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Essay 01 von 23

Gegenseitigkeit und Gabe: Warum die Rechnung offenbleiben muss

Gabentausch ist keine primitive Vorstufe des Geldes. Kula, Potlatch und alltägliche Hilfe zeigen eine Beziehungsordnung, deren Bindekraft gerade darin liegt, dass sie Verpflichtungen nicht endgültig verrechnet.

Han Qin (秦汉)
In diesem Essay

1. Eine Welt, die ihre Rechnungen offenhält

Unter Menschen, die einander nahestehen, kann es eine Beleidigung sein, die Rechnung genau zu begleichen. Man hilft einem Freund beim Umzug. Kaum steht der letzte Schrank, zieht er einen Geldschein hervor und drückt ihn einem als Lohn in die Hand. Etwas an der Freundschaft ist in diesem Augenblick schon abgekühlt. In der Familie gilt das erst recht. Wer gekocht, die Tür repariert, wem in einer schwierigen Lage geholfen hat: Würde man all das in Geld umrechnen und bei jeder Gelegenheit sofort bezahlen, wäre am Ende weniger eine Rechnung bereinigt als eine Beziehung aufgelöst. Dahinter steckt nicht bloß Empfindsamkeit. Es steckt eine Ordnung dahinter. Der Anthropologe David Graeber hat darauf hingewiesen, woran man solche Beziehungen am zuverlässigsten erkennt: Niemand führt Buch, und schon der Versuch würde lächerlich oder ungehörig wirken. Zu seinen Beispielen gehören die gegenseitige Unterstützung bei Begräbnissen unter Irokesen und der gewöhnliche Gefallen im Alltag. Wenn Hilfe gebraucht wird, hilft man. Niemand zückt dabei ein kleines Schuldenheft.

So, mit offenen Rechnungen, funktionierten die meisten menschlichen Gesellschaften, bevor Geld und förmliche Rechnungsbücher auftauchten.

Darin lässt sich leicht eine ländliche Idylle hören: Früher hätten die Menschen nicht gerechnet, sondern nur füreinander gesorgt. Doch geldlos heißt weder wirtschaftslos noch frei von Berechnung. Auch diese Gesellschaften mussten Nahrung verteilen, Arbeit organisieren, Güter zwischen Gruppen bewegen, Hochzeiten und Begräbnisse ausrichten, die Lücken eines Notjahres schließen. Sie brauchten Verbündete und mussten Gegner in Schach halten. Auch dort wurde beurteilt, was etwas wert war, wer wem etwas schuldete, wann eine Erwiderung fällig war, wann sie nicht erfolgen durfte oder konnte und welche Folgen eine ausbleibende Erwiderung haben würde. Der Unterschied lag darin, wo die Interessen ihren Platz hatten. Sie waren mit Verwandtschaft und Ansehen verflochten, mit Ritualen, Schutz, Feindschaft, Göttern, Schulden, Scham und Erinnerung. Der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi fasste dies im zwanzigsten Jahrhundert in die Formel, wirtschaftliches Handeln sei in soziale Beziehungen eingebettet. Marcel Mauss, der französische Soziologe, hatte es früher und schärfer formuliert: Geben, Annehmen und Erwidern bilden in vielen Gesellschaften keine drei voneinander unabhängigen wirtschaftlichen Handlungen. Sie gehören zu einem Geflecht von Verpflichtungen, das Menschen und Gruppen aneinanderbindet.

Berechnung gab es überall. Selten war etwas anderes: sämtliche Berechnungen auf dieselbe Einheit zu bringen und dann jedem zu erlauben, damit bei jedem anderen sofort seine Rechnung zu begleichen. Natürlich wusste ein Mensch, wer ihm Gutes getan hatte, wer ihm noch etwas schuldete und wie eine bestimmte Hilfe zu erwidern war. Aber dieses Wissen unterschied zwischen Anlässen, Personen und dem Grad ihrer Nähe. Es war kein Maßstab, der unterschiedslos an jeden Menschen und jede Sache angelegt werden konnte. An Kalkül fehlte es nicht. Es fehlte an einem gemeinsamen Maß, an der Möglichkeit, alles miteinander verrechenbar zu machen.

Um diese Welt zu sehen, müssen wir zunächst ein allzu vertrautes Bild beiseitelegen. Es zeigt Menschen als einzelne, zunächst unverbundene Tauschende. Jeder besitzt etwas, das ein anderer braucht. Man tauscht Ware gegen Ware, findet das auf Dauer zu umständlich und erfindet schließlich das Geld. Beziehungen kommen in diesem Bild erst nachträglich hinzu. Viele ethnografische Zeugnisse legen die umgekehrte Reihenfolge nahe. Menschen leben zuerst in Beziehungen. Güter zirkulieren, um diese Beziehungen zu erhalten, zu vertiefen, auf die Probe zu stellen, öffentlich vorzuführen oder zu zerreißen. Preise und abschließende Abrechnungen sind spätere, zunächst begrenzte Verfahren, mit denen dieses Geflecht verdichtet wird. Und diese Verdichtung hat oft gewaltsame Folgen.

Die Welt vor dem Rechnungsbuch lebte also davon, dass ihre Rechnungen offenblieben. Zugleich versuchte sie immer wieder, Beziehungen in eine Form zu pressen, die sich besser abrechnen ließ. Bei jedem dieser Versuche blieb etwas übrig, das sich nicht glattpressen ließ. Ein Rest, der auch mit einem noch so verfeinerten Maßstab weder ganz in die Rechnung zurückzuholen noch einfach zu beseitigen war.

Diese alte Regel ist selbst heute nicht verschwunden. Geldgeschenke zu Familienfeiern, Gefälligkeiten unter Verwandten, Essen, zu denen Freunde einander reihum einladen: Vieles folgt weiterhin dem Prinzip, die Sache nicht an Ort und Stelle auszugleichen. Du gibst mir zur Hochzeit fünfhundert. Ich merke es mir. Wenn in deiner Familie etwas ansteht, gebe ich meinerseits etwas dazu. Ein wenig mehr, ein wenig weniger: Niemand beginnt gleich vor allen anderen, die Differenz auszurechnen. Wer dagegen ein Geschenk annimmt, seinen Geldwert ermittelt und den Betrag umgehend zurückgibt, erklärt die Beziehung praktisch für beendet. Geld und Rechnungsbücher haben sich über die Welt ausgebreitet. Diese ältere Ordnung haben sie trotzdem nicht fortgespült. Sie hat sich in die Winkel von Verwandtschaft und Freundschaft zurückgezogen und arbeitet dort nach ihren eigenen Regeln weiter.

2. Geben, annehmen, erwidern

In seinem berühmten Essay über die Gabe führt Mauss deren Ordnung auf drei Verpflichtungen zurück: zu geben, anzunehmen und zu erwidern. Keine davon ist eine beliebige persönliche Entscheidung. Wer sich weigere zu geben, eine Einladung unterlasse oder die Annahme verweigere, komme einer Kriegserklärung gleich, schreibt er. In einer solchen Gesellschaft wird nicht erst über Güter abgerechnet und anschließend überlegt, welche Beziehung daraus entsteht. Die Beziehung ist schon da, und mit den Gütern wird an ihr gearbeitet. Einer gibt, der andere nimmt an. Damit besteht eine Verpflichtung für die Zukunft. Wann sie einzulösen ist, in welcher Form und in welchem Umfang, steht in der Beziehung geschrieben, nicht auf einem Blatt Papier.

