Legalismus. Weiche Mittel, also sittliche Unterweisung, Ethik und öffentliche Meinung, wirkten zusammen mit harten Mitteln: Gesetzen, Strafen und Bürokratie.
Dieses Betriebssystem war nicht vollkommen. Seine verschiedenen Reste haben wir bereits betrachtet. Aber es war gut genug. „Gut genug“ heißt hier: Der Rest entlud sich langsamer, als das System sich selbst reparieren konnte. Deshalb konnte es lange weiterlaufen.
Im Qin-System entlud sich der Rest zu schnell; nach fünfzehn Jahren brach es zusammen. Die Fähigkeit zur Selbstreparatur lag bei null, weil Fehler weder eingestanden noch korrigiert werden durften. So war es nicht dauerhaft tragfähig.
In Wus System entlud sich der Rest langsamer, weil die konfuzianische Lehre ihn abfederte und in Bahnen lenkte. Zugleich besaß das System eine gewisse Fähigkeit zur Selbstreparatur. Die Resonanz zwischen Himmel und Mensch sowie die Selbstanklage-Edikte schufen einen Rahmen, um Fehler einzuräumen und den Kurs zu ändern. Deshalb konnte es lange weiterlaufen.
Lange ist nicht ewig. Der Rest sammelte sich weiterhin an. Überschritt er ein bestimmtes Maß, brach auch dieses System zusammen. Wang Mangs Usurpation am Ende der Westlichen Han war das Ergebnis einer solchen Anhäufung. Doch nach dem Zusammenbruch nahm die nächste Dynastie dasselbe Betriebssystem wieder in Betrieb. Es war das einzige Modell, das sich bereits als „gut genug“ erwiesen hatte. Eine bessere Alternative gab es nicht.
Vom Herzog von Zhou bis zu Kaiser Wu durchlief die chinesische Politik drei große Versionen ihres Betriebssystems:
Version 1.0, der Herzog von Zhou: Lehnsordnung plus Riten und Musik plus patrilineare Sippenordnung. Vorwiegend weiche Kontrolle. Laufzeit: ungefähr dreihundert Jahre. Version 2.0, Shang Yang und Qin Shihuang: Kommandantur- und Kreisverwaltung plus Herrschaft durch Gesetze plus Erfassung aller Haushalte als unmittelbar unterstellte Bevölkerung. Vorwiegend harte Kontrolle. Laufzeit: fünfzehn Jahre. Version 3.0, Kaiser Wu und Dong Zhongshu: Kommandantur- und Kreisverwaltung plus konfuzianisch-legalistische Verbindung plus zentrale Macht. Harte und weiche Kontrolle gemeinsam. Laufzeit: zweitausend Jahre, mit allerlei Patches und Versionsupdates.
Version 3.0 lief nicht deshalb zweitausend Jahre, weil sie alle Probleme gelöst hätte. Das hatte sie nicht. Sie erreichte vielmehr im Umgang mit dem Rest ein bis dahin unbekanntes Gleichgewicht. Anders als Version 1.0 setzte sie nicht ausschließlich auf weiche Kontrolle, wirksam, aber zu zerbrechlich. Anders als Version 2.0 setzte sie nicht ausschließlich auf harte Kontrolle, effizient, aber zu gewaltsam. Zwischen beiden fand sie ein dynamisches Gleichgewicht. Es war kein fester Zustand. Jede Dynastie, jede Kaisergeneration nahm Feinjustierungen vor. Doch alle Änderungen blieben innerhalb desselben Rahmens.
Der Rahmen selbst blieb. Nur die Einstellungen änderten sich.
Im nächsten Essay: Wang Mang, der Mann, der die Kodierung bis zum Äußersten trieb. Er wollte Version 3.0 nicht verändern. Er wollte zurück zu Version 1.0. Ein Mann, der versuchte, die Zeit rückwärts laufen zu lassen, und die Antwort, die ihm die Zeit gab.
Diese deutsche Ausgabe wurde für deutschsprachige Leser eigenständig neu geschrieben.