Wenn Leben zu teuer wird, verliert man die Angst
Drei gleiche Satzbewegungen
Die Menschen hungern, weil die Oberen zu viele Abgaben und Mittel für ihre Vorhaben verbrauchen. Sie sind schwer zu regieren, weil die Oberen zu viel „machen“. Sie nehmen den Tod leicht, weil die Kosten des Lebens zu hoch geworden sind. Dreimal wendet Laozi die moralische Diagnose nach oben: Nicht ein schlechtes Volk erklärt die Krise, sondern die Belastung, die seine Herrschaft produziert.
Das kleine grammatische Mittel entscheidet politisch. Wer den Verursacher aus dem Satz entfernt, macht Hunger, Widerstand und Verzweiflung zu Eigenschaften der Betroffenen. Laozi setzt ihn wieder ein. Regierung muss zuerst untersuchen, welche ihrer Abgaben, Kampagnen und gut begründeten Eingriffe das Verhalten erzeugen, das sie anschließend bestraft.
Nicht unter dem Banner des Lebens erdrücken
„Das Leben dick suchen“ heißt nicht einfach, das eigene Leben zu wichtig zu nehmen. Es beschreibt, wie aufwendig und teuer bloßes Leben gemacht wird – durch Ansprüche, Abgaben und die Kraft, mit der unter großen Bannern regiert wird. Wenn jeder Tag nur noch Verteidigung des nackten Daseins ist, verliert Todesdrohung ihren Abstand.
Wer nicht aus einem konstruierten Lebensbanner heraus ständig eingreift, ist besser darin, Leben wirklich zu achten. Auch Sozialpolitik kann kolonialisieren, wenn sie Menschen nur als Objekte ihrer rettenden Erzählung behandelt. Laozis Maß ist konkret: Werden Nahrung, Zeit und eigener Handlungsspielraum leichter oder schwerer? Eine Herrschaft, die „für das Leben“ spricht und Leben unbezahlbar macht, widerlegt sich in ihrer Wirkung.