Die Gegengabe darf gerade nicht sofort erfolgen. Mauss betont immer wieder, dass Zeit zur Struktur dieser Beziehung gehört. Eine Gabe verlangt ihrem Wesen nach eine Frist. Ein gemeinsam gegessenes Mahl, ein ausgeschenktes Getränk, ein mitgenommener Schutzanhänger lassen sich nicht gleich darauf unverändert zurückreichen. Wer zu schnell zurückzahlt, streicht gleichsam im Voraus die kleine Schuld, die soeben zwischen zwei Menschen entstanden ist. Er sagt damit: Ich möchte nicht in deiner Schuld stehen; ich möchte nicht mit dir verbunden bleiben. Dass eine Rechnung offen ist, zeigt hier keinen Fehler der Ordnung an. Darin besteht ihre Ordnung. Die Beziehung lebt weiter, weil ihr Konto nie ganz ausgeglichen wird.

Wie wird darüber Buch geführt, wenn es kein Buch gibt? Durch das öffentliche Gedächtnis, die anwesenden Zeugen, Titel, Scham und Ansehen. Auch durch die Herkunft der Dinge selbst. Viele Gaben sind keine namenlosen Gegenstände, die einmal den Besitzer wechseln und damit erledigt sind. Sie gehören zu einer erzählbaren Kette: Wer gab sie wem? Wer nahm sie an? An wen wurden sie weitergereicht? Die Kostbarkeiten des Kula-Rings im Südpazifik tragen Namen und haben Lebensgeschichten. Die Kupferplatten, die bei den Potlatch-Festen an der nordwestlichen Küste Nordamerikas eine Rolle spielen, besitzen je nach früherem Handel und Anlass einen unterschiedlichen Wert. In manchen Gesellschaften bleibt lange im Gedächtnis, wer bei einer Hochzeit, einer Beerdigung, einer Ernte oder einer Hungersnot geholfen hat. Auch ohne bezifferte Konten gibt es ein gesellschaftliches Wissen darüber, wer wem etwas schuldet. Es liegt verstreut in Geschichten, Liedern und rituellen Reden, in Abstammungsfolgen, in den Namen der Dinge und in den Köpfen der Menschen, die dabeistanden. Was jemand getan hat, wem er verpflichtet ist und wessen Hilfe er bereits erwidert hat, steht nicht in einem Register. Es wird weitererzählt und erinnert. Diese Aufzeichnungen sind oft schwerer zu tilgen als die in einem Buch.

Darauf wird es noch öfter ankommen. Ein Rechnungsblatt kann man zerreißen. Zahlen lassen sich ändern, Schulden bei einem Herrschaftswechsel mit einem Federstrich streichen. Eine Rechnung in den Erinnerungen vieler Menschen würde erst verschwinden, wenn sich eine ganze Generation gleichzeitig falsch erinnerte. Ein guter Ruf lässt sich nicht deshalb schwer fälschen, weil frühere Menschen ehrlicher gewesen wären. Er verteilt sich auf zu viele Stimmen, als dass ein Einzelner ihn nach Belieben umschreiben könnte. Auf einem fremden Markt mag jemand einmal mit einer Täuschung durchkommen. In dem Dorf, in dem er aufgewachsen ist und in dem man schon seinen Großvater kannte, wird er sich kaum jahrelang als ein anderer ausgeben können.

Keine ausdrücklichen Konten zu haben bedeutet folglich nicht, schuldenfrei zu sein. Mauss lässt keinen Zweifel daran, dass die Gabenordnung bereits Kredit und Fristen kannte. Er wandte sich sogar gegen die geläufige Stufenfolge, nach der die Menschheit vom Naturaltausch zum Kauf und vom Bargeld zum Kredit gelangt sei. In vielen Gesellschaften, so seine Sicht, steht am Anfang ein System von Gaben, die mit zeitlichem Abstand erwidert werden. Naturaltausch, Kauf und Darlehen wären dann vereinfachte oder neu zusammengesetzte Formen auf dieser älteren Grundlage. Eine Verpflichtung, deren Einlösung warten kann, geht einem Tausch voraus, der sich sofort abschließen lässt.

Damit dreht sich die vermeintlich selbstverständliche Reihenfolge um. Zuerst käme das persönliche Verhältnis mit seinen offenen Verpflichtungen; erst daraus würde der Sonderfall herausgeschnitten, bei dem Geld und Ware Zug um Zug den Besitzer wechseln. Heute erscheint uns der Kauf auf Kredit als ein zusätzlich gewährtes Vertrauen. Man denkt vom sofort bezahlten Geschäft aus und erlaubt dann aus Entgegenkommen einen Aufschub. In jener Welt stellte eher die jederzeitige Fälligkeit, das sofortige Begleichen jeder Forderung, eine besondere Kälte dar. Man musste diese Behandlung eigens aus dem lebendigen Zusammenhang einer Beziehung herausschneiden.

Das macht die frühere Welt keineswegs automatisch herzlicher. Die sofortige Abrechnung hat ihren guten Grund. Mit jemandem, den man nicht wiedersehen will, dem man nicht traut oder der jeden Augenblick zum Gegner werden könnte, ist der Zug-um-Zug-Tausch durchaus angebracht. Keiner soll dem anderen etwas schulden. Man möchte die Verbindung sauber abschließen. Gerade darin liegt der Punkt: Das sofortige Begleichen ist nicht die gewöhnliche Fortsetzung einer Beziehung, sondern ein Mittel, einen Kontakt auf der Stelle zu beenden. Je länger man miteinander verbunden bleiben will, desto weniger darf die Rechnung vollständig aufgehen. Je entschlossener man auseinandergehen möchte, desto genauer wird abgerechnet.

3. Der Kula-Ring

Der polnischstämmige Anthropologe Bronisław Malinowski lebte für seine Feldforschung lange auf den Inseln östlich von Neuguinea. Der Kula-Ring, den er 1922 beschrieb, spannte sich über eine weite Inselwelt. Tausende Menschen hielten dieses stammesübergreifende Beziehungsnetz in Gang. Darin wanderten zwei Arten kostbarer Gegenstände in entgegengesetzte Richtungen: Halsketten aus roten Muschelschalen im Uhrzeigersinn, Armreifen aus geschliffenen weißen Muschelschalen gegen den Uhrzeigersinn. Wer dem Netz angehörte, erhielt wiederkehrend ein solches Stück, behielt es eine Zeit lang und reichte es dann an einen seiner Partner weiter. Hochgestellte Männer verfügten über viele Partner; Menschen mit geringerem Rang hatten wenige oder fanden überhaupt keinen Zugang. Wer an die Kostbarkeit eines Partners auf einer anderen Insel gelangen wollte, musste eine tatsächlich gefährliche Seereise unternehmen. Vor dem Aufbruch gab es magische Handlungen, nach der Ankunft Bewirtung; unterwegs boten die Beteiligten einander Schutz. Die riskante Fahrt, die Magie der Seefahrt, die Gastfreundschaft an Land, der gegenseitige Beistand und die nebenher betriebenen Geschäfte bildeten einen einzigen Zusammenhang.

Malinowskis berühmte Bestimmung des Kula grenzt diese Gabenbeziehung vom Naturaltausch ab. Als erstes Prinzip nennt er die Gabe, die erst nach einer gewissen Zeit durch eine Gegengabe erwidert wird. Über sie wird nicht wie bei einem Tauschgeschäft gefeilscht. Das zweite Prinzip ist ebenso wichtig: Ob die Gegengabe angemessen ausfällt, entscheidet derjenige, der sie gibt. Sie lässt sich nicht erzwingen, und um ihre Höhe darf nicht gehandelt werden. Ich gebe dir ein Stück, später gibst du mir eines. Ob deine Antwort anständig genug ist, musst du abwägen. Ich darf sie dir nicht vor den Augen aller nachbessern lassen und erst recht keinen Preis aushandeln.

An Werturteilen mangelt es im Kula deshalb keineswegs. Im Gegenteil: Rangunterschiede werden genau beobachtet. Man achtet auf den Ruf eines Gegenstands, auf die Freigebigkeit eines Partners, darauf, durch wessen Hände berühmte Stücke gegangen sind, und darauf, wann aus einer Verzögerung ein Makel wird. Es gibt eine eröffnende Gabe und später die förmliche Erwiderung. Wer zunächst nichts Gleichrangiges aufbringen kann, darf mit einer kleinen Halskette seinen guten Willen bekunden und die Wartezeit überbrücken. Schließlich muss ein angemessenes Stück die ganze Angelegenheit festigen. Jeder Schritt verlangt Fingerspitzengefühl. Der Kula kennt eine sehr genaue Rechnung, aber ihre Einheiten sind keine anonymen Preise. Es geht um abgestufte Erwiderungen, in denen Ansehen, Reihenfolge, Partnerschaft und öffentlich vorgeführte Großzügigkeit zusammenkommen.

Reichtum bemisst sich in diesem Netz nicht allein daran, wie viele Gegenstände jemand festhält. Schon wenn eine berühmte Halskette nur einmal durch seine Hände geht, wird ein Abschnitt ihrer Geschichte mit seinem Namen verbunden. Sein Gewicht wächst mit der Zahl angesehener Männer, die ihn als Partner anerkennen. Dieses Gewicht kann er weder in die Tasche stecken noch seinem Sohn wie einen Gegenstand vererben. Es lebt darin, wie andere über ihn sprechen. Geld ist noch nicht da; ein Reichtum, der allein aus Beziehungen und Ruf entsteht, wirkt längst. Und um ihn wird heftiger gerungen als um so manches sichtbare Gut.

Der Kula bestand nie für sich allein. Die ethnografischen Berichte betonen immer wieder, dass neben ihm eine zweite Art des Austauschs stattfand, die viel deutlicher von Nutzen, Handel und Feilschen geprägt war. Die Einheimischen hatten dafür einen eigenen Ausdruck und unterschieden sie klar vom Kula. Die eine Form löste die andere nicht ab. Beide reisten gewissermaßen im selben Boot. Das Gabennetz stabilisierte zuerst die Beziehungen, sicherte Schutz und Aufnahme. Innerhalb dieser Hülle konnten dann die zweckgerichteten Geschäfte stattfinden. Über das Meer zu fahren und mit einem unbekannten Stamm Handel zu treiben konnte lebensgefährlich sein. Traf man dort auf seinen Kula-Partner, bestand schon ein Verhältnis, in dem sich ein Geschäft überhaupt aushandeln ließ. Hier zeigt sich etwas, das die weitere Geschichte begleiten wird: Anonymer und persönlicher Austausch können lange nebeneinander bestehen. Oft lebt der erste von den Voraussetzungen, die der zweite geschaffen hat. Noch bevor Geld existiert, bürgt der Ruf für einen Menschen. Bürgen und Feilschen sind von Anfang an ineinander verwickelt, ohne dass die eine Ordnung die andere ganz verschlingen könnte.

Diesen Zusammenhang kann man nicht beliebig zerlegen. Man kann nicht die Seefahrt der Seefahrt, die Magie der Magie und den Handel dem Handel zuschlagen, danach alle Beziehungen als entbehrlichen Schmuck abstreifen und meinen, nun liege endlich der reine Tausch vor. Ohne die Beziehungen würde niemand die Fahrt wagen. Das Geschäft hätte keinen Ort, an dem es sicher ankommen könnte. Wirksam ist gerade das, was sich nicht umrechnen und nicht als selbstständige Position herauslösen lässt: eine Freundschaft, die für mich einsteht; ein Haus am anderen Ufer, dessen Bewohner mich aufnehmen. Zieht man dies vom Austausch ab, bleibt kein gereinigter Austausch übrig. Man nimmt ihm den Boden.

Der Kula bleibt in einer eigentümlichen Zwischenlage. Die Beteiligten legen höchsten Wert darauf, welcher Rang von Gabe zurückgegeben werden sollte und ob ein Partner fair und großzügig handelt. Trotzdem lässt sich diese Angemessenheit weder an einem einheitlichen Preis ablesen noch sofort abrechnen. Die Gabe soll vergleichbar werden, ohne in einen Preis zu kippen, dessen Zahlung erzwungen werden kann. Wer den Kula als zeitversetzten Tausch beschreibt, hat deshalb einen Teil erfasst. Doch ein harter Kern widersteht dieser Beschreibung: die Partnerschaft, der Ruhm, die Pflicht zum Schutz und die Geschichte, die das einzelne Stück mitbringt.

4. Mit Vermögen kämpfen

Bei den indigenen Gesellschaften an der Nordwestküste Nordamerikas begegnet uns die große Zeremonie des Potlatch. Wer darin nur ein Festmahl oder ein Prunkfest sieht, hat einen Ausschnitt erfasst. Gewiss wird gegessen, getanzt, gesprochen, geschenkt und bezeugt. Potlatches gehören zu Hochzeiten, Erbfällen, der Bestätigung von Titeln und dem Gedenken an Verstorbene. Zugleich sind sie ein öffentliches Verfahren der Rangordnung, ein Netz von Schulden, eine Erklärung von Eigentumsrechten und ein Mittel, Gegner zu demütigen. Manche Deutungen erkennen darin einen Ersatz für Krieg durch Besitz; andere sehen gerade eine Art Krieg, der mit Besitz geführt wird. Mauss formuliert das scharf: Im Mittelpunkt steht die Pflicht zu geben. Nur indem ein Häuptling immer wieder Potlatches ausrichtet, kann er Autorität und Rang innerhalb von Stamm, Dorf und Familie wahren. Sein Ansehen zu verlieren kommt dort beinahe dem Verlust seiner Seele gleich.

Die Aufzeichnungen des Anthropologen Franz Boas über die damals als Kwakiutl bezeichneten Gesellschaften dieser Küste lassen besonders deutlich erkennen, wie viel dabei bereits messbar geworden war. Decken dienten als Werteinheit; zahlreiche andere Dinge wurden in Decken bewertet. Um sie herum entwickelten sich Kredite, Zinsen und Abstufungen der Kreditwürdigkeit. Manche Darlehen trugen im Jahr ungefähr fünfundzwanzig Prozent Zinsen. Wer wenig Kredit genoss, musste unter Umständen für ein Jahr seinen eigenen Namen verpfänden. Und um einen solchen Namen auszulösen, konnte die Last ins Extreme steigen: Auf dreißig geliehene Decken kamen in einem überlieferten Fall hundert zurückzuzahlende. Hier sind die Anfänge einer Finanzordnung keineswegs unsichtbar. Rechnungseinheiten, Zinssätze, Sicherheiten und Kreditstufen stehen bereit. Nur gehört zu den Sicherheiten ausgerechnet der Name eines Menschen.

An dieser Stelle trifft die Rechnung auf ihren empfindlichsten Punkt. Manche Gesellschaften arbeiten mit aller Kraft daran, Beziehungen auf einen gemeinsamen Maßstab zu bringen. Doch auf halber Strecke stößt dieser Maßstab auf die Person selbst. Beim Potlatch werden zudem nicht nur Decken gezählt. Auch die Kupferplatten haben Preisgeschichten und eine Logik des Überbietens. Der Wert einer Platte bemisst sich an der Zahl von Decken, die sie bei ihrem letzten Handel eingebracht hat. Der nächste Erwerber muss häufig mehr bieten, um nicht an Gewicht zu verlieren. Dennoch ist eine solche Platte kein allgemeines Äquivalent im modernen Sinn, das frei und anonym umlaufen könnte. Sie trägt einen Namen, gehört zu bestimmten Anlässen, verbindet Gegner und Zeugen miteinander und kann der Demütigung dienen. Man kann sie während eines Rituals absichtlich zerbrechen, um den Rivalen zu einer gleich großen oder noch größeren Antwort zu zwingen. Ihr Wert bleibt untrennbar damit verbunden, wer sie besessen hat und vor wessen Augen sie zerschlagen wurde. Wo am heftigsten gezählt wird, kann die Bindung an einzelne Personen am stärksten sein.

Eine klassische Studie über diese Gesellschaften bezeichnet den Potlatch folgerichtig als einen Kampf mit Vermögen. Zwei Rivalen erhöhen abwechselnd den Einsatz. Du verschenkst eine Menge; ich antworte mit einer größeren. Du zerbrichst eine Kupferplatte und wirfst mir die Herausforderung hin. Kann ich keinen gleichwertigen Schlag auffangen und erwidern, habe ich vor allen verloren. Besitz wird als Waffe eingesetzt. Getroffen wird dabei weit mehr als der Besitz. Auf dem Spiel stehen Rang, Ansprüche auf Nachfolge und das Recht einer Familie, vor der Gemeinschaft weiterhin erhobenen Hauptes aufzutreten. Zählen lassen sich die Decken und Kupferplatten. Der wirkliche Einsatz ist das Ansehen: ob jemand in den Augen der anderen noch zählt.

Von außen wird der Potlatch häufig als demonstrative Verschwendung gelesen. Wertvolle Dinge zerstören, große Mengen verschenken, die Gegengabe verdoppeln: Das sieht nach unvernünftiger Vergeudung aus. Die Zeugnisse legen jedoch nahe, dass diese vermeintliche Verschwendung oft eine Investition in Stellung, Erbrechte, Bündnisse und gemeinsames Gedächtnis war. Schon früh wurde der Potlatch als eine verzinsliche Anlage von Vermögen beschrieben. Darüber ist lange gestritten worden. Den einen machte diese Erklärung den Wettstreit zwischen Personen allzu sehr zu einem Kreditgeschäft. Andere hielten dagegen, ohne Kredit, Zins und Gegengabe lasse sich die Funktionsweise überhaupt nicht verstehen. Rückblickend liegt die Schwierigkeit nicht darin, ob der Potlatch einer Bank ähnlich genug ist. Er bearbeitet gleichzeitig Besitz und Person, die Ordnung des Kosmos und die Erschütterungen der Kolonisierung. Jede einzige, alles erklärende Deutung glättet mindestens einen dieser Zusammenhänge weg.

Was diese Glättung Menschen kosten konnte, zeigte sich unmittelbar. Ab 1884 verbot die kanadische Regierung den Potlatch durch Gesetz. Nach einem großen Potlatch im Jahr 1921 kam es zu einer umfangreichen Verhaftungsaktion. Die Angaben über die Zahl der tatsächlich Inhaftierten unterscheiden sich etwas. Übereinstimmend ist jedoch von Dutzenden Festgenommenen und Angeklagten die Rede. Einige mussten mehrere Monate ins Gefängnis. Hunderte zeremonielle Gegenstände wurden beschlagnahmt, verkauft und gelangten in Museen in Kanada, den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Um härteren Strafen zu entgehen, mussten die Gemeinschaften Masken, Gewänder, Kupferplatten und weitere heilige Gegenstände herausgeben. Als das Verbot 1951 aufgehoben wurde, waren viele davon noch immer nicht zu ihren Eigentümern zurückgekehrt. Unter dem Vorwand, Verschwendung zu unterbinden, wurde eine ganze Ordnung von Rang, Nachfolge, Recht, Erinnerung und Glauben zerschlagen. Das war keine harmlose Reform von Bräuchen. Mit Strafgewalt sollte eine Vorstellung davon beseitigt werden, wie Menschen miteinander zu leben haben, weil sie Außenstehenden nicht wie eine ordentliche Wirtschaft erschien.

Gerade der Irrtum dieses äußeren Blicks macht das Problem sichtbar. Ein Auge, das nur Preise erkennt, sieht große Mengen von Dingen, die weggegeben oder zerstört werden. Es erklärt das zur Verschwendung und zu barbarischer Unfähigkeit, hauszuhalten. Was dafür gewonnen wird, entgeht ihm: Stellung, Bündnisse, Erbrechte, das Gedächtnis eines ganzen Dorfes. An diesen Dingen hängt kein Preisschild, und sie erscheinen in keiner Buchhaltung. Der nach außen sichtbare Preis liegt offen da. Das Gewicht nach innen steckt in den Beziehungen; erkennen kann es nur, wer ihren Zusammenhang kennt. Wer den Potlatch verbot, musste ihn nicht einmal absichtlich missverstehen. Vielleicht besaß er tatsächlich nur dieses eine Auge für Preise. Für das, was zwischen Menschen auf dem Spiel stand und abgegolten wurde, war es blind.

5. Die vielen Ordnungen der Gabe

Jenseits dieser klassischen Fälle zeigt das Material eine verblüffende Vielfalt. Graeber veranschaulicht sie mit einer Szene aus einem irokesischen Langhaus. Jemand braucht ein Paar Schuhe. Daraus muss keineswegs ein Geschäft zwischen zwei Personen werden, die Dinge gegeneinander tauschen. Wahrscheinlicher wäre, dass die Frauen des Haushalts und die älteren Frauen des Langhauses Material aus den gemeinsamen Vorräten holen und die Herstellung veranlassen. Was hier arbeitet, ist keine bilaterale Tauschbeziehung. Es ist das Netz aus Haushalt, Langhaus und gemeinsamem Vorrat. Was man benötigt, entnimmt man dem gemeinsamen Bestand. Niemand hält daneben sofort fest, was diese Person zuletzt beigetragen und diesmal herausgenommen hat, um beide Posten miteinander zu verrechnen.

Einen anderen Fall bildet das Netz zeitversetzter Gegenseitigkeit in einer Gesellschaft von Wildbeutern im südlichen Afrika, das die Anthropologin Polly Wiessner beschrieben hat. Die Gaben zielen hier nicht auf kurzfristige Gleichwertigkeit. Sie erhalten über große Entfernungen Beziehungen, die sich bei Bedarf in Hilfe verwandeln lassen. So werden die Risiken der Jahreszeiten und wechselnder Lebensbedingungen breiter verteilt. Das Netz kann sich den Berichten zufolge über ungefähr zweihundert Kilometer erstrecken. Wenn in einem Gebiet Dürre herrscht und die Nahrung ausbleibt, helfen jene Menschen in der Ferne, zu denen kleine Geschenke über Jahre eine Verbindung offengehalten haben. Verglichen mit Kula und Potlatch fehlen hier weitgehend der Rangstreit der Anführer und die Hitze des Überbietens. Deutlicher tritt die gemeinsame Absicherung hervor. Ich schicke heute etwas weit weg, weil ich hoffen darf, dass der Weg dorthin im Notfall noch offen ist. Nicht unbedingt, weil im nächsten Jahr etwas Gleichwertiges zurückkommen soll. Die Gabe hält einen Weg begehbar, auf den ich eines Tages angewiesen sein könnte.

Nimmt man diese Fälle zusammen, bezeichnet Gabenwirtschaft keine einzige, einheitliche Einrichtung. Sie umfasst ein ganzes Spektrum: gemeinsame Vorräte, das Teilen unter nahen Verwandten, zeitversetzte Gegenseitigkeit, die zentrale Verteilung durch einen Häuptling und schließlich hochgradig kämpferische Formen des Schenkens. Ihr gemeinsamer Nenner ist keine selbstlose Gesinnung. Er besteht in der Einsicht, dass manche Rechnungen nicht sofort beglichen werden sollen und manche Dinge keinen Preis erhalten dürfen, mit dem jede Verpflichtung augenblicklich erledigt wäre. Je näher am Kern einer Beziehung, desto umfassender bleibt die Rechnung offen. Je weiter es nach außen geht, zu Fremden und Gegnern, desto unverhüllter treten Kalkül, Feilschen, Täuschung und mitunter Raub auf.

Ein Teil dieses Spektrums verdient einen genaueren Blick: die zentrale Umverteilung durch einen Anführer. Güter strömen aus verschiedenen Richtungen zu einer Mitte und werden von dort wieder verteilt. Auf dem Weg hinein ähneln sie Abgaben, auf dem Weg hinaus Gunstbeweisen. In beide Richtungen entscheidet jedoch der Status, nicht der Preis. Wie viel jemand beitragen muss und wie viel er empfangen darf, hängt von seinem Platz in dieser Ordnung ab, nicht von einem Markt. Wie die Gegenseitigkeit beruht auch die Umverteilung auf einer Struktur statt auf einer einzigen Messlatte. Entzieht man ihr das Zentrum, das alle anerkennen, können sich die Güter dort weder sammeln noch von dort wieder geordnet verteilen.

Der Preis ist nach außen gerichtet. Zu ihm gehören mindestens zwei Menschen. Er ist ein Verhältnis, das zwischen ihnen verglichen, ausgehandelt und erstritten wird. Wo ein Mensch allein lebt, ohne irgendein Gegenüber, entsteht kein Preis. Ob er aber etwas gilt, ob in einer Beziehung ein Gewicht liegt, das sich gegen keine andere Sache aufwiegen lässt: Das weist nach innen. Ein Mensch trägt dieses Gewicht, ohne erst auf jemanden warten zu müssen, der ihn bewertet. Je näher eine Beziehung ihrem inneren Kern kommt, desto stärker lebt sie davon und desto weniger braucht sie einen äußeren Preis. Je dünner die Beziehung wird, desto eher muss ein Preis zwei einander unbekannte Menschen vorübergehend aneinanderbinden. Auf dem ganzen Spektrum verschiebt sich das Verhältnis dieser beiden Kräfte: des Preises nach außen und des Gewichts nach innen. Nähe stärkt das innere Gewicht, Entfernung den äußeren Preis. Dieses Wechselspiel wird wiederkehren. Nur die Schauplätze werden größer.

6. Eine wirtschaftliche Logik oder viele?

Polanyis Substantivismus wird oft auf den Satz verkürzt, Wirtschaft sei in die Gesellschaft eingebettet. Tatsächlich vollzieht er zwei Schritte. Zunächst trennt er zwei Bedeutungen des Wortes „wirtschaftlich“, die seiner Auffassung nach keinen gemeinsamen begrifflichen Ursprung haben. Die formale Bedeutung betrifft die vernünftige Wahl von Mitteln und Zwecken unter Bedingungen der Knappheit. Sie entspricht jener Ökonomie, die uns aus Lehrbüchern vertraut ist. Die substantielle Bedeutung fragt dagegen, wie Menschen durch Natur und Mitmenschen an das gelangen, was sie zum Leben brauchen. Wer Wirtschaft in ihrer ganzen erfahrbaren Vielfalt untersucht, darf für Polanyi nicht voraussetzen, dass der erste Begriff überall ausreicht. Im zweiten Schritt bestimmt er Wirtschaft als einen durch Institutionen geordneten Prozess zwischen Menschen und ihrer Umwelt. Auf dieser Grundlage unterscheidet er mehrere Formen, in denen die Versorgung einer Gesellschaft zusammengehalten wird: Reziprozität, Redistribution und Austausch, also Gegenseitigkeit, Umverteilung und Tausch.

Seine Definitionen sind berühmt geworden. Reziprozität bezeichnet Bewegungen zwischen entsprechenden Positionen in symmetrisch aufgebauten Gruppen. Ihr Halt ist die gesellschaftliche Symmetrie. Redistribution sammelt Güter an einem Mittelpunkt und verteilt sie von dort wieder; sie setzt ein anerkanntes Zentrum voraus. Austausch erfolgt über Märkte, deren Preise miteinander zusammenhängen. Noch wichtiger ist Polanyis wiederholter Hinweis, dass diese Formen keine drei Entwicklungsstufen darstellen. Sie können auf lange Sicht nebeneinander bestehen. Nur ihr Anteil und ihr Gewicht ändern sich. Ein Haushalt kann von Gegenseitigkeit leben, ein Häuptling oder ein Staat durch Umverteilung wirken und an den Rändern derselben Gesellschaft können bestimmte Güter auf Märkten getauscht werden. Alle drei Formen arbeiten zur selben Zeit.

Der Angriff auf die geläufige Sicht war beträchtlich. Der Widerspruch war es ebenso. Die Formalisten hielten dagegen: Auch ohne moderne Märkte treffen Menschen Entscheidungen unter Beschränkungen. Maximierung muss nicht Gewinnmaximierung bedeuten. Man kann Ansehen, Sicherheit, Unterstützung durch Verwandte oder religiöses Verdienst mehren wollen. Mikroökonomische Begriffe auf solche Handlungen anzuwenden heißt folglich nicht zwangsläufig, der Welt einen westlichen Maßstab aufzuzwingen. Man müsse lediglich die tatsächlich vorliegenden Wünsche und Ziele berücksichtigen. Das ist ein starkes Argument. Die substantivistische Antwort trifft es jedoch an zwei Stellen. Erstens: Wer das Wirtschaften vorindustrieller Gesellschaften unmittelbar als Wahl unter Knappheit und als Nutzenmaximierung liest, übersieht leicht die institutionellen Voraussetzungen. Ohne symmetrische Strukturen lässt sich Reziprozität nicht stabilisieren; ohne zentrale Strukturen keine Redistribution. Es geht nicht bloß darum, ob ein Individuum rechnen kann, sondern darum, innerhalb welcher Ordnung es überhaupt rechnen darf und kann. Zweitens stellt sich eine begriffliche Frage: Wenn sich nachträglich jede beliebige Handlung als Maximierung irgendeiner Größe deuten lässt, was erklärt dieser Begriff dann noch? Schließlich wäre alles wirtschaftlich, was irgendwie zur Versorgung beiträgt. Gerade dadurch wäre aber nichts mehr als spezifisch wirtschaftlich bestimmt.

Keine Seite hat die andere restlos besiegt. Der Substantivismus neigt dazu, eine zu scharfe Grenze zwischen modernen Märkten und antiken oder stammesgesellschaftlichen Wirtschaftsformen zu ziehen. Auch kann er Strukturen so starr erscheinen lassen, dass für das Handeln lebendiger Menschen zu wenig Raum bleibt. Der Formalismus rettet die Maximierung hingegen gern durch kulturell unterschiedliche Präferenzen und gibt dem beobachteten Ergebnis dabei bisweilen lediglich einen neuen Namen. Warum ist in einer Gesellschaft die sofortige Gegengabe untersagt? Warum dürfen bestimmte Dinge unter keinen Umständen verkauft werden? Warum müssen manche Zahlungen über einen Häuptling laufen? Weshalb sind Gastfreundschaft und Feindschaft so eng mit Geschäften verwoben? Wer alles im Nachhinein für nützlich erklärt, hat diese Fragen noch nicht beantwortet. Der Streit brachte keinen eindeutigen Sieger hervor. Er legte aber zwei echte Probleme frei: Gibt es überhaupt eine wirtschaftliche Logik, die für alle Kulturen gilt? Und welchen Platz müssen die institutionellen Voraussetzungen in einer Erklärung einnehmen?

Ein grobes Beispiel zeigt, worum gestritten wird. Ein Mann schenkt dem Anführer des Nachbardorfs das beste Rind seines Haushalts und geht selbst hungrig aus. Der Formalist sagt: Er maximiert durchaus. Nur geht es ihm nicht um Fleisch, sondern um einen künftigen Beschützer und um sein Ansehen im Hier und Jetzt. Seine Rechnung ist keineswegs töricht. Der Substantivist fragt zurück: Was, wenn er gar keine wirkliche Alternative hat? Wenn die Gabe des Rinds ein unausweichlicher Schritt innerhalb dieser rituellen Ordnung ist und er ohne ihn nicht bestehen könnte? Kann man dann noch sagen, er wähle frei die günstigste Möglichkeit? Die eine Lesart findet in allem einen Vorteil. Die andere will wissen, ob der Handelnde überhaupt Spielraum für eine eigene Rechnung hatte. Immer wenn später der rationale Mensch zur Erklärung einer fremden Wirtschaftsweise herangezogen wird, werden sich diese beiden Lesarten erneut begegnen.

Eine weitere Schwierigkeit kommt hinzu. Viele übernehmen Polanyis Begriff der Einbettung heute nicht vorbehaltlos. Einerseits erklärt er sämtliche Wirtschaft für institutionell und gesellschaftlich eingebettet; andererseits beschreibt er die moderne Marktgesellschaft als aus diesen Zusammenhängen herausgelöst. Darin liegt ein begrifflicher Widerspruch. Manche Kritiker erkennen hier einen Knoten, den sein Denken selbst nicht lösen kann. Ihre Kritik muss die Einbettung nicht verwerfen. Sie erinnert vielmehr daran, dass auch der Markt nie im luftleeren Raum existiert hat. Er lässt bestimmte Beziehungen als anonyme Regeln und bestimmte Machtverhältnisse als Preise erscheinen. Ein Preis sieht neutral aus, als hätten Angebot und Nachfrage die Zahl ganz von selbst hervorgebracht. Oft hat sich in ihm jedoch die Herrschaft von Menschen über Menschen nur umgezogen.

Vordergründig handelt dieser Streit von Methoden. Darunter steht eine weit größere Frage: Ist der Mensch überall dasselbe rechnende Wesen? Falls ja, wären die verschiedenen Gesellschaften nur unterschiedliche Hüllen ein und derselben Logik. Früher oder später ließen sie sich mit einem universellen Maßstab erfassen. Falls nein, bringt jede Ordnung eigene Rechenregeln hervor, die sich von außen nie restlos übersetzen lassen. Der Streit wird mit der Untersuchung von Stammesgesellschaften nicht erledigt sein. Er wird uns bis zu jenem Punkt begleiten, an dem Menschen tatsächlich daran gehen, diesen Maßstab für alles herzustellen.

7. Was an der Gabe haften bleibt

Marshall Sahlins führte Mauss’ Theorie der Gabe entscheidend weiter. Statt Reziprozität als einen einzigen großen Sammelbegriff zu verwenden, unterschied er drei Formen und verknüpfte sie mit der sozialen Entfernung. Ganz innen liegt eine Gegenseitigkeit, die dem Teilen unter Verwandten und der langfristigen Fürsorge nahekommt. Es gibt keine genaue Rechnung, keinen festen Termin für die Antwort und kein unnachgiebiges Eintreiben. Eine Stufe weiter außen erwartet man innerhalb einer nicht allzu langen Frist etwas ungefähr Gleichwertiges. Am äußersten Rand, besonders gegenüber Fremden, Außenstehenden und Gegnern, kann der Austausch in das Bestreben übergehen, möglichst viel zu bekommen und möglichst wenig zu geben. Feilschen und Naturaltausch, aber auch Täuschung und Raub gehören zu seinen möglichen Gestalten. Sahlins’ eigentliche Leistung liegt darin, Gabe und Tausch aus einer moralischen Gegenüberstellung von Gut und Böse herauszulösen. Er zeichnet ein Kontinuum entlang der Reichweite von Beziehungen. Schon innerhalb derselben Gesellschaft gibt es keine einzige Logik: Für die Nahen gilt eine andere als für die Fernen.

Gerade dieses Kontinuum hat viele zu der Behauptung geführt, die Gabe sei lediglich ein aufgeschobener Tausch. Ganz falsch ist das nicht. Im Kula wird eine Erwiderung erwartet. Das Ansehen im Potlatch hängt an einer Kette von Gegengaben. Hochzeitsgaben, Ausgleichsleistungen bei Todesfällen und Einladungen eines Häuptlings setzen häufig eine künftige Antwort voraus. Je näher eine Praxis der Mitte des Spektrums kommt, der ausgewogenen Reziprozität, desto deutlicher tritt ihr wirtschaftlicher Charakter hervor. Man braucht eine ungefähre Vorstellung davon, was einander entspricht. Sahlins selbst räumt das ein.

Dennoch lässt sich die Gabe nicht vollständig von allem reinigen, was über den aufgeschobenen Tausch hinausgeht. Mindestens vier Dinge bleiben haften. Erstens darf die Antwort nicht sofort erfolgen. Die Zwischenzeit ist kein technischer Rückstand, den man bei besserer Organisation beseitigen könnte. Sie gehört zur Spannung der Beziehung. Eine zu schnelle Rückgabe tilgt jene kleine Schuld, die zwei Menschen gerade erst verbunden hat. Zweitens beruht Angemessenheit auf keinem einheitlichen Preis. Im Kula entscheidet der Gebende über seine Gegengabe. Dabei wirken Gewohnheit, der Ruf seiner Freigebigkeit und der Rang des Gegenstands mit; erzwingen lässt sich die Entscheidung nicht. Drittens tragen die Dinge die Spuren von Menschen und Gruppen. In seiner Auseinandersetzung mit den Māori beschreibt Mauss eine Kraft der empfangenen Sache, die zu ihrem Ausgangspunkt zurückdrängt. Auch wer diese Vorstellung von einem Geist der Gabe nicht teilt, sollte die Beobachtung dahinter ernst nehmen: Eine Gabe wird häufig als Fortsetzung des Gebenden verstanden, seiner Familie, seines Landes oder seines Titels. Sie lässt sich nicht einfach von ihrer Herkunft ablösen. Viertens bedeutet eine ausbleibende Gegengabe mehr als einen wirtschaftlichen Verlust. Sie kann Schande bringen, Verbündete und Rechte kosten und in schweren Fällen Demütigung, Unterwerfung oder sogar Gewalt nach sich ziehen.

Am leichtesten wird über den zweiten Punkt hinweggegangen. Gerade er ist entscheidend. Der Preis tritt von außen an die Beteiligten heran. Zu welchem Preis sich ein Markt ausgleicht, steht nicht im Belieben von dir oder mir. Wir schließen unser Geschäft angesichts einer Zahl, die keiner von uns allein verändern kann. Die Angemessenheit der Kula-Gegengabe liegt dagegen weiterhin im Verhältnis zwischen den Partnern. Derjenige, der erwidert, wägt selbst ab; eine äußere Instanz kann seine Antwort nicht einfach vollstrecken. Sobald ein äußeres Maß endgültig darüber befindet, was gleichwertig ist, und diese Gleichwertigkeit erzwingbar wird, verwandelt sich die Gabe in ein Geschäft. Die Beziehung schrumpft zur Transaktion. Die Gabe bewahrt jenen Anteil an Urteil und Ermessen, der nicht nach außen abgegeben werden soll.

Mauss’ Formulierung, die verschenkte Sache sei nicht zur Ruhe gekommen und wolle an ihren Ausgangsort zurückkehren, trifft hier etwas Wesentliches. Man kann solche Aussagen in die Sprache langfristiger Anreize übersetzen. Damit erklärt man einen Teil. Zugleich droht man eine entscheidende Dimension des Materials auszutrocknen: Die Menschen selbst glauben nicht, sie entwürfen lediglich ein geschicktes System dauerhafter Anreize. Wer tatsächlich empfindet, dass der Gegenstand in seiner Hand noch mit dem Gebenden verbunden ist, mit einem Stück Land oder einem Namen, lebt in dieser Verbindung. Diese Empfindung gehört zum Geschehen. Man darf sie nicht wegverrechnen, nur weil die eigene Erklärung ohne sie übersichtlicher wird.

Darin liegt die tiefste Grenze zwischen Ware und Gabe. Die Ware kann ihre Herkunft abstreifen. Ein Sack Reis fragt nicht, wer ihn angebaut hat; ein Geldstück nicht, durch wessen Hände es gegangen ist. Gerade weil es nicht auf den einzelnen Vorbesitzer ankommt, können solche Dinge unter Fremden frei umlaufen. Die Gabe gewinnt ihr Gewicht dagegen daraus, dass ihre Herkunft an ihr haften bleibt. Wer diese Halskette gegeben hat, durch wie viele Hände sie gegangen ist, welche Freundschaft an ihr hängt: All das reist mit, auch wenn der Besitzer wechselt. Was seine Herkunft nicht ablegen kann, lässt sich nicht ohne Weiteres ersetzen. Was nicht austauschbar ist, kann auch nicht restlos in einem Preis aufgehen. Austauschbarkeit ist die Voraussetzung des Preises. Unersetzbarkeit ist die Gestalt der Würde. Ob derselbe Gegenstand Ware oder Gabe ist, entscheidet sich an dieser Grenze.

Frühe Gesellschaften kannten durchaus Maße. Sie maßen nur immer wieder begrenzte Ausschnitte: Muscheln, Kupferplatten, Decken, bezifferte Schulden, die Angemessenheit einer Erwiderung, Zahlungen bei Eheschließungen, die beim Häuptling gesammelten Bestände. All das sind Versuche, einen Teil der Beziehungen in eine besser abrechenbare Form zu pressen. Ebenso wenig bestanden diese Gesellschaften aus Beziehungen allein. Sie arbeiteten unablässig daran, Beziehungen berechenbarer zu machen. Doch jede Verdichtung ließ etwas zurück, das sich nicht glätten ließ: Würde, Ansehen, die Berechtigung zur Teilnahme an Opferhandlungen, die Treue eines Partners, die Pflicht zum Schutz, den Unterschied zwischen Nähe und Ferne. Was übrig blieb, trat wieder hervor und veränderte den Austausch selbst. Am hartnäckigsten sperrt sich unter all diesen Resten der Mensch. Er kann in eine Zahl von Decken oder in den Preis einer Kupferplatte umgerechnet werden. Man kann ihn sogar dazu bringen, seinen Namen zu verpfänden. Doch ganz geht er in keinem dieser Maße auf. Etwas ragt darüber hinaus. Dieser Anteil, der sich weder erfassen noch fortwischen lässt, ist der Rest. Jeder spätere, umfassendere Versuch der Verdichtung wird ihn einbeziehen wollen. Keiner wird ihn vollständig einholen.

Kehren wir zu dem Mann zurück, der beim Potlatch seinen Namen verpfändet. Ein Jahr lang gibt er ihn als Sicherheit her, erhält dreißig Decken und zahlt hundert, um ihn wieder auszulösen. Härter lässt sich ein Mensch kaum in einen Preis pressen: Selbst sein Name, selbst die Antwort darauf, wer er ist, wird zu einer Größe, die geliehen und zurückgezahlt werden kann. Gerade darin tritt der unglättbare Rest besonders deutlich hervor. Der Name taugt als Pfand, weil er etwas wert ist. Etwas wert ist er, weil er mehr bedeutet als Geld. Dass er ausgelöst werden kann, zeigt, dass er zeitweilig wie eine Sache behandelt wird. Dass er unbedingt ausgelöst werden muss, zeigt, dass er letztlich keine Sache ist. Am selben Namen geschieht beides zugleich: Ein Mensch wird in das Maß hineingepresst, und etwas an ihm drängt wieder daraus hervor.

8. Woher das Geld kommt

Einer der gewichtigsten Einwände gegen die Erzählung vom Naturaltausch, aus dem später das Geld hervorgegangen sei, stammt von der Anthropologin Caroline Humphrey. An ihrer Feststellung aus dem Jahr 1985 kommt die Debatte kaum vorbei: Noch nie sei eine reine, einfache Naturaltauschwirtschaft beschrieben worden, geschweige denn eine, aus der Geld entstanden wäre. Sie behauptet damit nicht, es habe niemals Naturaltausch gegeben. Sie sagt, dass niemand tatsächlich eine Gesellschaft beobachtet hat, in der der reine Naturaltausch die normale Wirtschaftsweise bildete und sich daraus dann Geld entwickelte. Ihre Untersuchungen zeigen überdies, dass gegenwärtige Formen eines überwiegend auf Naturaltausch beruhenden Verkehrs oft dort auftreten, wo Geld fehlt, die Verwaltung auseinandergebrochen ist, Märkte instabil sind oder über Grenzräume hinweg gehandelt wird. Der Naturaltausch erscheint dann eher als ein Gebilde in den Rissen bestehender Ordnungen denn als ursprünglicher Normalzustand vor dem Geld.

Graeber trug diese Kritik mit seinem vielgelesenen Buch über Schulden an ein breites Publikum. Wiederholt weist er auf die erfundenen Dörfer der ökonomischen Lehrbücher hin. Sie sind voll von Naturaltausch, während reale Dörfer, die der Beschreibung entsprechen, kaum zu finden sind. In zahlreichen ethnografischen Darstellungen, die er heranzieht, beruht die tägliche Versorgung unter Nachbarn eher auf Kredit, Gegenseitigkeit, gemeinsamem Teilen oder der Umverteilung durch einen Häuptling. Direkter Naturaltausch findet eher zwischen Fremden statt. Neben dieser Kritik stehen zwei systematischere Ansätze. Der eine ist die Kredittheorie. In ihrer zugespitzten Form besagt sie: Geld ist einzig und allein Kredit. Die Geldeinheit wäre zunächst ein abstrakter Maßstab für Schulden und Ansprüche. Der andere Ansatz kommt aus der Rechtsgeschichte. Er behandelt die Vorstellung, Geld entstehe von selbst aus dem Tausch, als Schöpfungsmythos. Dieser Mythos hat lange unser Bild des Geldes beherrscht und dabei verdeckt, welches Gewicht Staat, Recht, Besteuerung, Buchführung und öffentliche Autorität für das Geld besitzen.

Beendet ist der Streit damit nicht. Die Gegenseite wendet ein, fehlende ethnografische Belege von heute bewiesen nicht, dass es in ferner Vergangenheit keine kurzen, fragilen und schwer nachweisbaren Phasen des Naturaltauschs gegeben habe. Auch verlange die entsprechende ökonomische Theorie nicht unbedingt eine über lange Zeit bestehende, vollständig ausgebildete Tauschgesellschaft, die gleichsam auf einer leeren geschichtlichen Fläche beginnt. Neuere Einwände unterscheiden genauer: Widerlegt sei eine enge Lehrbuchfassung, die neoklassische Voraussetzungen schon mitbringe. Die weiter gefasste Erzählung sei damit noch nicht ausgeräumt. Andere schlagen einen Weg über den Außenhandel vor. Vielleicht diente Geld zuerst gar nicht dem Alltag innerhalb einer Gemeinschaft, sondern dem Verkehr zwischen Grenzen, Gruppen und insbesondere Fremden. Wo eine fortdauernde Kreditbeziehung nicht verlässlich hergestellt werden kann, bieten sich erkennbare, tragbare und weithin annehmbare Gegenstände als Vermittler an. Diese Erklärung widerspricht Graeber nicht in jeder Hinsicht. Auch sie misstraut dem Lehrbuchdorf. Sie hält aber die Möglichkeit offen, dass Geld im Außenhandel entstanden ist, gerade für den Umgang mit Menschen, die einander nicht kennen.

Die eigentliche Frage lautet deshalb längst nicht mehr bloß, ob es Naturaltausch gab. Zu entscheiden ist vielmehr, was am Geld zuerst verstanden werden muss. Ist es vor allem ein Mittel, Märkte leistungsfähiger zu machen? Eine Behelfslösung für den Austausch mit Fremden? Eine Rechnungseinheit für Schulden und Ansprüche? Oder ein öffentliches Maß, das Staat und Recht errichten? Hinter jeder Antwort steht eine andere Vorstellung davon, was für ein tauschendes Wesen der Mensch ist. Deshalb wird die Auseinandersetzung nicht endgültig zur Ruhe kommen. Unter der Frage nach der Herkunft des Geldes liegt die Frage nach der Herkunft des Menschen.

Wer Geld als Mittel höherer Effizienz versteht, sieht im Menschen zuerst einen Rechner, der mit weniger Aufwand mehr erhalten möchte. Wer es als Behelf im Umgang mit Fremden versteht, sieht ein vorsichtiges Wesen, das innerhalb vertrauter Kreise Kredit gewährt, außerhalb aber auf harte Währung angewiesen ist. Wer Geld als Maß für Schulden und Ansprüche bestimmt, sieht einen Menschen, der stets anderen etwas schuldet und stets etwas von anderen zu erwarten hat: einen Menschen in einem Netz gegenseitiger Verpflichtungen. Wer Geld als öffentliches Maß des Staates auffasst, sieht zuerst den Untertanen. Eine größere Macht hat ihn registriert; mit den von ihr ausgestellten Zeichen bestreitet er sein Leben. Hinter vier Ursprüngen des Geldes stehen vier verschiedene Menschenbilder. Für welches wir uns entscheiden, ist nie allein eine ökonomische Angelegenheit.

Die Konturen der Welt vor dem Rechnungsbuch sind nun erkennbar. Sie lebt von Beziehungen und von immer neuen Versuchen, Teile dieser Beziehungen zu vermessen. Jede Messung lässt einen Rest, der nicht aufgeht. Auch erscheint keineswegs zuerst das Geld und später der gute Ruf. Lange bevor von Geld etwas zu sehen ist, bürgt der Ruf für den Menschen. Die Ordnung des Einstehens und die Ordnung des Feilschens sind bereits miteinander verschränkt, ohne dass eine die andere ganz in sich aufnehmen könnte. Das Seltene ist nicht die Berechnung. Es ist ein ganz bestimmtes Verfahren: sämtliche Rechnungen in dieselbe Einheit zu verdichten und dann jedem zu gestatten, mit dieser Einheit bei jedem anderen sofort abzurechnen. Ein Maßstab dieser Art, ein einziges großes Hauptbuch, in das alles eingeht, in dem jeder Anspruch mit einer Schuld ausgeglichen werden kann und nichts übrig bleibt: Dieses Buch ist noch unterwegs. Es kommt näher.

Nur wird seine Rechnung niemals aufgehen. Damit man das Buch schließen kann, müsste alles in die beiden Spalten Soll und Haben passen. Solange ein einziger Rest draußen bleibt, fehlt die letzte Buchung. Der Abschluss misslingt. Ein Buch, das sich nicht schließen lässt, muss immer wieder neu geführt werden. Mit jedem neuen Durchgang wird das Maß genauer; mehr als zuvor lässt sich erfassen. Zugleich bleibt an einer feineren Stelle ein neuer Rest zurück. Der Kreislauf setzt sich nicht deshalb fort, weil jemand nicht aufhören will. Er setzt sich fort, weil dem Hauptbuch, das alles erfassen möchte, dauerhaft ein Posten fehlt. Es muss immer wieder von vorn beginnen. Und was es jedes Mal einziehen will, ohne es je ganz zu bekommen, ist von Anfang an da: der Mensch, der sich bewerten lässt und doch immer ein Stück über das Maß hinausragt. Verdichten, einen Rest zurücklassen, diesen Rest wieder hervortreten sehen, den Austausch durch ihn verändert finden und zu einer umfassenderen Verdichtung ansetzen: Diese Maschine läuft schon, bevor das Geld erscheint. Das Geld wird sie nicht zum Stillstand bringen. Es wird ihr ein größeres Rechnungsbuch reichen. Die Rechnung geht noch immer nicht auf. Und das Buch wird weitergeführt.

Eigenständige deutsche Neufassung auf Grundlage der Argumentation und Quellen des chinesischen Originals, für deutschsprachige Leser neu komponiert. 中文・English